THE FATHER

Florian Zeller bietet, gemeinsam mit einem auserlesenen Ensemble, einen bestechenden Beitrag zum Thema Demenz

Anthony (Anthony Hopkins) ist ein älterer Londoner Herr, der, betreut von seiner Tochter Anne (Olivia Colman), darum bemüht ist, die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Doch er leidet unter einer fortschreitenden Demenz, die es ihm wie auch seiner Tochter und deren Ehemann Paul (Rufus Sewell) zusehends unmöglich macht, den Alltag zu bewältigen.

Da Anthony mehrmals die Betreuerinnen, die Anne für ihn ausgesucht hatte, vergrault hat, erklärt sie ihm, dass er in ein Pflegeheim müsse, wenn er sich mit der nächsten Kandidatin erneut verkracht. Anne erklärt ihm, sie wolle nach Paris ziehen, um dort mit dem Mann, den sie liebe, zusammenzuleben. Sie werde Anthony aber möglichst an den Wochenenden besuchen.

Anthony behauptet, die letzte Betreuerin habe ihn bestohlen, zudem kann er sich nicht erinnern, dass Anne, nachdem sie sich von ihrem Mann James getrennt hatte, jemals eine neue Beziehung geführt habe. Im Gegensatz zu Lucy, seiner anderen Tochter, sei sie auch nicht interessant für Männer. Lucy, die ihn seltsamerweise nie besuchen käme, die eine anerkannte Malerin ist, sie sei eine Frau, die die Männer interessiere.

Anne bemüht sich, solche Verletzungen wegzustecken, doch als am nächsten Tag Laura (Imogen Poots), die neue Pflegekraft, vorstellig wird, erzählt Anthony nicht nur dreiste Lügen darüber, wer er sei – angeblich ein Tänzer, dabei war er Zeit seines Arbeitslebens Ingenieur – sondern er demütigt auch Anne erneut und bepöbelt die junge Frau schließlich. Er brauche keine Hilfe.

Doch es wird deutlich, dass Anthony sich nicht mehr in seinem Leben zurechtfindet. Morgens wacht er in seiner Wohnung auf, doch sieht sie nicht aus wie seine Wohnung, die Bilder hängen anders oder gar nicht, die Möbel sind verrückt, sogar die Farbe der Tapeten hat manchmal gewechselt. Dann trifft Anthony einen ihm fremden Mann (Mark Gatiss) in der Wohnung, der genervt erklärt, er lebe hier. Bei anderer Gelegenheit fragt ihn Paul, wie lange er noch in der Wohnung „rumzuhängen“ gedenke und allen „auf den Sack“ gehen wolle?

Dann ist plötzlich wieder der Abend, bevor die neue Betreuerin kommt, dann steht Anthony vor dem fremden Mann, der ihn fragt, wie lange er noch in der Wohnung „rumzuhängen“ gedenke und allen „auf den Sack“ gehen wolle, woraus sich eine Handgreiflichkeit zwischen den beiden Männern entwickelt, die erst durch Annes auftauchen unterbrochen wird.

Bei einem Arztbesuch erklärt die Ärztin, was es mit der Krankheit auf sich habe, bei dieser Gelegenheit erwähnt Anthony, dass Anne ihn allein in London zurücklassen wolle, während sie nach Paris ginge, was Anne vehement verneint. Sie könne sich wohl nicht mehr erinnern, so Anthony, ihm erklärt zu haben, sie gehe nach Paris. Gegenüber der Ärztin erklärt er, Anne brauche wohl Hilfe, sie habe Erinnerungsprobleme, nicht er.

Laura erklärt sich bereit, die Stelle anzutreten, sie will es mit Anthony aufnehmen. Der erzählt ihr von Lucy, der begnadeten Malerin, deren Bilder sonst immer in der Wohnung gehangen hätten, er verstehe auch nicht, wo sie abgeblieben seien. Als Laura gegenüber Anne von Lucy spricht, erklärt Anne, dass Lucy einen schweren Unfall gehabt hätte. Laura will Anthony zu dem Tod seiner Tochter Beileid wünschen, merkt aber, dass er sich nicht an den Unfall erinnern kann.

