EUGÉNIE GRANDET (Roman)

Die Provinz in all ihren Facetten

Saumur, 1819. Der alte Grandet – vormals Jakobiner, Bürgermeister und vor allem Böttcher – hat im Laufe seines Lebens Reichtümer, Ländereien und Anwesen zusammengetragen. Doch ist er ein Geizkragen sondergleichen. Seine Tochter Eugénie wird in der Provinzstadt umschwärmt, wäre sie doch eine hervorragende Partie. Sowohl die des Grassins als auch die Cruchot sind interessiert. Das Leben in Saumur geht seinen Gang, der alte Grandet häuft weiterhin Reichtümer an, gelegentlich auch indem er seine Winzergenossen übervorteilt oder die Goldversorgung einer Stadt wie Angers schon mal allein übernimmt. Eines Tages kommt sein Neffe Charles aus Paris zu Besuch. Dieser befördert einen Brief seines Vaters an den alten Grandet. Der Brief enthüllt, daß der Pariser Grandet Bankrott zu gehen droht und sich, um die Ehre seines Namens nicht zu beflecken, umbringen wird. Prompt bestätigt die Zeitung den Freitod. Charles, der für seine Provinzverwandten eigentlich nur Verachtung über hat, bricht ob der Neuigkeiten zusammen. In seiner Trauer erobert er nahezu ungewollt das Herz seiner Cousine, der jungen Eugénie. Schließlich offenbaren sich die beiden einander, doch der Alte hat andere Pläne. Er kann seinen Neffen, nun ein Habenichts, nicht gut leiden, ist dieser in seinen Augen nichts als ein Stutzer. Er will den Jungen nach Indiien schicken, dort soll dieser sich seinen Wohlstand erarbeiten. Eugénie gibt dem Cousin ihr ganzes Erspartes, immerhin nahezu sechstausend Franc, er überläßt ihr dafür ein goldenes Reisenecessaire seiner Mutter, das ihm alles bedeutet. Er bricht auf. Im Hause Grandet kommt es zu schweren Zerwürfnissen, als der Alte erfährt, was seine Tochter getan hat. Er will sie in ihr Zimmer sperren bei Wasser und Brot. Seine Gemahlin, die zeitlebens keine Bedürfnisse hatte, keinen Franc ausgegeben hat, immer Folge leistete, wird ob der Entwicklungen krank. Gerade noch erlebt sie mit, wie sich der Alte und die Tochter wieder versöhnen. Die Jahre ziehen ins Land, Grandet bringt seiner Tochter bei, wie man das Vermögen verwaltet, die Güter, Wiesen, Weinberge und Ländereien. Schließlich ist auch seine Zeit gekommen. Nun ist Eugénie, nahezu dreißig Jahre alt, eine der besten Partien des Landes, nahezu 19 Millionen Franc schwer. Die Parteien, die in Saumur schon immer um sie warben, legen sich erneut ins Zeug. Da erreicht sie die Kunde, daß der Neffe Charles, sieben Jahre nachdem er aufgebrochen war, wieder in Paris eingetroffen sei und sich umgehend mit einer Pariser Adligen vermählt habe. Eugénie, der er einen Brief schreibt und ihr mitteilt, daß er sie zwar immer noch liebe, die Liebe in der Ehe aber nun mal leider nichts verloren habe, löst seine letzten Schulden aus, heiratet einen der ihr angedachten Herren und lebt ein einsames, nur Gott verpflichtetes Leben in der Provinz.

Mit EUGÉNIE GRANDET legte Balzac den zweiten Teil der „SZENEN AUS DEM PROVINZLEBEN“ vor, einem Teilstück seines Lebenswerks, der COMÉDIE HUMAINE. Hier, wie schon zuvor in URSULE MIROUET, wird einmal mehr das Leben außerhalb der Hauptstadt und des kulturellen Zentrums des Landes, Paris eben, gezeichnet. Und wieder lernt der Leser, daß auch in der Provinz Paris der Bezugsrahmen bleibt. Und daß es immer nur um Geld geht. Jeder und jede wird hier nicht nach Größe, Alter oder Können, sondern v.a. nach seiner „Rente“ beurteilt. Daß ein Wesen wie Eugénie, natürlich schön und erhaben und voller Liebreiz, vor allem als „Partie“ wahrgenommen wird, verdeutlicht diese Haltung des Provinzlers.

Balzac, dieser „Verschwender von Schicksalen“ (Rilke), dieser genaue Hingucker, dieser Kenner des menschlichen Fühlens, der menschlichen Empathie, aber auch der menschlichen Abgründe, malt hier einmal mehr ein Sittengemälde seiner Zeit und darin jener, die diese Zeiten bestimmen wie jener, die diese Zeiten zu ertragen haben. Daß ihm jedes junge Mädchen „voller Liebreiz“ erscheint, daß er auch ein Verschwender von Worten ist, der dem geneigten Leser bei realtiv wenig Handlung dennoch ganze Panoramen städtischen und darin gesellschaftlichen Lebens zu malen in der Lage ist – dies alles ist dem Genie dieses Erzählers geschuldet. Realistisch ist sein Blick immer dann, wenn es darum geht, all diese Liebreizenden Geschöpfe in Zusamemnhänge zu stellen, die aufzeigen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Allerdings – und darin liegt der Unterschied zu dem Vorläufer URSULE MIROUET – gesteht er den hier gezeigten Personen, auch und vor allem Eugénie, Entwicklungen zu. War Ursule einfach nur ein naives, fast puppenhaftes Wesen, daß eine Art Spielball verschiedener fragwürdiger Gestalten war und durch ihre Freunde geschützt wurde vor den Unbilden des Lebens, so steht Eugénie durchaus mitten drin in diesem Leben (wenn auch, wie es an einer Stelle heißt, „…nicht von dieser Welt“) und macht nicht nur eigene Erfahrungen, sondern reagiert auf diese auch. Sie stellt sich dem Vater entegegen und ist bereit, dessen Strafe zu ertragen; als er stirbt, übernimmt sie durchaus tätig die Geschäfte und als sie erfährt, daß derjenige, auf den sie Jahre gewartet hat, sie verschmäht, zieht sie daraus ihre Schlüsse, weiß ihn zu beschämen und kann sich dennoch in ein, wenn auch stilles, Leben voller Würde zurückziehen. Natürlich wird sie – wie auch anders bei Balzac? – eine angesehen Dame, die sich, statt Kinder aufzuziehen und in den Gärten der Ehe zu wandeln, mit Wohltaten einen Namen macht und dadurch den Menschen in ihrer Umgebung nahezu zur Heiligen wird.

Dies mag der Zeit des Autors geschuldet sein. Sicher ist EUGÉNIE GRANDET nicht eines der weltliterarischen Werke der COMÉDIE, eines der besten Werke ist es dennoch. Dieser schmale Band vereint eben das, was Balzac ausmacht en miniature: Die Figuren, die sich einem einprägen wie sonst vielleicht nur bei Dickens, die einfache Handlung der Geschichte, die so viel Raum läßt, um dem Autoren seine Sittengemälde zu ermöglichen, die manchmal barocke Sprache, die sich keiner Ausschmückung zu schade ist und dennoch den genauen Blick aufs Menschlich-Allzumenschliche zuläßt, der den großen Franzosen zu etwas so besonderem macht.

Wunderbar!

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