VERSCHWÖRUNG GEGEN AMERIKA/THE PLOT AGAINST AMERICA
Aus gegebenem Anlass: Eine Neu-Lektüre dieses Romans aus dem Jahr 2004
Bei sogenannten Was-wäre-wenn…-Geschichten sträuben sich den meisten – zugegeben nicht allen, aber eben doch den meisten – Historikern die Haare, halten sie sich doch lieber an Fakten. Anders sieht es bei Künstlern, bei Schriftstellern aus, ist die Frage doch immer verlockend. Man kann mit den Fakten jonglieren, kann sich alternative Geschichtsverläufe ausdenken, kann mit realen Figuren der Geschichte spielen. Stephen King nahm sich eines solchen alternativen Szenarios in DER ANSCHLAG (2011) an, als er den Helden seiner Geschichte per Zeitloch in die frühen 60er reisen und das Attentat auf den amerikanischen Präsidenten Kennedy verhindern ließ. Ein eher harmloser Spaß, bei dem man sich fragte, weshalb man, wenn man schon eine solche Möglichkeit hat, ausgerechnet den Mord an Kennedy verhindern wollte, aber das ist eine andere Geschichte. Eine Variante zu dem Zeitreisemotiv ist die Idee, von einem tatsächlichen historischen Zeitpunkt aus die Geschichte einfach anders verlaufen zu lassen. Robert Harris spielte in seinem Polit-Thriller VATERLAND (1992) mit dieser Möglichkeit, indem er das Deutsche Reich unter Adolf Hitler den 2. Weltkrieg gewinnen ließ. So grausig die Ausgangslage des Romans auch gewesen sein mag, letztlich diente das Szenario einem Spannungsroman; wenn auch einem um Aufklärung und – soweit möglich – historische Genauigkeit bemühten.
Die Idee einer Alternativgeschichte ist immer schon verführerisch gewesen, es ist kein postmodernes Phänomen. Gerade für amerikanische Autoren, die sich kritisch mit der US-amerikanischen Gesellschaft auseinandersetzten. Sinclair Lewis war ein solch ebenso wacher wie kritischer Beobachter seiner Zeit, ursprünglich durchaus dem America First Committee zugeneigt – einer isolationistischen Vereinigung, der der Nazi-Freund Charles A. Lindbergh nahestand und auf die, wie auf Lindbergh, später zurückzukommen und noch genauer einzugehen sein wird –, da er gegen den Kriegseintritt Amerikas war, dann aber mehr und mehr davon überzeugt, dass die USA dem Diktator Hitler entgegentreten müssten. Durch seine Frau Dorothy Thompson durchaus mit den Zuständen in Hitler-Deutschland vertraut, veröffentlichte er 1935 den Roman DAS IST BEI UNS NICHT MÖGLICH (IT CAN´T HAPPEN HERE), in dem er detailliert beschreibt, wie es einem amerikanischen Populisten gelingt, das Präsidentenamt zu erobern und sich dann zum Despoten entwickelt.
Lewis nahm dabei Bezug auf Huey Long, einem der Demokratischen Partei angehöriger Populist, der es ins Amt des Gouverneurs des Staates Louisiana brachte, anschließend in den US-Senat gewählt wurde und bis heute als eine der umstrittensten aber auch faszinierendsten Figuren der amerikanischen Politik gilt. Obwohl ursprünglich mit nahezu sozialistischen Ideen (Share our Wealth!) angetreten und während seiner Amtszeit auch immer darum bemüht, durch den Ausbau der Infrastruktur Verbesserungen für die Bevölkerung zu bieten, entwickelte Long sich zu einem Hetzer gegen Minderheiten – vor allem gegen Schwarze und Juden – und legte zusehends autoritäre Züge an den Tag.
