THE INVISIBLE WOMAN

Ein stilles Bio-Pic, das unbedingt zu den besseren seiner Gattung zu zählen ist

Im Jahr 1857 lernt der bereits zu einem Nationalheiligtum aufgestiegene Schriftsteller Charles Dickens (Ralph Fiennes) bei einer Theateraufführung die Schauspielerin Mrs. Frances Ternan (Kristin Scott Thomas) und ihre Töchter kennen. Deren jüngste, Ellen Ternan (Felicity Jones), allseits „Nelly“ genannt, erregt die Aufmerksamkeit des Autors.

Bald darauf sucht Dickens Ersatz für die Aufführung des Stückes The Frozen Deep, welches sein Freund Wilkie Collins (Tom Hollander) geschrieben hatte und das er selbst auf die Bühne brachte. Er besetzt die gesamte Familie und zeigt sich mehrfach ausgesprochen angetan von Nellys Schauspielkünsten.

Zurück in London begegnet man sich bei einer Lesung des Autors erneut. In der Folge verbringen die Ternans und Dickens immer mehr Zeit miteinander. Daheim fühlt er sich immer unwohler, da ihn nicht nur finanzielle Sorgen belasten, sondern auch die Ehe mit seiner Gattin Catherine (Joanna Scanlan) zusehends zerrüttet. Er fühlt sich von ihr bedrängt, sie fühlt sich nicht mehr geliebt.

Als Dickens nach einem Theaterbesuch, bei dem er Nelly auf der Bühne bewundert hat, ins Haus der Ternans eingeladen wird und Mrs. Ternan die Blicke auffallen, die der Dichter und ihre Tochter wechseln, stellt sie Dickens zur Rede und erklärt ihm, dass sie es sich nicht leisten könne, den guten Ruf ihrer Tochter zu riskieren. Dickens macht deutlich, dass ihm nichts ferner läge, als Nelly zu kompromittieren. Doch seine Gefühle für die viel jüngere Frau kann er nicht mehr verbergen.

Bei einem Treffen in Dickens Haus zeigt Nelly sich begeistert von dessen Büchersammlung, den vielen Manuskripten, der Atmosphäre der Arbeit, die sie hier zu spüren glaubt. Dickens seinerseits ist begeistert, dass Nelly sich so für sein Werk und die dahinter liegende Arbeit interessiert. Erstmals kommen die beiden sich spürbar näher.

Mrs. Ternan, die weiß, dass Nelly die am wenigsten talentierte ihrer Töchter ist, zumindest was die Schauspielerei betrifft, denkt laut darüber nach, dass eine Verbindung mit Dickens Sicherheit für Nelly bedeuten würde. Dass ein Mann wie Dickens, in seiner gesellschaftlichen Stellung, niemals in eine Scheidung einwilligen würde, ist aber auch Mrs. Ternan klar.

Nelly, die das Gespräch mitgehört hatte, wird wenig später bei einem Besuch bei den Collins klar, welche Art von Leben ihr blüht: Collins lebt mit Caroline Graves (Michelle Farley) und deren Tochter in einer Art wilden Ehe – ein im viktorianischen London höchst verdächtiges Arrangement, das viel Mut und den unbedingten Willen erfordert, sich über die geltenden gesellschaftlichen Konventionen hinwegzusetzen.

Nelly verdeutlicht gegenüber Dickens, dass sie nicht vorhabe, seine „Hure“ zu werden, als welche sie Caroline offenbar betrachtet. Dickens erklärt, er liebe seine Frau nicht mehr, doch ist auch ihm das Dilemma bewusst, dass er sich nicht wird scheiden lassen können, ohne einen enormen Skandal zu provozieren, der letztlich auch Auswirkungen auf sein Leben als öffentliche Figur hätte.

Eines Tages kommt Catherine Dickens ins Haus der Ternans. Es ist ein etwas peinlicher Moment, bringt sie Nelly doch einen Armreif, der offensichtlich für die gedacht war, jedoch bei Catherine angeliefert wurde. Catherine ist verletzt, das spürt auch Nelly, doch ist sie auch Realistin genug, zu wissen, dass sie den Kampf um die Liebe des Schriftstellers verloren hat. Sie erklärt Nelly, dass diese sehr genau wissen müsse, worauf sie sich einlässt, wenn sie sich an Dickens bindet. Denn sie werde ihm immer mit einer anderen Geliebten teilen: Dem Ruhm. Und es sei längst nicht ausgemacht, welche Geliebte bei ihm an erster Stelle stehe.

