DER MITTLER/THE GO-BETWEEN

Joseph Losey und Harold Pinter adaptieren L.P. Hartleys magischen Roman

Der heiße Sommer 1900 in der Grafschaft Norfolk. Leo Colston (Dominic Guard), ein 12jähriger Internatsschüler, verbringt die Ferien mit seinem Freund Marcus (Richard Gibson) bei dessen Familie. Diese – bürgerliche Oberschicht aber offensichtlich reich – besitzt ein großzügiges Landgut und hofft, durch die Heirat der Tochter Marian (Julie Christie) mit Lord Trimingham (Edward Fox) nicht nur ökonomische, sondern auch sozial angemessene Anerkennung im Hochadel zu finden. Leo verliebt sich auf unschuldig-kindliche Art und Weise in Marian und sie geht zumindest soweit darauf ein, daß sie ihn neckt und ihm besondere Aufmerksamkeit widmet. Der Rest der Familie nimmt Leo eher distanziert, manchmal sogar belustigt wahr. Er hat nicht die richtige Kleidung für diese heißen Tage, also lädt Marian ihn ein, sie nach Norwich zu begleiten, wo sie ihn neu einkleidet, wo er sie allerdings auch mit einem ihm fremden Mann sieht, den sie gut zu kennen scheint. Ansonsten vertreibt sich die Familie die Zeit mit Landpartien, man hält Picknicks ab und geht im See schwimmen. Hier begegnet der Gesellschaft eines Tages Ted Burgess (Alan Bates), ein Pächter auf dem Gut, der eine kleine Farm bewirtschaftet – und in dem Leo den Mann aus Norwich erkennt.

Als Marcus erkrankt, muß Leo sich die Zeit alleine vertreiben. Er stromert durch die Landschaft, die in der Hochsommerhitze flimmert und flirrt . Auf einem seiner Streifzüge landet er auf Burgess Farm, wo ihn im Hof ein gewaltiger Heuhaufen dazu verführt, einen Sprung zu wagen, bei dem er sich verletzt. Burgess hilft ihm und allmählich entpuppt sich der scheinbar so rauhe Farmer als ein recht freundlicher Geselle, der Leo schließlich um einen Gefallen bittet. Er fragt, ob Leo bereit wäre, Marian eine Brief zu überbringen, dazu müsse er sie aber unter allen Umständen alleine sehen. Niemand dürfe mitbekommen, daß sie eine Korrespondenz von ihm, Burgess, erhalte. Leo versichert, daß es ihm gelingen wird. Marian zeigt sich hocherfreut und bittet Leo nun ihrerseits, Burgess eine Nachricht zukommen zu lassen. So wird Leo zum Mittleer, zum Go-Between zwischen den heimlich sich Liebenden.

Selbst hin und her gerissen zwischen der vermeintlichen Wichtigkeit, die er durch seine Dienste erlangt, aber auch ein wenig eifersüchtig, begreift Leo, daß da mehr hinter diesem Ding namens „Liebe“ stecken muß, als sich zu mögen und in der Gegenwart des andern sich wohl zu fühlen. „Schmusen“, so vertraut er Burgess an, sei ein Teil dessen, was Menschen miteinander tun, wenn sie sich lieben, aber da müsse mehr sein. Er bittet Burgess, in aufzuklären, der aber windet sich und will nicht heraus mit der Sprache.

Auf dem Gut geht das Leben weiter seinen gewohnten Gang. Bei einem Cricket-Match wird Leo als Ersatzspieler eingewechselt und kann Hugh  Trimingham mit einem bravourösen Fang nachhaltig beeindrucken. Fortan behandelt der Lord Leo wie eine persönlichen Adjutanten und wertet ihn dadurch in der Gesellschaft auf – so sehr, daß dies wiederum Befremden bei den Maudsleys hervorruft. Es entstehen leise, kaum merkliche Eifersüchteleien und Spannungen. Leo bringt immer häufiger Nachrichten zwischen der Farm und Marian hin und her. Doch dann erfährt er, daß Trimingham und Marian offiziell verlobt sind, weshalb er meint, keine weiteren Nachrichten mehr übermitteln zu dürfen. Schließlich sei das Unrecht, wenn man einem andern versprochen sei. Marian verändert sich schlagartig und kommt auf Leo nieder wie eine Furie: Wer er denn sei, sich hier aufzuspielen, er sei nur von ihren Gnaden hier geduldet, ein kleines Nichts sei er, der Sohn einer Niederen. Leo ist zutiefst verunsichert und verwirrt. Auch verletzt. Auch Burgess stellt ihn zur Rede und Leo beginnt zu feilschen: Wenn Ted ihm erkläre, was es mit dem „Schmusen“ auf sich habe, würde er, Leo, weiterhin den Mittler geben. Ted willigt ein, scheut dann aber bei verschiedenen Gelegenheiten davor zurück, ernst zu machen und seinen jugendlichen Freund aufzuklären. Leo schreibt seiner Mutter, er wolle gern heimkommen, aber sie antwortet ihm, man könne sich nicht immer den Ort im Leben aussuchen, an dem man bestehen müsse und er solle durchhalten, bis der Sommer vorbei sei.