Robert Penn Warren spielte in seinem Roman DAS SPIEL DER MACHT (ALL THE KING´S MEN; 1946) ebenfalls mit einem Was-wäre-wenn-Szenario, in welchem er auf Long Bezug nimmt. Sein Buch stellt deutlich die Möglichkeit in den Raum, dass die Amerikaner, gerade im Süden der Vereinigten Staaten, immer schon für faschistisches Gedankengut anfällig waren. Mehr noch aber arbeitet er – erstaunlich gegenwärtig, wenn man die aktuelle Politik gewisser rechtsgerichteter Parteien und Politiker verfolgt – überaus genau heraus, mit welchen Mitteln es Populisten gelingt, Stimmenmehrheiten zu erwerben und somit auf demokratischen Wegen an die Macht zu kommen. Nur, um anschließend die Demokratie auszuhöhlen. Warrens Roman wurde gleich zweimal – 1949 und 2006 – verfilmt. Robert Stone griff die Thematik später in seinem Debutroman ZERRSPIEGEL (A HALL OF MIRRORS; 1967) auf und vermischte sie mit damals aktuellen Aspekten der Gegenkultur und den aufkommenden rechtsgerichteten Radiosendern. Ein eindringlicher Roman.
Doch sind beide Werke – Warrens wie Stones – keine reinen Was-wäre-wenn-Geschichten, arbeiten sie sich doch immerhin an realen Zuständen ab, die sie fiktional weiterdenken. Das sah bei Lewis definitiv anders aus. Als Zeitgenosse, der, wie ja beschrieben, ursprünglich gegen eine Einmischung der USA in europäische Belange eintrat (und der – Ironie der Geschichte – später einen Sohn bei den Kämpfen in Frankreich 1944 verlor), wollte er mit seinem Roman eindeutig vor einem aufsteigenden Faschismus in den USA warnen. Und er sah in einer Figur wie Huey Long bereits das Potential für den entsprechenden Typus.
Umso interessanter, dass er die Gefahr, die ein Mann wie Charles A. Lindbergh verkörperte, nicht gesehen haben sollte, ihm in seinem Roman keine zentrale Rolle zukommen lässt; vielleicht war es der Zeitgenossenschaft geschuldet, wollte er sich nicht mit dem realen und sehr beliebten Flieger anlegen. Lindbergh, berühmt als erster Mensch, der den Atlantik im Alleinflug überquerte, bedauert als Vater des durch die Entführung zu trauriger Bekanntheit gelangten Babys, war ein überzeugter Antisemit und in den späten 20er und den 30er Jahren ein glühender Anhänger der Nazis. Er reiste mehrfach nach Deutschland und nahm von Hermann Göring das Großkreuz des Deutschen Adlerordens entgegen. Eine – zumindest politisch betrachtet – zwielichtige Gestalt, die auch nach dem Kriegsausbruch bei ihrer isolationistischen Haltung blieb und aufgrund ihrer früheren Verbundenheit mit dem Nazi-Regime nur eingeschränkt am Kriegsdienst teilnehmen durfte, da die Roosevelt-Administration ihm nicht wirklich über den Weg traute.
Es ist dieser Charles A. Lindbergh, der als historische Figur der Ausgangspunkt der Was-wäre-wenn-Story wird, die der amerikanische Nicht-Nobelpreisträger Philip Roth in VERSCHWÖRUNG GEGEN AMERIKA (THE PLOT AGANIST AMERICA, Original erschienen 2004; Dt. 2005) seinen Leser*innen vorlegt. Was all die oben genannten Bücher miteinander und bei aller Unterschiedlichkeit eben auch mit Roths Roman verbindet ist die Kolportage mit all ihren Vor- und Nachteilen und zweifelsohne auch die unbedingte Lust an der Kolportage. Was Roths Roman von Lewis´ unterscheidet – dem er sicher nicht nur in der literarischen Klasse am nächsten, gar überlegen ist -, ihn zugleich näher zu Harris führt, dem er literarisch meilenweit überlegen ist, ist der Zeitpunkt der Niederschrift und damit der Kenntnisstand. Wie Harris´ Roman ist auch VERSCHWÖRUNG GEGEN AMERIKA nicht nur nach dem Krieg, sondern nach Dekaden der Forschung zum Krieg und dem Holocaust entstanden. Lewis war ein Zeitgenosse, was seinem Roman die Dringlichkeit und auch die Empörung, die bei der Lektüre zu spüren ist, verschafft. Roth schreibt aus der Perspektive desjenigen, der sich auf Akten, Dossiers, Dokumentationen und vor allem Zeugenaussagen stützen kann. Das hat Vor-, aber auch spürbare Nachteile.
