KENNWORT 777/CALL NORTHSIDE 777

Zu Henry Hathaways Klassiker des semi-dokumentarischen 'Film Noir'

Während der Zeit der Prohibition wird in einem Speak-Easy in Chicago ein Polizist erschossen. Die Spur führt zu Tomek Zaleska (George Tyne) und über ihn zu Frank Wiecek. Beide beteuern ihre Unschuld, werden aber von der Polizei stundenlang in unterschiedlichen Revieren verhört, bis sie sich in Widersprüche verstricken. Zudem erklärt die Besitzerin des fraglichen Etablissements, Wanda Skutnik (Betty Garde), die beiden Männer als jene zu erkennen, die am betreffenden Tag die Schüsse abgefeuert hätten. Zaleska und Wiecek werden daraufhin beide zu je 99 Jahren Haft verurteilt.

Elf Jahre später wird der Chefredakteur der Chicago Times, Brian Kelly (Lee J. Cobb), auf eine Zeitungsannonce aufmerksam, in der 5000 Dollar für neue Hinweise im Fall Wiecek ausgelobt werden. Er setzt seinen besten Mann, den Reporter P.J. McNeal (James Stewart) auf die Story hinter der Anzeige an. McNeal, der wenig Interesse an der Sache hat, ruft die angegebene Nummer – Northside 777 – an und trifft so auf Wieceks Mutter Tillie (Kasla Orzazewski), die nachts in Bürohäusern putzt, um das Geld für die Belohnung zusammen zu kratzen. Obwohl McNeal sich skeptisch gibt, spürt er die Kraft und die innere Überzeugung der Frau, daß ihr Sohn unschuldig ist.

McNeal schreibt einen Artikel über die Mutter, die Böden schrubbt, um ihren Sohn aus den Fängen einer ungerechten Justiz zu befreien und hat damit großen Erfolg. Die Redaktion erreichen etliche Zuschriften, in denen Bürger sich zu dem Fall äußern, zumeist wohlwollend und voller Mitleid.

McNeal, der weiterhin keine Lust hat, die Sache zu verfolgen, zumal er Wiecek für schuldig hält, nachdem er die alten Artikel zu dem Fall und die ihm zugänglichen Akten gelesen hat, besucht den Delinquenten im Gefängnis und befragt ihn. Die Auskünfte, die Wiecek ihm gibt, erweisen sich als nutzlos. Der Richter, der ihm damals angeblich ein neues Verfahren zugesagt hatte, da er die Verurteilung durch die Geschworenen, die lediglich auf der Aussage von Wanda Skutinik beruhte, für ungerechtfertigt hielt, lebt nicht mehr. Andere Zeugen – darunter ein Gerichtsdiener, der diese Zusage angeblich mitgehört habe, sind zunächst nicht aufzutreiben.

Erneut führt McNeal gegenüber Kelly an, daß all diese Aussagen eher Verschleierungscharakter hätten. Wiecek sei ein zu recht verurteilter Polzistenmörder. Man solle lieber über die Mutter und die Familie des Ermordeten schreiben. Doch McNeals Artikelserie zum Fall schlägt hohe Wellen und Kelly ordnet an, daß er dran bleiben solle. Halbherzig macht sich McNeal nun auf die Suche nach Wanda Skutnik, die damals als einzige gegen die Männer ausgesagt hatte, zwei andere Augenzeugen hatten weder Wiecek noch Zaleska erkannt.

Mit einem Fotografen besucht McNeal auch Wieceks Frau Helen (Joanne De Bergh), die sich von ihrem Mann während der ersten Jahre seiner Haft hatte scheiden lassen. Eine Tatsache, die in McNeals Augen ebenfalls gegen Wiecek spricht. Doch als er die Frau in ihrem Heim trifft, stellt sich die Sache anders dar: Wiecek hatte sie um die Scheidung gebeten, damit sein Sohn Frank Jr. (Michael Chapin) aus der Öffentlichkeit verschwinden und unter anderem Namen leben konnte. Helen war immer fest von der Unschuld ihres Mannes überzeugt und hatte sogar in seinem Sinne ausgesagt, daß er zur fraglichen Zeit bei ihr gewesen sei. Die Geschworenen hatten diese Aussage jedoch nicht zur Kenntnis genommen.

McNeal, dessen Frau Laura (Helen Walker) ihm abends zuhört und ihn damit aufzieht, daß er doch eigentlich wolle, daß Wiecek unschuldig sei, fängt an, Wieceks Beteuerungen langsam Glauben zu schenken.