So sehr Marian und Burgess sich auch mühen, nahezu jeder der Gesellschaft ahnt, daß etwas im Busch ist. Und seltsamerweise scheinen alle zunächst hinzunehmen, was sich entwickelt, auch Hugh Trimingham. Doch Mrs. Maudsley (Margaret Leighton) reicht das Spielchen irgendwann, das ihre Tochter spielt, und sie stellt diese zur Rede. Marian windet sich und erfindet eine Lügengeschichte. Leo, zusehends unsicher ob der verschiedenen Rollen, die er in diesem seltsamen, sich immer weiter entfaltenden Geflecht aus Beziehungen und Abhängigkeiten einnimmt, versucht mit Andeutungen und verstohlenen Fragen die Zusammenhänge zu begreifen. Nach Marians Ausbruch fühlt er sich von ihr verraten, nachdem sie ihn durch Liebesentzug wieder gefügig gemacht hat, kehrt sein Vertrauen nicht mehr vollends zurück. Bei einer sich bietenden Gelegenheit, als er mit Trimingham alleine ist, fragt er diesen, ob, wenn ein Ehemann und ein Nebenbuhler sich duellieren, im Grunde nicht die Frau, um die es geht, schuld am Tod eines der beiden sei? Trimingham beobachtet Leo genau und versichert ihm dann, daß eine Frau „nie schuld sei, egal woran“.

Mrs. Maudsley schließlich, nachdem sie herausgefunden hat, wer die Briefe an Marian wirklich geschrieben hat und diese bei einem Nachmittagstee, an dem auch Trimingham teilnimmt, nicht erscheint, verlangt von Leo, sie zu Burgess zu führen. Als er sich weigert, wird sie rabiat und stößt ihn praktisch den ganzen Weg vor sich her. Auf Burgess Farm angelangt, spüren die beiden Ted und Marian beim Beischlaf im Stroh auf.

Nahezu 40 Jahre später kommt der mittlerweile in seinen mittleren Jahren angelangte, jedoch deutlich vorgealterte Leo Colston (Michael Redgrave) erneut auf das Gut. Hier trifft er die deutlich gealterte Marian, die ihn rufen ließ. Sie hat einen Enkel, der eine junge Frau liebt, jedoch der Meinung ist, diese Liebe nicht zu verdienen, außerdem sei sie nicht satisfaktionsfähig. Marian bittet Leo um einen letzten Botengang. Er soll ihrem Enkel, um den sie sich endlos sorgt, vermitteln, daß er unbedingt seinem Gefühl folgen solle. Leo, selbst Zeit seines Lebens allein geblieben, war dem Enkel während der Einfahrt in den Hof begegnet und hatte sofort die Ähnlichkeit mit Ted Burgess bemerkt. Ted, der sich, nachdem seine Beziehung zu Marian aufgeflogen war, das Leben genommen hatte, war offensichtlich der Vater von Marians Kind. Dieses Kind hat Trimingham, den zu heiraten Marian von ihrer Familie schließlich gezwungen wurde, anerkannt.

Leo verlässt Marian und steigt wieder in den Wagen, der ihn hergebracht hat.