Angelegt ist der Roman als Kindheitserinnerung eines Mannes – eindeutig Philip Roth, so wird er im Roman mehrfach genannt, so wie auch die Familie mehrfach mit „Roth“ angesprochen wird, im Guten wie im Schlechten -, der rekapituliert. Das erlaubt dem Ich-Erzähler größtenteils aus der Perspektive eines aufgeweckten Neunjährigen zu erzählen, die Erzählung aber auch immer wieder mit Abschweifungen zu unterbrechen, die aus einer konkreten Situation, die beschrieben wird, in Erklärungen führt, wie sich gewisse, meist politische Aspekte, später entwickelt haben. Das artet gelegentlich in Mammutsätze aus, die durchaus auch mal eine halbe Seite einnehmen und aufmerksames Lesen erfordern. Und der Roman lässt bei seinem Publikum gelegentlich den Eindruck entstehen, einem Pro-Seminar zu alternativen Geschichtsentwicklungen beizuwohnen.
Als erfahrener Leser kennt man die Schwierigkeiten, die die Kind-Perspektive oft mit sich bringt. Kann ein so junger Mensch wirklich so viel verstehen, wie er vorgibt, verstanden zu haben? Kann sich ein Erwachsener wirklich so genau an jede Unterhaltung, jede Situation, jede Entwicklung erinnern und kommt uns allen nicht gerade bei unseren Kindheitserinnerungen immer etwas Verklärendes, manchmal auch etwas Vereinfachendes in die Quere? Die Kinderperspektive als subjektive Erzählstimme bringt so ihre Schwierigkeiten mit sich. Nun ist Philip Roth so oder so ein Meister der prekären Erzählerposition. Sein Alter Ego Nathan Zuckerman, der die Leser*innen durch so viele von Roths Romanen begleitet, fehlt hier. Roth erzählt aus seiner Kindheit, die er offenbar recht genau rekapituliert, wodurch der Roman starke autobiographische Züge bekommt. Newark, New Jersey in den 40er Jahren – der Roman spielt im Zeitraum von etwas über zwei Jahren, Juni 1940 bis in den Oktober 1942 –, in den Arbeiter- und Kleinbürgervierteln, hier ein stark jüdisch geprägtes, wobei das Jüdisch-Sein nur eine untergeordnete Rolle spielt, die Bewohner definieren sich mehr über ihre Arbeit, über den Sport und die Mannschaften, die sie unterstützen und darüber, wer mit wem wie befreundet ist. Roth zeichnet ein sehr authentisches Bild jüdischen Lebens, das sich deutlich von jenem Upper-Class-Judentum unterscheidet, dass bspw. ein Saul Bellow in seinen Roman häufig beschreibt. Hier, in Roths Umkreis, gibt es keine Intellektuellen und der einzige intellektuell angehauchte, Rabbi Bengelsdorf, entpuppt sich dann als tatsächliche Bedrohung.
Denn in dieses Leben, das Philip Roth do anschaulich beschreibt, bricht die Katastrophe der Wahl von 1940 ein, die Charles A. Lindbergh als Kandidat der Republikaner gewinnt. Viel wird in den Küchen der Menschen in diesen Vierteln schon über die Kandidatur diskutiert und über die Art und Weise, wie der Roman-Lindbergh seinen Wahlkampf führt – er fliegt mit seiner berühmten Maschine kreuz und quer durchs Land, landet mal hier, mal dort, hält eine kurze, meist nicht sonderlich politische Ansprache an die, die sich versammelt haben, und bricht dann wieder auf in die Lüfte über Amerika. Als er die Wahl gegen Franklin D. Roosevelt gewinnt, gibt es schnell zwei Fraktionen unter der jüdischen Bevölkerung: Einmal jene, die, wie Rabbi Bengelsdorf, der schon während des Wahlkampfes die Nähe von Lindbergh suchte, den neuen Präsidenten unterstützen, und jene anderen, die nun das Schlimmste befürchten. Denn sie haben wache Augen und Ohren und haben verstanden, wie Hitler gegen die Juden Europas vorgeht. Und dass Lindbergh – auch im wahren Leben, nicht nur im Roman, eben ein überzeugter Antisemit – gut mit der deutschen Regierung kann.
