BERTA ISLA

Javier Marías begibt sich in die Niederungen der geheimen Dienste

Vielleicht kommt der Roman als Kunstform erst zu sich selbst, wenn er sich – gleich wie lang, gleich wie umfangreich – ununterbrochen seiner selbst als Roman bewusst ist. Ein postmodernes Manöver, das Autoren wie Thomas Pynchon oder Don De Lillo seit den 70er Jahren verfolgen, dessen Eskapaden ebenso wie die Erfolge längst Bestandteil eines erweiterten Spektrums moderner Schriftstellerei geworden sind.

In Javier Marías Roman BERTA ISLA (erschienen 2017; Dt. unter gleichnamigen Titel 2019) scheint dieses Spiel an ein natürliches Ende zu gelangen. Bewusst lässt sich der Autor auf ein Spiel mit der (gehobenen) Genreliteratur ein – der Spionageroman à la John le Carré stand hier überdeutlich Pate – , er bietet dem Leser eine Art Räuberpistole, was durchaus an Passagen früherer Werke aus seiner Feder erinnert, in denen es ihm immer wieder gelang, vollkommen unglaubwürdige Szenen (man erinnere sich an die Beschreibung einer völlig inkorrekten Übersetzung zweier beruflicher Dolmetscher bei einer internationalen Konferenz in MEIN HERZ SO WEISS) derart zu schildern, daß sie plausibel erscheinen und Ausgangspunkt langer Reflexionen sind. Hier greift er nun eben nicht auf reale Recherchen zur Arbeit der geheimen Dienste zurück, sondern – Achtung: Tautologie! – auf eben jene Werke der besseren Autoren des Metiers. Neben Le Carré wären Eric Ambler oder Frederick Forsyth u.a. als Referenzen zu nennen. Doch treibt Marías sein Spiel viel, viel weiter. Denn nicht nur lässt er den stillen Helden seines Romans, Tomás Nevinson, halb Spanier, halb Brite, an seinem Studienort Oxford auf einen jungen Inspector Morse treffen, der in einem nicht weiter verfolgten Mordfall ermittelt, welcher für Nevinson eine grundlegende Veränderung seines Lebensweges bedeutet, sondern ebenso greift er immer wieder – man kennt es bereits von ihm – auf Zitate von Shakespeare zurück, nimmt Bezug auf Balzac und lässt auch ansonsten eine Menge Hinweise auf die von ihm favorisierten Autoren seines Lebens in den Text einfließen.

Jener bereits erwähnte Tomás Nevinson wird durch Ranküne in das Spiel der Dienste einbezogen und dadurch für seine Frau, die titelgebende Berta Isla, selbst zu einer Romanfigur. Da sich ihr Liebhaber, mit dem sie bereits seit Schultagen verbandelt ist, fortan dem Familienleben entzieht, immer längere Phasen der Abwesenheit immer schlechter erklären kann und schließlich vollends aus ihrem Leben entschwindet, kann sie sich aus den sehr wenigen Hinweisen, die sie von ihm und schließlich einem (vermeintlichen) Vorgesetzten erhält, lediglich ein romanhaftes Bild seiner Arbeit zusammenzimmern. Es ist ein kleiner, hinterhältiger Schwenk des Autors, den Großteil seiner Story – nach der Einführung in Oxford, die uns als Leser die Eckpunkte der Geschichte liefert – von besagter Berta Isla selbst erzählen zu lassen. Und die hat, um der Arbeit ihres Mannes nur irgendwie nah zu kommen, eben nichts anderes, als eben jene Spionageromane, die Marías mit so viel Verve in seinen Text einbezieht.

BERTA ISLA ist also genau solch ein Roman, der sich seiner eigenen Romanhaftigkeit ununterbrochen bewusst ist. Es ist ein Roman, der nur in Bezug auf andere Literatur, andere Romane funktioniert. Es ist ein ununterbrochenes Spiel mit Verweisen und (ungenannten) Zitaten, mit Versatzstücken und Aneignungen. Da fällt es dann kaum auf – oder zumindest nicht sonderlich ins Gewicht – , daß die Erzählstimme immer die von Javier Marías bleibt. Einen wirklich eigenen Ton lässt er seiner Erzählerin nicht angedeihen. Und es ist schlicht auch nicht nötig. Denn dies ist Marías pur. Er greift sogar recht unverfroren auf Personal früherer Romane – vornehmlich aus seiner Trilogie DEIN GESICHT MORGEN (2002-2007) – zurück und setzt es teilweise in neue Zusammenhänge. Ein weiteres literarisches Manöver, um den Roman in einen Bezug zu sich selbst und seinen Hintergrund als Roman zu platzieren.