Dickens gibt in der ehrenwerten Tageszeitung The Times bekannt, dass er und Mrs. Dickens sich einvernehmlich getrennt haben, er aber keine Beziehung zu der jungen Ellen Ternan unterhielte, wodurch die Trennung forciert worden sei. Für Nelly ist diese Veröffentlichung eine Katastrophe, sieht nun doch erst recht ein jeder in ihr den Grund für das Ehe-Aus nach immerhin 22 Jahren und der Geburt von zehn Kindern.

Dickens bricht nun vollkommen mit seiner Vergangenheit. Er verbrennt sämtliche Briefe, die ihn mit Catherine verbanden, auch Bilder und andere Erinnerungsstücke fallen den Flammen zum Opfer. Dieser rigorose Akt bedeutet allerdings auch, dass einige seiner Kinder – allen voran sein Sohn Charley Dickens (Michel Marcus) zumindest vorübergehend mit ihm brechen. Catherine Dickens zieht mit zweien ihrer Töchter nach Brighton, während die anderen Kinder bei ihm bleiben sollen.

Nelly wird von ihrer Mutter und Wilkie Collins bedrängt, in Dickens weiterhin einen „ehrenwerten“ Gentleman zu sehen. Sie müsse sich nur über die herrschenden Konventionen hinwegsetzen.

Sie besucht Dickens in dessen Arbeitszimmer, wo er ihr den Schlus seines neuen Romans GREAT EXPECTATIONS vorliest. Er bittet sie um ihre Einschätzung, denn sein Umfeld sei der Meinung, das Ende müsse abgeändert werden. Während er liest und die Art, wie er liest, machen Nelly klar, dass er sie liebt. Sie lässt sich nun auf eine Affäre mit ihm ein. Er mietet ein Haus, in welchem sie wohnen und er sie regelmäßig besuchen kann.

Um Zeit miteinander verbringen zu können, geht das Paar für einige Zeit nach Paris, wo ihr Zusammensein als weniger skandalös betrachtet wird. Nelly wird schwanger, das Kind wird jedoch tot geboren. Den Totenschein unterschreibt Dickens mit dem Namen „Charles Tringham“.

Auf dem Weg zurück nach London, nahe Staplehurst, entgleist der Zug, in dem die beiden reisen. Dickens, nur leicht verletzt, kann Nelly retten und zeichnet sich auch bei der Rettung weiterer Passagiere aus. Zudem gibt er vor, allein zu reisen, womit er einen erneuten Skandal verhindert.

Bis zu seinem Tod 1870 bleiben Dickens und Nelly ein wenn auch heimliches Paar. Sie begleitet ihn dennoch gelegentlich auf seinen Reisen, auch ins Ausland. 1876 heiratet sie den wesentlich jüngeren George Wharton Robinson (Tom Burke), mit dem sie einen Sohn hat. Sie leben Im abgelegenen Margate, wo sie gemeinsam eine Schule leiten. Robinson weiß wohl, dass Nelly einst Dickens kannte, ahnt jedoch nicht, in welchem Verhältnis die beiden standen. Diese Kenntnis ist allein dem Reverend Benham (John Kavanagh) vorbehalten, der Nelly versichert, das Geheimnis für sich zu behalten.

Bei einer Theateraufführung ihres Sohnes erinnert sich Nelly der Epilog-Zeilen, die sie seinerzeit während der Aufführung von The Frozen Deep sprach.

This is a tale of woe. This is a tale of sorrow. A love denied, a love restored, to live beyond tomorrow. Lest we think silence is the place to hide a heavy heart, remember, to love and be loved is life itself without which we are nought.