Roth muss zwangsläufig eine ganze Geschichte um diese Kandidatur und ihr Ergebnis aufbauen, die es erlaubt, glaubwürdig nachzuvollziehen, wie Lindbergh sich mit Hitler auf Island trifft, welche Abkommen sie miteinander vereinbaren und welche Auswirkungen dies auf die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten hat. Er hält sich dabei an realistische Szenarien, die durchaus nachvollziehbar sind. Spät im Buch lässt er dann die Zügel schießen und tischt seinen Leser*innen eine wilde Räuberpistole auf, um irgendwie mit dem Ende des Romans wieder auf die „wirkliche“ Geschichte zurückzukommen, in der es Roosevelt gegen alle isolationistischen Widerstände gelang, die USA in den Krieg zu führen. Dieses Ende wirkt entsprechend aufgesetzt, man hat den Eindruck, dass der Autor irgendwie in die Spur zurückfinden und zum Ende – letztlich zum guten Ende – kommen will. Doch lange, sehr lange kann Roth sein Spiel spielen und gelingt es ihm, das Publikum zu fesseln.
Dazu changiert er zwischen der großen Geschichte – an welche die Familie Roth dadurch angeschlossen ist, dass Tante Evelyn, die Schwester der Mutter, Rabbi Bengelsdorf heiratet – und den Ereignissen, die die Roths unmittelbar auf der alltäglichen Ebene betreffen. Die Figur der Tante Evelyn fungiert als Schnittstelle beider Ebenen. Sie begleitet ihren Gatten zum Diner ins Weiße Haus, sie vertritt sehr lange seine Thesen zur Assimilation und ist, weil sich Vater Roth als wenig willfährig erweist, mit dafür verantwortlich, dass die Roths in einem Verschickungsprogramm landen, dass die Familie nach Kentucky führt. Ein Programm, das bewusst dafür sorgt, die jüdischen Gemeinden zu zerstören und einzelne Familien in Gegenden zu versetzen, die ihnen fremd sind und wo sie zweifelsfrei als Fremde wahrgenommen werden. Offiziell als „Assimilationsprojekt“ bezeichnet, dient es tatsächlich dazu, die Juden zu vereinzeln und leichter kontrollierbar zu machen. Vater Roth kann dem entgehen, indem er seinen sehr gut dotierten Job bei einer Versicherung kündigt und fürderhin für seinen Bruder Monty, einen Großmarkthändler, die Nachtschichten schiebt. Leider hat der kleine Philip inzwischen bei Tante Evelyn dafür gesorgt, dass die Familie, die neben ihnen wohnt und deren Sohn Seldon an ihm klebt wie eine Klette, ebenfalls nach Kentucky verschickt wird. Während die Roths schließlich in ihrer gewohnten Umgebung verbleiben können, verschlägt es Seldon und seine Mutter – der Vater ist an Krebs gestorben, was Philip und seine Kameraden aber nicht davon abhält, hartnäckig daran zu glauben, er habe sich in der Garderobe erhängt – also nach Kentucky.
Es ist der literarischen Meisterschaft des Nicht-Nobelpreisträgers Philip Roth geschuldet, dass das Publikum hier nicht nur eine höchst alarmierende Alternativ-Geschichte eines sehr wesentlichen Abschnitts der jüngeren amerikanischen Geschichte geboten bekommt, die tatsächlich in eine, wenn auch nur kurze Zeit währende Diktatur mündet, darüber hinaus einen authentischen Abriss jüdischen Alltagslebens in einer Zeit, die vielen nicht mehr sonderlich gegenwärtig ist, womit er zugleich sehr viel über die amerikanische Identität erzählt, sondern auch noch einen sehr glaubwürdigen und teils erschreckenden Einblick in die kindliche Psyche.
Wie er immer wieder die Bedürfnisse und die Befindlichkeiten dieses Kindes aus subjektiver Sicht schildert, das mag nicht glaubwürdig sein, weil sich niemand derart genau erinnern kann, was er mit neun Jahren gedacht hat, wie er auf Dinge reagiert hat, die er – wie der Philip des Buchs auch unumwunden zugibt – teils gar nicht versteht, aber es ist psychologisch genau und deshalb wahrhaftig. Wie Kinder halb Verstandenes in der Phantasie aufbauschen und umbauen, wie sie sich passende Narrative basteln, wie schwierig der Verlust des Vertrauten ist – hier ist es Philips Bruder Sandy, ein begnadeter Zeichner, der die Angebote des Rabbi Bengelsdorf annimmt und über den Sommer nach Kentucky geht, um dort auf einer „christlichen“ Farm auszuhelfen und in Philips Augen völlig verwandelt, ja „bekehrt“ zurückkommt; aber auch der drohende Umzug der Familie in ein ländliches Amerika fürchtet Philip – und wie stark kindliche Abneigung werden kann, auch wenn sie irrational ist – Seldon, um den sich Philip kümmern soll, ist der andere Junge doch einsam – das vermittelt Philip Roth bravourös. Und ebenso bravourös vermittelt er die mit all diesen übergroßen Gefühlen – zu groß für einen Neunjährigen – verbundenen Schuldgefühle. Es ist feines Garn, dass der große Literat Philip Roth da spinnt.
