DIE NEUNTE CONFIGURATION/THE NINTH CONFIGURATION

Ein nicht wirklich gut gealterter Thriller mit metaphysischen Anteilen

Im Jahr 1966 veröffentlichte William Peter Blatty einen Roman mit dem Titel TWINKLE, TWINKLE, KILLER KANE – eine wilde Farce über eine Gruppe psychisch angeschlagener Vietnam-Veteranen, die in einem Schloss an der Pazifikküste zusammengebracht und untersucht werden. Der Roman hatte vor allem komische Züge und wurde von der Kritik gelobt. Der Autor selbst war aber nicht sonderlich zufrieden und nahm sich vor, auf das Thema zurückzukommen.

Das tat er dann Ende der 70er Jahre. Nach dem Welterfolg, den sein Roman DER EXORZIST (1971) hatte, mehr noch nach William Friedkins immensen Triumph mit der gleichnamigen Verfilmung, basierend auf einem von Blatty höchstselbst verfassten Drehbuch, griff der Autor das Thema des älteren Romans erneut auf und schrieb DIE NEUNTE KONFIGURATION (THE NINTH CONFIGURATION; Original erschienen 1978; Dt. hier in der Übersetzung von Patrick Baumann, 2020). Er führte das im früheren Roman eher angerissene denn wirklich bearbeitete Thema genauer aus, tauchte tiefer in die psychologischen und vor allem die philosophischen Aspekte ein und schuf ein heute nicht mehr ganz überzeugendes, damals allerdings packendes Szenario mit einem tatsächlich irritierenden Twist. Damals, wohlgemerkt, denn heutige Leser sind mit solcherart Twists und wirklich überraschenden Wendungen seit M. Night Shyamalans Geisterfilm THE SIXTH SENSE (1999) geradezu überfüttert.

In einem Sanatorium an der Pazifikküste werden Veteranen des Vietnam-Kriegs behandelt, bei denen sich die Armeeführung nicht ganz sicher ist, ob sie tatsächlich psychisch angeschlagen sind, bspw. unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, oder aber simulieren, um nicht wieder in Kampfeinsätze geschickt zu werden. Dieser Annahme widerspricht allerdings die Tatsache, dass einige der Männer nie im Gefecht standen, sondern in der Reserve waren, zudem befindet sich mit Cutshaw ein Mann unter den Patienten, der gar kein Soldat ist, sondern ein Astronaut, der kurz vor seinem ersten Mondflug aus der Kapsel gestiegen ist und sich weigerte, den Flug anzutreten. Der Marine-Psychiater Colonel Hudson Kane wird in die Anstalt geschickt, um herauszufinden, ob man es mit Simulanten oder wirklichen Patienten zu tun hat. Doch schnell muss Kane, der auf moderne, den Patienten zugewandte Methoden setzt und bspw. immer erreichbar und ansprechbar ist, sich zudem bereitfindet, auf jedwede auch noch so seltsame Marotte einzugehen, feststellen, dass vor allem Cutshaw ihn in Bereiche theoretischer Überlegungen führt, die gefährlich nah an seine eigenen dunklen Seiten liegen.

Die 70er Jahre gelten als die theorielastige Dekade schlechthin und die teils gesicherten, teils spekulativen Annahmen, dass gerade die demokratisch gewählten Regierungen der westlichen Welt – allen voran die USA – in allerlei dreckige bis verbrecherische Machenschaften verwickelt waren, schürte ein zutiefst paranoides Gefühl der Unsicherheit. Infolge nicht nur, aber auch solcher Überlegungen und Annahmen wurde jedwede Theorie – vor allem aber jene, die früher Philosophie genannt wurde, mittlerweile aber durch ihre Überschneidungen mit der Psychoanalyse und der Soziologie ein immer weiteres Feld abdeckte – gefüttert mit Gedanken über das Wesen des Wahnsinns und was er in einer Welt, die anscheinend selbst wahnsinnig geworden war, was er in einer Realität, der man nicht mehr trauen konnte, zu bedeuten habe. Eines der meistgelesenen Werke hinsichtlich solcher Ansätze war der ANTI-ÖDIPUS (1972), den der Psychoanalytiker Félix Guattari gemeinsam mit dem Philosophen Gilles Deleuze geschrieben und veröffentlicht hatte und der den Untertitel Schizophrenie und Kapitalismus trug, womit sein Inhalt schon in groben Zügen umrissen wäre. Dort wurde u.a. – und hier natürlich stark verkürzt wiedergegeben – erstmals wissenschaftlich überzeugend die Theorie ausgearbeitet, dass eben nicht der Irre krank sei, sondern vielmehr Irrsinn oder Wahnsinn oder eben – pathologisch genauer – Schizophrenie in einer dem Wahn verfallenen Welt der eigentlich gesunde Zustand sei.