Zwischen Anne und Paul kommt es vermehrt zu Streit, weil er nicht mehr bereit ist, Anthonys Verfall weiter mitzutragen. Der lebt tatsächlich schon seit Jahren bei dem Paar, glaubt aber, nach wie vor in seiner eigenen Wohnung zu wohnen. Ein Italienurlaub musste abgesagt werden, weil Anthony die nächste Pflegekraft vergrault habe. Dadurch wird klar, dass die Handlung einmal mehr gesprungen ist.

Eines Nachts wacht Anthony auf und hört eine Kinderstimme, die sich als die von Lucy entpuppt. Anthony öffnet seine Zimmertür und findet sich auf einem Krankenhausflur wieder, wo er auf das Zimmer seiner sterbenden Tochter stößt. Nun erinnert er sich wieder an den Unfall.

Als er erneut aufwacht, steht eine Altenpflegerin (Olivia Williams) vor ihm, die wir bereits zu Beginn der Handlung als seine Tochter gesehen haben. Sie fordert ihn freundlich auf, aufzustehen und die Morgenwäsche zu erledigen. Es wird deutlich, dass Anthony in einem Pflegeheim lebt. Als er nach Anne fragt, erklärt die Pflegerin, dass die doch seit einiger Zeit mit Paul, ihrem Mann, in Paris lebe. Ein Pfleger (Mark Gatiss) betritt den Raum, den Anthony für Paul hält und auch als jenen schon in der Wohnung gesehen hatte. Anthonys Welt bricht vollends zusammen. Er kann die Erinnerungen und Personen, die ihn umgeben, nicht mehr zusammenbringen, fragt, wer denn all die Leute seien und wer denn eigentlich er selbst sei? Dann beginnt er, weinend nach seiner Mutter zu rufen. Die Pflegerin tröstet ihn und sagt, sie gingen später in den Park.

Will man von Florian Zellers britisch-französischer Ko-Produktion THE FATHER (2020) sprechen, so muss man wohl zu allererst von Anthony Hopkins sprechen. Welch ein famoser Schauspieler Hopkins ist, das hat er in etlichen Rollen bewiesen. Den meisten vor allem als kannibalistischer Psychologe Dr. Hannibal Lecter in Jonathan Demmes THE SILENCE OF THE LAMBS (1991) in Erinnerung geblieben, reüssierte er aber noch viel häufiger denn in solch Aufsehen erregenden Rollen in eher ruhigen Parts, wie bspw. in James Ivorys THE REMAINS OF THE DAY (1993). Für beide Rollen – wie auch noch für zwei weitere – war er als bester Hauptdarsteller für den Oscar nominiert, für THE SILENCE OF THE LAMBS hat er ihn zum ersten Mal gewonnen. Für THE FATHER, eine weitere seiner vier Nominierungen, hat er ihn abermals erhalten. Und zwar völlig zurecht.

Hopkins legt eine Meisterleistung ab in der Rolle seines Namensvetters, des alternden Anthony, der sich in einem Labyrinth aus Zeitsprüngen, Erinnerungen, falschen Annahmen, zwischen fremden und weniger fremden Menschen und in einer Wohnung wiederfindet, die mal die seine, mal die seiner Tochter und dann wieder ein ganz anderer Raum ist – und doch immer die gleichen Räumlichkeiten aufweist. Das Psychogramm eines verlorenen Menschen.

Der französische Dramatiker und Regisseur Florian Zeller hat in dem gemeinsam mit Christopher Hampton verfassten Drehbuch sein eigenes Theaterstück adaptiert und von der Bühne auf die Leinwand transferiert. Dabei ist ihm ein wahres Meisterstück des ruhigen, des nachdenklichen und hintergründigen Kinos gelungen. Ein Kino abseits der lauten Effekte und der Überwältigung, durchaus aber ein Kino der Schrecken. Ein Kino, das beweist, dass der Horror gar nicht so weit entfernt liegt und ganz sicher nicht unter dem Bett oder des nächtens im Schrank lauert. Sondern vor allem in unseren Köpfen. Gelungen ist dieses Kino, ist dieser Film auch und vor allem dank der so formidablen Darstellung von Anthony Hopkins in der Rolle dieses der Demenz verfallenden Mannes, der im Leben wohl nicht sehr sympathisch gewesen ist, mit dem man aber im Laufe der Handlung und zunehmender Wirrnis, der auch das Publikum nach und nach anheimfällt, immer stärkeres Mitleid empfindet.

