DIE HAND/THE HAND
Oliver Stones zweiter Regie-Versuch, ein Horrorfilm, deutet schon die souveräne Könnerschaft des Meisterregisseurs an
Jonathan Lansdale (Michael Caine) ist ein Comic-Zeichner, der mit der Serie um den Barbaren Mandro, der in einer vorzeitlichen Welt mit Schwert und Muskelkraft ums Überleben kämpft, große Erfolge feiert.
Mit seiner Frau Anne (Andra Marcovicci) und der gemeinsamen Tochter Lizzie (Mara Hobel) lebt er in einem schönen aber einsam gelegenen Landhaus in Vermont. Was für ihn perfekt ist, scheint für Anne jedoch zusehends zur Falle zu werden. Die Ehe kriselt, sie möchte mit Lizzie für eine Weile nach New York City gehen. Jonathan soll in Vermont bleiben. Immer wieder versucht er sie zum Bleiben zu überreden, erklärt sich, zeigt aber auch, dass er Annes Wunsch nach Selbstverwirklichung nicht versteht.
Während einer Autofahrt in die nahe gelegene Stadt streiten die beiden erneut, als Anne, die am Lenkrad sitzt, ein gewagtes Überholmanöver startet. Dabei gerät der Wagen ins Schlingern und Jonathans Hand, die er aus dem Fenster gehalten hatte, wird abgetrennt. Obwohl Anne sofort beginnt, sie zu suchen, da sie weiß, dass Körperteile wieder angenäht werden können, ist die Hand nicht mehr aufzufinden.
Jonathan kann nicht mehr weiterarbeiten. Er gibt klein bei und zieht gemeinsam mit Anne und Lizzie nach New York. Dort versucht seine Verlegerin Karen Wagner (Rosemary Murphy) ihn zu überreden, die Serie um Mandro fortzuführen. Jonathan solle die Scripts schreiben, ein neuer Zeichner das Artwork übernehmen. Jonathan steht der Idee eher skeptisch gegenüber und bittet sich Bedenkzeit aus.
Anne besucht verschiedene Kurse und Therapien, darunter auch einen Yoga-Kurs. Offenbar kommen sie und ihr Trainer sich näher. Eines Abends kommt Jonathan heim und findet sie in einer recht eindeutigen Situation mit dem Mann, allerdings ist Anne tränenüberströmt und schließt sich ein.
Jonathan muss feststellen, dass er immer häufiger unter Absenzen leidet, sich an ganze Zeitabschnitte nicht mehr erinnern kann. Zugleich träumt er immer häufiger von seiner abgetrennten Hand.
Die hat sich selbstständig gemacht und wird mehrfach gezeigt, wie sie erst durch das Unterholz krabbelt, wo sie sich nach dem Unfall versteckt hat, später folgt die dem Ehepaar Lansdale nach New York. Sie tötet einen Stadtstreicher (Oliver Stone), der sich Jonathan nähert und seltsame Sachen hinsichtlich der fehlenden Hand von sich gibt. Auch ihm fehlt auffälligerweise eine Hand.
Jonathan sucht seinen Siegelring, den er nach dem Unfall auf der Straße wiedergefunden hatte. Doch kann er ihn in der neuen Wohnung nicht finden.
In Karen Wagners Büro kommt es zu einer Konfrontation zwischen Jonathan, Karen und dem neuen Zeichner David Maddow (Charles Fleischer), der eigensinnig in das von Jonathan angefertigte Script eingegriffen hat. Er macht Mandro zu einer anderen, sich selbst hinterfragenden Figur, wogegen Jonathan Protest einlegt. Als die drei die Skizzen noch einmal durchgehen wollen, sind diese überzeichnet und teils zerstört worden.
Jonathan stellt Lizzie zur Rede und fragt sie unverhohlen, ob sie Hand an die Skizzen gelegt habe, doch Lizzie verneint dies. Zwischen Jonathan und Anne kommt es wiederholt zu Streitereien und zudem wird langsam das Geld knapp.
Eines Abends findet Jonathan den Siegelring fein säuberlich auf dem Kopfkissen seines Bettes drapiert.
