THE SECRET AGENT/O AGENTE SECRETO
Kleber Mendonça Filho bietet seinem Publikum einen hochkomplexen, hintergründigen Polit-Thriller
Brasilien 1977, während der Militärdiktatur: Der ehemalige Universitätsdozent Armando (Wagner Moura) fährt von São Paulo nach Recife, in seine Heimatstadt. Dort will er seinen Sohn Fernando wiedersehen, der bei den Großeltern lebt. Armandos Frau Fátima (Alice Crvalho) ist nach längerer Krankheit gestorben.
In Recife, wo gerade der Karneval beginnt, findet Armando Unterschlupf bei der alten Dona Sebastiana (Tânia Maria), die in ihrem Haus verschiedene Flüchtlinge beherbergt – darunter auch Thereza Vitória (Isabél Zuaa) und António (Licínio Januário), die vor dem Bürgerkrieg in Angola geflohen sind. Und Armando lernt hier Cláudia (Hermila Guedes) kennen, in die er sich bald verliebt.
Dona Sebastiana ist Kommunistin, die ideologisch gegen die von ihr als faschistisch betrachtete Militärdiktatur eingestellt ist und – erstaunlich angstfrei – ihr Heim für Geflüchtete bereitstellt. Sie verschafft Armando unter seinem Decknamen Marcelo einen Job bei der lokalen Einwanderungsbehörde. Armando möchte hier über seine Mutter recherchieren, an die er nur wenige Erinnerungen hat. Doch gleich an seinem ersten Tag wird Armando Zeuge, wie die Behörde vom lokalen Polizeichef Euclides Cavalcanti (Robério Diógenes) zu einem Polizeirevier umgestaltet wird, da er eine wichtige Zeugin verhören will, die ihre Aussage nur anonym abzugeben gedenkt.
Euclides wird auf Armando aufmerksam und bietet ihm seine Hilfe und Unterstützung an, sollte er diese einmal brauchen. Dabei wird deutlich, dass er ein gefährlicher Mann ist, der willkürlich die ihm verliehene Macht ausübt. Er fährt mit Armando in eine Schneiderwerkstatt, die der deutsche Emigrant Hans (Udo Kier) betreibt, ein jüdischer Emigrant, den die Polizisten jedoch für einen Wehrmachtssoldaten und Ex-Nazi halten. Sie nötigen Hans, ihnen seine von ihnen bewunderte Narben zu zeigen. Armando ist von dem Benehmen der Polizei angewidert, weiß sich ihnen aber nicht zu entziehen.
Armando trifft bei seinen Schwiegereltern endlich seinen Sohn wieder, der ein ausgesprochenes Faible für den gerade in Brasilien angelaufenen Film JAWS zeigt. Die beiden machen einen Ausflug, bei dem Armando Fernando erklären muss, dass die Mutter nicht mehr zurückkehren wird, sie aber in ihrer Erinnerung immer bei ihnen sei.
Euclides und seine Söhne, die er als seine Hilfssheriffs eingestellt hat, werden zur Universität gerufen, wo in einem Haikadaver ein menschliches Bein gefunden wurde. Die Polizisten sind eher daran interessiert, dass das Bein weder dokumentiert wird, noch größere Aufmerksamkeit erregt. Euclides beauftragt seine Söhne damit, das Bein gegen ein abgeschnittenes Rinderbein auszutauschen und dann zu entsorgen. Sie schmeißen es in einen Fluss, doch taucht es wieder auf und findet so seinen Weg in die Boulevardgazetten.
Die dort erzählte Story berichtet davon, wie es an einem Strand angeschwemmt wurde, wo sich vor allem Schwule treffen, die von dem aggressiven Bein angegriffen worden seien. Die abends in Dona Sebastiana zusammensitzende Runde amüsiert sich köstlich, als sie sich vorstellt, wie das abgebissene Bein die Schwulen tritt.
In São Paulo werde zwei Killer – Bobbi (Gabriel Leone) und Augusto (Roney Villela) – von dem ehemaligen Chef der Elektrogesellschaft Eletrobrás Henrique Ghirotti (Luciano Chirolli) auf Armando angesetzt. Ghirotti hat sowohl politische als auch ökonomische und persönliche Gründe Armando nach dem Leben zu trachten: Als damaliger Chef des Konzerns war er 1974 Gast an der Universität, wo Armando als Leiter eines Forschungsprojekts diverse Rechte an Patenten hielt, die Ghirotti gern selbst besäße. Darüber hinaus wollte er – als Vertreter staatlicher Forschungsstellen – der Universität die Gelder ent- und alle akademischen Abteilungen in Rio de Janeiro zusammenziehen.
