M. DAS ENDE UND DER ANFANG/M. LA FINE E IL PRINCIPIO
Der Abschluß von Antonio Scuratis Mammut-Saga des italienischen Faschismus
Mit M. DAS ENDE UND DER ANFANG (M. LA FINE E IL PRINCIPIO, Original erschienen 2025; Dt. in der Übersetzung von Verena von Koskull 2026), dem fünften und abschließenden Teil seiner gewaltigen Mussolini-Saga, vollendet Antonio Scurati nach über 3.000 Seiten eines der bisher ehrgeizigsten literarischen Projekte des neuen Jahrtausends.
Beginnend mit Mussolinis Inhaftierung im Sommer 1943, berichtet Scurati – einmal mehr auf Daten, Fakten, Protokollen, Briefen und allen sonst denkbaren Quellen basierend – vom kümmerlichen Rest des Lebens jenes Mannes, der sich selbst so gern und den der Autor in Anbetracht der Schilderungen seines Lebens zutiefst ironisch den „Duce des Faschismus“ nennt. Berichtet von der Befreiung Mussolinis aus der Haft durch deutsche Elitetruppen und SS-Einheiten und die anschließenden ca. 20 Monate der italienischen Sozialrepublik, deren „Hauptstadt“ die Gemeinde Salò, am Gardasee gelegen, gewesen ist. Hier siecht Mussolini gemeinsam mit seinen letzten Getreuen als Marionettenregierung von Hitlers Gnaden dem Ende des Kriegs und seinem eigenen, unausweichlichen Ende entgegen. Währenddessen wird Italien von der Deutschen Wehrmacht besetzt und es beginnen nun endgültig die Transporte der jüdischen Bevölkerung in die Todeslager im Osten, die Alliierten kämpfen sich unter fürchterlichen Verlusten auf beiden Seiten Kilometer für Kilometer den Stiefel hinauf und es entbrennt ein immer bitterer, immer brutaler geführter Bürgerkrieg zwischen den unterschiedlichen Partisanengruppen und den Resten der faschistischen Armee und den faschistischen Squadri. Vor allem aber berichtet Scurati von dem Elend der letzten Monate dieses Massenschlachten namens Zweiter Weltkrieg, das für die Stadt Mailand und deren Umgebung fürchterlich gewesen sein muss. Während die Zivilbevölkerung unter den massiven Luftangriffen der Briten und Amerikaner litt, wurde die Stadt selbst zu einem der Hauptschlachtfelder des Bürgerkriegs.
Eindringlich, manchmal hart an der Grenze zum Erträglichen – und wahrscheinlich genau in diesen Momenten extrem nah an der Realität – entwirft Scurati ein Panorama des gnadenlosen Schlachtens der politischen und ideologischen Feinde auf beiden Seiten – sowohl der sich noch einmal aufbäumenden Faschisten, als auch der kommunistischen wie liberalistischen Partisanengruppen, die sich zu allem Unglück auch gegenseitig bekriegten. Es entsteht ein nahezu apokalyptisches Bild der Endphase des Krieges in den Straßen Mailands. An den Straßenecken werden Menschen standrechtlich erschossen, nicht immer wird deutlich wer da gerade wen meuchelt, die Leichen bleiben in den Gassen liegen, zur Abschreckung und Mahnung an den Gegner, was ihm blüht, fällt er seinen Feinden in die Hände. Die Gnadenlosigkeit, mit der hier Italiener ihre Landsleute abschlachteten, muss Scurati nachhaltig beeindruckt haben, denn immer wieder streut er Beispiele ein, wie selbst die Jüngsten – Kinder, Jugendliche – nicht verschont wurden. Die einen fielen deutschen Strafaktionen – für jeden toten deutschen Soldaten sollten zehn Italiener sterben – zum Opfer, die anderen ihren eigenen Landsleuten. Und manchmal war es auch anders herum. So oder so – es war grauenhaft.
Konterkariert werden diese Szenen aus der Hölle mit jenen aus Mussolinis letztem Domizil, wo er, sich seiner Lage wohl durchaus bewusst, letzten ideologische Träumen nachhängt und hofft, den Faschismus als Idee weiterentwickeln zu können. Scurati erläuterte in einem Interview, dass die Neofaschisten, mit denen Italien, mit denen es Europa nicht erst seit Kurzem wieder zu tun hat, sondern im Grunde seit dem Ende des Krieges, genau an diesen Ideen ankoppeln, sich damit vom historischen Faschismus lösen und ihn gar als Utopie verkaufen wollen. Es ist ihm wohl nicht zuletzt dies ein Anliegen: Die Nachgeborenen zu warnen, vor jenen Rezepten zu warnen, die die Populisten uns heute als den letzten Schrei verkaufen wollen.
