DAS SCHERBENGERICHT/HET SCHERVENGERICHT

Surreale Begegnungen und wie Literatur Mythen schaffen will

Was wäre wenn…darf, ja muß Literatur womöglich fragen? Was wäre wenn dies und das geschähe, sich dieser und jener begegneten? Z.B. Elizabeth I. und Maria Stuart? Stefan Zweig spielt das durch, wissend, daß diese Begegnung nie stattgefunden hat. Und so macht es auch A.F.Th.van der Heijden mit der Konstellation Roman Polanski/Charles Manson.

Der Lebensweg des polnischen Regisseurs ist an und für sich schon Stoff für einen Roman: Überlebender des Krakauer Gettos, gefeierter Regisseur in Europa, dann in Amerika, Liebling des Hollywood-Establishments bis 1969, als seine junge und sehr, sehr schöne Frau und deren Freunde in seiner Abwesenheit Opfer der Gang des Gurus und Massenmörders Charles Manson werden, schließlich wird Polanski, fast 10 Jahre nach diesem Ereignis, selbst angeklagt, ein minderjähriges Mädchen mit Drogen gefügig gemacht und dann vergewaltigt zu haben. Er stellt sich einer selbstgefälligen US-Justiz, die zugegebenermaßen ein seltsames Spiel aus falschen Absprachen mit ihm spielt, auf das er eingeht, sich für einige Wochen um den Jahreswechsel 1977/78 in Haft begibt, um dann, als er freikommt, die USA zu fliehen und bis heute nicht mehr zurückzukehren. Dazu kam dann die Farce um seine Inhaftierung in der Schweiz, sozusagen der Nachklapp.

Man kann sich zu dieser Geschichte stellen, wie man mag, Polanski für ein Justizopfer oder einen abgebrühten Vergewaltiger halten, zwei Dinge sind klar: Diese Geschichte ist großer Stoff und der Regisseur Polanski hat der Filmgeschichte einige ihrer absoluten Perlen geschenkt (DAS MESSER IM WASSER/1962; REPULSION/1965; ROSEMARY´S BABY/1968; CHINATOWN/1974).

Der Reiz des vorliegenden Buches besteht nun darin, daß van der Heijden den unter dem Pseudonym „Remo Woodehouse“ einfahrenden Polanski auf den nach einer Feuerattacke unter Verbänden versteckten Häftling Scott Maddox treffen läßt. Beide sitzen im Hochsicherheitstrakt und melden sich freiwillig zur Putzkolonne. Und so beginnt ein Psychoduell besonderer Klasse. Während die beiden ihre Bahnen mit Besen, Schrubber und Wischer ziehen und dabei labyrinthische Muster mit dem Mopp auf die Anstaltsböden zeichnen, entpuppt sich Maddox nach und nach als Manson, im Buch nur Charlie. Und ebenso labyrinthisch, wie die Putzbahnen auf dem Anstaltsboden, sind die Erzählstränge, die van der Heijden durch sein Buch zieht. Da entsteht Erzählung in Erzählung, einer Babooschka ähnlich, entwächst aus einer Erinnerung die nächste und die nächste, aus einer Vermutung eines der beiden Häftlinge, die da miteinander ringen, um Wahrheit und Wahrhaftigkeit, die nächste Vermutung. Da werden beide – Winzlinge, keiner der beiden größer als gerade 1,60m – als sich streckende Zwerge dargestellt, beide mit verschiedenen Talenten ausgestattet, die ihnen die Chance gaben, über sich hinaus zu wachsen; der eine mit dem Talent, die Menschen mit seinen meist abstrusen Geschichten zu verstören, der andere mit dem, seine Anhänger dazu zu treiben, realen Horror in einer realen Welt Wirklichkeit werden zu lassen.

Van der Heijden besteht darauf, daß diese Geschichte einem Mythos entspricht. Sein neuer Romanzyklus soll moderne Mythen, Mythen unserer Zeit beleuchten. Im ersten Band DIE MOVO TAPES wird schon der Gott Apoll vorgestellt, der seinen Namen an die NASA für ihr Mondflugprogramm verkauft hat, hier nun taucht er auf als eine Art popkultureller Vermittler dieser Begegnung. In Gestalt eines Gefängniswärters mit dem Spitznamen „Der Grieche“ fördert er dieses Treffen, überwacht und lenkt es auch ein bisschen. Und v.a. beobachtet er, wie diese „transatlantische Tragödie“, so der Untertitel des Buches, sich entwickelt und entfächert. Eben einer klassisch-antiken Tragödie gleich, die ja meist Mythen behandelt.