Vor allem aber kam es bei einem Abendessen, an dem Ghirotti, sein Sohn, Armando und Fátima teilgenommen haben, zu einem Eklat, als Ghirotti Fátima sowohl sexuell, vor allem aber rassistisch beleidigt hatte. Sie hat sich diese Behandlung nicht bieten lassen und erklärte Ghirotti deutlich, was sie von ihm und seinesgleichen hält. Ghirotti hatte dies als persönliche Beleidigung aufgefasst, die er nicht auf sich sitzen lassen darf.
Über einen Kontaktmann erfährt Armando, dass er mittlerweile auf der Liste der Gesuchten steht, die Regierung ihn nicht nur als korrupt denunziert, sondern auch kriminalisiert hat und er auf keinen Fall das Land verlassen darf, da er an den Grenzen wahrscheinlich verhaftet würde.
Armandos Schwiegervater Alexandre (Carlos Francisco) arrangiert in dem Kino, wo er als Filmvorführer arbeitet, ein Treffen mit Elza (Maria Fernanda Candido), die für eine Organisation arbeitet, die Verfolgten des Regimes hilft das Land zu verlassen. Sie berichtet Armando davon, dass Killer auf ihn angesetzt sind und er das Land trotz aller Bedenken verlassen sollte. Sie könne das arrangieren, ihm und seinem Sohn entsprechende Papiere besorgen. Sie nimmt das Treffen auf, um zu dokumentieren, was in Brasilien vor sich geht. Hier berichtet Armando auch von dem Abendessen und den Vorgängen um Ghirotti, die Elza ebenfalls dokumentieren will, um später Anklagen gegen Anhänger und Begünstigte der Diktatur vorbereiten zu können. Armando begreift nicht, weshalb er überhaupt zu den Verfolgten gehört.
In der Gegenwart sitzen zwei Studentinnen in einer Bibliothek und hören die Bänder ab. Sie haben auch eine ganze Reihe von Bändern, die offenbar mit Dona Sebastiana und anderen damals mit Armando befreundeten Menschen geführte Gespräche wiedergeben. Sie untersuchen Elzas Dokumentation der Vorgänge in Brasilien während der Diktatur.
Die Killer sind mittlerweile in Recife eingetroffen, wo sie, anstatt zur Tat zu schreiten, zunächst den Strand und immer wieder gutes Essen genießen. Schließlich wenden sie sich an Vilmar (Kaiony Venâncio), einen lokalen Kleinganoven, und setzen ihn auf Armando an.
Mit Vilmars Hilfe und eigener Überwachung von Alexandre, gelingt es den Killern, Armando zu enttarnen. Vilmar folgt ihm und will ihn töten. Das misslingt, weil Armando sich an Euclides wendet, der solle sich mal um die Verfolger kümmern. Es kommt zu einer Schießerei, bei der einer von Euclides Söhnen und ein weiterer Polizist getötet werden. Auch Bobbi stirbt, nachdem er Vilmar bis in einen Frisörladen verfolgt hatte.
Die Studentin Flavia (Laura Lufési) sucht den nun erwachsenen und als Arzt in einem Zentrum für Blutspenden praktizierenden Fernando (ebenfalls Wagner Moura) auf. Sie hat in Erfahrung gebracht, dass Armando tatsächlich einem Attentat zum Opfer gefallen ist, nachdem die Regierung ihn als korrupten Universitätsprofessor dargestellt hat.
Fernando muss konstatieren, dass er sich nicht an seinen Vater erinnern kann und auch nicht wirklich an dessen politischer Vergangenheit interessiert sei. Seine einzige klare Erinnerung an seine Kindheit sei die an den Besuch des Kinos, das einst genau an der Stelle gestanden habe, wo nun die Blutbank beheimatet sei. Dort habe er mit seinem Großvater JAWS gesehen. Vor der Tür des Zentrums verabschiedet sich Flavia von Fernando und kehrt zurück in ihr Leben.
„Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen“ – es ist eines der berühmtesten Zitate von William Faulkner, es entstammt seinem späten Roman REQUIEM FÜR EINE NONNE (1951) und es passt im Falle des Films O AGENTE SECRETO (2025) von Kleber Mendonça Filho wie die Faust aufs Auge. Denn wie das nur ein Jahr zuvor entstandene, brillante Drama AINDA ESTOU AQUI (2024) von Walter Salles, zeigt dieser Film nicht nur, wie die Vergangenheit immer wieder in die Leben derer eindringt, die sie vielleicht sogar vergessen wollen – oder eben auch nicht -, sondern wie Salles wurde auch Mendonça Filho von der Wirklichkeit eingeholt. Während beide Werke sich mit der brasilianischen Diktatur (1964 – 1985) auseinandersetzen – wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise, hier als Drama, dort als Polit-Thriller –, errang mit Jair Bolsonaro nicht nur ein gern als „Tropen-Trump“ bezeichneter Rechtspopulist das Präsidentschaftsamt, sondern auch ein Mann, der die Diktatur geradezu zurücksehnte. So erhielten beide Filme zusätzliche, sehr zeitgenössische Relevanz. Vielleicht mehr, als die Macher es sich erhofft hätten.
