BIS DIE SONNE SCHEINT
Christian Schünemann ist da ein kleines, feines Stück über ein untergegangenes Land gelungen - die alte BRD
Wenn man so will, ist Christian Schünemanns Roman BIS DIE SONNE SCHEINT (2025) ein Gegenstück zu all den – sehr berechtigten und zumeist auch sehr guten – DDR-Romanen der vergangenen zwei Dekaden. So wie dort auf ein untergegangenes Land zurückgeblickt wird, so wie dort dieses Land noch einmal aufersteht und Leser*innen etwas in Erinnerung gerufen wird – oder aber vor Augen geführt wird, so sie es aus eigener Anschauung nicht kannten -, so weckt Schünemann die Erinnerungen an ein ebenfalls vergangenes Land und eine vergangene Zeit: Die Bundesrepublik Deutschland in diesem seltsam doppelbödigen Jahrzehnt – den 80er Jahren -, heute so gern verklärt, ja verherrlicht, weil diese Jahre so unschuldig wirken in der Rückschau, die aber tatsächlich auch grau und trüb und voller Angst und Düsternis sein konnten.
In einer äußerst geschickten Doppelkonstruktion erzählt der Autor aus der Perspektive des 14jährigen Daniel, der seiner Konfirmation entgegenfiebert, ein bisschen in Zoe verliebt ist, eigentlich auf Schüleraustausch nach Frankreich fahren will, leider aber bemerkt, dass seine Eltern ihr Geschäft in den Sand gesetzt und damit jede Möglichkeit, Extraausgaben zu tätigen, zunichte gemacht haben. Zugleich wird aber auch – nüchtern, fast schmerzhaft sachlich – von den Familien der Eltern von Daniel erzählt. Den Hormanns und deren Weg aus dem Osten gen Westen, auf der Flucht, aber auch, wie sie sich mit dem Naziregime gemein gemacht hatten und dann, nach dem Krieg, eine fast prototypische westdeutsche Aufsteigergeschichte hingelegt haben. Wie die Frauen ihre Möglichkeiten nicht entfalten konnten, wie man aber auch Chancen ergriff, wenn sie sich boten. Wie die Tante nach Amerika ging, die Mutter, anstatt zu studieren Sekretärin wurde, um „mitzuhelfen“. Und wie es Stück für Stück aufwärts ging, besser wurde, man sich „mal wieder was leisten konnte“.
Schünemann erzählt mit Witz, Ironie, manchmal hintergründig und eben auch nüchtern aus der bundesrepublikanischen Gründerzeit, von den 60er Jahren in der Provinz – die Geschichte ist in und um Bremen angesiedelt -, davon, wie man profitieren konnte und wie alles immer besser zu werden schien, rein ökonomisch betrachtet. Und wie es eben auch alles ein wenig zu sehr auf Pump, ein wenig zu großkotzig, ein wenig zu hoch gepokert gewesen ist. Denn dass die Hormanns – er ist Architekt, sie hilft ihm mit der Buchhaltung, als das Geschäft mit „individuellen“ Fertighäusern nicht mehr läuft, satteln sie auf Wasserfilter um, Mutti Hormann versucht sich zwischendurch mit einem Laden für Strickwolle, auch seine Idee – schließlich in die Pleite schlittern, scheint ihrer Unfähigkeit geschuldet, mit Geld umgehen zu können; doch ebenso kann man auch diese Entwicklung als eine prototypische Nachkriegsgeschichte betrachten.
Denn 1983 – das Jahr in dem die Geschichte um Daniel spielt, die immer wieder von Einschüben unterbrochen wird, die von den Familien erzählen – war schon ein Wendepunkt. Helmut Kohl übernahm die Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, es sollte die „geistig-moralische“ Wende vollführt werden, konservative Kreise wähnten das Land zumindest moralisch bankrott nach etwa vierzehn Jahren sozialliberaler Koalition, den wilden 70er Jahren, nach RAF und Wirtschaftskrisen. Nun wollte man wieder in ruhigere Fahrwasser, mehr Innerlichkeit wagen, es sollte nicht alles politisch sein, es durfte auch mal wieder gelacht werden. Zugleich musste man sich aber auch eingestehen, dass das alles nicht mehr ganz so einfach zu bewerkstelligen war wie in den 50er und 60er Jahren, den Jahren des Wirtschaftswunders, der Vollbeschäftigung und des scheinbar unbegrenzten wirtschaftlichen Aufschwungs.
Es ist das große Verdienst dieses Romans, zugleich diese übergeordnete Geschichte und die sehr persönliche eines Jungen im Teenageralter zu erzählen – im Grunde eine Coming-of-Age-Story – und beides so aufeinander abzustimmen, dass es sich nahezu perfekt ergänzt. Dazu trägt bei, dass der Roman, der, liest man Schünemanns Nachwort, stark autobiographisch geprägt ist, sich nie zu ernst nimmt, nichts größer macht, als es tatsächlich war oder ist. So wie diese, so waren viele Familiengeschichten der 70er und 80er Jahre. Nicht alle endeten in einer Zwangsversteigerung oder einer Privatinsolvenz, aber doch musste das Land irgendwann in diesen zwei Jahrzehnten lernen, dass es mit dem ewigen Wachstum nicht so weiter gehen würde. Und so mussten auch viele der Mittelschicht Zugehörige erleben, dass sie sich übernommen hatten, dass sie den Gürtel enger schnallen, die Träume eindampfen, die Aussichten an engeren Horizonten ausrichten mussten. Hier endet nichts in einer Tragödie, im Gegenteil. Daniels Eltern bleiben sich in gewisser Weise treu. Mit ihren beiden jüngsten – eben Daniel und seiner Schwester, die beiden älteren Kinder bleiben daheim – setzen sie sich erstmal gen Süden ab und fahren „bis die Sonne scheint“. Sie kehren aber auch um, wenn die Kohle nicht mehr reicht. Und dann wird so nüchtern wie zuvor von den Familien im Lauf der Zeit davon berichtet, wie Daniels Zuhause abgewickelt wird, wie die Familie in ein Reihenhaus zieht und man eben einfach weitermacht, nur halt zwei Nummern kleiner.
Vielleicht sind die Figuren – von Daniel einmal abgesehen – etwas zu blass geblieben, gerade seine Geschwister empfindet man, als stünden sie immer hinter einer der für die 70er und 80er so typischen Milchglasscheiben in den Wohnzimmertüren. Dagegen schillern die beiden Großmütter in den Einschüben, die von den Familien erzählen, umso heller. Vielleicht muss man auch feststellen, dass das, was der Familie Hormann widerfährt alles in allem etwas zu gleichmütig hingenommen wird. Mag alles sein. Dennoch bleibt eben auch festzuhalten, dass Schünemann atmosphärisch Großartiges gelingt, wenn er jene Jahre vor dem Mauerfall und damit dem (Wieder)Einzug der Geschichte in die deutsche Wirklichkeit auferstehen lässt und fühlbar macht. Und zugleich – dank seines Humors und seines trockenen Stils – ein wunderbares kleines Stück literarische Unterhaltung schafft.