Joseph Losey – Exilant eines ihm unter McCarthys Hexenjagd auf Kommunisten fremd gewordenen Amerikas – fand in England nicht nur Asyl sondern auch eine neue künstlerische Heimat, die es ihm erlaubte, anspruchsvolle und hochwertige, zugleich aber auch unterhaltsame Filme zu drehen. In Harold Pinter fand er einen kongenialen Mitstreiter und dreimal arbeitete das Duo gemeinsam an Filmen, die getrost alle drei zu Klassikern des jüngeren britischen Kinos zu zählen sind. THE GO-BETWEEN (1971) war nach THE SERVANT (1963) und ACCIDENT (1967) die dritte und letzte dieser Kollaborationen. Mit Pinters Hilfe gelang es Losey, L.P. Hartleys Roman von 1953 – nach Pinters eigener Aussage unverfilmbar – so umzusetzen, daß die Essenz des Werkes, das stille Grauen, das sich unter der flimmernden Sommerhitze immer nur andeutet und dessen Auswirkungen auf ein ganzes Leben wir in Roman und Film nur angedeutet finden, für den Zuschauer deutlich spürbar wird.

Hartleys Roman besticht durch die Feinheit der Sprache und die Kunst der Andeutung, trägt den Leser hinein in dieses für den Protagonisten Leo so überwältigende Panorama und Leben in einem Hohen Haus der britischen Oberschicht; den Leser trägt sie in die Hitze des Sommers 1900, ein, wie Loseys Sohn anmerkte, wahrlich „edwardianischer Sommer“, das britische Empire auf seinem Höhepunkt, die britische Gesellschaft im Zenit ihrer Macht und der damit verbundenen Selbstgewissheit und Selbstgerechtigkeit. Vieles davon ist filmisch schwer umsetzbar, gerade was Andeutung und Hinweise angeht, die sprachlich funktionieren, filmisch aber entweder plump wirken würden oder mit dem eher wenig beliebten Mittel der Overvoice gehandhabt werden müssten. Losey konfrontiert den Zuschauer dann durchaus auch mit einer Overvoice, nutzt diese jedoch, um einerseits Verwirrung zu stiften, andererseits gelingt es ihm dadurch nahezu perfekt, das Fortwirken  der Vergangenheit im Hier und Jetzt verdeutlichen. Es dauert, bis wir begreifen, daß die allerdings spärlich eingesetzte Stimme aus dem Off anscheinend aus einer späteren Zeit stammt, als die Bilder es suggerieren und das frühere Geschehen kommentiert. Gelegentlich, anfangs nur als Bildsplitter, wird ein offensichtlich den 1940er Jahren entstammender Wagen eingeblendet, der an einem regnerischen Tag das Anwesen besucht, in dem der heiße Sommer 1900 sich zugetragen hat. Sind dies zunächst Irritationen im Bilderfluß, begreifen wir irgendwann, daß  hier die zeitlichen Ebenen ineinander verschränkt werden. Die Vergangenheit, so werden wir in den letzten Minuten des Films begreifen, ist eine uns niemals mehr entlassende Klammer. Ein kleiner Zwischenfall kann – wie der Flügelschlag des Schmetterlings – das Werden, die Entwicklung eines ganzen Lebens bestimmen. Michael Redgrave, dessen Leinwandzeit sehr bemessen ist, versteht es, dieser Entwicklung, der Bitternis und der stillen Verzweiflung, die sie mit sich bringt, intensiven Ausdruck zu verleihen.

In blassen Farben, ausgewaschen wie die Landschaft im August in der flirrenden Hitze, präsentiert Losey das Panorama einer überaus friedlich wirkenden Grafschaft Norfolk, in der der junge Leo Colston durch seinen Freund Marcus in dessen Familie eingeführt wird. Höheres Bürgertum, niederer Adel, übertrieben in ihrer Klassenbeflissenheit, erwarten die Alten dringend die Hochzeit der Tochter mit Lord Trimingham, was ihren sozialen Status ungemein anheben wird. Undenkbar, daß die junge Frau eine Liebesheirat eingeht, schon gar nicht mit einem Bauern. Sie ist ein Pfand für gesellschaftlichen Aufstieg und ein Preis dafür, diesen gesellschaftlichen Aufstieg zu gewähren. So steif die Alten und ihre Gesellschaft, so locker gibt sich Lord Trimingham, von Edward Fox leger und in sich ruhend dargestellt, dabei aber durchaus immer in Schwingung. Er ist derart selbstbewusst, daß er Marians Eskapaden offenbar wissentlich toleriert. In der Beziehung von Marian zu dem Farmer Burgess klingt natürlich Lawrence´ LADY CHATTERLEY´S LOVER an, die ungebührliche Verbindung von Constance Chatterley zu dem Wildhüter Oliver Mellors. Hier wie dort haben wir es mit einem Naturburschen zu tun, der sich dem Land verbunden fühlt, ja geradezu dem Land entwachsen scheint; hier wie da stellt die Anziehung über Klassengrenzen hinweg den eigentlichen Skandal dar, weniger die Tatsache, daß fremdgegangen oder der zukünftige Gatte hintergangen wird. Losey findet in seinen Totalen und vor allem in den Tiefenanordnungen seiner Bilder immer wieder, Möglichkeiten diese Grenzen spürbar, ihre Härte und die Härte derer, die sie ziehen und aufrecht erhalten spürbar werden zu lassen.

