MIT BLICK AUFS MEER/OLIVE KITTERIDGE

Das ganz normale LEben, der alltägliche Wahnsinn, erzählt mit leiser Trauer und viel Einblick in das menschliche Daein

Man will ja niemanden vor den Kopf stoßen, aber wollte man ein literarisches Genre behaupten, das man grob als „Kleinstadtroman“ bezeichnen würde und das in vielen Skizzen das Leben eben in Kleinstädten beschreibt, müsste man neben der genauen soziologischen Beobachtung auch das Wesen des Klatschs, der Lästerei, als Erkennungsmerkmal eines solchen nennen. Angefangen bei George Eliots MIDDLEMARCH, über ein Werk wie Sherwood Andersons WINESBURG, OHIO bis hin zu modernen Romanen wie Richard Russos EMPIRE FALLS (DIESE GOTTVERDAMMTEN TRÄUME) steckt immer auch die Lust darin, den Menschen hinter die Vorhänge zu schauen und sich ein wenig an der schmutzigen Wäsche anderer zu delektieren. Natürlich im Sinne höherer literarischer Weihen. Auch Elizabeth Strouts OLIVE KITTERIDGE (MIT BLICK AUFS MEER) bedient diese Lust. Und wie in all den anderen oben genannten Werken gelingt ihr dennoch viel, viel mehr.

Der Roman mutet zunächst wie eine Ansammlung von Kurzgeschichten an, die sich gelegentlich und eher an einem dünnen groben Faden entlang hangelnd aufeinander beziehen. Doch der Eindruck täuscht. Erst die fortschreitende Lektüre entblättert die durchaus feine Konstruktion, mit der der Roman sich durch die Zeit schlängelt. Strout setzt – zumindest in der deutschen Übersetzung – Präsens, Perfekt und das Präteritum, die grammatikalischen Zeiten, geschickt ein, um den aufmerksamen Leser in die verschiedenen Zeitebenen des Romans zu versetzen. Es erfordert eine gewisse Lust am Nachspüren, um sich das zeitliche Mosaik, das sich nach und nach zusammensetzt, zu erschließen. Der Originaltitel OLIVE KITTERIDGE verweist auf den eigentlichen Romancharakter. Obwohl es durchaus Kapitel gibt, in denen die titelgebende Figur nur am Rande auftaucht, steht sie doch im Mittelpunkt des Romans. Allerdings merkt man auch das erst bei fortlaufender Lektüre. Der Leser bekommt den Eindruck von Ran-Sprüngen, extremen Großaufnahmen und maximalen Totalen, aus weiter Distanz aufgenommen, um einmal eine filmische Metaphorik zu nutzen. Jede dieser verschiedenen Einstellungen und Blickwinkel verrät dem Leser ein bisschen mehr über diese Figur, die nach und nach immer lebendiger und facettenreicher wird. Doch nicht nur diese, sondern ein ganzes Panoptikum von Charakteren wird uns nahegebracht, die das Leben der Stadt Crosby prägen, und die durch die Stadt geprägt wurden.

Olive Kitteridge ist eine schwierige Frau, eine Mathematiklehrerin, die ausgesprochen resolut auftritt. Sie hat wenig Verständnis für Gejammer und Nabelschau anderer und gönnt sich auch selber nur gelegentlich Einblicke in ihr Seelenleben. Sie und ihr Mann Henry führen eine ebenso unaufgeregte, leidenschaftslose, wie gute und solide Ehe. Henry ist der lokale Apotheker der kleinen Stadt Crosby an der Küste von Maine. Er begegnet einem jeden mit gleichbleibender Freundlichkeit, Olive ist die starke und bestimmende Frau an seiner Seite. Sie haben einen Sohn – Christopher – der schon früh das Haus verlässt, heiratet und an die weit entfernte Westküste zieht. Olive und Henry werden alt, er hat einen Schlaganfall, kommt in ein Heim, Olive kümmert sich um ihn, wie sie sich auch um die Menschen in ihrer Umgebung kümmert. Sie besucht ihren Sohn, als er mit seiner zweiten Frau nach New York zieht. Und wird dort erstmals ernsthaft mit einem Blick von außen auf sich konfrontiert. Ein wenig schmeichelhafter, ein schmerzhafter Blick.