Ansonsten gibt er sich exakt dem hin, was man von ihm gewohnt ist und wofür ihn seine Anhänger lieben, diejenigen, die ihm kritisch gegenüberstehen, eher verabscheuen: In seitenlangen Reflexionen, manchmal als Dialoge getarnt, die niemals einer wirklichen Rede entsprechen, werden die verschiedenen Seiten einer Angelegenheit, meist einer Angelegenheit namens Leben, betrachtet und verhandelt. Wer ist „Ich“? Und gilt das Rimbaud´sche Diktum, „Ich“ sei immer ein anderer, auch bei einem, der eigentlich nie ein wirkliches „Ich“ ausprägen konnte? Kennen wir uns und kennen wir vor allem diejenigen, die wir zu lieben glauben? Das sind Fragen, die in BERTA ISLA verhandelt werden. Das ist manchmal tiefsinnig, oft mit leisem Humor geschrieben, den man eher aufspüren muß, als daß er sich aufdrängt, es ist lebensklug und zugleich oft auch ab- und jedweder Realität enthoben. Das ist Marías sich (und seinen Lesern) schuldig. Mindestens.

Daß dabei wenig Handlung entsteht und die Handlung, die entsteht, sich meist um vollkommen alltägliche Dinge dreht, immer wieder durch Überlegungen hinsichtlich einer Ehe unterbrochen, die zwar zwei Kinder hervorgebracht, ansonsten aber wenig mit herkömmlichen Ehen – vor allem im katholischen Spanien – zu tun hat, darf man vom Autor so erwarten. Wer Handlung, einen temporeichen Plot, Spannung oder gar Action sucht, greift eher nicht zu den Werken dieses vielleicht größten und wichtigsten Schriftstellers der gegenwärtigen spanischen Literatur.

Doch was in seinen Meisterwerken wie dem oben erwähnten MEIN HERZ SO WEISS oder MORGEN IN DER SCHLACHT DENK AN MICH (1994) so gut funktioniert und das Lesen immer zu einem zwar waghalsigen aber auch unterhaltsamen Unterfangen macht, gelingt hier nur punktuell. Auf eine Strecke von über 650 Seiten wirkt das, was Marías durch die Stimme seiner Protagonistin erzählt, häufig doch arg redundant. Da wiederholen sich dann leider einige Passagen, wird in zwar anderen, doch meist auch nicht aufschlußreicheren Worten neu beschrieben, was der Leser bereits weiß, werden sich gleichende Fragen aufgeworfen, immer wieder werden ähnliche Gedankengänge aufgegriffen, wird über die Abwesenheit als solche reflektiert, über die Ehe sinniert, über die Geheimnisse des andern meditiert, ohne daß dies zu wirklich weiterführenden Ergebnissen oder Erkenntnissen führt. Das wird auf die Dauer dann ermüdend.

Daß der Autor zum Ende des Romans hin noch einmal zur auktorialen Erzählstruktur zurückkehrt, um zumindest im Ansatz die Verzweiflung seines abwesenden Helden zu zeigen und zu erklären, mag einerseits ein weiteres literarisches Manöver sein, daß dem Leser gegenüber einmal mehr hervorhebt, es mit einem Roman zu tun zu haben und der Autor dabei alle Freiheiten besitzt, die er sich nimmt, es mag aber auch schlicht ein taktisches Verfahren sein, um das Publikum nicht vollends konfus und damit unzufrieden zurück zu lassen. Auf den allerletzten Seiten kehren wir zu Bertas Erzählstimme zurück – und damit auch in ihre Erzählung. Da Marías im Jahr 2021 einen weiteren Roman mit dem Titel TOMÁS NEVINSON (Dt. wohl im Oktober 2022) vorgelegt hat, darf man davon ausgehen, daß der geneigte Leser die andere Seite der Geschichte, ihren „schwarzen Rücken“, um einen weiteren Titel von Marías zu paraphrasieren, ebenfalls erfahren wird. Man darf gespannt sein.

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