O AGENTE SECRETO erzählt, anders als Salles´ Film, eine fiktive Geschichte, die jedoch, so Regisseur Mendonça Filho, stark von Erinnerungen an seine Kindheit in Recife geprägt sei. Er war zu der Zeit, in der der Film angesiedelt ist – 1977 – neun Jahre alt. Mendonça Filho erzählt seine Story vielschichtig und verschlungen, hintergründig und komplex, manchmal vielleicht etwas unübersichtlich, was allerdings zu der den Film prägenden Atmosphäre des Ungreifbaren, latent Bedrohlichen, manchmal aber auch Grotesken beiträgt. Definitiv entwickelt O AGENTE SECRETO von der ersten Sequenz, den ersten Einstellungen an einen ungeheuren Sog.
Ein Mann kommt an eine Tankstelle, irgendwo in der Pampa, er ist auf dem Weg von São Paulo nach Recife, seiner Heimatstadt. Während der Fahrer wartet, bis sein VW-Käfer betankt ist, wettert der Tankwart über die Behörden, die sich nicht kümmerten: Seit Tagen liegt eine Leiche auf dem Pflaster vor der Tankstelle. Doch als die Polizei auftaucht, kümmert die sich immer noch nicht um den Toten, sondern kontrolliert den Fahrer des VW. Solange, bis dieser einem der Polizisten ein paar Zigaretten zusteckt, sein letztes Geld hat er soeben für die Tankfüllung ausgegeben. Dann darf er weiterfahren.
In diesen kurzen aber eindringlichen Momenten verdeutlichen Buch und Regie – Mendonça Filho war für beides verantwortlich – überzeugend die Lage eines zutiefst korrupten, ja zerrütteten Landes. Da das Regime es verstand, mit europäischen Investoren – darunter vor allem der Bundesrepublik – sehr gute Geschäfte zu machen, hatte Brasilien tatsächlich einen wirtschaftlichen Boom erlebt, moralisch aber war nicht nur die Militärregierung am Ende, sondern letztlich die gesamte Gesellschaft. Ende der 70er Jahre unternahm die Junta erste vorsichtige Schritte Richtung Demokratie, doch sollte es noch bis Mitte der 80er Jahre dauern, bis in freien demokratischen Wahlen der erste zivile Präsident des Landes gewählt wurde. Diese kurzen Augenblicke an der Tankstelle verdeutlichen hingegen, wie Willkür und Schrecken herrschen, mehr noch: Dass eigentlich nur Willkür und Schrecken herrschen. Ein Leben ist hier nichts wert, der Tote liegt da, mit Karton abgedeckt, der Wind und die verwilderten Hunde zerren an ihm. Wer war er? Wir erfahren es nicht, es scheint auch niemanden zu interessieren. Der Tankwart weiß nur, dass er sich vor einigen Tagen mit einem Messer genähert habe, da habe ihn ein Kollege halt erschossen. Die Schreckensherrschaft geht hier – anders als es Salles in seinem Film so intensiv und schwer erträglich darstellte – gar nicht mal so sehr vom Staat aus, den kaum wer wirklich ernst zu nehmen scheint und der in diesem Film auch institutionell außer durch die Polizei nie auftritt, aber eben genau diese Polizisten wirken wie von ihren eigentlichen Aufgaben entkoppelt. Vielmehr scheint hier jeder so zu handeln, wie es gerade für ihn passt, ein jeder scheint seine Position zum eigenen Vorteil auszunutzen. Ein Herrschaftssystem im Endstadium. Vielleicht deshalb erlaubt sich der Regisseur und Drehbuchautor, ebenfalls anders als Salles in seinem Film, die ein oder andere schwarzhumorige Anspielung, den ein oder anderen schwarzhumorigen Ausflug ins eben Groteske.