Scurati folgt den letzten Tagen Mussolinis minutiös, bezeugt die Feigheit von einem, der die Italiener zwanzig Jahre lang auf den angeblich so wünschenswerten Heldentod eingeschworen hatte und nun doch flieht und das eigene Leben irgendwie retten will. Der aber dann, als es zu spät ist, eher gefasst seinem Schicksal ins Auge blickt. Jene Stunden vor der Schweizer Grenze, in einer Kolonne mit deutschen Wehrmachtseinheiten und SS-Kommandos, die den „Duce des Faschismus“ in eine deutsche Uniform gezwängt als einen der ihren auszugeben trachteten, was aber letztlich gegenüber den Partisanen, mit denen sie das freie Geleit zumindest für Deutsche ausgehandelt hatten, zeichnet Scurati genauestens nach und erzeugt damit eine Art von Thrill, der im Angesicht der historischen Stunde, die da beschrieben wird, etwas von einer Farce hat. Hier wird überdeutlich, wie sich die angeblich so großen Momente der Geschichte manchmal auf etwas sehr Kleines, sehr Banales, fast Lächerliches reduzieren.
Da es keine gesicherten Quellen dazu gibt, was sich in jenen letzten Stunden und den allerletzten Minuten seines vergeudeten Lebens wirklich zugetragen hat, lässt Scurati die Ermordung Mussolinis aus, setzt erst da wieder ein, wo die Leichen Mussolinis, die seiner Geliebten Clara Petacci, die an seiner Seite war, als er gefangengenommen wurde, und derer aus seiner Entourage, die wie er einen äußerst gewaltsamen Tod gestorben sind, geschändet und dann öffentlich ausgestellt wurden.
Auch hier erspart der Autor seinem Publikum wenig bis nichts. Man muss das schon ertragen, diese Momente, in denen ein wildgewordener Mob, darunter wahrscheinlich Viele, die dem Mann in den zwei Dekaden zuvor zugejubelt hatten, in blinder Wut auf die toten Körper eindroschen, sie traten, misshandelten, bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Und dann einfach liegen ließen, um die kommenden Stunden an ihnen vorbei zu defilieren und darüber zu staunen, dass der „Körper des Herrschers“, um ein Wort des Historikers Ernst H. Kantorowicz zu paraphrasieren, tatsächlich zerstörbar war. Dieser Körper, den Mussolini so gern als ehern, massiv, ewig und unverwüstlich zur Schau stellte und den uns Scurati in den vorherigen vier Bänden seines Quintetts so gern als anfällig, schwächlich und von Schmerzen durch Koliken und Darmgeschwüre geplagt beschrieben hatte, dieser Körper liegt am Ende zerschunden da und wird dann aufgehängt und ausgestellt wie der eines gestellten und erlegten Wilds.
Ohne Mitleid heischen zu wollen, ist auch das auf seine ganz eigene Art und Weise grauenhaft und verdeutlicht, wie am Ende dieser über zwanzig Jahre des Faschismus und nach nahezu sechs Jahren Krieg ein ganzes Volk – letztlich die gesamte Bevölkerung dieses Kontinents namens Europa – abgestumpft, brutalisiert und unfähig zu Empathie Gewalt in jedweder Form für normal, für ein adäquates Mittel hält, seine Bedürfnisse durchzusetzen.
Doch letztlich ist all das – Mussolinis Operettenrepublik; sein Hadern mit dem Untergang dessen, was er wohl als „Lebenswerk“ betrachtet hat; schließlich auch sein Tod – nur der Epilog zu diesem gewaltigen Werk, dass anfangs unter dem Verdacht der Verherrlichung stand. Auch rechte Kreise mochten Scuratis Roman und sahen darin zunächst eine Bestätigung, gegen die sich der Autor jedoch immer verwahrte und deutlich aussprach. Spätestens mit dem dritten Band änderte sich dann auch etwas in Scuratis Schreiben, im Stil. Er griff zwar immer noch diese pathetische, oft so hohle Sprache des Faschismus auf, doch konterkarierte und konfrontierte er sie immer häufiger mit einer Sprache der Verachtung gegenüber dem Objekt seiner Erzählung, dem er immer weniger zugestand, Subjekt zu sein. Scheute sich nicht, manchmal vulgär, ja obszön zu werden, um literarische Marksteine zu setzen. Auch trat er mehrfach aus dem heraus, was er erzählte, verdeutlichte Standpunkte, urteilte, verachtete auch. Und da er von Beginn an darauf setzte, ein jedes Kapitel mit einem Zwischentext abzuschließen, der Quellenbelege zu im Kapitel getätigten Aussagen der Handelnden einfügte, hob er den dokumentarischen Charakter seines Unterfangens immer hervor. Auch das hat er in einem Interview erklärt: Dass es Regalkilometer Fach- und Sachliteratur zum italienischen Faschismus, zu Mussolini, zur Resistenza, zur deutschen Besatzung etc. gebe, dass er aber unbedingt eine breitere Masse habe abholen, einfangen und konfrontieren wollen. Auch emotional. Jenseits des akkuraten Geschichtswerks.