Als Wiecek davon erfährt, daß McNeal ein Bild seiner Frau und seines Sohnes veröffentlicht hat, verweigert er jede weitere Zusammenarbeit und beteuert, lieber den Rest seiens Lebens im Gefängnis zu verbringen, als daß seine Familie öffentlich so ausgestellt würde. McNeal veruscht, ihm zu erklären, daß man die Öffentlichkeit nur so einfangen und emotionalisieren könne. Wiecek will nicht mehr mit McNeal reden.

Dieser sucht nun Zaleska in dessen Zelle auf und versucht, diesen zu einem Geständnis zu veranlassen. Dadurch könne er Wiecek entlasten und für sich selbst bessere Bedingungen bei einem späteren Gnadengesuch herausholen. Doch auch Zaleska erklärt sich für unschuldig. McNeal glaubt dem Mann. Nun sucht McNeal noch einmal Wiecek auf und erklärt, weitermachen, dabei aber dessen Familie aus dem Fokus halten zu wollen. Er veranlasst einen Lügendetektortest, dem sich Wiecek freiwillig unterzieht. Die Ergebnisse, die nicht gerichtsrelevant sind, sprechen für ihn.

McNeal weitet seine Recherchen aus und liest sich durch sämtliche Verhör- und Verhandlungsprotokolle, wobei ihm immer wieder die Ablehnung der Polizei. auch ihm bekannter und durchaus wohlgesonnener Beamter, entgegenschlägt. Die Polizisten sehen in Wiecek einen Kollegenmörder, der keine Gnade verdient habe. McNeal führt an, daß die Polizei von Chicago während der harten Jahre der Prohibition häufig auch zu unlauteren Methoden gegriffen habe, um Ergebnisse zu erzielen. Mit Tricks und teils nicht ganz legalen Kniffen gelingt es ihm, immer mehr Licht ins Dunkel des Falles zu bringen.

Immer stärker konzentriert er sich dabei auf Wanda Skutnik, deren Aussage er für falsch hält. Wiecek beharrt darauf, daß sie ihn vor ihrer Aussage mindestens einmal, wahrscheinlich zweimal gesehen habe, obwohl sie bei der Gegenüberstellung behauptet hatte, ihn nie zuvor gesehen zu haben – bis auf den Überfall selbst. In den Archiven eines Klatschblattes findet er schließlich ein Foto, auf dem Wiezek und Skutnik gemeinsam abgebildet sind. Doch der Anwalt der Chicago Times erklärt ihm, daß dies keine Beweiskraft habe, da es auch nach Skutnniks Aussage habe aufgenommen werden können.

Die Staatsanwaltschaft, der Bürgermeister und der Gouverneur erhöhen den Druck auf die Times. Das Bild der Behörden und der Polizei in der Öffentlichkeit würden durch McNeal diskreditiert, die Serie müsse eingestellt werden. Schließlich kommt es während eines Treffens von Behördenvertretern, Anwälten und dem Herausgeber der Chicago Times zu einer Abmachung: McNeal bekommt einen kleinen Aufschub von zwei Tagen, um irgendeinen Beweis für Wieceks Unschuld beizubringen, ansonsten würde der Begnadigungsausschuß zusammentreten und Wieceks Gesuch wahrscheinlich ablehnen, was wiederum auf spätere Gesuche nachteilige Auswirkungen haben könnte.

McNeal entdeckt auf dem Bild, das Wiecek und Skutnik zeigt, einen Zeitungsjungen mit der damals aktuellen Ausgabe der Times. Er kann mithilfe von Experten in neuen, äußerst frotschrittlichen Verfahren eine extreme Vergrößerung des Ausschnitts der Zeitung herstellen, auf der das Datum erkennbar ist. Anhand dieser Information ist bewiesen, daß Skutnik Wiecek eben doch vor ihrer Aussage getroffen und also gesehen hatte.

Aufgrund dieser Information beschließt der Ausschuß, Wieceks Gnadengesuch zuzustimmen. Er wird entlassen und vor dem Gefängnis von seiner Mutter, seinem Sohn, seiner Frau, deren neuen Ehemann und McNeal in Empfang genommen. Der Gerechtigkeit wurde Genüge geleistet…