Vielleicht wäre das alles noch feiner gewesen, wenn er die eigentliche Handlung des Buchs wegelassen hätte. Einfach eine authentische Geschichte aus seiner Kindheit erzählt hätte. Aber dann wäre es natürlich ein vollkommen anderes Buch geworden über das man anders sprechen müsste. So also ist es der Bericht der „Verschwörung gegen Amerika“ oder, wie es der Originaltitel sagt: „The Plot against America“. Der Originaltitel ist sehr viel passender als die deutsche „Verschwörung“, weil er vieldeutig ist und damit die Kritikpunkten, die man gegen diesen Roman vorbringen kann, bereits bedenkt. „Plot“ ist durchaus mit „Verschwörung“ oder „Komplott“ übersetzbar, allerdings würde man im Englischen, wollte man es derart genau und direkt ausdrücken, wohl eher von „Conspiracy“ sprechen. „Plot“ meint auch schlicht die Handlung, die Erzählung, den Aufbau einer Erzählung.
So gelesen ist der Titel sehr viel hintersinniger und trägt bspw. der doch sehr einer Farce ähnelnden Auflösung am Ende des Buchs Rechnung, die wirklich einem schlechten Groschenroman entnommen scheint. Die aber auch dem Geschilderten viel von dem Schrecken nimmt, der da verbreitet wurde und somit durchaus auch eine Hommage an ein Amerika ist, dem der Autor vertraut. Einem Amerika, von dem man im Jahr 2004 eben – trotz Bush Jr. und seinem Hofstaat, den Rumsfeld, Chaney und Rice und wie sie alle hießen, einer Truppe, die damals schon ein schwer gestörtes Verhältnis zum Rechtsstaat hatte – noch glauben konnte, dass die „checks and balances“, dass das Gleichgewicht der Kräfte, dass die innere Konstruktion dieser ältesten Demokratie der Neuzeit funktioniert.
Der Begriff der Handlung erklärt auch scheinbare Kleinigkeiten, Nebensächlichkeiten wollte man meinen, die vielleicht nicht direkt bei der ersten Lektüre auffallen. So wird mehrfach, in den späteren Kapiteln des Buchs, der Ku-Klux-Klan erwähnt. Der stellt die Rädelsführer bei den Pogromen gegen Juden, welche die USA erschüttern, nachdem der jüdische Radiomoderator Walter Winchell – den es, wie nahezu alle Figuren, die hier auftreten oder Erwähnung finden, tatsächlich gegeben hat, den Roth einem Attentat zum Opfer fallen lässt, während der reale Walter Winchell erst 1972 das Zeitliche segnete – seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gegeben hat. Neben dem Klan sind es die Anhänger des weiter oben erwähnten America First Committee und jene des „Amerikanischen Bundes“, die sich hier besonders hervortun. Letzterer wurde von dem deutschstämmigen Fritz Julius Kuhn geführt und war im Grunde ein amerikanischer Ableger der NSDAP. Natürlich zutiefst antisemitisch. Doch der Klan richtete seine ganze Energie zwar immer schon auch gegen Juden oder Katholiken, vor allem aber gegen Schwarze. Schwarze kommen bei Roth aber zu gut wie gar nicht vor. Er verengt den Blick auf die Juden und wie die Regierung Lindbergh, die tatsächlich keine diktatorischen Züge, allerdings autoritäre trägt – die Diktatur kommt, allerdings nur für sehr kurze Zeit, nachdem Lindbergh auf so seltsame Art aus dem Romen entschwunden ist – nach und nach gegen die Juden vorgeht.
