DIE VERFLUCHTEN/THE ACCURSED

Sittengemälde, Zeitpanorama, Spukgeschichte, Schlüsselwerk und Vampirroman: Joyce Carol Oates´ großer Wurf

Es gibt ja diese Reihe von Autoren und Autorinnen, von denen viele Leser (die ja bekanntlich keine Ahnung haben) und einige Kritiker (die ja bekanntlich GAR keine Ahnung haben) der Meinung sind, sie hätten die höchste Auszeichnung für ihr Schaffen verdient, deren Namen aber regelmäßig nicht genannt werden, wenn es im Herbst zur Bekanntgabe kommt. Dazu wäre Joyce Carol Oates zu zählen. Warum sie hierzulande nie über den Status des Geheimtipps hinausgekommen ist, man kann es nur ahnen. Einer der Gründe könnte die Uneinheitlichkeit ihres Werkes bei gleichzeitiger Unübersichtlichkeit sein. Da wechselt sich Biographisches und Autobiographisches mit Fiktionalem reinen Unterhaltungswertes, wie Anspruchsvollerem ab, da gibt es Essaybände und Lyrik, Studien und Artikel. Oates ist unter den lebenden Autoren sicherlich diejenige mit dem höchsten Ausstoß an Kreativem bei gleichbleibend hoher Qualität. Der Schauerroman, die Gruselgeschichte, das Fürchterliche, das langsam durch die Hintertür ins Bewußtsein des Lesers schlüpft und ihn nach und nach verunsichert, ist dabei nur eine Facette ihres Werkes, allerdings gehört dies zu ihren Steckenpferden. Dabei arbeitet sie nie – wie beispielsweise Stephen King – mit dem Säbel oder gar dem Meißel, ihr bevorzugtes erzählerisches Instrument bleibt der elegante Degen oder das Florett: Das Grauen ist schon da, doch offenbart es sich selten, wird so gut wie nie sichtbar und wenn der Leser es wirklich zu spüren meint, hat die Autorin meist schon einen doppelten Boden eingezogen, um uns erneut zu verunsichern. Doch bleibt zumindest die Sicherheit, es in irgendeiner Weise mit etwas Über- oder Unnatürlichem zu tun gehabt zu haben.

Ganz anders hier, im vorliegenden THE ACCUSED. Deshalb sei schon an dieser Stelle gewarnt, wer sich allzu sehr auf die aufgedruckten Werbezitate u.a. eines Stephen King verläßt: Dies ist bei allen gegenteiligen Beteuerungen keine Gruselgeschichte, kein Vampirroman, keine wirkliche Erzählungen des Schauerlichen. Zwar gibt es schon unheimliche Passagen und Momente, doch sind die wirklich schrecklichen meist der Realität entnommen, die ja bekanntlich selten an Schrecklichem zu überbieten ist. Dies ist, wie them (1969) oder BLONDE (2000), ein Gesellschaftsroman, das Sittengemälde einer Gesellschaft, die sich im Umbruch befindet, die sich, mit neuen Ideen konfrontiert, in ihrem ureigenen konservativen Weltbild einnistet, dem Weltbild einer Gesellschaft, die in ihrer eigenen puritanischen Enge und Vornehmheit erstarrt ist.

Angesiedelt in den Jahren 1905/06, erzählt uns der Roman vom „Fluch“, der in eben diesem Zeitraum über die vornehmen, die alteingesessenen Familien des Princetoner Westends kam und unter diesen wütete und sogar einen hohen Blutzoll forderte. Tragödien verschwundener Kinder, Familientragödien mit tödlichem Ausgang, Selbstmorde und Geständnisse fürchterlicher Schandtaten der Vergangenheit einerseits; der Kampf um Pfründe, um die Deutungshoheit sozialer Begebenheiten und darum, wie und wo sich eine – natürlich puritanische, natürlich weiße, natürlich der Ostküste und damit den „alten Familien“ verpflichtete – führende Oberschicht in führenden Positionen in einer offenbar neuen, heraufdämmernden Zeit positionieren sollte: Damit in etwa ist die dramatische Bandbreite abgesteckt, in der sich diese Mär vor uns ausbreitet. Väter, die ihre Autorität aus den Kriegen der vergangenen 150 Jahre ziehen, rückreichend bis in die Tage der Revolution, als einige ihrer (männlichen) Ahnen der hier u.a. vertretenden Familien Slade, FitzRandolph oder Burr unter und neben Washington, Jefferson und den anderen „Vätern der Nation“ gekämpft und die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben haben. Aber auch die eigenen Schlachten gewähren diesen Männern ihren Nimbus als Patriarchen. Nur hat keiner die moralische Integrität, auf die Unerhörtheiten ihrer Zeit – wie unablässiges Lynchen dunkelhäutiger Mitbürger – zu reagieren. Da der Roman von einem zwar auktorialen, sich jedoch in den Text einbringenden und auch nicht vollends „unbeteiligten“ Erzähler als das Werk eines Historikers ausgegeben wird, der selber einer der Familien entstammt und als Neugeborener fast einer der beschriebenen Bluttaten zum Opfer gefallen wäre, wird dem Leser die historische, die zeitliche Perspektive so mitgeliefert, daß es schwer fallen würde, sie nicht auch „mitzulesen“. Wir wissen ja, daß der verbohrte, in Vielem erzkonservative, an Vielerlei leidende und eben jenem „Fluch“ seltsam inadäquat begegnende Präsident der Universität, Woodrow Wilson, einige Jahre später als Präsident des Landes, die Vereinigten Staaten in den Weltkrieg führen und anschließend den Völkerbund gründen würde. Immerhin in der ehrlichen Überzeugung, daß solches Völkerschlachten, wie es die Welt dann vier Jahre betrachtet haben würde, nie mehr geschehen dürfte. So kann die Autorin darauf vertrauen, daß wir die moralische Desintegrität dieser Männer durchaus begreifen, auch, wenn sie nicht explizit thematisiert wird. Wobei Wilsons Doppelmoral und Bigotterie durchaus eine gewichtige Rolle spielen, wie überhaupt dieser Figur unter den auftretenden – ob historisch belegt oder rein fiktional – eine Sonderrolle zugewiesen zu werden scheint.