Henry Hathaways CALL NORTHSIDE 777 (1948) wird zum Sub-Genre der semi-dokumentarischen ‚Film-Noir‘-Thriller gezählt, ein Metier, welches, neben den klassischen, im Melodrama fußenden Noir-Thrillern, nach dem Krieg sehr beliebt war. Wie ihre Verwandten, erzählten auch sie aus einer harten, oft schicksalhaften Realität, von Menschen, die meist unverschuldet in Verdacht geraten, sich in oft selbst gestellten Fallen oder Widersprüchen verstricken und in den Mühlen der Justiz, des Verbrechens und der Gewalt zerrieben zu werden drohen. Doch waren sie mehr an wahren Geschichten orientiert, bezogen sich oftmals auf reelle Fälle und behaupteten gern, nah an der Wirklichkeit entlang zu erzählen. Dadurch hatten sie eine größere Nähe zum Kriminalfilm, berichteten von Ermittlungen und Aufklärung, häufig waren Polizeibeamte, Detektive oder Spezialagenten die Hauptprotagonisten, deren Arbeit der jeweilige Film beschrieb. Eine neutrale Over-Voice führte oftmals in die Handlung ein und verstärkte dadurch den dokumentarischen Charakter.

So ist es auch in Hathaways Film. Teils wirkliche Dokumentarbilder begleitend, die geschickt mit ausgesprochen realistisch wirkenden Aufnahmen von Verhaftungen im winterlichen Chicago vermischt werden, führt uns hier eine Stimme tief in jene Ära der Prohibition, in der Alkoholschmuggel zu einem lukrativen Geschäft und die Bandenkriminalität dadurch immer brutaler wurde. In einem Speak-Easy, einer jener verkappten Bars, die den geschmuggelten Stoff ausschenkten, wird ein Streifenpolizist erschossen, zwei Männer sind schnell identifiziert, werden verhaftet und beide aufgrund einer einzigen Zeugenaussage zu jeweils 99 Jahren Haft verurteilt. Elf Jahre später nimmt ein Reporter der Chicago Times, wenn auch zunächst widerwillig, die Fährte des Falles erneut auf und entlarvt nach und nach einen Justizskandal. Diesen P.J. McNeal, ein harter Hund, fast ein Zyniker, wird von einem erstaunlich humorlosen und mitleidsfreien James Stewart gespielt, der zum Ende der Dekade damit begann, an seinem Image zu arbeiten, neue, härtere Leinwand-Personae entwickelte und damit sein Rollenspektrum erweiterte.

Hathaway, der immer einen gewissen Hang zu Gewalt, gelegentlich zum Ausspielen durchaus sadistischer Szenen und Szenarien, hatte, inszeniert seinen Film ohne Sentiment, frei aller Gefühligkeit und bietet dem Publikum damit harten Stoff. McNeal, der zunächst kein Interesse an dem Fall des vielleicht zu unrecht verurteilten Frank Wiecek hat, wird von seinem Vorgesetzten gedrängt, die Story zu bearbeiten. Dieser Vorgesetzte, gespielt von Lee J. Cobb, sonst selbst auf die Rolle harter Kerle abonniert, wird auf ein Anzeige aufmerksam, die eine Belohnung für neue Hinweise zum Wiecek-Fall auslobt, und verlangt, als McNeal ihm Hintergrundinformationen liefert, daß die Times eben genau das Rührstück bringt, das der Film selbst verweigert. Da geht es um eine Mutter, die Böden wischt, um das Geld für die Belohnung zusammen zu bekommen, was den Zeitungsmacher an die eigene Mutter erinnert, die ebenfalls Putzen ging, um ihm seine Ausbildung zu ermöglichen. McNeal – und das setzt den Ton für den Film – macht sich über seinen Chef lustig und beharrt zugleich darauf, daß nach allem menschlichem Ermessen und sämtlichen Informationen, die er zum damaligen Fall finden konnte, Wiecek eben genau der Mörder sei, für den ihn alle hielten. Aus dieser Perspektive des Skeptizismus erzählt Hathaway seinen Film. McNeal geht seinen ungeliebten Auftrag mit der Professionalität an, die ein Reporter nach Hollywood-Manier an den Tag zu legen hat, zugleich wird in seiner Art, sich über genau diesen Auftrag lustig zu machen, verdeutlicht, wie eine Zeitung arbeitet. Man bleibt neutral, braucht aber einen Aufhänger, man muß an Emotionen appellieren, muß den Leser einfangen und mitnehmen, selbst wenn man am Gehalt der eigenen Story zweifelt. CALL NORTHSIDE 777 thematisiert also auch genau jene Sentimentalität, derer er selber völlig abhold ist. Ein eher seltenes Beispiel dafür, wie ein Film aus Hollywood eben nicht jene Mittel nutzt, die er vorgeblich anzuprangern scheint. Allerdings dürfte die Darstellung einer Zeitungsredaktion dabei nicht sonderlich realistisch ausgefallen sein, was im Kontext des Films jedoch keine große Rolle spielt.