Es sind aber die Willkür und die damit eng verbundene Korruption die dem Film zugrundeliegenden Themen, die auf unterschiedlichste Art und Weise durchgespielt werden. Armando heißt der Mann, der den VW-Käfer fährt, er sucht Schutz in Recife. Als ehemaliger Universitätsdozent gilt er als subversiv, als Intellektueller ist er dem Regime so oder so verhasst. In Recife will Armando seinen Sohn Fernando wiedersehen, der nach dem Krebstod der Mutter bei den Großeltern verblieben ist. Armando hofft, abtauchen, sein Leben in Frieden leben zu können. Was Armando zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Er wird ganz konkret verfolgt, zwei Killer sind auf ihn angesetzt. Diese wurden von einem Privatmann beauftragt, der an von Armando gehaltenen Patente gelangen will. Als Professor an der Universität in São Paulo, aus seiner Forschungsarbeit, besitzt Armando Rechte an diversen Erfindungen und Entwicklungen. Der Mann, der hinter ihm her ist, der Auftraggeber der Killer, ist ein ehemalige Staatsangestellter, Henrique Ghirotti, der jetzt als Privatier handelt. Erneut ist also reine Willkür im Spiel.
Die Figur des ehemaligen Präsidenten des (real existenten) staatlich geführten Energiekonzerns Eletrobás, der die Killer auf Armando ansetzt, erinnert entfernt an General Ernesto Geisel, der zunächst Karriere beim Militär machte, dann Chef des Ölkonzerns Petrobas wurde und sich 1974 zum Präsidenten wählen, besser: ernennen ließ. Die Verquickung von Staat, Industrie und Militär wird hier zum deutlichsten Zeichen der das Land beherrschenden Korruption. Mit Korrespondenzen und Andeutungen wie dieser, Andeutungen, die nur versteht, wer sich mit der brasilianischen Geschichte gut auskennt (oder, wie im Falle des Rezensenten, im Nachhinein recherchiert), kann der Film auf subtile Art verdeutlichen, wie vielschichtig dieses System aus Korruption, Abhängigkeiten und Repression gewesen ist und wie schwer es von außen zu durchdringen oder gar zu bekämpfen war. Und umso schwieriger es für jene, die in seine Fänge gerieten, gewesen sein muss, sich ihm zu entziehen oder auch nur zu widersetzen. Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, dass die Aufarbeitung der Diktatur in Brasilien nie so eindeutig und umfangreich in Angriff genommen wurde, wie bspw. in Argentinien.
Ein solches System hat seine Augen – und Helfer, sprich: Denunzianten – überall. Als Armando sich an einen Vertrauensmann wendet, der ihm wichtige Informationen mitteilt, müssen die beiden zunächst eine sichere Nummer einrichten, um kommunizieren zu können. Armando schickt dem Vertrauten ein Telegramm, in dem die Nummer steht. Doch der Assistent des Mannes hat das Telegramm geöffnet, bevor er es an ihn weiterreicht. Der Vertrauensmann zeigt sich ob dessen empört. Der Film belässt es dabei, macht aus solch einem Aspekt keinen Handlungsfaden – und liefert doch einen deutlichen Hinweis, dass niemandem zu trauen ist, dass die Gefahr der Denunziation und des Verrats überall lauert. Misstrauen schleicht sich ein und bei den Zuschauer*innen zumindest eine gewisse Verunsicherung. Die wird nicht ausgenutzt, sondern lediglich genutzt, um eine Atmosphäre der Unsicherheit, des Doppelbödigen zu erzeugen. Das reicht Mendonça Filho, mehr muss es nicht sein, hier muss nichts kolportiert, es muss lediglich ein diffuses Gefühl erzeugt werden.
Ein weiteres, sehr gelungenes Beispiel für die systematische und systemische Korruption dieser Gesellschaft ist der Ganove Vilmar, den die etwas arbeitsscheuen Killer, die wir häufiger am Strand und beim Verzehr sehr fettiger und umfangreicher Mahlzeiten sehen, angeheuert haben, um ihren Job zu Ende zu bringen. Er fungiert als eine Art Subunternehmer des Tötens, auf eigene Rechnung und damit auch auf eigene Gefahr. Das Töten, letztlich – einmal mehr – das willkürliche Töten, wird zu einem Franchise-Unternehmen. Reine Ökonomie. In dieser Gesellschaft gibt es keine moralischen Standards, auf die man sich verlassen könnte. Ein Menschenleben zu nehmen, ist eine Frage des Preises. Also handeln, ja feilschen die beiden Killer mit Vilmar, wie sie zuvor mit Henrique Ghirotti um den Preis für den Auftrag gefeilscht haben.