Jonathan erhält ein Angebot aus Kalifornien, wo er ein Lehramt als Zeichner an einer Universität bekommt. So siedelt er allein nach Kalifornien über.
Dort lernt er bald seinen Kollegen Brian Ferguson (Bruce McGill) kennen, der ihn auf diverse Sauftouren mitnimmt und es faustdick hinter den Ohren hat. Vor allem gilt seine Aufmerksamkeit der jungen Stella Roche (Annie McEnroe), eine Studentin von Jonathan. Der muss schnell feststellen, dass seine Studenten wenig Interesse an Comics haben, den Kurs, den er gibt, nur besuchen, um ihre Pflichtstunden voll zu bekommen.
Stella allerdings steht eines Abends vor Jonathans Tür. Sie drängt sich in sein Haus, konfrontiert ihn mit ihren nicht sonderlich guten Zeichnungen und bietet sich ihm – da alle Jungs an der Uni angeblich so lau wären – als Bettpartnerin an. Da Jonathan einsam ist und sich von Anne hintergangen fühlt, geht er auf Stellas Avancen ein.
Weihnachten wollen Anne und Lizzie zu Besuch kommen, eigentlich wollten Jonathan und Anne dann klären, wie es mit ihrer Beziehung weitergehen soll. Je näher die Feststage kommen, desto trauriger wird Stella. Sie habe niemanden, mit dem sie feiern könne und führe wahrscheinlich zu Freunden nach Los Angeles.
Während einer Sauftour mit Brian erfährt Jonathan, dass der es gewesen ist, der mit Stella nach L.A. wollte. Die aber hat den Trip wohl abgesagt, weshalb Brian sauer ist und davon spricht, seinen Nebenbuhler – er verdächtigt Stella zurecht, mit mehreren Männern Affären zu unterhalten – zu finden und zur Rede zu stellen.
Stella sucht Jonathan erneut in dessen Haus auf, wo alles bereits weihnachtlich geschmückt ist. Er hat ein Geschenk für sie, ein Kleid, dass sie aber erst öffnen soll, wenn er weg sei. Während er zum Flughafen fährt, um Anne und Lizzie abzuholen, tötet die Hand Stella.
Zurück im Haus, fällt Jonathan auf, dass etwas nicht stimmt. Anne freut sich über das Kleid, das sie auf ihrem Bett gefunden hat, das eigentlich doch für Stella gedacht war. Die wiederum ist verschwunden.
Anne macht sie Jonathan klar, dass sie trotz allem die Trennung wolle. Sie habe ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, weil sie sich für den Unfall verantwortlich fühle, könne aber unter diesem Druck nicht mehr leben. Jonathan fällt auf, dass sich wohl einiges getan hat, während er weg war. Anne und Lizzie essen beide kein Fleisch mehr und legen größten Wert auf gesundes Leben. Offenbar hat Annes Trainer bereits großen Einfluss auf Jonathans Frau und Tochter.
Brian sucht Jonathan auf und bedrängt ihn zuzugeben, dass er mit Stella eine Affäre habe, er hätte das herausgefunden. Sie sei verschwunden und er verdächtige Jonathan, mit Stellas Verschwinden etwas zu tun zu haben. Jonathan erklärt Brian für verrückt, es sei reine Eifersucht, die aus ihm spräche.
Während Jonathan eine Aussprache mit Anne sucht, mittlerweile rasend vor Wut, fühlt er sich doch von allen verraten, erwürgt die Hand Brian. Und ebenso greift das abgetrennte Körperteil schließlich Anne an, als die allein im Ehebett liegt. Jonathan hört sie und kommt in letzter Sekunde hinzu, kann Anne auch retten, doch für Lizzie, die ebenfalls ins Zimmer stürzt, sieht es aus, als wolle Jonathan Anne etwas antun.
Während Jonathan die Hand sucht und schließlich in einem Schuppen findet und mit einem Messer traktiert, trifft die Polizei ein. Die Beamten durchsuchen das Haus und geben sich hinsichtlich Jonathans Geschichte, ein Fremder sei hier gewesen, eher skeptisch. Schließlich öffnen sie den Kofferraum von Jonathans Wagen, in dem die Leichen von Stella und Brian liegen.