Das Thema Demenz auf der Leinwand ist ein gefährliches Unterfangen, es kann ungeheuer schiefgehen, meist tut es das dann auch. STILL ALICE (2014) war der ernsthafte und ehrenwerte Versuch, sich dem Thema zumindest in seiner Frühphase anzunehmen, nur war der Film schlicht zu schön. THE LEISURE SEEKER (2017) war ein zwar schönes, dann aber doch arg nah am Sentiment und am Kitsch entlangschrammendes Werk, das sich schließlich zu einem dem Thema vielleicht nicht ganz angemessenen Feelgood-Movie mauserte. Till Schweigers Versuch, sich dem Thema zu nähern – HONIG IM KOPF (2014) – war ebenfalls ehrenwert und doch zu nah an der Klamotte angesiedelt, um der Sache wirklich gerecht werden zu können; der Erfolg des Films war letztlich vor allem Dieter Hallervordens Darstellung geschuldet. Dies sind nur einige, einem breiteren Publikum bekannte Werke, es gibt darüber hinaus aber etliche mehr oder weniger erfolgreiche Dokumentar-, Spiel- und Fernsehfilme, die sich des Themas annehmen. Unter letzteren sticht wahrscheinlich die ebenfalls deutsche Produktion MEIN VATER (2003) mit Götz George in der titelgebenden Rolle und Klaus J. Behrendt als Sohn hervor, der es zumindest gelingt, ebenso anschaulich wie eindringlich den Schrecken und die zunehmende Verzweiflung zu vermitteln, den eine Demenzerkrankung nicht zuletzt für die Angehörigen des Betroffenen bedeutet. Vielleicht teilt er sich mit Zellers Film nicht zufällig einen Teil des Titels.

Zeller baut seinen knapp 100 Minuten dauernden Film über eine recht lange Strecke wohl ganz bewusst als Thriller auf. Wenn Anthony in den ersten Minuten des Films seine Tochter in verschiedenen Erscheinungen begegnet, ein ihm fremder Mann im Wohnzimmer sitzt und behauptet, er wohne hier – ein Mann, der später erneut auftritt, aber komplett seine Gestalt gewandelt hat -, dann kann beim Publikum schon der Eindruck entstehen, es mit einer Variante des sogenannten Gaslighting zu tun zu haben, dem Versuch, jemanden bewusst in den Wahnsinn zu treiben. Doch dem ist nicht so, und die Zuschauer*innen merken das dann auch früher oder später. Erstaunlicherweise setzt die eigentliche Spannung des Films aber erst in diesen Momenten der Erkenntnis ein. Was in erster Linie der Leistung der Schauspieler*innen zu verdanken ist, denn nicht nur Hopkins als Mittel- und Fluchtpunkt der gesamten Handlung spielt bravourös, sondern auch Olivia Colman in der Rolle seiner Tochter, wie auch Rufus Sewell als deren Gatte. Die eigentliche, die hintergründige und auch überwältigende Qualität des Films ergibt sich aus dem Zusammenspiel dieser drei Darsteller*innen, ganz besonders aber zwischen Hopkins und Colman.

Das Ganze ist ein Kammerspiel, es gibt lediglich zwei, drei Außenaufnahmen, die aber lediglich einzelne Szenen und Standorte etablieren. Das Gros des Films spielt in einer Wohnung, vor allem aber spielt es – bis auf sehr kurze und nur eingeschobene, allerdings sehr relevante Momente – im Kopf von Anthony. Der wähnt sich in seiner Wohnung, glaubt sich dort allein, begegnet in dieser Wohnung aber ihm wildfremden Männern, die behaupten hier zu leben, und dem hier seine Tochter in der Gestalt von Olivia Coleman erscheint, dann aber wiederum in der Gestalt einer völlig anderen Frau, die Anthony später erneut begegnen wird, dann aber als Krankenschwester – in einem Pflegeheim.