Der Polizeichef von Recife, Euclides, der Gefallen an Armando findet, ist ebenfalls ein Beispiel für Korruption und Willkür. Das Amt, bei dem Armando Arbeit gefunden hat, wird von Euclides und seinen Helfershelfern – seinen Söhnen, die seine persönlichen Assistenten sind – in eine Polizeistation umgewandelt, um eine heimliche Vernehmung durchzuführen, bei der eine Dame der Gesellschaft darüber aussagen soll, wie ein Kind vor ihrer Haustür überfahren wurde. Man möchte verhindern, dass die Dame kompromittiert wird, die durchaus ihren Teil Schuld an dem Unfall hatte. Auch hier: Täuschung und Vertuschung allenthalben. Wer etwas darstellt in der Gesellschaft, der wird geschützt. Das soziale Gefälle ist eindeutig und wird stets markiert. Ghirotti macht bei einem Abendessen, zu dem Armando und seine Frau Fátima ihn vor seinem Besuch an der Universität eingeladen hatten klar, dass er Armandos Frau aufgrund ihrer Hautfarbe und ihrer sozialen Herkunft verachtet, später, bei einer Besprechung mit der Fakultätsleitung an der Universität, der er die Aufträge entziehen will (was er in seiner Doppelrolle als Chef des Konzerns und als Vertreter staatlicher Stellen kann), spielt er den Süden des Landes gegen den in seinen Augen rückständigen Norden aus.
Dass es hier aber nicht nur um ökonomische Interessen geht, wird deutlich, als Euclides Armando bei einer späteren Gelegenheit mitnimmt zu einem deutschen Emigranten, den er zwingt, sich auszuziehen und die Narben vorzuzeigen, die er vermeintlich aus dem Krieg mitgebracht hat. Der Mann versucht sich zu widersetzen, gibt aber nach und entblößt sich. Auch in dieser Szene wird willkürliches Verhalten auf brutale und menschenverachtende Weise vorgeführt. Ein Mann wird gequält und bloßgestellt, einfach, weil man es kann. Wobei die Faszination für die Wunden und Narben eines Weltkriegsveteranen ein gewisses Licht auf Euclides und seine Adlaten wirft. Der Polizeichef erklärt, dass er in dieser Weise, wie der Deutsche es tut, nur mit sich reden ließe, weil der ein tapferer Soldat des Weltkriegs sei. Weder Euclides noch seine Söhne haben begriffen, dass – wie es der Angestellte des Deutschen sagt – dieser ein „Sohn Zions“ sei. Mit dem Begriff „Sohn Zions“ wissen die Polizisten nichts anzufangen, was ein Beispiel für eine gewisse Ungebildetheit gerade in den Institutionen des Staats ist. Sie haben es hier keinesfalls mit einem deutschen Nazi zu tun, ganz im Gegenteil ist es ein geflohener Jude, der hier (erneut) gedemütigt wird.
All diese Formen von Willkür und Korruption verweisen auf einen Staat, der das Gewaltmonopol und damit die Kontrolle längst verloren hat. Es ist ein Staat, der bewusst oder unbewusst sich selbst aufgegeben hat, als er das Wissen, Bildung, Intellektualität aufgegeben hat. Stattdessen lässt man das Volk den Karneval feiern und hält es dadurch ruhig. Tatsächlich ist es nicht einmal die Junta, die hier Terror ausübt; die bleibt eher eine abstrakte Bedrohung, ein weißes Hintergrundrauschen, welches natürlich Terror verbreiten kann, aber nicht mehr in Erscheinung tritt. Es sind konkret die durch das Regime Begünstigten, die ihre Positionen, ihre Stellung, ihren Einfluss nutzen und aus unterschiedlichen Motiven Macht über ihre Mitmenschen ausüben. Doch wird die Situation für alle Beteiligten dadurch immer gefährlicher, da es letztlich keine Regeln mehr gibt, nichts, woran man sich halten kann, um in einem solchen System überhaupt überleben zu können.
Der Polizist an der Tankstelle peppt seinen geringen Lohn etwas auf, womit sein Handeln vielleicht das rational noch nachvollziehbarste Verhalten ist; der Mann, der die Killer engagiert, will an ökonomisch vielversprechende Patente gelangen, will zugleich aber auch Vergeltung, weil er, wie wir in einer Rückblende ja gesehen hatten, von Armandos Frau, die er sowohl rassistisch als auch sexuell beleidigt hatte, zur Rede gestellt wurde. Ein Verhalten, dass ein dem Machismo und also dem Patriarchat verschriebener Mann wie dieser Konzernchef unter keinen Umständen dulden kann. Und der Polizeichef Euclides übt Willkürherrschaft über den von Udo Kier gespielten Hans aus, einfach weil es ihm Spaß macht, ihn in seiner Stellung beglaubigt und bestätigt. Das hat etwas Sadistisches. Allerdings etwas kindlich Sadistisches, wenn diese Männer wie Kinder darauf drängen, die Narben an Hans´ Bein sehen zu dürfen. Es wird treffend veranschaulicht, wie Macht, auf welcher Ebene auch immer, in Menschen die dunkelsten und bösartigsten Seiten hervorbringt. Oft ohne ersichtlichen oder gar nachvollziehbaren Grund. Es ist übrigens Kier, es ist seinem Schauspieltalent zu verdanken, dass wir hier auch eine Form des Widerstands erleben, die ebenfalls schwer zu greifen ist. Denn dieser Mann tut, wie ihm geheißen und entzieht sich doch auf eine ganze eigene, würdevolle Art der über ihn ausgeübten Gewalt.