Jonathan wird in eine Psychiatrie eingewiesen, wo eine Psychiaterin ihn mit seinen Ängsten und Albträumen konfrontiert. Er habe den Verlust seiner Hand, damit seines kreativen Lebenssinns nicht verkraftet. Nun habe er seine Albträume externalisiert und eine Hand imaginiert, die an seiner statt töte. Er müsse sich aber seinen inneren Dämonen stellen, müsse sich öffnen und versuchen, seine Schuld anzuerkennen. Jonathan willigt in alles ein, während er sieht, wie die Hand sich aus einem Schatten nähert und die Psychiaterin tötet.
Viele Regisseure von Weltrang haben ihre Karriere mit Horrorfilmen begonnen. Es gibt unterschiedliche Mutmaßungen, warum dem so ist. Sicherlich haben Horrorfilme oft ein vergleichbar kleines Budget, man muss einfallsreich sein, kreativ, Ideen haben. Zugleich steht man aber weit weniger unter Beobachtung oder gar Kuratel der Studios, als dies bei einem großen Budget der Fall wäre. Horrorfilme bieten so auch die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Klappt es mit dem Geschichtenerzählen noch nicht wirklich, kann man erzählerische Schwächen mit Schocks, Spannung, im Zweifelsfall Ekel überspielen.
Oliver Stone – in seiner Karriere vor allem für Thriller, Politthriller, aber auch Gesellschafts-Thriller (wenn man einen Film wie WALL STREET/1987 einmal so nennen will) bekannt geworden – durfte erstmals bei dem Horrorstreifen SEIZURE (1974) Regie führen, zu dem er auch das Drehbuch beigetragen hatte. Besonders erfolgreich war dieser Versuch nicht, allerdings konnte Stone sich danach dennoch als versierter Drehbuchautor in Hollywood etablieren, wo er die Bücher für Klassiker wie Alan Parkers MIDNIGHT EXPRESS (1978), wofür er den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt, John Milius´ CONAN THE BARBARIAN (1982) oder auch Brian de Palmas SCARFACE (1983) verfasste. Erst 1986 trat er als Regisseur einem breiteren Publikum wieder ins Bewusstsein, als er den Polit-Thriller SALVADOR drehte, einen Film über die Vorgänge in El Salvador zu Beginn der 80er Jahre. Danach begann seine eigentliche Karriere als Regisseur und er drehte heute zum Kanon des modernen Hollywood-Films zählende Werke wie PLATOON (1986), JFK (1991) oder NATURAL BORN KILLERS (1994). Etwas in Vergessenheit geriet die Tatsache, dass er sich nach SEIZURE und vor SALVADOR noch einmal als Regisseur versuchen durfte, erneut war es ein Horrorfilm, der an den Kinokassen allerdings floppte: THE HAND (1981). So gilt das Diktum, viele große Regisseure hätten im Grusel-Metier ihre ersten Meriten verdient für Stone gar im doppelten Sinne.
Der Film, angeblich ausgestattet mit einem Budget von sechseinhalb Millionen Dollar, eine für einen relativen Newcomer auf dem Regiestuhl, wie Stone es zu dieser Zeit immer noch war, recht anständige Summe, sieht tatsächlich gut aus. Mit Michael Caine tritt zudem ein echter Star in der Hauptrolle auf; allerdings hatte der eine nicht unähnliche Rolle eben erst in Brian de Palmas DRESSED TO KILL (1980) gespielt. Ein Film, der seinerseits ein großer Erfolg nicht nur an den Kassen, sondern auch bei den Kritikern war. Caine wollte wohl einen ähnlichen Part erneut spielen, ob er sich damit einen Gefallen getan hat, ist allerdings eine andere Frage.
