NACKTE GEWALT/THE NAKED SPUR

Der Western der reinen Physis, der Präsenz, des Leidens

In den Bergen Colorados trifft Howard Kemp (James Stewart) auf den alten Goldsucher Jesse Tate (Millard Mitchell). Er überredet diesen, ihm zu helfen, den Mörder Ben Vandergroat (Robert Ryan) zu verfolgen und zu stellen. Tate hält Kemp für einen Gesetzeshüter und ist bereit, gegen 20 Dollar Bezahlung mitzuhelfen. Sie stellen Vandergroat an einem Berghang. Während sie überlegen, wie sie den Banditen überwältigen können, taucht Roy Anderson (Ralph Meeker), ein unehrenhaft entlassener Kavalleriesoldat auf. Auch er ist bereit zu helfen und schließlich ist es sogar sein Verdienst, daß Vandergroat gefasst wird. Wie sich herausstellt, ist dieser jedoch nicht allein. Er wird von Lina Patch (Janet Leigh) begleitet, der Tochter eines alten Kumpels, den Kemp ebenfalls gekannt zu haben scheint. Die Männer machen sich gemeinsam auf den Weg, Vandergroat nach Abilene zu bringen, wo er aufgehängt werden soll. Vandergroats einzige Chance zu entkommen, besteht darin, die drei Männer gegeneinander auszuspielen. So macht er Anderson und Tate erst einmal klar, daß Kemp keinesfalls ein Sheriff oder ähnliches ist, sondern ihn aus einem einzigen Grund verfolgt hat: Die 5000 Dollar Kopfgeld, die auf seinen Kopf ausgesetzt sind, einzustreichen. Nun werden die Karten neu gemischt, das Geld muß durch drei geteilt werden. Unterwegs wird die Gruppe von Indianern verfolgt. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, als klar wird, daß Anderson das Ziel der Verfolger ist, er jedoch nicht, wie von Kemp gefordert, flieht, sondern eine Art Hinterhalt legt, der auch Tate und Kemp zum Kampf zwingt. Kemp wird verletzt. Lina kümmert sich um ihn. Im Fiebertraum verrät Kemp seine Beweggründe, über die Vandergroat erstaunlich gut unterrichtet ist. Einst hat Mary, Kemps Verlobte, diesem, als er im Krieg war, die Farm abgeluchst und verkauft. Als Kemp heimkehrte, gehörte ihm nichts mehr. Mit der Belohnung für Vandergroat will Kemp sein Eigentum zurückkaufen. Nach verschiedenen Versuchen, zu fliehen, gelingt es Vandergroat schließlich, den alten Tate davon zu überzeugen, daß er den Standort einer ergiebigen Goldmine kenne. Tate befreit ihn. Vandergroat, Tate und Lina fliehen, unterwegs tötet Vandergroat Tate, weil er die anderen anlocken und ausschalten will. Während der folgenden Auseinandersetzung, in der Lina schließlich – sie hat sich in Kemp verliebt – die Seiten wechselt, wird Vandergroat getötet und stürzt in einen reißenden Fluß. Beim Versuch, die Leiche zu bergen, reißt es Anderson in den Stromschnellen mit, er ertrinkt. Kemp birgt die Leiche Vandergroats, um sie nach Abilene zu bringen, doch Lina bestürmt ihn, um sein Seelenheil, er solle den Toten begraben. Unter Tränen beginnt Kemp, ein Grab auszuheben. Er fragt Lina, ob sie immer noch, wie sie es einmal erwähnt hatte, gern nach Kalifornien wolle. Sie bejaht. Kemp sagt, dann sollten sie losreiten.