Drehbuch und Regie gelingt es auf hintersinnige und manchmal dann drastisch konkrete Art und Weise, all diese Themen und Themenkomplexe auszuarbeiten, miteinander zu verweben und gelegentlich schockierend darzustellen. Korruption und die Willkür der Mächtigen, Rassismus, Sadismus, eine Kultur des Machismo, die ökonomische Seite eines solch gearteten Systems: All das wird hier gezeigt und einbezogen. Es wird auf äußerst komplexe Weise vermittelt, wie dieses System funktioniert und wie sich all diese Ebenen gegenseitig bedingen.
Letztlich zeigt Mendonça Filho dann auch, wie selbst die korrumpiert werden, die sich dem System zu entziehen suchen. Als Armando, dem eine Flucht ins Ausland in Aussicht gestellt wird, die Schlinge enger werden spürt, nutzt er die Kontakte zu Euclides und bittet ihn, sich seine Verfolger einmal näher anzusehen. Dabei kommen nicht nur zwei der Polizisten ums Leben, sondern auch Vilmar, der Mörder, sowie einer der angeheuerten Killer. Es läuft am Ende auf ein Nullsummenspiel hinaus, das nur gewinnen kann, wer skrupellos und brutal vorgeht. Und, wenn man ehrlich ist, gewinnt es nicht einmal der Skrupelloseste oder Brutalste. Aber – und das ist die bittere Pointe dieses Films – das System aus Korruption und Verrat verschlingt letztlich eben jeden, nicht nur die, denen es nutzt, sondern eben auch jene, die es verfolgt und die sich ihm widersetzen.
Mendonça Filho schneidet mehrfach zunächst unverständliche Szenen mit zwei jungen Frauen in die laufende Handlung, die aber – durch die Rechner, die sie nutzen, durch die Handys, mit denen sie arbeiten – eindeutig in unserer Gegenwart verortet werden. Es handelt sich um zwei Geschichtsstudentinnen, von denen eine, Flavia, durch die Geschichte, die sie recherchiert – die späten Jahre der Diktatur, sie hört Bänder ab, die offenbar bei einer Untersuchung erstellt wurden, die im Film behandelten Geschehnisse betreffend – stark mitgenommen ist und Kontakt zu Armandos Sohn aufnehmen will. Wie nebenbei, ohne dass dies Im Bild gezeigt würde, lediglich das Zeitungsfoto seiner blutigen Leiche bekommen wir zu sehen, erfahren wir so, dass auch Armando seinen Häschern letztlich nicht entkommen konnte. Er wurde auf offener Straße erschossen. Als Flavia Armandos Sohn Fernando aufsucht – er arbeitet mittlerweile als Arzt – zeigt sich dieser wenig interessiert an der Geschichte seines Vaters, den er ja kaum gekannt habe.
Diese letzte Episode des Films, die wie ein offenes Ende wirkt, thematisiert dann gekonnt den schleppenden Umgang, die wenig engagierte Aufarbeitung der Jahre der Diktatur in Brasilien. Die beiden Studentinnen wühlen sich offenbar durch noch nicht digitalisiertes Material, stoßen dabei aber auf Tonbandaufzeichnungen, die u.a. Armandos Gespräch mit den Untergrundagenten wiedergeben, jenen Leuten, die ihn außer Landes bringen sollten. Es wird deutlich, dass sich bisher kaum jemand für all diese Begebenheiten interessiert hat. Und selbst die Angehörigen – Fernando wirkt dieser jungen Frau gegenüber seltsam distanziert, freundlich aber distanziert – scheint das Schicksal der ihren nicht wirklich zu interessieren oder gar zu berühren. Eine abgestumpfte Gesellschaft ist das, eine Gesellschaft, die von Gewalt und Terror geprägt ist. Und in der jene, die überlebt haben, einfach froh scheinen, ihr Leben unbehelligt weiterleben zu können. Kein gutes Zeugnis, dass der Regisseur seinen Landsleuten da ausstellt.