Bio-Pics, Film-Biografien, sind als Genre fast so alt wie das Kino selbst und genau so lang sind sie auch umstritten. Ein ganzes Leben in einen Film packen, kaum wird das gelingen, man wird sich immer bestimmte Momente, Situationen oder Werke – zumeist handelt es sich bei Bio-Pics um die Geschichte bekannter Frauen oder Männer, die im Laufe ihres Lebens etwas Großes geleistet haben – herauspicken und in den Vordergrund stellen. Dabei werden zwangsläufig andere Aspekte eines Lebens außer Acht gelassen oder ganz unter den Teppich gekehrt. Je nach dem um welche Aspekte es sich dabei handelt, kann man so umstrittene Persönlichkeiten natürlich auch positiver darstellen als sie es tatsächlich waren, schlimmstenfalls werden sie gar propagandistisch verklärt. Ein beliebtes Mittel vor allem der Ufa während des 3. Reichs, als Propagandaminister Joseph Goebbels, seines Zeichens auch Herr über die Filmproduktion der Nationalsozialisten, reihenweise Film-Biografien großer historisch verbürgter Deutscher ganz im Sinne des Regimes erstellen ließ.

Umso schöner, wenn es gelingt, einen solchen Film, ein Bio-Pic differenziert auszugestalten, darzustellen, wie sich eine historisch – oder vielleicht künstlerisch – relevante Persönlichkeit einst verhalten hat, ohne diese zu überhöhen, noch zu verunglimpfen. Wenn es gelingt, einen Charakter ambivalent, mit Stärken und Schwächen darzustellen, ihm und seinem Wirken ebenso gerecht zu werden, wie auch den Menschen in seiner Umgebung, die möglicherweise unter den Schwächen gelitten, von den Stärken profitiert haben. Und als besonders gelungen darf man ein Werk bezeichnen, dem es gelingt, nachvollziehbar zu machen, wie man sogar unter den Stärken eines besonderen Menschen leiden kann, selbst, wenn man an ihnen partizipiert.

THE INVISIBLE WOMAN (2013) kann zu dieser besseren Kategorie von Bio-Pics gerechnet werden. Er basiert auf einem Drehbuch der britischen Dramatikerin und Autorin Abi Morgan, die zuvor schon das Script zu Phyllida Lloyds Film-Biografie der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, THE IRON LADY (2011), verfasst hatte. Was da eher dem oben beschriebenen Phänomen der Überhöhung und Relativierung entsprach, ist hier, in einem Werk über einen der größten und bedeutendsten britischen Schriftsteller überhaupt – Charles Dickens, Autor von Werken wie OLIVER TWIST, DAVID COPPERFIELD oder GROSSE ERWARTUNGEN – durchaus gelungen. Wurde das Leben der äußerst umstrittenen Politikerin im Film nahezu unkritisch und unhinterfragt als quasi-feministische Aufstiegsgeschichte erzählt, unter Auslassung all der sehr harten Entscheidungen und hart ausgefochtenen Kämpfe, bspw. gegen die Gewerkschaften, so stellt THE INVISIBLE WOMAN sensibel und hintergründig ein kompliziertes und komplexes Beziehungsgeflecht in einem ebenso komplizierten und komplexen gesellschaftlichen Umfeld aus. Und es gelingt, dabei nahezu allen Beteiligten gerecht zu werden.

Das mag daran liegen, dass Dickens eine historische Persönlichkeit war, einem anderen Zeitalter entstammend, somit als historisiert betrachtet werden darf, während Thatcher eine immer noch zeitgenössische Person gewesen ist, an deren teils fragwürdiges Wirken sich viele – und viele unter Schaudern – noch allzu gut erinnern können. War Dickens zu Lebzeiten sehr beliebt, waren seine Werke und mehr noch viele der diesen Werken entstammenden Figuren – Oliver Twist, David Copperfield, Nancy, Pip, Miss Havisham und Estella, Mr. Bumble, Little Nell, Uriah Heep, Fagin oder The Artful Dodger, um nur einige der bekanntesten zu nennen – quasi Volkseigentum, so hat die Literaturwissenschaft mittlerweile ein wenig am Nimbus des großen Literaten selbst gekratzt. Sein unbestritten großes literarisches Werk entsprang einer Persönlichkeit, die lange als ausgesprochen fröhlich, freundlich, ein wenig verspielt, kinderlieb und sprühend vor Phantasie beschrieben wurde, die aber auch dunkle Seiten hatte, despotisch auftreten konnte und vor allem bereit war, die eigene Familie aufzugeben, um ein prekäres und letztlich auch fragwürdiges Glück zu verwirklichen.