Den Abschlussband und damit das ganze Quintett, die gesamte Saga, beendet Scurati dann mit einem ellenlangen Kompendium der Toten, fast noch einmal so lang wie der vorherige erzählende Fließtext. Ein Kompendium der toten Faschisten, aber auch etlicher ihrer Opfer. Die Leben und das Sterben Letzterer sind oft aufwühlend. Doch gerade anhand der Kurzbiographien führender und manchmal eher subalterner Figuren aus Mussolinis Umfeld und aus den Reihen der Faschisten, der Partei und des Militärs, kann man sehr gut die Kontinuität gerade des italienischen Faschismus ablesen. Es hat in Italien nicht die große Aufarbeitung gegeben, derer sich gerade die Westdeutschen heute ja – teils zurecht, teils dann doch übertriebener Weise – hinsichtlich ihrer NS-Vergangenheit so gern rühmen. Im Gegenteil. Die Verwerfungen gerade dieser letzten anderthalb Jahre des Krieges, des Bürgerkriegs, des Partisanenkampfs, haben tiefe Spuren und offene Wunden hinterlassen. Anders als in Frankreich, wollte nach 1945 auch nicht ein jeder plötzlich dem Widerstand angehört haben und faschistische Nachfolgeorganisationen, vor allem in Form der MSI – des Movimento Sociale Italiano -, der bereits 1946 gegründet wurde und bis 1995 bestand, als er dann in der (gemäßigteren) Alleanza Nazionale aufging, formierten sich recht bald.
Wenn Scurati nun also – in angemessenem Ton, was heißen soll: Durchaus auch verächtlich und also urteilend, Partei ergreifend – die Leben derer Revue passieren lässt, die in den letzten Kriegstagen fielen, bzw. getötet wurden und jener, die den Krieg, teils um Jahrzehnte überlebten und am Wiederaufbau einer neofaschistischen Bewegung mitwirkten, die es in Form moderner populistischer Parteien wie den Fratelli d´Italia (die 2012 ihrerseits aus der Alleanza Nazionale hervorgegangen ist) sogar bis in die Regierung geschafft hat und mit Georgia Meloni tatsächlich die momentan amtierenden Ministerpräsidentin stellt, dann wird eben jene Kontinuität, von der weiter oben die Rede war, umso deutlicher.
Scurati setzt seinem Roman ein Motto voran:
„Allen, die nicht aufhören, an die Demokratie zu glauben. Macht euch zum Kampf bereit.“
Es schmerzt, das schreiben zu müssen: Doch recht hat er. Bei allem Pathos, das diesen Sätzen innewohnt – wahrscheinlich ist Europa an einem Punkt angelangt, an dem es sich und an dem sich jede/r einzelne Europäer*in sehr klar machen muss, wo sie oder er steht. Wenn wir das bewahren wollen, was in den über 80 Jahren seit Kriegsende auf diesem doch sehr zerschundenen Kontinent aufgebaut wurde und bei allen Fehlern Frieden und den meisten Menschen auch Wohlstand gebracht hat, dann werden wir uns wappnen müssen. Denn jene, die diese Bastion schleifen wollen, stehen Gewehr bei Fuß. Man muss es, leider, so martialisch sagen.
Niemand muss Scuratis Mammutwerk lesen, es ist eine Zumutung, es fordert und wirkt manchmal auch redundant. Und doch kann es nicht schaden, sich noch einmal vor Augen zu führen, was sich in Europa bereits abgespielt hat und was sich, wenn wir vergessen, jederzeit eben doch wiederholen kann. Es wird anders aussehen, es wird sich anders anfühlen. Aber es wird im Kern das gleiche sein: Brutaler, gewaltsamer, todesverliebter Faschismus. Er ist am Horizont schon zu erkennen. Es wird Zeit.