Der Begriff „später“ sollte im Kontext der Handlung allerdings nur relativ aufgefasst werden. Denn immer wieder kehrt der Film – der medial ja nun einmal linear verläuft, verlaufen muss, das lässt sich in einer physikalischen Wirklichkeit nicht verhindern – zum selben Punkt zurück, besser: zu einigen scheinbar relevanten Punkten in der Handlung und damit im zeitlichen Muster. Immer wieder findet sich Anthony – und mit ihm wir, die Zuschauer*innen – am Vorabend eines Besuchs einer jungen Frau, die sich zukünftig um Anthony kümmern soll, da seine Tochter Anne nach Paris ziehen will. Oder auch nicht, denn beim Besuch in der Praxis einer Psychologin (einer der raren Momente, in denen der Film die Wohnung verlässt) beteuert sie, so etwas nie geplant zu haben – eine Aussage, an die Anthony sich klammert, die aber nur wenige Szenen später wieder infrage gestellt wird, wenn der Film plötzlich wieder an den Vorabend des Eintreffens der jungen Frau zurückspringt und sich der Dialog, den wir zu diesem Zeitpunkt bereits zweimal gehört haben ein drittes Mal ergibt, diesmal aber ergänzt um wesentliche Informationen, die uns zunächst vorenthalten wurden – und die Anthony wohl verdrängt haben muss. Nichtsdestotrotz behauptet er der Ärztin gegenüber, es sei seine Tochter, Anne, die Hilfe brauche, sie scheine sich nicht an ihre eigenen Aussagen hinsichtlich ihrer Paris-Pläne erinnern zu können. Ein für Demenzerkrankungen nicht untypisches Muster: Das Verschanzen hinter den letzten scheinbaren Gewissheiten und der gleichzeitige Angriff auf die Umwelt, meist auf jene, die einem selbst am nächsten stehen.

In Szenen wie diesen beweist sich die besondere Fähigkeit des Films, mit zeitlichen, aber, wie gleich zu beweisen sein wird, auch räumlichen Sprüngen zu spielen und – darin dem Traum so ähnlich – damit für Verwirrung bei einzelnen Zuschauer*innen zu sorgen. Können wir unserer Wahrnehmung trauen? Befinden wir uns in einer chronologisch „richtigen“ geordneten Handlung? Schnitt und Montage können, besser, als dies bspw. der Literatur, also der Sprache je gelingen könnte, für abrupte und damit auch desorientierende Wechsel und Sprünge sorgen. Und mit genau diesen Sprüngen spielen, Zeit und Raum außer Kraft setzen. Es entsteht ein Sog, in dem man sich zu verlieren droht – und der es uns ermöglicht, zumindest ansatzweise zu empfinden, wie der Betroffene, der Erkrankte, wohl empfinden muss.

Es wird noch verwirrender, wenn dann auch die Wohnung ihr Aussehen verändert, sich die Anordnung der Möbel und der Bilder ändert. Mal steht diese Kommode hier, dann steht sie dort, dann ist sie ganz verschwunden; mal ist der farbliche Grundton der Wohnung kobaltblau, dann doch wieder mintgrün; mal ist das Esszimmer so angeordnet, dann doch wieder ganz anders und wieso stehen in der Diele diese Stühle? Und wo sind eigentlich die Bilder der anderen Tochter, die Bilder von Lucy, der erfolgreichen Malerin geblieben, die sonst immer hier und dort und da hingen? Es ist eine Glanzleistung sowohl der Set Dekorateure als auch von Yorgos Lamprinos, der für den Schnitt und also – gemeinsam mit Regisseur Florian Zeller – auch für die Montage des Films verantwortlich zeichnet, zwar für Verwirrung zu sorgen, sodass wir immer stärker mit Anthony fühlen, dessen Desorientierung immer besser verstehen können, zugleich aber so dezent bei den Veränderungen und der Willkürlichkeit dieser Veränderungen vorzugehen, dass doch immer der Eindruck einer kohärenten Erzählung, eines nachvollziehbaren Narrativs zumindest für uns, das Publikum, erhalten bleibt. Bis der nächste Schnitt wieder alles über den Haufen wirft, uns eine umdekorierte Wohnung und ein völlig anders Setting und im schlimmsten Fall auch noch Personen präsentiert, die wir bis dato noch nicht gesehen haben. Und wir somit ununterbrochen gezwungen sind, uns in diesem Labyrinth neu zu orientieren.