Und mittendrin, aber ohne jedes Verständnis für die Vorgänge und ihre Bedeutungen oder gar die Konsequenzen, die sie zeitigen, der junge Leo. Er wird bald von nahezu jedem vor Ort benutzt – als Spielkamerad für den Sohn, der sonst kaum Anschluß in dieser steifen, manchmal entfernt an die abstrakten Figurenaufstellungen in L`ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (1961) erinnernden Gesellschaft findet; als Lauscher der Weisheiten des oft absent wirkenden Vaters, als Blitzableiter für den Zorn der Mutter, der eigentlich ihrer Tochter gilt – und natürlich als Laufbursche für Marian und Burgess, als Mittler, als Go-Between, als Keilriemen einer geheimen Liebe. Er ist der Läufer, der Glück oder Unglück beschert. Das freut ihn, lässt ihn auch eine gewisse undifferenzierte Macht empfinden. Er unterliegt Fehlschlüssen, die seiner jugendlichen Unwissenheit entspringen. Burgess, so denkt er, sei sein Freund, Marian seine große Liebe – Imaginationen eines 12jährigen Pubertierenden, der von der „großen Liebe“ keinen blassen Schimmer hat und Burgess für weitere Botengänge das Versprechen abringt, ihn über das Wesen des „Schmusens“ aufzuklären. Wodurch die Liebe auch einen Warencharakter bekommt. Doch so mächtig sich Leo für einen Moment fühlen mag, so abhängig von den Gunstbezeugungen seiner Auftraggeber ist er. Und so entblättert sich dem zunehmend verwirrten Jungen die „Liebe“ als etwas nahezu Monströses, als etwas Verbotenes und heimlich Stattfindendes. Redgrave versteht es in seinen wirklich kurzen Momenten als gealterter Leo perfekt zu vermitteln, wie die Ereignisse dieses Sommers sein ganzes Leben prägen und bestimmen konnten.

Doch schlimmer als die Verwirrung in Liebesdingen, die er noch nicht versteht, mag für Leo die Verwicklung in ein Geflecht aus Lügen, Heimlichtuerei und schließlich Verrat gewesen sein. Auf eine sehr stille Art ist Leo unschuldig schuldig geworden, eine Schuld, die sich nur und ausschließlich daraus ergibt, daß alle insgeheim und unumgehbar die herrschenden Klassenschranken akzeptieren. „Eine Dame ist niemals schuld“ beantwortet Trimingham Leos Frage, ob an einem Duell, das sich ein gehörnter Ehemann und der Nebenbuhler liefern, nicht ureigentlich die Frau schuld sei. Es mag diese Antwort sein, aus der die gealterte Marian den Anspruch ableitet, Leo auch in fortgeschrittenem Alter erneut als Bote nutzen zu dürfen. Was den Worten nach wie eine Bitte klingt, ist dem Klang nach eher ein Befehl. Marians Ausbruch in jenen heißen Sommertagen, der auf Leos Weigerung folgte, weiterhin Botendienste zu übernehmen, da sie ja nun mit Trimingham verlobt sei – ebenso einfache wie logische Moralvorstellungen eines Kindes – hat uns deutlich die Macht spüren lassen, die sie, ihre – vermeintliche – Stellung ausnutzend, über Leo besitzt. Das uneingeschränkte Bewußtsein, dem andern überlegen zu sein – nicht qua des eigenen Alters oder der Intelligenz und Bildung, die man besitzt, die sicherlich als Mittel zum Zweck ausgesprochen nützlich sind, sondern schlicht aufgrund der Stellung, die das Leben einem zugeordnet hat – gibt selbst Marian unangreifbare Autorität gegenüber Leo, obwohl Buch und auch der Film sie als manchmal leicht hysterischen Teenager zeichnen, dessen Ausbrüche überdreht, dessen Gefühle allerdings durchaus authentisch sind.