Das verstärkt den Eindruck, dass Roth eine grundlegende Warnung an seine Landsleute und damit ein ausgesprochen amerikanisches Buch schreiben wollte. Zu diesem Eindruck trägt auch bei, dass einige der Figuren sehr funktional, eher als Zeichen, denn als lebensechte Protagonisten angelegt scheinen. Lindbergh bleibt im Buch ein Schatten. Er tritt zwar hier und da direkt auf, doch erleben wir ihn im Grunde nicht, wird er nie greifbar. Seine Frau schon, welche das Buch spät zur Retterin der Nation werden lässt, wenn sie die Geschichte preisgibt, dass die Kindesentführung seinerzeit eine Lüge war, vielmehr die Nazis den Jungen in ihre Gewalt gebracht und damit ein Druckmittel auf den amerikanischen Helden Lindbergh gehabt hätten. Sie ist es auch, die dann per Radiosendung zum zivilen Ungehorsam gegen den Vizepräsidenten aufruft, der seine Chance sieht und eine Kurzzeitdiktatur ausruft. Bengelsdorf seinerseits wirkt wie ein aus den Büchern Hannah Arendts entliehenes Abziehbild dessen, was sie für die „Judenräte“ in den Gettos hielt. Heute, nach dem modernen Stand der Forschung, wissen wir, unter welchem enormen Druck diese Leute standen und sicher, sie haben manche Entscheidung getroffen, die wir verabscheuen, allerdings ohne uns klar zu machen, dass wir nie in ihrer Situation waren und hoffentlich niemals auch nur in die Nähe dessen kommen, was sie aushalten mussten. Arendt, deren Verdienste um die Erklärung dessen, was Totalitarismus bedeutet vollkommen außer Frage stehen, verfügte über den Forschungsstand der 50er und frühen 60er Jahre und hat die „Judenräte“ von diesem Standpunkt aus verdammt. Sie hat ihnen Kollaboration unterstellt und dieses Urteil, wenn überhaupt, erst sehr spät in ihrem Leben leicht revidiert. Diese Rolle übernimmt im Roman nun Bengelsdorf mit seinen Assimilationsideen. Er ist – wie auch einige jüdische Gangster, die Roth im Hintergrund auftreten lässt – so etwas wie der „schlechte Jude“, der hier auch dazu dient, Juden generell zu ganz gewöhnlichen Menschen zu machen – was sie aber durch die vorherige akkurate Beschreibung jüdischen Alltagsleben schon längst sind.
Doch bei aller Kritik, man muss eben immer wieder staunen, wie es diesem Autor immer wieder gelungen ist, trotz der – gewollten – Konstruiertheit seiner Handlungen, gerade wegen seines Spiels mit Erzählpositionen, die schwierig, weil für die Leser*innen unsicher sind, ein Netz der Wirklichkeit zu spinnen und darin Momente heraufzubeschwören, in denen sich verdichtet, was er berichtet. Hier ist es ein Anruf des jungen Seldon aus Kentucky, der Mrs. Roth verängstigt mitteilt, seine Mutter sei nicht nachhause gekommen, und es sei schon elf Uhr. Es ist eine literarische Meisterleistung, wie Roth den Leser*innen aus der Sicht seines neunjährigen Alter Ego mitteilt, wie dieser Junge, der da 750 Meilen weit weg vor Angst um die Mutter umkommt, ihm immer noch unsympathisch bleibt und dennoch uns spüren zu machen, welche ungeheure Not dieses Kind erleidet. Diese Seiten, die das Gespräch wiedergeben, wären allein schon den Nobelpreis wert gewesen.
Egal. VERSCHWÖRUNG GEGEN AMERIKA ist nicht Roths stärkstes Buch, dafür bleibt hier doch Vieles zu sehr Kolportage, ist es zu holzschnittartig, sind die Figuren bis auf wenige Ausnahmen zu eindimensional. Und doch ist es – aus gegebenem Anlass – durchaus notwendig, es noch einmal zu lesen. Denn was gegenwärtig in den USA geschieht – der 2018 verstorbene Autor musste die erste Amtszeit von Donald Trump noch miterleben – lässt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Land dem Faschismus zuneigt, exorbitant steigen. Was Sinclair Lewis als Zeitzeuge des 3. Reichs erahnte, kann Philip Roth hier belegen und die Wirklichkeit der letzten zehn Jahre haben Roths Analyse und Diagnose belegt. So wird diese Lektüre heute zu einem wahren Trip durch ein Horrorkabinett. Nur kann man ihn sich leider nicht ersparen.