Ben Smithard, der die Kamera führt, fängt dies alles in meist hellen Bildern ein – es ist ein schöner Londoner Sommer, was die Düsternis in Anthonys Kopf umso greller erscheinen lässt –, Bilder, die häufig Symmetrie in den Räumen herstellen, auf jeden Fall immer für Klarheit sorgen. Er etabliert die Wohnung, vermittelt die Räumlichkeiten und wie die Zimmer zueinander liegen derart genau, dass wir glauben, einen Grundriss im Kopf zu haben. Was dann natürlich umso mehr zu unserer Verwirrung beiträgt, können wir doch plötzlich unserer Wahrnehmung nicht mehr trauen. Es ist ein Meisterstück der klaren, nahezu sachlichen Kameraführung, derer das Publikum hier ansichtig wird. Gegenüber den Protagonisten hält die Kamera zumeist eine Halbdistanz ein, sie bleibt Beobachter, rückt sie dann einmal näher an einzelne Protagonisten heran, was selten vorkommt, ist dies immer auch eine Grenzüberschreitung, ein Eindringen in deren persönliche Sphäre, und somit auch eine Eskalation. So bleiben wir, die Betrachter*innen, in einem ähnlichen Wechselbad der Gefühle, wie die Figuren. Und immer bleibt da diese grundlegende Verunsicherung. Ist das alles nur in Anthonys Kopf? Oder geht hier etwas ganz anderes vor sich?

Verunsicherung und Verletzung, das sind die Grundthemen des Films, besser: Das ist seine Grundierung. Die Verunsicherung hinsichtlich der Erkrankung ist nicht nur beim kurzen Ausflug zur Ärztin auch auf Seiten von Anne zu spüren, sie dringt auch in die Beziehung Annes zu ihrem Mann Paul, sie setzt sich in den Köpfen fest. Verletzungen, Herabsetzungen, Angriffe finden ununterbrochen statt. Anthony muss schon in seinen besseren Tagen ein schwieriger, vielleicht sogar despotischer Charakter gewesen sein; nun lässt er Anne bei jeder Gelegenheit spüren, wie wenig, respektive dass er nichts von ihr hält. Immer wieder putzt er sie vor anderen herunter, wieder und wieder wird Lucy lobend erwähnt, die er für talentierter, hübscher, kompetenter als Anne hält, die ihn aber nie besucht. Der Zuschauer ahnt es früh, erfährt es dann spät im Film zu seiner Gewissheit, dass diese Tochter lang schon verstorben ist, sie wurde Opfer eines Unfalls.

Es ist typisch für die Krankheit, dieses Ausspielen verschiedener Familienangehöriger gegeneinander, Betroffene erzählen immer wieder davon. Und dennoch, trotz aller Kenntnisse um die Spezifika der Demenz oder einer Alzheimer-Erkrankung, sind es schlimme, bleibende Verletzungen, die den Betroffenen zugefügt werden. Gleiches gilt für die Unterstellungen gegenüber den Angestellten. Es soll eine Betreuerin eingestellt werden, nachdem mehrere Pflegekräfte den Haushalt wieder verlassen hatten. Anthony hat sie alle vergrault, teils durch unhaltbare Verdächtigungen. Immer wieder behauptet er, seine Uhr sei gestohlen, immer wieder findet Anne sie in Verstecken, von denen sie, laut Anthony, gar nichts wissen dürfte, was zu neuerlichen Verdächtigungen führt, ad infinitum. Nicht nur diese Verdächtigungen sind typisch für die Demenz, auch die Fixierung auf bestimmte Objekte – hier die Armbanduhr – kommt häufig vor. Und es ist dem Drehbuch hoch anzurechnen, dass es immer wieder gelingt, diese Spezifika einzubauen, ohne dabei didaktisch, belehrend, vorführend zu wirken. Sie sind einfach Bestandteil der Entwicklung. Einer, wenn man so will, stagnierenden Entwicklung, was das Paradox der Krankheit auf den Punkt und auch den Film auf den Punkt bringt.