Es war die dritte der fünf Koproduktionen zwischen Anthony Mann und James Stewart, die gemeinhin zu den Höhepunkten des gesamten Westerngenres gezählt werden. Vielleicht ist dies sogar der beste der fünf Filme. Betrachtet man ihn nur nach den Regeln des Western, hat Mann hier einen Film par excellence gedreht: Von der ersten Minute an wird der Film durch eine enorme Physis bestimmt. Alles ist Bewegung, Bewegung, Bewegung. Die Protagonisten, derer es im gesamten Film (bis auf die Indianer) nur fünf gibt, werden ungeheuer schweren körperlichen Belastungen ausgesetzt: Felsen sind zu erklimmen, Kemp stürzt, verletzt, vom Pferd einen Abhang hinunter, während eines Fluchtversuchs in einer Höhle zieht Kemp Vandergroat wie einen Sack aus einem engen Stollen, schließlich gibt es die Bergungsaktion in den reißenden Stromschnellen. Und die Auseinandersetzung mit den Indianern. 1952 erschienen, verweist diese Szene in ihrer Härte schon deutlich auf die Italowestern des kommenden Jahrzehnts: Wenn Kämpfer getroffen vom Pferd fallen, stürzen sie direkt in die Kamera, der Faust/Messerkampf zwischen Vandergroat und einem der Indianer wird von der Kamera so nah beobachtet, daß man als Zuschauer den Eindruck hat, mitten im Kampfgeschehen zu sein. Hinzu kommt, daß die gesamte Sequenz eine Brutalität hat, die man bis dahin selten, vielleicht noch nie im klassischen Western gesehen hatte. Die Gegner stürzen nicht irgendwie, es reißt sie nahezu um und aus dem Sattel, wenn sie von Gewehrkugeln getroffen werden.

All das wird dadurch noch verstärkt, daß dieser Film komplett, ausnahmslos, in der Wildnis spielt. Es gibt kein einziges Haus in diesem Film, keine Hütte, kein Zelt. Es ist schlicht gar keine Behausung zu sehen. In den Rocky Mountains in Colorado gedreht, wird man der wunderbaren, für  Anthony Mann so typischen Panoramen ansichtig: Weite nicht durch die Ebenen der Prärie, sondern Weite dadurch, daß die Protagonisten sich weit oben im Gebirge bewegen, fast schon jenseits der Baumgrenze. Die Erhabenheit der Berge, der majestätische Blick über eine reiche, üppige Landschaft und typisch für Mann auch die Farben: Grün (Bäume und Sträucher), Braun (Bäume) und das Grau der Felsen bestimmen die Bilder, im Kontrast zum Gelb/Orange/Rot der Prärie und der Wüsten, das die Filme eines John Ford prägt. In THE NAKED SPUR erweist Mann dieser überwältigenden, mächtigen Natur seine Referenz ganz besonders eindringlich. Die kleine Reisegruppe ist den Unbilden der freien Wildbahn ununterbrochen ausgesetzt. Man spürt nahezu, wie die Reise eine körperliche Tortur für jeden der Beteiligten ist. Diese Menschlein sind kleine, geworfene Wesen in der Weite und Größe der Bergwelt.

In diesem Setting kann dann James Stewart seine ganz eigene, schlacksige Physis perfekt ausspielen: Zweimal – zu Beginn des Films und im abschließenden Showdown, wenn er Vandergroat, nur mit den Sporen seines Stiefels bewaffnet, entgegentritt – muß er eine steile Felswand erklimmen; er muß in Deckung gehen und einmal mehr zeigen, daß das Winchestergewehr seine bevorzugte Waffe ist, wenn er hinter Felsen Deckung nimmt und sich mit Vandergroat eine wilde Schießerei liefert. Wie fast immer in den gemeinsamen Filmen muß die Stewart-Figur auch in diesem physisch leiden. Beim Versuch, Vandergroat während des Indianerangriffs zu retten, wird er verletzt, dann kippt er nach einem Anschlag seines Gefangenen, der die Sattelgurte löst, vom Pferd und einen Abhang hinunter usw. Es sind immer diese Verletzungen seiner Figur(en), die sein Seelenleben spiegeln. Von den gemeinsam entworfenen und inszenierten Figuren, ist dieser Howard Kemp vielleicht Manns und Stewarts düsterste. Wohl deutet der Film immer wieder an, daß es zwischen den beiden Antagonisten Kemp/Vandergroat ein Geheimnis gibt, eine gemeinsame Vergangenheit (daran, daß sie sich kennen, läßt der Film keinen Zweifel), doch bleibt es im Endeffekt das Geld, das der Movens all dieser Männer ist, außer Vandergroats selbst – dem geht es um sein nacktes Leben. Auf dieser Ebene – Leben vs. Geld – trifft der Film sogar einen sehr interessanten kapitalismuskritischen Nerv. Es werden keine Umwege mehr  gemacht, mit nackter und unverblümter Gewalt wird die Deformation von Männern beschrieben, die von reinem Gewinnstreben getrieben sind; das Leben eines Menschen ist der monetäre Gegenwert. Anderson sagt ganz klar, daß Vandergroat „kein Mensch“ sei, er sei „pures Gold“. Unter den Umständen dieses Landes, dieses Lebens werden diese Männer zu Monstern. Der sechzehn Jahre später entstandene Italowestern IL GRANDE SILENZIO (1968) verarbeitet das Thema ähnlich. Die Verbindung drängt sich geradezu auf, wird so doch einmal mehr verständlich, wie sehr Mann schon dem Italowestern oft vorausgriff, wie nah an der Brutalität und Härte des Spätwesterns sie bereits angesiedelt sind.