Sprachgewaltig, breit aufgestellt und detailversessen erzählt van der Heijden seinen Stoff. Dabei nutzt er teils verwirrende, teils lustige schriftstellerische Verfremdungstechniken. Einerseits erhalten wir nie die Klarnamen der beiden Hauptfiguren, „Charlie“, wie Maddox sich schließlich anfängt zu nennen (in der 3. Person, spricht er von sich als Maddox, sagt er „ich“), andererseits werden Sharon (Tate) und die anderen Opfer bei ihren klaren Vornamen genannt, ebenso Mansons Jünger Ted, v.a. aber die Frauen Ouisch, Squaky, Linda, Suzie usw. Dabei sind diese Namen teils die Klarnamen, teils jene Spitznamen, die heute jeder, der sich für den Fall interessiert, spätestens durch die Lektüre des Buchs HELTER SKELTER des damaligen Staatsanwalts Vincent Bugliosi kennt. Dies übrigens ist eine der hintersinnigsten Verfremdungen: Nicht „Helter Skelter“, wie es in realitas war, sondern „Hurly Burly“ soll die (geheime) Single (in Wirklichkeit war es das Stück „Helter Skelter“ auf dem „White Album“) der Beatles geheißen haben, der Manson/Maddox die Botschaften entnahm, welche ihm die Ideen vom Rassekrieg zwischen Schwarz und Weiß eingeflüstert hätten. Und so schrieb eine seiner Jüngerinnen auch nicht fälschlicherweise „Healter Skelter“ auf den Kühlschrank der LaBiancas (die Opfer in der 2. Nacht der Manson’schen Wütereien), sondern angeblich „Hurdy Gurdy“. Dies nun sind Feinheiten, denn das originale „Helter Skelter“, einem Shakespeare-Text entliehen und von den Beatles als ein Begriff für „Chaos“ genutzt, KANN dem Begriff „Hurly-Burly“, ebenfalls einem Shakespeare-Text aus „Macbeth“ entliehen, entsprechen, „Hurdy Gurdy“ wiederum ist die Bezeichnung für ein mittelalterliches Instrument, in dieser Funktion wurde es zu einem Lehnwort für den „Leierkastenmann“ und in DIESER Funktion wiederum taucht es ikonographisch als Donovan-Song und somit als Symbol der 60er-jahre-Gegenkultur auf. Dieser Art sind die labyrinthischen Verwicklungen und Verweise, die das Buch massenweise durchziehen.

Allerdings beginnt hier auch die Kritik: Denn man muß die genauen Abläufe und all die undurchsichtigen Zusammenhänge und Details des Falls schon gut kennen, um die Feinheiten des Buchs zu erkennen und auch zu goutieren. Dies ist das eine. Der Fall liegt nun mittlerweile über 40 Jahre zurück und auch wenn stimmt, was van der Heijdens Grundannahme ist, nämlich, daß er in das kollektive Unterbewußtsein der (post)modern subkulturell ebenso wie hochkulturell Gebildeten eingesickert ist, sollte man zumindest Bugliosis Schmöker kennen, sonst geht einem zu viel verloren. Das andere ist die schiere Länge des Buches. 1166 Seiten mit dieser Geschichte zu füllen, ist ein gewagtes Unterfangen. Da kommen – zwangsläufig? – Längen auf und manches wiederholt sich. Vor allem die Hysterie um seine Verkleidung und sein Pseudonym, die Woodehouse/Polanski den ganzen Text hindurch beschäftigen, fangen irgendwann an zu nerven. Dies ist eh eines der Grundprobleme der ganzen Konstellation: Daß van der Heijden einige gewagte Manöver durchführen muß, immer hart an der Realität, oder dem „wie es wirklich war“, entlang, um seine Ausgangssituation zu definieren. Das führt zu Längen der Erzählung und einigen Unwahrscheinlichkeiten, die in einem sich im Ungefähren bewegenden Text hinnehmbar wären, in einem so an realistischer Beschreibung interessiertem wie diesem jedoch stören können.

Andererseits wird man als Leser mit Durchhaltevermögen mit einigen der besten, auch sprachlich besten (dank der sehr guten Übersetzung von Helga von Beuningen), aber auch gewagtesten literarischen Anordnungen belohnt, die lange zu lesen waren. Die „Krönung“ ist eine über Dutzende Seiten sich hinziehende Imagination des in der Isolierzelle darbenden Woodehouse/Polanski von seinem ungeborenen Sohn, der die gesamte Tötung seiner Mutter und ihrer Freunde lediglich akkustisch wahrnehmend erleben muß, bis ca. 20 Minuten nach dem Tod Sharon Tates auch er die „einsamsten zwanzig Minuten in der Geschichte der Menschheit“, wie es im Text heißt, sterbend beschließen muß. Das ist schon – eindringlich, schockierend und todtraurig – ein Stück große Literatur!

A.F.Th. van der Heijden ist, einmal mehr, ein hervorragendes Buch gelungen, ein Stück Weltliteratur, an dem es allerhöchstens auszusetzen gibt, daß  es etwas zu lang geraten und zum andern nur dem wirkich verständlich ist, der die Details des Falles gut kennt und somit tief in der modernen amerikanischen Geschichte verwurzelt ist.

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