Es gelingt Zeller somit ungemein genau, die Belastung aller Betroffenen zu vermitteln, auch jener Paul, Annes Mann, der Anthony eines Tages zur Rede stellt, ihn fragt, wie lange er noch in der Wohnung „rumzuhängen“ und allen „auf den Sack“ zu gehen gedenke. Eine Szene, die mehrmals vorkommt, mal tritt Paul in seiner eigenen Gestalt auf, mal in einer von Anthony imaginierten, mal bleibt es bei Unfreundlichkeiten, mal kommt es gar zu Handgreiflichkeiten. Auch dies ein hervorragendes Beispiel, wie diese Krankheit sich auf alle Beteiligten auswirkt, wie sich auch zwischen den Angehörigen Misstrauen einschleicht, weiß man doch nicht mehr, wem man genau vertrauen kann, wem man vertrauen will. Dem eigenen Vater, der den Ehemann bezichtigt, ihn geschlagen zu haben? Oder doch dem Gatten, der sichtlich mit den Kräften am Ende ist? Und hat man den eigenen Vater neulich, beim Vorstellungsgespräch der neuen Betreuerin nicht schamlos lügend erlebt? Hat er sich da nicht sogar eine komplette neue Vita erfunden?

Dieses Vorstellungsgespräch ist eine der beeindruckendsten und die vielleicht verstörendste Szenen des gesamten Films, da es Hopkins so brillant gelingt, Anthony etwas Berechnendes zu geben. Man weiß nicht, ob hier jemand grandios Theater spielt, um seine Tochter bloßzustellen und damit zu demütigen, weil er sich durch sie gegängelt und bevormundet fühlt, oder aber das, was er da erzählt – u.a. behauptet er, der Ingenieur gewesen ist, ein Tänzer gewesen zu sein – nicht längst schon Teil der Demenz ist? Es bleibt dies eine offene Frage, wie so Vieles in diesem Film, der genau darin so mutig ist, nicht alle Fragen zu beantworten, sein Publikum aufzufordern, sich ein eigenes Bild zu machen, eine Meinung zu bilden.

Es ist schließlich den dramaturgischen Konventionen geschuldet, wenn der Film am Ende zumindest im Groben auflöst, wie die Dinge sich tatsächlich verhalten und wir begreifen, dass wir wohl einer durchgehenden Wahnidee Anthonys beigewohnt haben, da er sich in einem Pflegeheim wiederfindet, in welchem ihm eine sehr freundliche Krankenschwester, die uns zu Beginn des Films einmal als Anne begegnet ist, erklärt, dass er doch seit Monaten schon hier sei. Anthony bricht mehr oder weniger zusammen und fragt sie, wer denn sie sei, wenn nicht seine Tochter, und wer der Pfleger, der in Gestalt des immer hervorragenden Mark Gatiss ebenfalls schon aufgetreten war – in der Rolle von Anthonys Schwiegersohn, der eigentlich von Sewell gespielt wird. Und schließlich fragt er sich, wer denn dann er sei? Weinend ruft er nach seiner „Mami“, während die Pflegerin sich bemüht, ihn zu beruhigen. Vielleicht ein Ticken zu viel, vielleicht etwas zu großes Drama, dieser Zusammenbruch – und doch ein bewegender Moment, der diesem in sich selbst und den eigenen Erinnerungen verlorenen Greis Respekt und Mitgefühl bekundet.

THE FATHER ist der vielleicht beste Film zum Thema Demenz, der denkbar ist. Er nimmt die Krankheit und in ihr die Betroffenen – vor allem den Erkrankten – sehr ernst. Und bringt doch Verständnis für alle Beteiligten auf. Er ist aber vor allem mit einem kleinen aber ungeheuer feinen Ensemble gesegnet, welches den Film über sein Thema hinaus zu einem schauspielerischen Triumph macht. Diesen Könner*innen zuzuschauen ist – bei aller Tragik des Themas – tatsächlich ein Genuss.

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