Definitiv spielt er den Comic-Zeichner Jonathan Lansdale überzeugend mit einem gewissen, für Caine typischen Grad an Zynismus, er zeigt die Furcht eines Mannes, der – in mehrerlei Hinsicht – die Kontrolle über sein Leben zu verlieren droht, und er zeigt den Hass, der daraus erfolgt. Und das Publikum schwankt lange zwischen Mitleid mit einem Künstler, der seine Kunst nicht mehr ausüben kann, und langsam einsetzender Furcht vor einem Mann, bei dem man zusehends unsicherer wird, ob er sich unter Kontrolle hat. Auch diese Ambivalenz ist Caines subtilen Spiel, aber auch Stones souveräner Regie geschuldet.
Dieser Jonathan Lansdale hat bei einem von seiner Frau verursachten Unfall seine rechte Hand verloren. Das ist zugleich der Verlust seines Lebenswerks, ist es doch die Hand, mit der er den Comic-Helden Mandro zum Leben erweckt, ein dem Marvel-Helden Conan nachempfundener Barbar[1]. So haben es die Zuschauer*innen hier also im Kern mit der Krise eines Künstlers zu tun, die sich zu einer Lebenskrise ausweitet. Seine Frau orientiert sich offenbar anderweitig und Jonathan fürchtet, dadurch die Familie zu verlieren, zu der auch die kleine Tochter Lizzie gehört, die er inniglich liebt. Diese abgetrennte Hand macht sich nun – in fortgeschrittenen Stadien der Verwesung – selbstständig und drängt sich geradezu in Jonathans Leben. Sie klaut seinen Siegelring, den sie ihm später wieder zurückgibt, sie zerstört die Zeichnungen des Zeichners, den Jonathans Verlegerin angeheuert hat, um die Mandro-Serie fortzuführen und dessen Probezeichnungen Jonathan nicht gefallen. Schließlich beginnt die Hand in Jonathans Sinne zu morden: Zunächst einen Obdachlosen, der ihn auf der Straße bedrängt, dann die junge Stella, eine Studentin, die sich Jonathan regelrecht aufdrängt, schließlich seinen Kollegen Brian, als der ihm gefährlich wird, weil Stella verschwunden ist.
Da Oliver Stone diese auf dem Papier hanebüchene Geschichte ruhig inszeniert und den Fokus lange auf das scheiternde Eheleben der Lansdales legt, den Unfall geschickt in den bereits etablierten Konflikt, die eheliche Krisensituation einbettet und zunächst wenig darauf hindeutet, dass man es hier tatsächlich mit einem Horrorfilm zu tun hat, funktioniert das Konstrukt dann aber doch erstaunlich gut. Hinzu kommt, dass, wenn sie auftaucht, die Hand tricktechnisch überzeugend ist. Die diversen Modelle, die im Film genutzt werden, wirken echt, sowohl im Grad der Verwesung, als auch in ihren Bewegungsabläufen. Gerade die späten 70er und frühen 80er Jahre bieten haufenweise Beispiele für schlecht gemachte Spezialeffekte und Tricks in Horrorfilmen und Artverwandtem, die nie überzeugen oder gar gruseln können. Stone setzt die Hand spärlich in Szene, er nutzt teils geschickte Kamerawinkel, um das Geschehen aus ihrer „subjektiven“ Perspektive zu zeigen, und wenn er sie zeigt, dann immer schnell und oft im Halbschatten, was sie nie grell ausstellt und den Meistern der Spezialeffekte sicherlich zugutekam. Zu diesem Eindruck trägt sicher auch bei, dass Stone die Tötungsszenen nie übertreibt. Sichtlich ist es ihm nicht um vordergründige Schocks, gar Ekel zu tun, vielmehr erfüllen die Mordsequenzen zumeist einen dramaturgischen Sinn, werden nicht übermäßig betont oder in die Länge gezogen. Fast sachlich wird gezeigt, wie die Hand ihr Handwerk verübt, dann blendet der Film aus.