Kemp ist ein offenbar tief verunsicherter Mann, gebrochen durch Verrat und Illoyalität. Verrat ist es, was er wittert, immer wieder, die ganze Zeit. Und er hat ja auch scheinbar Recht: Als Lina sich ihm offenbart, nutzt Vandergroat diese Situation in der Höhle, um zu fliehen, der alte Jesse schließlich ist es, der dem Gefangenen zur Flucht verhilft. Anderson, auf dessen Entlassungsbescheid der Armee „unehrenhaft“ steht, entpuppt sich bei aller Schlüpfrigkeit seines Charakters und vielen angedeuteten Versuchen, sich Kemps zu entledigen dann doch als der einzige, der den einmal getroffenen Plänen treu bleibt. Der, dem Kemp am wenigsten trauen zu können meinte, erweist sich als letzter Halt. Kemp reiht sich ein in die Garde jener Westernfiguren, die im Laufe der Handlung und mit zunehmender Verzweiflung immer wahnhaftere Züge bekommen: Tom Dunson aus RED RIVER (1948) oder Ethan Edwards in THE SEARCHERS (1956) wären treffende Beispiele dafür.

Was also zeigt uns Anthony Mann hier? Es ist einer jener Western, die als „erwachsen“, „reif“ oder auch „psychologisch“ angesehen wurden. Das trifft zu. Wir werden Zeuge dabei, wie vier Männer umeinander kreisen, alle getrieben vom Geld, alle deformiert in ihrer Menschlichkeit. Sie sind gierig nach Reichtum: der eine läßt sich in der allerersten Szene des Films kaufen (20 Dollar dafür, einen Menschen zu hetzen), alle wollen die Belohnung für den Kopf des Gefangenen und alle sind daran interessiert, die anderen auszustechen. Lediglich Vandergroat kämpft um sein blankes Leben. Dazu nutzt er nun die Psychologie ganz vortrefflich, geht sein Spiel mit den Bedürfnissen der drei anderen Männer doch auf: Er kann sie gegeneinander ausspielen und Mißtrauen zwischen ihnen säen. Jeder benutzt jeden, keiner vertraut keinem und jeder versucht, die anderen übers Ohr zu hauen. Der einzige Gegenpol ist Lina. Sie liebt, bzw. meint zu lieben, ihre Motivation ist Liebe oder Mitleid, sie ist bereit, dafür auch eigene Opfer zu bringen, sie ist selbstlos.

Die Rolle der jungen Lina Patch ist also die womöglich wichtigste des ganzen Films. Wir sehen sie leiden, mitleiden mit der Kreatur: Sie weint um ihr Pferd, daß nicht mehr weiter kann, sie ist bereit, Kemp zu pflegen, als dieser verletzt ist, sie sagt mehrmals, daß sie das alles auch „für einen Hund“ täte. Und sie bringt Kemp dazu – und das ist das Wesentliche – Vandergroat zu beerdigen. Der Mann, der nicht vertraut, der von sich sagt, er „sei eben so“, er wolle das Geld nunmal, Vandergroat müsse „für die Farm bezahlen“, erhält die Chance, sein Seelenheil zurück zu erlangen, indem er sich wie ein Mensch einem Toten gegenüber verhält und dem Toten so seine Menschlichkeit zurückgibt. Im Tod wird aus einer Geldanlage wieder ein menschliches Wesen. Diese Tatsache an sich ist schon empörend und so unendlich traurig und Mann und Stewart schaffen es, das angemessen darzustellen. Kemp ist ein gebrochener Mann, der aber – auch das gönnen sich Mann und Stewart am Ende dieser filmischen Tortur – eine Aussicht auf Heilung hat. Ob sie gelingt? Zumindest gibt uns der Film die Möglichkeit, das anzunehmen.

Da wird ein gewaltiger Stoff enorm stringent (und darin Mann-untypisch) erzählt, physisch und direkt wie wenige Western, nahezu gefangen in seiner eigenen Präsenz. Bei THE NAKED SPUR hat man es vielleicht mit einem der fünf, sechs wichtigsten, weil definitiven Filmen des Genres zu tun. Nur weniges reicht daran, nur selten konnte das getoppt werden.

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