Erzählt wird all das in ausgewaschenen Farben, der Film vermittelt den Eindruck, in den 70er Jahren entstanden zu sein. Kamerafrau Evgenia Alexandrova verharrt oft in Totalen, die uns weitwinklige Panoramabilder bieten, bei Innenaufnahmen nutzt sie die Handkamera, um uns unmittelbar ins Geschehen zu versetzen. Gerade diese Aufnahmen haben oftmals fast dokumentarischen Charakter. Generell erzählt Mendonça Filho seine Geschichte eher ruhig, er lässt sich Zeit und findet doch ein Tempo und einen Rhythmus, die Spannung erzeugen und diese aufrechterhalten. Auch die Bilder, ebenfalls eher ruhig gehalten, in denen die Kamera zumeist nur wenig bewegt wird, tragen zu diesem Eindruck bei. Wenn die Kamera dann beweglicher wird – auch hier häufig mit Einsatz der Handkamera – spürt das Publikum den Unterschied deutlich, wird geradezu aufgerüttelt. Auch diese Sequenzen vermitteln einen dokumentarischen Eindruck. Dieser quasi-dokumentarische Stil hat allerdings auch den Effekt, dass wir als Publikum das Geschehen mit einer gewissen Distanz betrachten. Als ahnten wir, worauf das hinauslaufen muss und wappneten uns, indem wir uns nicht allzu sehr auf das Schicksal der Figuren einlassen. Das unterscheidet Mendonça Filhos Film grundlegend von Walter Salles Werk. Obwohl auch letzteres dokumentarisch, geradezu authentisch wirkt, führt Salles uns doch sehr nah an seine Figuren heran und lässt uns so ihr Leiden teilen. Mendonça Filho hält einen gewissen Abstand zu den Figuren und dem Geschehen, dem sie ausgesetzt sind.
Stilistisch bedient Mendonça Filho sich dabei unterschiedlichster Stilmittel. In der Montage arbeitet er disruptiv, wenn er die Zuschauer*innen bspw. lange im Dunkeln lässt, dass er die Geschichte in einer ellenlangen Rückblende erzählt und was es mit den beiden jungen Frauen auf sich hat, die die Bänder abhören. Diese Momente, oft nur wenige Augenblicke lang, stören bewusst den Sehfluss, Vieles wird über Zeitungsauschnitte und mitgeschnittene Tonbänder vermittelt, bevor man wieder in das Szenario in Recife versetzt wird, als sei nichts gewesen. Der Film wurde öfter als schwarzhumorig bezeichnet, was nicht wirklich einleuchtet. Es gibt, gerade in den Dialogen, immer mal wieder komische Momente, aber zeugen sie eher von Galgenhumor im Angesicht des Schreckens. Wahr ist, dass bspw. die Darstellung der Killer, es wurde weiter oben bereits angedeutet, insofern komisch ist, weil sie selbstgefällig und faul dargestellt werden, wodurch die eine seltsame Punk-Attitüde entwickeln. Als hätten auch sie keine Lust mehr, sich mit all dem zu beschäftigen. Am Strand liegen und ein leckeres Essen genießen scheint nicht nur mehr Spaß zu machen, sondern es macht auch mehr Sinn. Doch lockern all diese hintergründig komischen Aspekte die Handlung allenfalls auf, lustiger wird sie dadurch nicht. Dies ist ein Drama, es ist sogar ein Thriller. Ein Polit-Thriller.
Die einzige Sequenz, die tatsächlich einem tiefschwarzen Humor frönt, fast an die grotesken Ideen einiger Sketche der Monty-Python-Truppe erinnert, ist eine zur Farce übersteigerte Verfolgungsjagd, die ein abgetrenntes Bein sich mit einigen schwulen Männern in einem Park liefert. Das Bein wurde im Magen eines Hais gefunden und Euclides und seine Leute sind sehr darum bemüht, es aus der Pathologie zu entfernen. Es wird angedeutet, dass die Extremität möglicherweise von jemandem stammt, den die Polizisten haben verschwinden lassen. Im historischen Kontext ist dies eine bitterböse Anspielung auf die Maßnahme der Folterknechte des Regimes, die Leichname ihrer Opfer oftmals im Meer zu versenken. Hier taucht also – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Beweis auf denkbar ungünstige Art und Weise wieder auf und bringt die Polizei in die Bredouille. Der Angriff des Beins auf die Männer in einem Park, der dafür berüchtigt ist, ein Schwulen-Treffpunkt zu sein, entspringt jedoch der Fantasie von Armados Mitbewohnern, die sich die Geschichte vom im Park aufgetauchten Bein aus einem Revolverblatt vorlesen und ausmalen, wie das ausgesehen haben mag. Der Film bebildert diese Idee und liefert damit eine regelrechte Unterbrechung „des Programms“ – eine Erleichterung auch für die in Dona Sebastianas Haus versammelten Flüchtigen. Ein kurzer Moment des befreiten und befreienden Lachens.