Blatty, ein Katholik mit höchst konservativen Ansichten, die vor allem in seinem mittlerweile zum Klassiker avancierten EXORZIST zum Ausdruck kamen, sich aber auch hier, in DIE NEUNTE KONFIGURATION niederschlagen, scheint um diese Überlegungen und theoretischen Ansätze zumindest im Kern gewusst zu haben. Anders sind die Auseinandersetzungen, die Kane vor allem mit dem Astronauten Cutshaw führt, nicht zu erklären. Denn der stellt Kanes Weltbild, das bei aller Wissenschaftlichkeit, die der Psychiater vertritt, doch auch von einem tief überzeugten Glauben an Gott und dessen Schöpfung geprägt ist, vollends in Frage. Und er wirft anhand von Shakespeares Hamlet die Frage auf, ob Wahnsinn nicht vor allem vorgetäuscht sei, um dem wirklichen Wahnsinn zu entgehen? Wobei Vieles von dem, was wir alle als „normal“ bezeichnen, eben bei genauerer Betrachtung schon dem Wahn anheimgefallen zu sein scheint.

Die Auseinandersetzung, die Kane und Cutshaw führen, macht dann auch einen Großteil des dialoglastigen Romans aus. Immer wieder wird Kane mit den Ansichten seines Patienten konfrontiert, der wiederum bezieht sich nicht zuletzt auf den scheinbaren Wahn seiner Mitpatienten. Einer hat scheinbar mehrere Persönlichkeiten ausgebildet, ein anderer will Shakespeare-Stücke mit Hunden aufführen und steht wiederholt vor Besetzungsproblemen, die Kane ernsthaft mit ihm zu erörtern bereit ist. Das ist manchmal urkomisch, wird für Leer*innen im Laufe der ersten hundert Seiten dieses gerade einmal knapp 200 Seiten umfassenden Bandes aber irgendwann auch ermüdend. Es scheint, als wolle Blatty gar keine Handlung vorantreiben, sondern sein Publikum mit Fragen nach Gottes- und Wirklichkeitsbeweisen auf die (Gedulds)Probe stellen. Zumal nicht alles, was diese Patienten von sich geben einer übergeordneten, einer Metatheorie entspricht. Einiges ist schlichtweg das, wonach es ausschaut: Blödsinn.

Irgendwann kommt die Sache aber doch noch ins Rollen und dann entpuppt sich schließlich einiges als schwerwiegend anders, als es sich bis dahin dargestellt hat. Und natürlich wird es auch blutig, wobei Blatty offensichtlich nicht daran interessiert ist, seine Leserschaft nachhaltig zu schockieren. Wenn der Mann, den man „Killer Kane“ nennt und bei dem sich die naheliegende Frage stellt, ob er in irgendeinem Verwandtschaftsverhältnis mit dem Psychiater steht, in Aktion tritt, bricht die Erzählung ab, bevor es allzu übel wird. Später werden uns lediglich die Folgen dessen, was dieser Mann anzurichten in der Lage ist, mitgeteilt. Und das reicht dann auch schon. Es bedeutet Kontrollverlust in seiner blutigsten und brutalsten Art und Weise und stellt die Frage danach, wer irre und wer – nach herkömmlichen Maßstäben – gesund ist, radikal.

Blatty übt hintergründig und etwas vertrackt durchaus Kritik an einer Gesellschaft, einem Staatsapparat, der seine Bediensteten – zumindest jene, die ihm als Soldaten dienen – zu Maschinen des Tötens, der reinen Vernichtung ausbildet und sie im Namen der Demokratie, der Freiheit und des Rechts Dinge tun lässt, die vormals vor allem diktatorische Systeme verübt haben. Der Krieg in Vietnam – auch daran merkt man, wann der Roman geschrieben und veröffentlicht wurde – ist eindeutig die Referenz dieser Überlegungen; er ist gegenwärtig mit all den Gräueln und Schandtaten, die dort auch und vor allem an der Zivilbevölkerung verübt wurden. Auf dieser Ebene reiht sich DIE NEUNTE KONFIGURATION in eine ganze Serie von Romanen und mehr noch Filmen ein, die Mitte bis Ende der 70er Jahre entweder unmittelbar oder auf dem Umweg des Genres Stellung zu diesem Menschheitsverbrechen nahmen und damit von einer tiefen, vor allem moralischen Verunsicherung in einer bis dato doch so selbstbewussten und sich selbst vertrauenden Gesellschaft wie der amerikanischen kündeten.

Ob ein Roman wie dieser den Beschädigungen der Zeit standgehalten hat – man mag es eher bezweifeln. Wie bereits erwähnt, kann der große Twist heute niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken, mehr noch: Der geübte Leser des 21. Jahrhunderts ahnt früh, worauf das alles hinauslaufen wird. So ist es eher akademischen Interessen geschuldet, Blattys Roman zur Hand zu nehmen und zu lesen. Da er vergleichsweise kurz ist, ist er dennoch zu empfehlen, um gewisse literarische und auch kulturelle Entwicklungen der späten 70er und mehr noch der 80er Jahre nachzuvollziehen und zu verstehen.

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