VAIM

Jon Fosse gleitet sprachlich durch stille Fjorde Norwegens

Aus der Sicht dreier Männer erzählt Nobelpreisträger Jon Fosse in seinem Roman VAIM (Original erschienen 2025; Dt. nin der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel 2025) von Eline, einer Frau an der Westküste Norwegens, die sich zu nehmen scheint, was sie will im Leben – und letztlich ist das im Kontext der Geschichte nicht viel und doch ist es alles. Die Liebe.

Zunächst ist da Jatgeir, der im Sommer mit seinem Boot nach Bjørgvin (Bergen) fährt, wo er sich vom Kaufmann übers Ohr gehauen fühlt, weshalb er weiterfährt, auf einer Insel Halt macht und dort von seiner Jugendliebe Eline angesprochen wird; Eline, nach der er einst sein Boot benannt hatte. Sie will ihrem Ehemann Frank entfliehen, Jatgeir erklärt sich einverstanden und nimmt sie mit in den gemeinsamen Heimatort Vaim. So wird sein Jugendtraum wahr und gemeinsam verbringen die beiden einige Jahre miteinander. Davon berichtet uns Elias, Jatgeirs einziger Freund, in einem kurzen zweiten Teil des Romans, bevor im dritten Teil Frank, der erste Ehemann von Eline, übernimmt und davon erzählt, wie Eline nach Jatgeirs Tod zu ihm zurückgekehrt ist, wobei die Erzählung an diesem Punkt mit sich selbst bricht und unklar bleibt, ob Frank in einer Zeitschleife wieder an den Ausgangspunkt der Geschichte zurückkehrt oder ob wir uns in einem dem magischen Realismus entlehnten Konzept befinden, das Zeit, Raum und die logische Verknüpfung von beidem aufhebt. Oder wir müssen begreifen, dass wir es letztlich mit einem einzigen Erzähler zu tun haben, der sich in drei Stimmen aufteilt, womit die ganze Erzählung auf sich selbst und den Autor – Jon Fosse – und seine Erzähltechnik(en) zurückweisen würde. Und uns somit etwas über das Erzählen selbst erzählte, seine Möglichkeiten und Bedingungen, weniger eine handfeste Geschichte.

Fosse verzichtet komplett auf Interpunktionen, lediglich ein einziges Fragezeichen markiert den Text, ansonsten müssen wir mit Kommata vorliebnehmen. Dadurch wird das magische Element, vielleicht etwas Surreales, dem Traum Entliehenes unterstrichen, die Leser*innen müssen sich auf den fließenden Rhythmus einlassen, können sich, wenn sie sich diesem Rhythmus hinzugeben bereit sind, in ihm verlieren, einer Meditation in Sprache gleich. Auch ein einziger Sprung durch die grammatikalischen Zeiten – fort vom Präsens hin ins Präteritum (S.88) – unterstützt den surrealen Charakter des Texts. Hinzu kommt die Eigenart, bestimmte Begriffe – Der Landesteg, Das Wirtshaus etc. – immer mit ihren bestimmenden Artikeln zu versehen und diese immer groß zu schreiben.

So wirkt dies schließlich weniger wie ein Roman, denn wie ein Langgedicht, vielleicht ein Stream of consciousness, eine sprachliche Erkundigung seelischer Welten in ihrer ganzen Undurchdringlichkeit. Fosse erzählt im Grunde von Nichts. Seine Protagonisten begegnen nahezu allem, was ihnen widerfährt, vollkommen passiv. Jatgeir will Nadel und Garn kaufen, fühlt sich übervorteilt, ist aber bereit, dem Schwindel aufzusitzen, nur um im nächsten Laden zum gleichen Preis übervorteilt zu werden, was er dann ebenfalls hinnimmt. Wenn Eline ihn nach Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, die die beiden einander nicht gesehen haben und – wie Jatgeir den Leser*innen in seinem langen inneren Monolog auf den ersten nahezu 80 Seiten des Romans erklärt – einander auch nie wirklich begegnet sind, da er sie immer nur aus der Ferne angehimmelt hat, wenn diese Frau ihn dann also auffordert, sie mitzunehmen, folgt er dieser Bitte ohne Vorbehalt. Kurz fragt er sich, ob ihr Mann dies nicht möglicherweise missbilligen würde, doch kann Eline diese Einwände sofort zerstreuen. Und so machen die beiden sich auf in eine bessere Zukunft.

Ebenso gleichmütig nimmt Elias den Besuch seines Freundes eines Nachts hin, nicht, ohne uns zuvor seitenlang davon berichtet zu haben, dass es an seiner Tür klopft und er eigentlich nicht öffnen möchte und es aber doch tut, da es Jatgeir sein könne, den er aber nicht mehr häufig sieht. Und zugleich berichtet er uns davon, dass sein Heim auch nicht besuchergerecht vorzeigbar ist, da sich u.a. das Geschirr ungewaschen in der Spüle stapelt. Doch dann öffnet er die Tür und trifft Jatgeir und spricht kurz mit ihm und dann verabschiedet sich der Freund und dann muss Elias feststellen, dass er bereits verstorben ist. Also Jatgeir, sein Freund. So streift die Geschichte kurz das Unheimliche, wobei der Begriff un-heimlich wortwörtlich zu verstehen ist, denn dies hat weniger von etwas Grusligem, vielmehr wirkt Jatgeirs Besuch wie der Abschied aus einem Leben, das einförmig und unauffällig dahingeglitten ist, wie ein Boot durch den Fjord gleitet.

Wenn Franks Stimme dann für den letzten Teil des Textes übernimmt, kehrt die Erzählung zu scheinbarer Rationalität, geradezu kühler Sachlichkeit zurück, bis sich auf den letzten Seiten Raum und Zeit und die Ereignisse in ihnen zu überschneiden beginnen und doch – und das vermag nur Sprache – völlig richtig und in sich schlüssig erscheinen. So gleitet Frank an Jatgeirs Boot vorbei, auf dem der gerade Franks Frau Eline entführt, die er selbst eben erst kennen gelernt hatte. Und so kann der Text von vorn beginnen. Der Roman ist wohl der Auftakt einer Trilogie, man darf also gespannt sein, wie diese Erzählstrategie fortgesetzt wird und wie Fosse die Ereignisse dieses Bandes in Folgebände integriert, auch, ob er dies überhaupt will. Allerdings muss der Text sein Publikum dafür genügend fesseln, um Teil 2 und Teil 3 einer eventuellen Trilogie auch wirklich lesen zu wollen. Und da kommt sich dieser Text doch ein wenig selbst in die Quere. Denn da er im Grunde von nichts berichtet, ist die Spannung, die er bei den Leser*innen zu erzeugen vermag – und Spannung ist hier nicht im Kontext eines Unterhaltungsromans zu verstehen, sondern durchaus als etwas sprachlich Verführendes, Aufregendes – überschaubar. Da der Text allerdings auch vom Umfang her überschaubar ist, mag man sich vielleicht beizeiten auch auf Nachfolgetexte einlassen, man wird sehen. Dies ist in seiner dramaturgischen Unterkomplexität dann doch eher gleichförmig und wenig packend. Eine Einschätzung, die natürlich ein jeder und eine jede für sich selbst treffen muss.

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