Dickens war verheiratet, hatte mit seiner Frau Catherine Hogarth zehn Kinder, verließ sie 1858 nach 22 Jahren Ehe, ließ sein Haus jedoch bis zu seinem Tod von seiner Schwägerin Georgina Hogarth verwalten, während seine Frau ihr Dasein abseits der gesellschaftlichen Kreise, in denen sie bisher verkehrte, zu fristen hatte. Die Ehe war wohl unglücklich, obwohl die beiden, als sie sich zu Beginn der 1830er Jahren kennenlernten, einander, was Intelligenz, Humor und auch die gesellschaftliche Stellung betreffend (ein im viktorianischen England nicht unwesentlicher Aspekt) durchaus ebenbürtig waren. Doch im Laufe der Jahre überstieg die stetig sich vergrößernde Familie Dickens´ finanzielle Möglichkeiten, er musste immer schneller und immer mehr arbeiten, hielt Vorlesungen und unternahm Vorlesungsreisen, entfremdete sich dabei zusehends seiner Familie. Er warf Catherine wohl die vielen Schwangerschaften vor, zudem war er überfordert, als sie nach dem Tod einer ihrer Töchter einen Nervenzusammenbruch erlitt. All dies hat wohl zur Zerrüttung des Verhältnisses beigetragen. Ganz wesentlich zur Trennung von seiner Frau trug jedoch die 1857 geschlossene Bekanntschaft mit der damals gerade 18jährigen Ellen Ternan bei. Der 45jährige Charles Dickens verliebte sich in die junge Schauspielerin, die eine Rolle in dem von ihm inszenierten Stück The Frozen Deep spielte, welches Dickens´ Freund Wilkie Collins geschrieben hatte.

Es ist dies die Geschichte, jener Aspekt in Dickens Leben, auf den sich THE INVISIBLE WOMAN konzentriert, welcher den Kern der Story ausmacht. Damit verfolgt der Film eben jene Strategie, auf die sich die meisten der besseren Bio-Pics stützen: Eben einen bestimmten Aspekt, eine Einzelsituation, einen Abschnitt aus dem Leben einer großen Persönlichkeit herauszugreifen und genauer zu untersuchen. Der Film – umrahmt von einer Handlung, die lange nach Dickens Tod eine alternde Ellen Ternan, jetzt Robinson, als Gattin ihres wesentlich jüngeren Mannes zeigt; als eine Frau, die auf ausgedehnten Strandspaziergängen den Eindruck erweckt, zugleich auf die Vergangenheit zuzugehen und ihr zu entfliehen – setzt mit der Begegnung Dickens mit der Familie Ternan ein und erzählt im Kern die darauffolgenden anderthalb Jahre bis zur Trennung des Schriftstellers von seiner Gattin. Dann wird in größeren Sprüngen aus seinem Leben bis hin zu jenem verheerenden Eisenbahnunglück im Jahre 1865 berichtet, bei dem Dickens und Nelly, wie er Ellen Ternan zu nennen pflegte, im Zug saßen und somit Zeugen der Katastrophe wurden. Der Film unterschlägt dabei, dass auch Nellys Mutter zugegen war, bemüht sich aber ansonsten, das Unglück – wie auch den gesamten Verlauf des gesellschaftlichen Skandals, den die Verbindung zwischen ihm und Nelly bedeutete – recht genau zu berichten. Dickens half bei dem Unglück vor Ort, das ist verbrieft, anschließend gab er sich an offiziellen Stellen als ein anderer aus, um seine und die Integrität seiner Begleiterinnen zu schützen.

Als Film sticht THE INVISIBLE WOMAN nicht nur an dieser Stelle zunächst einmal durch ein hervorragendes Set-Design hervor. Die Mise en Scene ist mit großer Liebe zum Detail gestaltet; Kulissen, Dekors, Kostüme, das ganze Setting sind hervorragend. Kameramann Rob Hardy fängt sie Szenerie in ruhigen, manchmal nahezu statischen Bildern ein, was natürlich der Ausgangslage entspricht, die am Theater spielt und von dieser ausgeprägten Leidenschaft des großen Literaten kündet. Und dennoch entsteht nie der Eindruck, man habe es hier mit abgefilmtem Theater zu tun. Im Gegenteil. Hardy führt die Kamera mit größter Sensibilität, nähert sich den Protagonist*innen vorsichtig, gibt ihnen Raum, kommt ihnen nicht zu nahe und lässt damit zu, dass sich vorsichtig entwickeln kann, was nie zu Kitsch oder übermäßiger Dramatik führen darf. Unterstützt wird diese Arbeit von Nicolas Gasters Schnitt und Montage, der es zu verdanken ist, dass der Film trotz eines eher getragenen Tempos nie langatmig gerät, sondern gerade in diesen schwierigen, manchmal mehr angedeuteten denn ausgelebten emotionalen, äußerst prekären Beziehungen der Figuren zueinander Spannung aufbaut und hält.

