DIE LETZTE WAHL

Eric Sander nutzt ein erschreckendes Szenario, um einen recht guten Thriller zu erzählen

Kurz vor der Bundestagswahl 2021 erscheint der Thriller DIE LETZTE WAHL (2021) von Eric Sander und warnt noch einmal inständig davor, was geschehen könnte, wenn eine Partei wie die AfD (Alternative für Deutschland), die in den letzten Jahren erkennbar immer weiter nach rechts gerückt ist, die Macht erringt.

Der Schriftsteller, Journalist und Blogger Maximilian Steinbeis veröffentlichte am 6. September 2019 einen Text in der Sueddeutschen Zeitung, der EIN VOLKSKANZLER betitelt war. Kühl und sehr strukturiert wird hier ein mögliches Szenario aufgezeigt, wie es auch in der Bundesrepublik gelingen könnte, daß ein zu allem entschlossener Regierungschef das Grundgesetz nutzt, um seine Macht auszuweiten, Verfassungsorgane auszuhöhlen, sich nutzbar zu machen und schließlich, zunächst unmerklich, dann sehr schnell, dieses demokratische Land in eine Autokratie zu verwandeln. Sander beruft sich dezidiert auf diesen Text als Ausgangspunkt und Quelle seines Romans.

Der Journalist Nicholas Moor wird durch Zufall Zeuge eines geheimen Treffens der Führungsspitze der Volkspartei. Deren Kandidat Markus Hartwig hat gute Aussichten, das Kanzleramt zu erobern. Die Umsturzpläne liegen bereits in der Schublade, mit einem gefälschten islamistischen Anschlag auf den Bundestag soll ein Notstand herbeigeführt werden, in dessen Folge man das Grundgesetz aushebeln kann. Moor, der nach einem angeblichen Scoop, der sich als Rohrkrepierer erwiesen hatte, bei seinen Vorgesetzten des Münchner Abendblatts nicht wohl gelitten ist, geht der Sache nach und wird in einen Strudel aus Verschwörungen, illegalen Machenschaften und politischem Kalkül hineingezogen, der sich immer mehr als tödliche Falle entpuppt. Er ist bald der Einzige, der noch vor der Gefahr warnt, die durch die Rechtspartei und ihren Anführer droht. Irgendwann stellt sich für Nicholas die Frage, ob er alles auf eine Karte setzen soll, um den Aufstieg Hartwigs zu verhindern.

Das Szenario ist nicht neu: Ein Einzelner weiß um die Gefahr, die von einem kommenden politischen Führer ausgeht und muß, da ihm niemand glauben will, auf eigene Faust handeln. Es deutet sich in Robert Penn Warrens ALL THE KING´S MEN (1946) an, es spielt eine Rolle in Robert Stones A HALL OF MIRRORS (1967), es wird dezidiert durchgespielt von Stephen King in THE DEATH ZONE (1979) und es kommt immer wieder in den Was-wäre-wenn-Szenarien vor, die gern in Bezug auf Adolf Hitler durchgespielt werden: Wenn man 1924, 1931, 1934 gewusst hätte, wohin dessen „Machtergreifung“ führt und die Möglichkeit gehabt hätte, gegen ihn vorzugehen, seinen Aufstieg notfalls mit einem Attentat zu verhindern – wie hätte man gehandelt?

Steinbeis´ Artikel zeichnet sich dadurch aus, daß er sehr genau die verfassungsrechtlichen Schritte aufzeichnet, die dazu führen könnten, daß ein AfD-Kanzler seine Macht ausweitet und mißbraucht. Das ist natürlich ein interessanter Stoff für politologische oder juristische Seminare, es taugt allerdings weniger als Grundlage eines Thrillers. Ob Sander nun eher einen politischen Roman schreiben wollte oder EBEN doch lieber einen Spannungsroman, das sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall ist DIE LETZTE WAHL als Thriller angelegt und als solcher auf Spannungsaufbau angewiesen. So wird hier verfassungsrechtliche Genauigkeit durch Action ersetzt, was dem Roman nicht unbedingt gut bekommt. Denn schlußendlich erscheint die Volkspartei des Buches weniger wie eine Partei, eher wie eine Mafiaorganisation. Und sie greift exakt zu den Mitteln einer kriminellen Vereinigung: Erpressung, Entführung, Raub und schließlich Mord. Dafür hat man stille Handlanger, Söldner, die sich in den Dienst der Sache stellen oder einfach tun, was man ihnen aufträgt. Daß im Hintergrund ein mächtiger Geldgeber agiert, ein Schweizer Magnat, der die Partei nicht nur finanziert, sondern auch deren Geschicke bestimmt, bildet zumindest einen Teil der Realität ab, wird doch immer wieder darüber spekuliert, daß die AfD sowohl aus der Schweiz als auch aus Russland Geldzuwendungen erhalten haben könnte.