Ebenso unsentimental, wie der Film seine Basiserzählung angeht, beschreibt er teils die sozialen Bedingungen, unter denen die Menschen in dieser Stadt leben. Selten wurden Einsamkeit und Verlorenheit so eindrucksvoll ins Bild gesetzt, wie Hathaway es in jener Szene gelingt, in der McNeal Wieceks Mutter bei ihrer Arbeit aufsucht. Allein, auf den Knien rutschend, wischt sie die endlosen Gänge und Treppen eines spät Abends wie ausgestorben wirkenden Bürogebäudes. Ähnlich gnadenlos und unerbittlich zeigt Hathaway das Gefängnis, in dem der von Richard Conte gespielte Frank Wiecek einsitzt. Fast schon ehrfürchtig,  zugleich distanziert, blickt die Kamera auf die gewaltigen Rundläufe, an denen die offenen Zellen liegen und in deren Mitte sich, frei hängend, ein Überwachungsraum befindet, voll verglast, aus dem heraus das Wachpersonal sämtliche Gefangenen ununterbrochen beobachten kann. Zwangsläufig kommen einem heutigen Betrachter die Beobachtungen und Studien eines Michel Foucault[1] zum Thema ins Bewußtsein. Hier kann man ein frühes Beispiel einer Totalüberwachung sehen, das zwar nicht auf gesellschaftliche Zustände übertragen wird, dennoch in der Art und Weise, wie Joseph MacDonalds Kamera die endlosen Läufe und die gnadenlose Gleichmäßigkeit der Zellen einfängt, ein unmenschliches System zumindest andeutet. Ebendiese Gleichmäßigkeit und das Spiel von Licht und Schatten auf den eisernen Gittern, den harten, ebenfalls eisernen Treppen und den Geländern, sind typische Beispiele dafür, wie im klassischen ‚Film Noir‘ ohne viel Aufhebens Zustände beschrieben und mit der Kamera eingefangen wurden, aber auch dafür, wie es diesem Genre eben auch immer gelang, gesellschaftliche Verhältnisse, die Conditio Humana, darzustellen und sublim zu kommentieren, wenn nicht gar zu kritisieren.

CALL NORTHSIDE 777 macht es sich auch in anderer Hinsicht nicht einfach. McNeal stößt bei seinen Recherchen auf eine Menge Widerstand seitens der Behörden, vor allem der Polizei. Immerhin geht es um den Mörder eines Kollegen, naturgemäß also jemanden, der unter den Beamten besonders wenig Wohlwollen oder gar Hilfsbereitschaft erwarten darf. Man enthält dem Reporter die Akten zur Verhaftung vor, will ihm keine Auskunft zu den Vorgängen von einst geben und kommentiert seine Arbeit höhnisch. Daß die Polizei von Chicago im Kampf für die Durchsetzung des Prohibitionsgesetzes und gegen die organisierte Kriminalität gerade während der 30er Jahre wenig Skrupel hatte, zu durchaus fragwürdigen Methoden zu greifen und, was das Verhalten in den eigenen Reihen betraf, gern auch einmal beide Augen zudrückte, kommt also genau so zur Sprache. Durch die Figur McNeal kommen diese Widersprüche und Ambivalenzen zum Ausdruck und werden wesentlicher Bestandteil des Films. Sie kulminieren in einer Szene, in der ein aufgebrachter Polizist den Reporter anfährt, er solle doch mal was über die Familie des getöteten Kollegen schreiben, der habe auch eine Mutter – ein Anliegen, das McNeal selbst seinem Vorgesetzten mehrfach angetragen hatte.

So gnadenlos der Film in vielerlei Hinsicht ist, so ehrlich er sich gibt, so realistisch er von den Ermittlungen, den Verhaftungen zu Beginn und der Arbeit des Reporters Jahre danach erzählt und dabei auch dessen ebenfalls fragwürdigen Methoden – u.a. zerrt er Wieceks Ex-Frau und dessen Sohn vor die Kamera und bringt sie somit wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, aus der Wiecek die beiden durch eine erzwungene Scheidung eigentlich gerade hatte heraushalten wollte – nicht auslässt, so verliert er zum Ende hin etwas an Glaubwürdigkeit. Er muß zu einem dramaturgischen Ende kommen und dafür auf Unwahrscheinlichkeiten setzen. Da trifft sich eine Abordnung der Stadt und des Staates – Anwälte, Rechtsberater, der Bürgermeister und der Vize-Gouverneur, McNeal und sein Chef – im Büro des Herausgebers der Chicago Times, um über den Fall zu beratschlagen. Die einen wollen eine Anhörung, wenn möglich sofort, die anderen bitten die Zeitung, die Artikelserie zu dem Fall einzustellen, da sie die Autorität der Polizei untergrabe, und schließlich trifft man ein Abkommen, das es McNeal ermöglicht, letzte Erkundigungen einzuziehen, um Wieceks Unschuld zu beweisen. Ein unwahrscheinliches Szenario, in dem eine Zeitung mit Vertretern des Staates über Wohl und Wehe eines Gefangenen verhandelt. Allerdings könnte Hathaway hier eine ebenfalls sublime Kritik an der Macht einzelner Medien verpackt haben. Dies wäre dann eine Analogie zu jenen polizeilichen Methoden, die Frank Wiecek nach seiner Verhaftung erleiden musste.