Dass das alles so gut funktioniert, liegt allerdings nicht ausschließlich am Drehbuch, sondern mehr noch an der Regie. Es ist die zweite Regie-Arbeit des Schauspielers Ralph Fiennes, der hier zugleich die Hauptrolle übernahm, und man kann sagen, ihm sei hier sein Meisterstück gelungen. In beiden Fächern kann man ihm hier sogar eine Meisterleistung attestieren. Denn so brillant er Dickens gibt, so brillant fängt er dieses diffizile Geflecht aus menschlichen Beziehungen, fängt er all die komplizierten und manchmal nur leicht unter der Oberfläche sich andeutenden Gefühle, Verletzungen und Hoffnungen der Protagonist*innen ein und es gelingt ihm, seine hervorragende Besetzung dahin zu führen, diesen schmalen Grat zu beschreiten zwischen etwas Offensichtlichem und dessen Schattenseite, der Andeutung. Damit entsprechen Regie und Kameraführung einander, das eine unterstützt, ja bedingt das andere und gemeinsam gelingt so eine manchmal fast kammerspielartige Betrachtung der Conditio humana unter den besonderen Bedingungen der viktorianischen Gesellschaft und den besonderen Bedingungen des Ruhms im 19. Jahrhundert.

Dass Dickens als ein Mann eingeführt wird – abseits seiner eigentlichen Profession und der Arbeit, die ihn berühmt gemacht hatte -, der die Regie in einem Theaterstück führt, in dem er zugleich auch eine der Hauptrollen besetzt, ist natürlich ein feines Schmankerl mit Verweis auf die Arbeit des Regisseurs und Hauptdarstellers Ralph Fiennes in der Entstehung dieses Films.

Dem Drehbuch wiederum gelingt es, widerstreitende Gefühle der einzelnen Figuren hervorragend einzufangen, wiederzugeben und auszutarieren. Es wird nahezu allen Beteiligten gerecht: Nelly – von Felicity Jones sehr zurückhaltend gespielt -, die als blutjunge Frau einen viel älteren Mann liebt und – auch aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen – dabei nur verlieren kann, sich aber in einer der eindringlichsten Szenen des Films auch dagegen zu verwahren sucht, in der Rolle der „heimlichen Geliebten“ im Leben des Dichters besetzt zu werden; Catherine Hogarth, die von Joanna Scanlan in einer schauspielerischen Meisterleistung in einer unfassbar gelungenen Mischung aus Verletztheit, Würde und der Trauer um ein Leben, das so anders verlief als gedacht gegeben wird; der Familie Ternan, deren Mutter Mrs. Frances Ternan sich natürlich um ihre Tochter sorgt, wohl wissend, was es bedeutet, wenn diese in eine bestehende Ehe hineinbricht, zugleich aber auch versteht, dass es Nelly schier zerreißt vor Sehnsucht.