Oates Aufbau des Romans ist äußerst geschickt: Sie präsentiert uns größtenteils erzählende Passagen, die manchmal mit Fußnoten versehen sind (ein Stilmittel, das sie glücklicherweise nicht übertrieben nutzt), manchmal in einem Postskriptum methodisch näher erläutert werden oder aber durch lange eingeschobenen Kapitel, die z.B. das Tagebuch einer der zentralen Figuren widergeben, unterbrochen werden. Sie verläßt den vorgegebenen Pfad allerdings immer wieder zugunsten wirklich dichter Prosa, die sich manchmal an Henry James, manchmal an Edith Wharton orientiert und dennoch immer ihren eigenen Ton beibehält. Hier werden nicht nur das populäre Sachbuch sondern auch der Roman als Gattung subversiv unterlaufen, beginnen seine einzelnen Metiers, sich gegenseitig in Frage zu stellen. Das macht beim Lesen Spaß, solange man keine fortlaufende Handlung erwartet, sondern sich auf episodisches Berichten (oft ist es wirklich eher ein Bericht denn eine Erzählung), welches nicht mal eine wirklich klar definierte Hauptfigur bietet, einlassen kann. Höhepunkte der „eigentlichen“ Handlung, die man nur schwer nacherzählen kann, da eine solche Erzählung vollkommen unübersichtlich geriete, werden ausgelassen, finden dann aber in dem Leser eher nebensächlich erscheinenden Handlungssträngen Erwähnung und werden somit aufgelöst. Was wiederum aufmerksames und genaues Lesen erfordert. Und gelegentlich verwirrt es, da man sich der Geschichte seltsam entäußerlicht fühlt, ungewohnt für einen Roman. Und dann erinnert uns ein „Postskriptum“ eben daran, daß wir es ja „eigentlich“ mit einem Sachbuch zu tun haben…

