WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB/THE REMAINS OF THE DAY

Die Reste des Lebens...was bleibt...

Der Butler Stevens (Anthony Hopkins), Zeit seines Lebens angestellt in Darlington Hall als Chefbutler Lord Darlingtons, reist im Jahre 1956 in den Westen Englands, um die ehemalige Hausbestellerin Miss Kenton (Emma Thompson) wiederzutreffen, die das Haus noch vor dem Krieg verlassen hatte. Da der Amerikaner Mr. Lewis (Christopher Reeve) nun der neue Herr auf Darlington Hall ist, hofft Stevens, seine ehemalige Kollegin dazu bewegen zu können, erneut anzuheuern und ihn zu unterstützen.

Während der Fahrt prägen vor allem die Jahre 1936 bis 1938 Stevens‘ Erinnerungen. Dies waren nicht nur die Jahre, in denen auf Darlington Hall vermeintlich Weltpolitik geschrieben wurde, sondern auch jene, in denen Miss Kenton neben Stevens selbst den wichtigsten Posten unter den Hausangestellten inne hatte. Sie war da, als Stevens‘ Vater, der zugleich mit ihr eingestellt wurde und als Butlergehilfe diente, starb, sie war diejenige, die mehrmals versuchte, zu Stevens durchzudringen, dessen vollkommen verhärteten Panzer aus Pflichtbewußtsein und sich unbedingt erhaltender Würde zu durchbrechen. Es schien sogar der Fall zu sein, daß diese beiden Menschen in einem anderen Leben, in einer anderen Zeit vielleicht, einander hätten lieben können.

Doch Stevens sieht sich als Butler in Perfektion, der alles – eigenes Glück, politische Überzeugungen, die Liebe zu anderen Menschen – dem Dienst für seinen Herrn und das Anwesen, auf dem er arbeitet, unterzuordnen hat. Und so bezieht er auch keine Position, als immer deutlicher wird, daß in Darlington Hall nicht nur die Appeasement-Politiker vom Schlage Chamberlains ein und aus gehen und versuchen, einen neuen europäischen Krieg zu verhindern, sondern nach und nach wirklich üble, den Nazis nahestehende Parteigänger eines Oswald Mosley – Führer der britischen Faschisten – immer häufiger auftauchen.

All diese Erinnerungen schließlich trägt Stevens mit sich, als es zwischen ihm und Miss Kenton, mittlerweile selbst verheiratet, zu einer letzten Begegnung kommt…

Das Duo Ivory/Merchant, welches in den 80er Jahren eine Reihe von Henry-James- und E.M.Forster-Verfilmungen vorgelegt und damit enormen Erfolg (v.a. mit dem Forsterdrama A ROOM WITH A VIEW/1985) hatte, legte Anfang der 90er Jahre THE REMAINS OF THE DAY (1993) vor, die  Verfilmung eines Romans von Kazuo Ishiguro. Das Werk hatte einige Jahre zuvor bereits Aufsehen erregt, da er als gebürtig japanischer Autor (der allerdings bereits seit seinem fünften Lebensjahr in Großbritannien lebt) ein sehr englisches Sujet bearbeitete.

Ishiguros Roman lebt von seiner unfassbar leichten, ruhigen, zurückhaltenden, stets nur andeutenden Sprache. Neben all den weltpolitischen Begebenheiten, deren Zeuge sowohl der Butler Stevens als auch der Leser des Buches wird, ist die eigentliche, die dem Ganzen zugrunde liegende Geschichte die einer nie eingestandenen, nie ausgesprochenen Liebe. Eine sehr englische Geschichte. Jeder, der in diesem Klassensystem dient – ob als höher angesehener Butler, als Hausbestellerin oder „nur“ als einfaches Dienstmädchen – wusste, an welcher Stelle er stand, zu stehen hatte und daß er/sie wenig bis kein Privatleben erwarten durfte. Dafür hatte man ein Dach über dem Kopf und warme Mahlzeiten. Kazo Ishiguro gelang es in seinem Roman nahezu perfekt, dieses Klassenssystem ebenso einzufangen, ohne dabei mit dem Blick von außen zu dick aufzutragen, wie es ihm gelang, die Geschichte dieser zwei dienstbaren Geister und der nicht stattfindenden Kommunikation zwischen ihnen mit leisem, ruhigem, dafür aber umso treffenderem Ton zu erzählen.