Die Frage ist, ob das ganze Konstrukt letztlich trotz der souveränen und eindeutigen Inszenierung und der überzeugenden Effekte aufgeht. Dass Jonathan jemand ist, der sich ungern mit seinem Innenleben auseinandersetzt, ahnt man schon in den Auseinandersetzungen mit seiner Frau und deren Wunsch nach Selbstverwirklichung, überdeutlich wird es, als er sich mit seiner Verlegerin und dem neuen Zeichner trifft. Dieser hat nicht nur einen anderen Zeichen-Stil als Jonathan, er hat dessen Script auch dahingehend verändert, dass der Held sich in Frage zu stellen beginnt. Ein Wesenszug, den Mandro laut seines Schöpfers aber gar nicht besitzt; ja, den er Jonathans Meinung nach gar nicht besitzen kann. Mandro denke nicht nach, schon gar nicht über seine Taten und deren Folgen. Jonathan hält offensichtlich nicht viel von übermäßiger Selbstreflektion. Und es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass sich dieser zunächst und über recht lange Zeit des Films sensibel wirkende Mann ausgerechnet einen „Barbaren“ erdacht hat, der seine Probleme mit dem Schwert – also mit Gewalt – löst. Da mag der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen sein, definitiv deutet es auf allerlei verdrängte Wünsche und Triebe in Jonathan Lansdales Unterbewussten hin.
Die Selbstverwirklichung von Anne Lansdale besteht nun ausgerechnet darin, dass sie Yoga-Kurse besucht und offensichtlich eine Liaison mit dem Trainer beginnt. Sie will also – ganz Kind der innerlichen 70er Jahre – in sich selbst nach der Quelle eines besseren Ichs suchen, wenn man es einmal so formulieren darf. Das wird so im Film nicht explizit gesagt, Stone verlässt sich als Autor und Regisseur aber darauf, dass die visuellen Zeichen, die er im Film setzt und die Anne wie auch ihren Trainer charakterisieren sollen, vom zeitgenössischen Publikum sofort erkannt werden. Anne geht also im Kontext des Films den exakt gegenläufigen Weg zu ihrem sich verkapselnden Mann.
Als Jonathan, der zwischenzeitlich einen Job an einer Universität im fernen Kalifornien annimmt, während Frau und Tochter in New York zurückbleiben, seine Familie zu Weihnachten wiedersieht, hat sich einiges verändert: Die beiden sind Vegetarier, sie sind darauf bedacht, sich und der Umwelt nicht zu schaden usw. Interessant ist, dass Stone in seinem Drehbuch schon damals das, was heute allgemein unter „woke“ subsumiert wird, als Bedrohung für einen älteren, weißen Mann darstellt. Doch bleibt dieser ältere, weiße Mann sich, seiner Frau und damit auch uns, dem Publikum, ein Rätsel. Er trägt offenbar unterschwellige Aggressionen in sich, worauf, wie oben angemerkt, die Wahl seines beruflichen Sujets hinweist, er ist aber ebenso ein liebender Vater, das steht nach den ersten Szenen mit seiner Tochter außer Frage, er ist ein Künstler, vor allem aber ist er jemand, dem Verlust droht. Und der auf diesen möglichen Verlust – rechnet man den Mord an Stella mit ein, die mit Jonathans Kollegen Brian in den Weihnachtsurlaub zu fahren droht, sogar präventiv, vorausgreifend – mit Gewalt reagiert. Die er aber externalisiert. Der Film deutet dies mehrfach an, wenn Jonathan von der Hand träumt und immer wieder Absenzen hat, Zeiten, von denen er nicht weiß, was er getan hat, wo er war.
Nur – und diese Frage weiß der Film nicht zu lösen – ist es Jonathan, der da tötet, oder ist es seine abgetrennte Hand, deren Motiv, da sie ihm ja indirekt schadet und scheinbar wahllos tötet, unverständlich bleibt? Oder besteht eine tiefere, sozusagen telepathische Verbindung zwischen Jonathan und seinem, auch dies ja ein – sogar wesentlicher – Verlust, abgetrennten Körperteil? Würde Letzteres bedeuten, dass er die Hand, bewusst oder unbewusst sei einmal dahingestellt, geradezu kontrolliert und somit unter allen Umständen selbst für die Morde verantwortlich ist?