So wird uns also eine Geschichte berichtet, die einerseits wirklich als Erzählung über höchst seltsame Umstände und Vorkommnisse an einer der führenden, seinerseits sogar einer der fortschrittlichsten Universitäten der Vereinigten Staaten gelesen werden kann, die andererseits aber vielleicht auch einfach davon berichtet, wie eine Gesellschaft, die durch und durch mit den überlieferten Hysterien des 19. Jahrhunderts infiziert ist, beginnt, sich an ihren eigenen Widersprüchen zu verschlucken. Unterdrückte Sexualität, längst überkommene patriarchale Vorrechte, das Anbranden neuer und gefährlich erscheinender Ideen, wie der Sozialismus sie u.a. darstellt, der hier in der Figur des gerade bekannt werdenden Upton Sinclair (THE JUNGLE; 1906) Ausdruck findet, aber auch die innere Widersprüchlichkeit eines Landes, das sich viel darauf einbildet, von allem Anfang an eine Demokratie gewesen zu sein, zugleich aber sowohl dem farbigen, als auch dem weiblichen Teil seiner Bevölkerung eben diese demokratischen Rechte verweigert – weit sind die Felder, die subtil Eingang finden in diesen Roman. Joyce Carol Oates zeichnet ein Sittengemälde ihres Landes aus jenen Tagen, bevor es sich als Supermacht neu erfand und seine isolationistische Haltung in internationalen Fragen aufgab. Die Geschichte beginnt mit einer erbitterten Auseinandersetzung Wilsons mit einem Verwandten, der in Princeton arbeitet und vom Präsidenten der Universität eine klare Stellungnahme zu einem doppelten Lynchmord nur einige Meilen weiter in einer Nachbargemeinde erwartet. Und wenn man denn so wollte – wobei dies wirklich eine weit ausgreifende Interpretation wäre – ist all das, was auf nahezu 750 Seiten folgt, nichts weiter, als der fiebrige Traum eines hypochondrischen Mannes, der um jeden Preis versucht, sich Schuld oder auch nur ein schlechtes Gewissen vom Leibe und der Seele zu halten und eine unglaubliche psychische Anstrengung unternimmt, um das Bedrängende zu externalisieren. Auch eine solche Lesart ließe Oates Text durchaus zu. Und sie führte zurück zu den Anfälligkeiten einer Gesellschaft: Anfällig für das Irrationale, anfällig für die Einbildung und jederzeit fähig zur Selbsttäuschung. Diese Gemeinde ebenso wohlsituierter wie angesehener Stützen der Gesellschaft stimmt – gleichsam psychosomatisch – eine Schauermär an von vermeintlichen Vampiren, zeitlosen Parallelwelten, Geistern und den Flüchen, die die Sterbenden über uns zu verhängen in der Lage sind, um das Verdrängte – alte Schuld zum Beispiel – und weiterhin zu Verdrängende – neue Ideen zum Beispiel: ideologische, wie der Sozialismus; pseudowissenschaftliche wie der Mesmerismus oder die Eugenetik – in eine externe Narration zu bannen, all dies weit von sich zu weisen, hinaus in eine gefährliche und wilde Welt. Einer Welt, der man sich eigentlich aber – wie die bettlägerige, zugleich aber über alles in ihren Zirkeln wie in den kulturellen Kreisen des Landes Geschehende genauestens informierte Wilhelmina Burr – lieber entziehen möchte. Ihre Tagebucheinträge informieren uns nicht nur über all die Hintergründe zu den Geschehnissen in Princeton, sondern auch darüber, daß sie ununterbrochen ebenso verbotene wie „gefährliche“ Literatur liest. In dieser Figur kommt der ganze Wahnsinn, der sich hier heimlich, still und leise ausbreitet, so gut zum Ausdruck, wie sonst nirgends. Allerdings – das sei an dieser Stelle auch angemerkt – stellt Joyce Carol Oates auch dem Sozialismus, zumindest amerikanischer Prägung, der auch auf Wilhelmina wie auch einige andere der gehobenen Gesellschaft so anziehend wirkt, ein schlechtes Zeugnis aus, wenn sie ihn in der Figur Sinclairs als naiv, ebenfalls anfällig für das Irrationale und jederzeit zum Heldischen neigend portraitiert. Die Szenen, in denen Sinclair und der von ihm verehrte Jack London aufeinander treffen und sich letzterer bei aller sozialistischen Behauptung schlicht als ordinärer Raubautz erweist, gehören mit zu den stärksten und – auch das! – lustigsten des Romans. Und verdeutlichen aufs Schmerzlichste, wie Ideen des Kollektivs und Söhne eines Landes, in welchem das Individuum wie sonst kaum etwas gefeiert wird, schlechterdings nicht zusammen kommen können.

THE ACCURSED ist auf eine sublime Art spannend, es ist ein manchmal ausgenommen komisches Buch, es ist eine formale Spielerei mit literarischen Gattungen ebenso, wie es ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion ist, wenn man die Fülle historisch belegten Personals bedenkt, welches die Autorin – von Woodrow Wilson bis Grover Cleveland, diversen alteingesessenen Familien Princetons bis zu den zeitweiligen Residenten wie Upton Sinclair – auftreten läßt und äußerst geschickt mit den rein fiktionalen Figuren verwebt. Es ist kein leicht zu lesendes Buch, dies sei auch angemerkt. Daß genaues Lesen erforderlich ist, will man alle Wendungen der Handlung mitbekommen und nachvollziehen können, wurde bereits erwähnt. Da Oates sich an ihren Vorbildern des späten 19. Jahrhunderts orientiert, gerät ihr stilistisch zwar Hervorragendes, doch ist dieses Hervorragende oft eben auch kompliziert, manchmal umständlich. So sei gewarnt, wer hier einen schnell zu lesenden Schmöker erwartet, das ist dieses Werk sicherlich nicht. Kritisch sei angemerkt, daß es vielleicht ein wenig zu lang ist. Möglicherweise wäre die Geschichte auch auf 500 Seiten ebenso hintersinnig zu erzählen gewesen, aber das ist sicherlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Einmal mehr ist der großen alten Dame der amerikanischen Literatur ein Gesellschaftsportrait der besonderen Art gelungen, daß den kundigen Leser mit seinen ungewöhnlichen Wegen, Windungen und Wendungen zu fesseln versteht, einmal mehr wünscht man ihr dafür die Leserschaft ebenso, wie die Anerkennung. Einmal mehr steht zu befürchten, daß beides ihr in unseren Breitengraden verwehrt bleiben wird. Also kann man nur inständig bitten, daß der eine oder andere Leser sich dieses Textes annimmt. Verdient hat er es!

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