BAD ACTORS

Der achte Band der Slow-Horses-Reihe bietet letztlich einfach mehr vom Gleichen

BAD ACTORS (Original erschienen 2022; Dt. 2026), das sind jene, die vom Geheimdienst, genauer: dem MI5, dem Inlandsgeheimdienst, als Gefährder eingestuft werden; Gefährder, denen man nicht, wie herkömmlichen Verbrechern, mit Haftstrafe beikommen kann, sondern die besser vollends aus dem Verkehr gezogen werden sollten. Spione, Agenten fremder Mächte, solche, die zu Vieles wissen, oder die zu gefährlich für das Allgemeinwesen, bzw. dessen Vertreter geworden sind. Das Verfahren, um sie unschädlich zu machen, wird als „Waterproof“ bezeichnet. Manche derer, die dem Verfahren unterzogen wurden, leben nicht mehr, einige wenige vegetieren wohl noch irgendwo in ominösen Geheimgefängnissen in „befreundeten Drittstaaten“ vor sich hin, verfemt und vergessen. „Waterproof“ allerdings, dieses unfaire und vor allem jeder Rechtsstaatlichkeit spottende Verfahren, wurde ebenfalls schon lange begraben. Sollte es zumindest sein.

Umso peinlicher, wenn eine junge Mitarbeiterin des ersten Beraters des Premierministers offenbar genau diesem Verfahren unterzogen wurde. Und noch peinlicher, wenn Diana Taverner, immer streitbare Chefin des MI5, die Einzige ist, die genauere Auskunft geben könnte – und darob möglicherweise ihren Job verliert! Und am allerpeinlichsten wird es natürlich, wenn Taverner nur noch zum äußersten Mittel greifen kann und sich an den Mann wendet, nein, wenden muss, dessen Existenz sie am liebsten vergessen würde – Jackson Lamb, Chef des Slough House, wo die Slow Horses residieren, jene Versager, die ausgelagert im East End Londons ihre Tage in bitterer Lageweile fristen müssen.

BAD ACTORS ist der achte Roman in Mick Herrons sich mittlerweile immer größerer Beliebtheit erfreuender Romanreihe um eben jene Versager des MI5, die irgendwann in ihrer Karriere Mist gebaut haben und nun mit untersten Aufträgen zur Selbstaufgabe und also dazu gezwungen werden sollen, eigens den Dienst zu quittieren, damit sie ihre Pensionsansprüche – und natürlich ihren Stolz, ihre Würde und ihr Selbstwertgefühl – verlieren. Na gut, das Selbstwertgefühl haben die meisten schon verloren, da sie sich ununterbrochenem Spott, Hohn und Verunsicherung ihres Chefs, eben jenes Jackson Lamb, eines Haudegens der alten Zeiten des Kalten Krieges, ausgesetzt sehen. So muss ein jeder und eine jede, die in Slough House arbeiten, zusehen, wie sie sich zur Wehr setzen. Shirley Dander, eine Veteranin der Serie, greift zu Drogen und begegnet der Welt mit äußerster Aggressivität, was ihr in diesem Band eine Einweisung in ein Sanatorium einbringt, wo sie mit eben jener Dame verwechselt wird, die angeblich dem „Waterproof“-Verfahren unterzogen wurde. Dass dem keineswegs so ist, versteht sich quasi von selbst.

Einmal mehr werden die Slow Horses also in eine – diesmal recht übersichtliche – Geschichte um Verwechslung, Loyalität und Machtmissbrauch verwickelt. Russische Spione sind hier ebenso gefährlich, wie es die sind, die sich in Großbritannien der Hebel der Macht bemächtigt haben. Herron nutzt seine zugegeben etwas dünne Story also, um jede Menge Seitenhiebe auf die britische Politik und Entwicklungen der Gesellschaft der vergangenen Jahre zu verteilen. Da seine Boris-Johnson-Karikatur Peter Judd mittlerweile in die Hinterräume der Macht entschwunden ist und aus dem Schatten agiert – dementsprechend tritt er hier auch nur kurz als Telefonpartner von Taverner auf – hat es in der Serie nun ein Mann an die Spitze des Staats geschafft, der nie näher beschrieben wird, dessen Ideen allerdings deutlich an die eines Donald Trump gemahnen. Wichtiger ist da schon der Mann hinter dem Premier. Dieser Mann namens Sparrow ist deutlich an den Politikberater Dominic Cummings angelehnt, der eine äußerst unrühmliche Rolle an der Seite von Boris Johnson während dessen recht ruhmlosen Zeit in Downing Street Number 10 spielte und manches Mal den Eindruck erweckte, dort der eigentliche Machthaber zu sein. Sparrow nun hat es nicht mehr nötig, sich zu verstecken oder zu verstellen; da Literatur es uns ermöglicht, direkt in die Köpfe der Protagonisten zu blicken, können wir ungeschminkt die üblen Pläne dieses durch und durch verkommenen Subjekts nachvollziehen. Das, was Herron uns sehen lässt in den Hirnwindungen dieses Mannes, lässt uns erschauern. Denn Sparrow nutzt die Demokratie, um sie zu vernichten und stattdessen ein hohles Gehäuse zu errichten, das einigen wenigen Macht auf ewig sichert. Kommt einem bekannt vor? Kommt einem bekannt vor…