Da der Film die Hand mehrfach – vor allem beim Mord an dem Obdachlosen, der in diesem ganzen Kontext im Grunde keinen Sinn macht und wahrscheinlich einfach nur eingefügt wurde, um ein wenig Angst und Schrecken zu verbreiten und den für einen Horrorfilm zu Beginn der 80er Jahre vergleichsweise niedrigen Bodycount ein wenig in die Höhe zu treiben – in Aktion zeigt, auch zeigt, wie sie sich aus der Wiese, wo sie nach dem Unfall gelandet ist aufmacht, muss man zunächst davon ausgehen, dass sie ein Eigenleben entwickelt hat, gleichsam zombifiziert ist und nun in die Welt hinauswandert, um sich für das Unrecht, von ihrem „Wirt“, ihrem Körper getrennt worden zu sein, zu rächen.
Doch deutet die Schlussszene des Films wieder einen anderen Sachverhalt an. Jonathan sitzt in einem Sanatorium und wird von einer Psychiaterin verhört, während er an ein einem Lügendetektor ähnelnden Gerät angeschlossen ist, das seine körperlichen Reaktionen auf die ihm gestellten Fragen und vorgetragenen Hypothesen seinen Charakter betreffend aufzeichnet. Offenbar innerlich sehr aufgewühlt durch die Anwürfe der Psychiaterin, kommt er immer stärker ins Schwitzen, er verzettelt sich bei seinen Aussagen zu den Taten, derer er angeklagt ist, er beteuert, sich seinem Innern, all dem Verdrängten in ihm stellen zu wollen – und bricht in diabolisches Gelächter aus, als plötzlich die Hand auftaucht und die Psychiaterin erwürgt. Diese Szene insinuiert, dass es zwischen dem abgetrennten Körperteil und Jonathan sehr wohl eine wie auch immer geartete Verbindung gibt. Fragt sich nur, wer Herr und wer Knecht in dieser Beziehung ist?
So bleibt THE HAND unentschlossen. Wie so viele Horrorfilme, die mehr sein wollen, als einfache Schocker, kann er sich nicht entschließen, in welche Richtung er gehen will. Ist dieser Jonathan Lansdale ein Psychopath, wie Dr. Robert Elliott, der Mann, den Michael Caine in DRESSED TO KILL spielte? Und wenn, ist er immer schon ein Psychopath gewesen? Darauf deutet im Film allerdings nichts hin. Oder ist Lansdale einfach ein Künstler, dem nichts über seine Arbeit geht und den der Verlust jenes Körperteils, welches Teil und Schöpfer dieser Kunst ist, in den Wahnsinn treibt? Oder ist das Ganze als eine Art Allegorie auf Verlust generell zu betrachten?
Stones Buch und auch seine Regie bleiben zu sehr im Vagen, zu sehr wirkt das Ende des Films auf Effekt hin inszeniert, weniger auf logische Lösung, als dass es überzeugen könnte. Dennoch ist THE HAND im Wust der, Ende der 70er, anfangs der 80er Jahre die Kinoleinwände schier überschwemmenden Welle an Horrorfilmen, die vor allem mit Gewalt, oft Ekel und vor allem vielen, vielen Leichen ihr Publikum zumeist verstören, weniger im klassischen Sinne gruseln wollten, insofern interessant, weil er sich um eine psychologische Erklärung zumindest bemüht und ansonsten eine recht gut durchdachte Story präsentiert. Dabei greift er einige damals typische Lifestyle-Themen und die mittlerweile fortgeschrittene Emanzipation der Frauen auf, zeigt mit Jonathan Lansdale ein frühes Beispiel eines zutiefst verunsicherten Mannes und kann zumindest auf dieser Ebene als Indikator einer Entwicklung betrachtet werden, die erst vierzig Jahre später wirklich zum Tragen kam. Allemal also interessant, diesen frühen Versuch eins späteren Meisterregisseurs noch einmal zu betrachten. Und sei es nur als Zeitdokument.
[1] Es war Barry Windsor-Smith, der die im Film gezeigten Comic-Seiten zeichnete. Zu dieser Zeit war er tatsächlich bei den MARVEL-Comics für die Serie um CONAN verantwortlich.