Es gelingt McNeal mit damals äußerst modernen Verfahren zur Bildvergrößerung und -übermittlung schließlich, die Unschuld des Gefangenen zu beweisen. Auch an diesen technischen Neuerungen zeigt CALL NORTHSIDE 777 großes Interesse, ein weiteres für diese Spielart des Noir typisches Merkmal. Früh im Film unterzieht sich Frank Wiecek einem Lügendetektortest, dessen Ergebnisse immer umstritten waren, es blieben und erstaunlicherweise nie vor Gericht  zugelassen wurden, wenn sie für den Angeklagten positiv ausfielen, durchaus aber, wenn sie zu seinem Nachteil gereichten. Der Erfinder des Verfahrens, Leonarde Keeler, tritt in dieser Szene höchstselbst auf und verleiht dem Film damit natürlich ein hohes Maß an Authentizität. Auch dies ein typisches Verfahren für den semi-dokumentarischen ‚Film Noir‘. So ließ Anthony Mann in einem seiner Beiträge zum Genre, T-MEN (1947), einen höheren Beamten des Finanzministeriums sich selbst spielen, auch hier zum Nutzen einer authentischen Wirkung. CALL NORTHSIDE 777 bedient sich also genau dieser Stilmittel, weist zudem im Abspann auf die Unterstützung der Ermittlungsbehörden und die Drehorte des Films hin, der größtenteils an Originalschauplätzen entstand.

Dabei ist einer der besten Vertreter dieser Untergattung des Genres herausgekommen. Es ist ein ausgesprochen spannender Film, der nahezu ohne Action und Gewalt auskommt, dem es gelingt, ebenso nüchtern wie  ambivalent von Unrecht und Aufklärung zu erzählen und dabei das Kunststück fertigbringt, das amerikanische Rechts- und Bestrafungssystem zumindest in Frage zu stellen. James Stewart gelang eine brillante Darstellung, gerade weil er auf seinen für ihn so charakteristischen Charme weitestgehend verzichtete. Dieser kommt in den anfänglichen Szenen in seinem Heim noch zum Tragen, wenn er als Ehemann gezeigt wird, der mit seiner Frau flirtet und nachts gemeinsam mit ihr Puzzle legt. Doch im Lauf der Handlung nimmt dieser Aspekt der Figur soweit ab, daß er schließlich keine Rolle mehr spielt. McNeal wird dann ausschließlich in seiner Arbeit dargestellt, als ein Kerl, der zunächst für nichts und niemanden Partei ergreift, immer skeptisch bleibt, nie um einen manchmal eben auch zynischen Spruch verlegen ist und sich allen Mitleids enthält. Allerdings ist er auch ein Mann, der, ist er erst einmal von der Richtigkeit einer Sache überzeugt, mit allen Mitteln und mit Verve für diese eintritt. So legte Stewart hier schon den Grundstein für jene Rollen, die er vor allem in den Western spielen sollte, die er später mit Anthony Mann verwirklichte: Oft verbitterte Männer, die auf Rache aus sind oder aber ihre Arbeit gnadenlos vorantreiben, rücksichtslos, oft auch ohne Skrupel und mit äußerster Gewalt.

Für Henry Hathaway war CALL NORTHSIDE 777 nicht der erste ‚Film Noir‘ und es sollte auch nicht sein letzter bleiben, auch den semi-dokumentarischen Noir-Thriller hatte er zuvor schon bedient. Doch obwohl dem Film gelegentlich vorgeworfen wurde, sich seiner Sache zu sicher, gar prätentiös zu sein, geht man wohl nicht zu weit, wenn man ihn als Hathaways besten Beitrag zum Genre bezeichnet und ihn generell auch unter den besten Werken im Oeuvre des Regisseurs einordnet.

 

[1] Foucault, Michel: SURVEILLER ET PUNIR. Paris, 1975 (Dt.: ÜBERWACHEN UND STRAFEN, Frankfurt a.M., 1976).

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