Dass diese Leute existieren, sehen wir ja tagein, tagaus, wenn wir die Nachrichten lesen oder im Fernsehen betrachten. Herron schrieb seinen Roman in den Jahren der Pandemie, und sie spielt eine wesentliche Rolle, um die Atmosphäre des Romans zu grundieren. Die Menschen hier sind müde, erschöpft, sind ausgelaugt nach den Lockdowns und dem Massensterben. Die allgemeine Aggressivität, die hier allenthalben herrscht, ist auch und vor allem darauf zurückzuführen, nicht nur bei Shirley Dander. Diese Atmosphäre einzufangen gelingt Herron nahezu perfekt; doch das, was da mit der zweiten Trump-Administration auf die Welt zukommen würde, konnte wohl auch er nicht erahnen. Umso erstaunlicher, wie es ihm dann gelingt, genau diese Typen zu beschreiben, die wir uns da per Wahlen wieder und wieder selbst bescheren, sie zu beschreiben, zu analysieren und letztlich zu entlarven. Um nichtr zu sagen: zu desavouieren. Sparrow ist ein besonders widerliches und somit ein literarisch besonders gelungenes Exemplar dieser Spezies.

Darüber hinaus bietet Herron auch diesmal wieder all die typischen Zutaten eines Slough-Horse-Bands. Lamb ist angemessen rüpelhaft, aber eben auch der einzige, der den Durchblick behält; Taverner ihrer Rolle in der Serie entsprechend durchtrieben; die ziemlich dezimierten Horses sind gewitzt genug, um im falschen Moment das Falsche zu tun, was in der Addition meist wieder ein Plus ergibt. Irgendwann sollte auch „Regent´s Park“, wo der Sitz des MI5 angesiedelt ist, besonders in Personam Diana Taverner einmal begreifen, was diese Truppe schon geleistet hat; immerhin haben einige von ihnen ihren Einsatz fürs Vaterland mit dem Leben, mindestens aber mit ihrer geistigen Gesundheit bezahlt.

Herron, vielleicht durch die mittlerweile auf der Basis der Romane entstandene TV-Serie etwas angeheizt, bietet diesmal sehr viel Action. Das war zwar schon immer so in seinen Romanen, ist allerdings auch ein Problem, da geschriebene Action zwar witzig sein kann, auf Dauer aber ermüdet, da sie eben niemals mit dem bewegten Bild eines Films mithält. BAD ACTORS fällt zwar nicht ab gegenüber den Vorgängerbänden, ist aber dennoch nicht wirklich originell, da es bestenfalls mehr vom gleichen bietet. Da hilft es auch nicht, dass der Autor sich diesmal einer a-chronologischen Erzählstruktur bedient, aufgeteilt in Akt II vor Akt I, daran anschließend Akt III und zudem zwei Intermezzi zwischen den jeweiligen Akten. Das schafft vielleicht eine gewisse Verwirrung, peppt die Story aber auch nicht wirklich auf.

Herron sollte vielleicht die Figuren ein wenig entwickeln, sollte sich nicht nur darauf kaprizieren, in jedem zweiten oder dritten Band wesentliche Protagonisten durch Tod oder andere, weniger finale Gründe ausscheiden zu lassen und damit sein treues Publikum nachhaltig zu verstören; er sollte sich vielmehr trauen, eben diesem Publikum zuzumuten, dass es bspw. in Lambs dreckige Vergangenheit blicken darf. Diese Figur ist so brillant angelegt, dass sie es geradezu verdient hat, ausgebaut, unterfüttert und mit einer persönlichen Geschichte ausgestattet zu werden. Bisher beschränkt sich dies – so auch in diesem Band – auf düstere Andeutungen, meist durch Diana Taverner. Wie es mit dieser Dame weitergeht, ist ebenfalls spannend. Herron gönnt ihr hier einen Außeneinsatz, bei dem sie immerhin beweisen kann, dass sie noch einiges von dem Handwerk versteht, mit dem sie etliche ihrer Untergebenen tagtäglich in den Einsatz schickt.

BAD ACTORS ist also einfach ein weiterer Band aus einer liebgewonnenen Reihe. Vielleicht liegt es eher an den Rezipient*innen, wenn sich dann irgendwann doch ein leichter Überdruss einstellt. Doch ist es noch nicht wirklich soweit. Noch nicht.

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