Genau so, wie es klingt, konstruiert Strout ihr Buch: Wir erfahren eine Menge aus den alltäglichen Leben alltäglicher Menschen. Vor allem erfahren wir von all den verpassten Chancen und den nicht eingelösten Versprechen, die das Leben einst gab. Wir haben Anteil an den kleinen und den größeren Katastrophen und lernen in diesem Kaleidoskop, in dem immer wieder Olive Kitteridge als Referenzgröße auftaucht, nach und nach etliche Menschen kennen, die in Crosby leben, arbeiten, lieben, sich trennen, Kinder groß ziehen und schließlich sterben. Wir wissen am Ende des Buches von ihren nie gelebten Lieben und den Möglichkeiten, die sie nicht in Anspruch genommen haben und auch ein wenig von ihren Freuden. Wobei diese eben doch deutlich in der Minderheit sind. Man hat es schon mit einer Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen zu tun, so daß der Eindruck entstehen könnte, das Leben sei ein langer, dunkler Fluß, aus dessen eisigen Fluten es kein Entrinnen gibt. Diese Konzentration auf seelisches Leid kann man dem Roman vielleicht vorwerfen. Aber ist nicht genau das das Wesen dessen, was wir eben auch Klatsch nennen? Selten, daß man von einem Nachbarn hört: Den XY geht es ja so gut, sie sind so friedliche, freundliche und glückliche Menschen! Eher hört man schon, daß YX eben wieder eine Fehlgeburt hatte, die Ehe von diesem und jenem auseinandergebrochen und der Vater von irgendwem verstorben ist. Oder ähnliches.

Der Zauber von Strouts Roman liegt darin, daß sie diese vollkommen alltäglichen Geschichten mit Spannung erzählt. Wenn wir eine Figur nach Dutzenden von Seiten in einem anderen Zusammenhang wiedertreffen und plötzlich von einem anderen Standpunkt aus sehen und begreifen, setzt sich nicht nur Olives Leben aus Hunderten von Bruchstücken vor uns zusammen, sondern eben auch die Leben von etlichen anderen Menschen, die dieses Küstenstädtchen bevölkern. Das ist schon hohe literarische Kunst, so nah am Leben zu schreiben, daß der Leser diese Menschen wirklich zu kennen glaubt, wenn auch einige eher an der Oberfläche – wie wir eben auch unsere Nachbarn meist eher oberflächlich kennen – und Spannung, einen Sog, ein anhaltendes Interesse an ihnen zu erzeugen. Es erscheint alles leicht und plätschernd und trifft doch immer wieder, auch mit Wucht, den Kern dessen, was das ganz normale Dasein jenseits aller Heldengeschichten und sensationellen Ereignisse ausmacht.

Und dann begegnet uns ein paar Seiten vor Ende des Buches, in der vorletzten Geschichte, eine junge Frau, Rebecca, eine von Olive Kitteridges früheren Schülerinnen, und obwohl Strout stilistisch kein bisschen von ihrem einmal eingeschlagenen Weg abweicht, begreifen wir anhand dieser paar Seiten, wie nah der wirkliche dem alltäglichen Wahnsinn liegt. Und wir begreifen auf fast grauenerregende Weise, daß es für alle diese Menschen vollkommen verschiedene Möglichkeiten gegeben hätte – Möglichkeiten, noch sehr viel düsterere Wege zu beschreiten, als jene, die Strouts Roman uns aufzeigt.

Wir werden geboren, wir leben und dann sterben wir. So einfach ist das. Und so schwer. Literatur – gute Literatur – versteht es, ihren Lesern diese einfache Weisheit immer wieder und in immer anderen Worten, Sätzen, Farben, Tönen zu vermitteln. Unsentimental, ohne Kitsch, ehrlich. Sie reißt Wunden auf und sie kann trösten. Sie ist die Welt und die Welt ist in ihr. Und wir, um es in den Worten von Olive Kitteridge zu sagen, sind noch nicht fertig mit ihr. Zumindest so lange nicht, wie wir fähig sind, die Sätze auf dem Papier zu entziffern.

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