Die disruptive Erzählstruktur setzt sich auch im abrupten Ende der eigentlichen Handlung nach dem versuchten Mord an Armando und der Auflösung seiner Flucht durch Flavia fort, mehr als 25 Jahre nach der eigentlichen Handlung des Films. Auch dieser Dreh ist verstörend. Als würde uns bewusst ein wesentlicher Teil der Handlung, der Geschichte, der wir die ganze Zeit so aufmerksam folgen, vorenthalten. Doch bleibt O AGENTE SECRETO bis zum Schluss spannend und bindet die Aufmerksamkeit des Publikums. Er wird dem Genre des Thrillers gerecht, keine Frage. Dabei gelingen Mendonça Filho eine authentische Atmosphäre, immer wieder auch authentisch wirkende Szenen und Momente. Das hat sehr viel mit den manchmal fast nebensächlich wirkenden, Alltagsdinge verhandelnden Dialogen zu tun, aber nicht nur. Die Set Dekorateure haben sich immens viel Mühe gegeben, Requisiten und Kulissen so zeitgetreu wie nur irgend möglich zusammenzustellen und zu gestalten, oftmals fühlt man sich – auch ohne Brasilien zu kennen – in jene Tage der späten 70er versetzt.
Dazu trägt – natürlich – auch die Leistung der Schauspieler bei. Allen voran Wagner Moura, der nicht nur Armando, sondern auch dessen Sohn Fernando als Erwachsenen in der Schlusssequenz spielt. Zurückhaltend und doch die Dringlichkeit des Anliegens dieses Mannes vermittelnd, zwischen Angst und dem Versuch, sich zumindest gegenüber dem Sohn, damals kaum älter als sechs Jahre, als stark zu erweisen, bewegt sich Moura höchst gekonnt auf einer breiten emotionalen Skala. Man nimmt ihm diesen Mann von der ersten Minute an ab. Seine Angst vor den Polizisten an der Tankstelle, zugleich aber auch eine gewisse resignative Haltung, die es ihm relativ entspannt erlaubt, darauf zu verweisen, dass er kein Geld mehr habe. Seine Trauer um seine Frau und zugleich der Versuch, seinem Sohn gegenüber Stärke und doch auch Feingefühl zu beweisen. Die Wut, dass man seine Reputation zerstört, seinen Ruf beschädigt, ihn als korrupt hinstellt in einer Welt, in der nahezu alle korrupt sind. Und dann die Angst als er erfährt, dass man ihm tatsächlich nach dem Leben trachtet.
Auch die Nebendarsteller sind meist brillant. Die Flüchtlingsgemeinschaft, die sich bei der alten Dona Sebastiana, gespielt von Tânia Maria, einfindet, ist überzeugend ausgesucht und dargestellt. Durch die Bank weg sind dies alles gute bis sehr gute Schauspieler, die ihre Rollen perfekt auszufüllen verstehen. Dabei aber immer wirken, als habe die Casting-Abteilung auf talentierte Laiendarsteller gesetzt, denn all diese Figuren vermitteln ebenfalls eine ungeheure Authentizität. Das trifft vor allem auf die Bewohner von Dona Sebastianas Haus zu, aber auch auf Protagonisten, die im Film gar keine so große Rolle einnehmen, in den Momenten, in denen sie auf der Leinwand zu sehen sind aber wichtige Funktionen haben und entsprechende Wirkung erzielen. Dazu gehören Armandos Schwiegereltern ebenso, wie die Mitarbeiter im Kino, in dem Alexandre, Armandos Schwiegervater, arbeitet und wo er ein Treffen arrangiert mit den Vertretern der Untergrundorganisation, die ihm Papiere verschaffen soll.
Es ist das Zusammenwirken all dieser Einzelheiten und Einzelteile und Einzelfaktoren, die O AGENTE SECRETO zu einem so überzeugenden und oft auch eindringlichen Film machen. Es wäre ungerecht, ihn gegen Walter Sellas sich an authentischen Ereignissen orientierenden Film auszuspielen. Vielmehr sollte man beide Werke als sich ergänzend wahrnehmen. Dass AINDA ESTOU AQUI vielleicht ein Mehr an Emotionalität bietet, macht O AGENTE SECRETO durch Spannung und eine filmisch hochkomplexe Erzählstruktur, die das Publikum immer wieder herausfordert, wieder wett. Jeder der Filme kann für sich stehen und jeder der Filme kann für sich be-stehen. Beide sind – durch die Vorgänge in Brasilien zur Zeit ihrer Entstehung – auf ihre je eigene Art und Weise relevant und brisant. Und beide sind sehr, sehr sehenswert.