Gerade dieser im Film eher nebenher erzählte Strang zeugt von der Klasse aller am Film Beteiligten, wird hier doch mit wenigen Blicken, mit Andeutungen, Satzfetzen, Nebenbemerkungen sehr viel erzählt. Mrs. Ternan weiß oder versteht sehr viel früher als Nelly selbst, was da geschieht, sie sieht die Anziehung, die sich zwischen ihrer Tochter und dem berühmten Autor entwickelt, sie versteht (oder kennt, vielleicht auch als die Schauspielerin, die sie ja ebenfalls ist) die Macht der Gefühle und weiß zugleich eben auch um das harte und gnadenlose Gerüst viktorianischer Konventionen und Moralvorstellungen. Kristin Scott Thomas versteht es mit all ihrer schauspielerischen Klasse und Routine, dieser Frau ebenfalls etwas Verletzliches, vor allem aber etwas Fürsorgliches zu verleihen – und sie zugleich oder gerade dadurch als eine moderne Frau zu skizzieren, die sie zu dem Zeitpunkt der Bekanntschaft der Familie mit den Dickens als alleinerziehende Mutter ja tatsächlich war. Mrs. Ternan denkt pragmatisch im Hinblick auf ihre Tochter: Sie weiß um die Möglichkeiten, die (finanzielle) Sicherheit, die eine solche Verbindung für eine junge Frau bedeuten kann, die aufgrund mangelnden Talents am Theater eher nicht wird reüssieren können.

Natürlich ist Charles Dickens selbst der zentrale Charakter des Films. Er war wohl ein manchmal fast kindlich verspielter Mensch, tatsächlich liebte er das Theater und mehr noch das Theaterspielen. Er führte, unter Einbeziehung seiner gesamten Familie, alljährlich zu Weihnachten kleine Einakter auf, die in der Londoner Gesellschaft sehr beliebt und immer auch ein Ereignis waren. Das Stück The Frozen Deep, dessen Autorenschaft offiziell zwar Wilkie Collins zugeschrieben wird, soll wohl unter Dickens tatkräftiger Mithilfe entstanden sein. Es wurde so erfolgreich, dass man tatsächlich auf eine Tournee durch diverse englische Städte ging. So erst kamen auch die Ternans ins Spiel. Der Produktion fehlte durch Krankheitsausfall eine wesentliche weibliche Besetzung und Nelly war ein perfekter Ersatz. Dies war die eine, die helle Seite in Dickens´ Charakter. Dass er aber auch ebenso abgründig sein konnte, dass da etwas Düsteres in ihm lauerte, dass er zeitweilig wohl depressive Episoden hatte, auch das ist bekannt.

Ralph Fiennes gelingt es in einer bravourösen schauspielerischen Leistung (und Gott, derer gibt es wahrlich einige in seiner Karriere), diesen unterschiedlichen Seiten in Dickens´ Charakter gerecht zu werden, sie zu zeigen, ohne zu chargieren, diesem Mann eine gewisse Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne ihn dabei zu einer übergroßen Persönlichkeit aufzublasen, ohne ihm mehr Status zuzugestehen, als er in seiner Zeit, als Mensch und nicht nur als berühmter Autor Charles Dickens, sondern auch als ein Ehemann, ein Geliebter, ein Vater und Bürger gehabt hat. Es gibt Momente enormer Eindringlichkeit, die nur durch Blicke, durch ein Starren erzeugt werden. So gelingt es Fiennes, die Macht zu zeigen, die Dickens über seine Mitmenschen ausüben konnte. Gerade im Umgang mit Catherine, die er zu verachten beginnt ob ihrer Leibesfülle, der er sich aber lange noch verbunden fühlt, kommt dieser Widerspruch, kommt diese ungeheure Ambivalenz zum Ausdruck. Da ringen Wohlwollen, auch eine gewisse Dankbarkeit, und eine Gefühlskälte miteinander, die die Zuschauer*innen wahrlich frösteln lässt.

Auch die Eitelkeit dieses Mannes wird im Film mehrfach sehr deutlich. In einer Szene wird er auf einem Bahnhof erkannt und die Inszenierung zeigt diesen Moment sehr ambiguin: Da steht er mitten in einer von der Kamera aus der Vogelperspektive erfassten und durch Aufziehen des Objektivs als immer größer entlarvten Masse von Menschen, verschwindet schließlich in ihr, und man ist sich nicht sicher, ob dies ein Moment des Triumphs ist – oder doch einer der äußersten Gefahr, denn diese Masse droht den Mann schier zu erdrücken. In einer anderen, im Übrigen sehr berührenden Szene, die einmal mehr von der Genauigkeit und Differenziertheit des Drehbuchs ebenso kündet, wie von der Einfühlsamkeit der Regie und, mehr noch, der Großartigkeit der Schauspieler*innen, trifft Catherine auf Nelly, besser: Die ältere Frau besucht die jüngere, um ihr ein Geschenk ihres Gatten zu bringen, welches offensichtlich für Nelly gedacht war, aber ihr, Catherine, übergeben wurde. Ohne Groll erklärt Catherine Nelly, worauf sie sich einzustellen habe, wenn sie sich ernsthaft auf Dickens einlassen wolle: Nie werde sie wissen, was dieser mehr schätze, mehr liebe: Sie oder den Ruhm. Mit dem nämlich werde sie ihn teilen müssen.