Das Buch gestattet sich größere Freiheiten, lässt einige Enden offen, anderes unerklärt.  Meisterhaft, wie Hartleys Sprache ziseliert, Widersprüchlichkeiten aufspürt, für Irritationen sorgt. Vieles bleibt der Interpretation und Fantasie des Lesers überlassen. Da Hartley die Perspektive des Kindes einnimmt, funktioniert das, kann er die Irritation des Kindes zur Irritation des Lesers werden lassen, das Unverständnis fühlbar machen, das ein 12jähriger in Anbetracht der emotionalen Stürme empfindet, denen er ausgeliefert ist. So bleibt ein Charakter wie Burgess geheimnisvoll und spannend, die Beziehung zwischen Marian und Burgess oft eher Andeutung. Konkret ist die kalte Verachtung, die Leo aus Marcus´ und Marians Familie, sowie die laxe Verachtung, die ihm und letztlich allen andern von Trimingham entgegenschlägt. Konkret ist aber eben auch das Bild des Landes, die Schönheit eines Sommertages, die Hitze. Auf diese konkrete Ebene stützt sich Losey und überführt die Perspektive des Kindes soweit wie möglich in eine filmische Struktur, muß aber zwangsläufig einen Kerl wie Burgess konkret auferstehen lassen, den Erfordernissen eines Films angepasst. Situationen und Begebenheiten, die das Buch nur andeuten mag, müssen im Bild nun einmal „zum Leben erweckt“ werden. Es ist dieser Transfer – die zwangsläufige Zerstörung der Magie, die das Buch umgibt, es selbst wie an einem heißen Sommertag flimmern, wie einen Tagtraum wirken lässt – der Pinter an einer Verfilmung zweifeln und dem Film eine gewisse distanzierte Kälte attestieren ließ, die ein Scheitern auf hohem Niveau bedeute.

Julie Christie selbst wies darauf hin, daß die Arbeit am Film ein Genuss gewesen und das Ergebnis dementsprechend hochwertig, sie aber für die Rolle der Marian schon zu alt gewesen sei. Dem ist zuzustimmen. Die Julie Christie, die sechs Jahre zuvor die Lara in DOCTOR ZHIVAGO (1965) gespielt hatte, mag da schon eher Marian entsprochen haben, doch auch sie mag zu nett, zu freundlich gewesen sein. Diese Marian ist definitiv zu alt für den jugendlichen Elan und die Widerständigkeit innerhalb eines rigiden Systems. Vielleicht ist dies auch der Schwachpunkt des Films. Obwohl der Film Marian als Teenager behauptet – neckische Spiele zwischen ihr und Leo, eine gewisse Verspieltheit – aber wir sehen Julie Christie, eine wunderschöne, aparte Frau. So wird aus einer Teenagerliebe, die natürlich auch wieder von einem gewissen Machtgefälle geprägt ist im Film scheinbar eine reife Liebe. So geht dem Film die psychologische Ebene, die die ineinander verwobenen Macht- und Abhängigkeitsgefüge eben nicht nur sozial, sondern auch emotional zu erfassen versteht, ein wenig verloren, die soziale Ebene, spezifisch die der britischen Klassengesellschaft, wird ein wenig überbetont.

Joseph Losey ist ein stiller, tiefschürfender Film gelungen, der sich geraume Zeit lässt, seine Plateaus auszubreiten, seine Figuren darin zu platzieren und die Entwicklungen gemächlich in Gang zu setzen. Er behält sein Tempo und so breitet sich dem Zuschauer ein Drama in Zeitlupe aus, hintergründig und oft in Andeutungen und stillen Hinweisen versteckt. Das ist ein Kino, wie es sich heute kaum noch ein Regisseur traut, ein Kino, das sich auf seine Bilder und die Kraft seiner Geschichte verlässt, ein Kino, das nahezu ohne Effekte, ohne Spektakel und ohne Melodrama auskommt. Bei aller kritischen Distanz ist das großes Kino eines Regisseurs, der zu den Solitären des modernen Kinos gehört und getrost – ein wenig vergessen – neben einem Ingmar Bergman oder dem frühen Andrej Tarkowskij bestehen kann.

 

 

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