Daß Sander explizit auf die AfD abzielt, lässt sich anhand einiger Merkmale im Text feststellen. Der Kandidat Hartwig spricht im Björn-Höcke-Sound, auch wenn er ansonsten eher wenig an den Rechtsaußen der AfD erinnert, der von Thüringen ausgehend die Wende ins Nationalistische und Völkische betreibt. Daß Höcke ein geheimes Verhältnis mit seiner Assistentin unterhält, ist schwer vorstellbar, aber man weiß ja nie. Daß der Kandidat Hartwig ein solches im Roman angedichtet bekommt, ist eher der Konstruktion als Thriller geschuldet – und dem Versuch, einen Rechtspopulisten als besonders verkommen und bigott darzustellen. Sander legt dem Mann allerdings einige Äußerungen in den Mund, die direkt von Höcke übernommen sind. Das restliche Personal der Partei wird weitestgehend ausgespart, lediglich die rechte Hand Hartwigs ist dem mittlerweile aus der AfD ausgeschlossenen Andreas Kalbitz nachempfunden, wobei die realen Machtverhältnisse – folgt man zumindest einigen Journalisten, die sich intensiv mit der Partei beschäftigt haben – hier umgedreht werden. Oft nämlich wurde beschrieben, daß es Kalbitz war, der bspw. den Aufstieg des „Flügels“, jener Fraktion, die maßgeblich für den extremen Rechtsruck verantwortlich zeichnete, vorangetrieben hat. Im Roman ist Kalbitz´ Pendant Georg Rotten ein etwas einfältiger Brutalo, der nur darauf wartet, dem Chef in den Rücken zu fallen. Sonst lernen wir zwar eine Menge Leute aus dem Security-Service der Partei kennen, aber niemanden, der politische Verantwortung trägt. Kein Pendant zu Alexander Gauland, Alice Weidel oder Jörg Meuthen. Damit bleibt die ganze Volkspartei als solche aber ungreifbar, der Roman trotz seiner Thematik seltsam unpolitisch.

Dafür ist Eric Sander aber ein recht guter Thriller gelungen. Das ist nicht immer der Fall, wenn Journalisten ins Roman-Fach wechseln und sich dabei auf ihre eigentliche Profession berufen. Oft gelingen ihnen lediglich holzschnittartige Charaktere, sind die Funktionen, die die Figuren übernehmen, zu eindeutig, Situationen und einzelne Szenen wirken oft gestelzt und auf ihre unmittelbare Wirkung innerhalb einer meist etwas dünnen Story hin konzipiert. Das ist in diesem Fall anders. Die Story ist – bis vielleicht auf das abschließende Viertel, das sehr auf Action, Rasanz und Spannung setzt – klug konzipiert, die Figuren sind glaubwürdig, der Hintergrund wirkt authentisch (was Sander natürlich aus eigener Anschauung sehr genau beschreiben kann). Der Leser fiebert mit, die Handlung wird gut vorangetrieben und baut nachvollziehbar und organisch aufeinander auf, wenig wirkt hier künstlich oder gar über den Leisten gebrochen. Das auf jeden Fall ist ein großer Pluspunkt des Romans.

Nun kann man darüber streiten, wozu ein solcher Polit-Thriller gut sein soll. Soll er warnen? Den Leser tiefer in ein spezifisches Thema einführen oder gar wachsam machen? Wenn dies der Fall wäre, dann müsste man DIE LETZTE WAHL als gescheitert bezeichnen. Politisch ist da zu wenig Tiefgang, es wird nirgends ausgeleuchtet, wie eine Partei wie die im Buch beschriebene Volkspartei es überhaupt schaffen könnte, derart populär zu werden, daß sie nicht nur den Kanzler stellen, sondern möglicherweise mit einer absoluten Mehrheit regieren könnte. Die verfassungsrechtlichen Möglichkeiten, die Steinbeis in seinem Essay sehr genau nachvollzieht und damit auch nachvollziehbar macht, werden hier weitestgehend ausgespart und eher oberflächlich erläutert. Nimmt man den Roman allerdings als Spannungs- und damit auch als Unterhaltungsliteratur, dann kann er bei aller Kolportage, die er betreibt, durchaus überzeugen und vielleicht den einen oder andern Leser, der bisher eher unpolitisch war, zumindest etwas fürs Thema sensibilisieren.

 

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