Man muß Ruth Prawer Jhabvala, die hier wie immer das Drehbuch zu einer Merchant/Ivory-Produktion schrieb, höchstes Lob aussprechen, daß es ihr gelingt, diese Sprache nicht nur in Dialoge umzusetzen, sondern ein Setting zu schaffen, in der genau die Stimmung übertragen wird, die das Buch so außergwöhnlich macht. Ivory ist es zu verdanken, die dafür nötigen Bilder in der dafür nötigen Atmosphäre zu finden. Und ganz besonders muß man die Hauptdarsteller – Anthony Hopkins und Emma Thompson, aber auch die weniger wichtigen Darsteller wie Hugh Grant, James Fox, Peter Vaughan und Christopher Reeve (in einer seiner letzten Rollen, bevor ein Unfall ihn für den Rest seines Lebens zwang, gelähmt im Rollstuhl zu sitzen) – loben, die dieses sehr englische Sujet derart spielen, daß zu allem anderen hinzu noch ein großartiger Ensemblefilm entstand. Außer Reeve waren ausschließlich englische Schauspieler im Einsatz, eine Entscheidung, die der Produktionsgesellschaft zwar mißfiel, glaubte sie doch, durch Amerikaner (u.a Meryl Streep in der Rolle der Miss Kenton) größeren internationalen Erfolg generieren zu können, ansonten jedoch nur gelobt werden kann, denn die Glaubwürdigkeit des ganzen Unternehmens hätte wahrscheinlich doch gewaltig gelitten. Dieses stille Drama zweier Menschen zu erzählen, die sich vielleicht hätten lieben können, denen die Weltgeschichte und ihre Dienstbeflissenheit jedoch zeitlebens solche Gefühle verbaten, benötigt dann doch Schauspieler, die das System, das dahintersteckt, zumindest nicht nur aus Büchern und Erzählungen kennen.

Frühere Merchant/Ivory-Produktionen krankten manches Mal an der Offensichtlichkeit ihres künstlichen Settings. Da THE REMAINS OF THE DAY komplett in England an Originalschauplätzen (wobei es das in Oxfordshire angesiedelte Darlington Hall nicht gibt, das Haus setzte sich aus fünf verschiedneen zu Dreharbeiten genutzten Herrenhäusern zusammen) gedreht wurde, durchzieht den Film ein Gefühl für diese Landschaft und ihre diversen Besonderheiten, bzw. für die Lage dieser wunderschönen Anwesen. Das gibt ihm eine gewisse Authentizität und Genauigkeit, die ihm und seiner Geschichte sehr gut tut.

Der einzige Wermutstropfen ist, daß manchmal doch enorme Sprünge in der Handlung und den Zeitebenen auftreten, die es schwierig machen, sich zu orientieren. Iat man gerade bei Stevens in der Erinnerung oder in seiner Gegenwart des Jahres 1956? Zudem kann man auch innerhalb der erinnerten Zeit(en) nicht immer genau bestimmen, wo und wann man sich befindet, bzw. wie viel Zeit vergangen ist zwischen einzelnen Geschehnissen. Doch soll dies keine tiefgreifende Kritiken sein. Unter den Merchant/Ivory-Filmen ist dies sicherlich nicht nur einer der herausstechenden, weil er sich nicht eines „klassischen“ Textes annimmt, sondern eines zeitgenössischen, nein, es ist auch schauspielerisch und filmformalistisch eines der bestechendsten Werke dieses so beeindruckenden Filmproduktionspaares.

2 thoughts on “WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB/THE REMAINS OF THE DAY

  1. Steffi sagt:

    Ich hatte ganz vergessen, dass auch die Nebenrollen so prominent besetzt waren – vielleicht sollte ich mir den Film mal wieder anschauen.

  2. Gavin Armour sagt:

    Ist schon ein großartiger Film! Hab auch generell mal wieder Lust auf die MErchant/Ivory-Produktionen. A HANDFUL OF DUST, WELCOME TO BRIDESHEAD und natürlich A ROOM WITH A VIEW.

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