Nicht zuletzt diese Szene lässt viel Spielraum für die Interpretation des Film-Titels. „The Invisible Woman“ – die unsichtbare Frau. Schnell glaubt man damit Nelly identifiziert zu haben, eine junge Frau, die den Mann, den sie liebt, nie wird heiraten können, die gelegentlich – wie bei jener Reise nach Paris, deren Rückfahrt mit jenem verhängnisvollen Zugunglück endete – an seiner Seite auftreten darf, bei Gelegenheiten, bei denen er anonym auftritt, ansonsten aber versteckt wird in einem zwar schönen, aber abgelegenen Haus. Und wahrscheinlich ist diese Interpretation auch intendiert. Doch gerade die beschriebene Szene – allerdings auch andere Momente im Film, darunter ein kurzer Augenblick, in welchem Dickens das häusliche Badezimmer betritt, wo Catherine halb entkleidet sich wäscht, und ihr Gatte sich nahezu beschämt sofort zurückzieht, vielfach sich entschuldigend – deutet an, dass es auch Catherine sein könnte, die im Titel gemeint ist. Sie spielt eine enorm wichtige Rolle im Film und wird doch eher beiläufig in Szene gesetzt – ein Effekt, der wohl gewollt war. Und auch eine dritte Deutungsmöglichkeit bietet sich an, wenn man Catherines keineswegs bitter vorgetragenes Credo ernst nimmt (was man unbedingt tun sollte), eine Frau müsse Dickens immer mit dessen Ruhm teilen: Vielleicht wird an der Seite dieses Giganten jede Frau, möglicherweise sogar jeder andere Mensch unsichtbar (invisible), außer vielleicht einem anderen Giganten, für den sich bspw. Wilkie Collins in seiner Zeit durchaus halten konnte, war er doch als Schriftsteller erfolgreich und sehr beliebt.

Dass diese Frauen so oder so hinter den Möglichkeiten zurückbleiben, die ihnen ihre Intelligenz, ihre Kreativität, ihr Talent und auch ihre Schönheit in einer anderen, moderneren Welt geboten hätten, das zeigt der Film zwar zurückhaltend, aber doch deutlich. Dickens, in gewisser Weise seiner Zeit voraus, nimmt Nelly mit in das Heim seines Freundes Wilkie Collins, der in wilder Ehe mit seiner Geliebten Caroline Graves zusammenlebt. Es ist eine Art Bohème-Leben, das zu führen es viel Mut Mitte des 19. Jahrhunderts benötigt hätte. Vor allem aber fühlt Nelly sich degradiert und bezeichnet Caroline indirekt als „Hure“, deren Schicksal als versteckte Geliebte sie nicht teilen wolle. Ein Moment der Emanzipation, der Selbstermächtigung in einer Gesellschaft, die von Männern definiert wird. Auch von Männern wie Dickens, der bei aller Progressivität, die ihn ausgezeichnet haben mag, eben doch auch ein Produkt seiner Zeit gewesen ist.

Es sind solch feinen Differenzen, es ist die Vielschichtigkeit, die diesen Film so gelungen, so wertvoll und zu einem eher seltenen Exemplar eines wirklich gelungenen Bio-Pics machen. Das glückliche Zusammentreffen unterschiedlichster kreativer Talente – ein gutes Buch, hervorragende Ausstattung, brillante Schauspieler und eine meisterhafte Regie – führt zu einem zutiefst befriedigenden Ergebnis, das lediglich durch die manchmal doch arg getragene Musik geschmälert wird. Doch ist das bereits Krittelei.

THE INVISIBLE WOMAN ist trotz oder gerade wegen seines Tempos, trotz oder wegen der Ruhe, die er ausstrahlt und die ihn auszeichnet, und bei aller scheinbaren Behäbigkeit, die ihm immer mal wieder vorgeworfen wurde, nur zu empfehlen.

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