EIN ABSTECHER NACH PARIS/ASHENDEN

Der Geheimagent als Gentleman

EIN ABSTECHER NACH PARIS war der originale deutsche Titel, unter dem einst diese 1928 erschienene Sammlung von Stories um die Geheimdiensttätigkeit von Ashenden – Alter Ego des Autors William Somerset Maugham, der uns auch in anderen Werken wiederbegegnet – erschien. Dem Diogenes Verlag ist es zu verdanken, daß der Band neu zusammengestellt in einer Ausgabe in der Übersetzung seines Originaltitels ASHENDEN, OR THE BRITISH AGENT erschienen ist. Sie wurde um die Erzählung SANATORIUM erweitert, die inhaltlich zunächst scheinbar wenig mit den vorhergehenden Stories zu tun hat.

Somerset Maugham war in seinen Romanen, auch in vielen seiner Stücke und in den zahlreichen Kurzgeschichten, ein aufmerksamer Beobachter der Gesellschaft seiner Zeit. Genau nahm er sowohl die Eigenarten der Bohème wahr, als auch die Verhaltensweisen der upper classes seiner Heimat Großbritannien. Die er allerdings überall beobachtete – auf Reisen, bei zahlreichen Auslandsaufenthalten und während seiner Zeit als eben jener Geheimagent, um dessen Tätigkeit es in dieser Sammlung diverser Stories geht, die zu insgesamt sieben längeren Kurzgeschichten, bzw. kürzeren Novellen zusammengefasst wurden. Maugham war unter anderem vor und während der Oktoberrevolution in Rußland und somit direkter Augenzeuge der Geschehnisse. Seine Zeit im MI6 – dem britischen Auslandsnachrichtendienst – verarbeitete er ganz allgemein in diesen Geschichten. Damit war er neben Joseph Conrad und dessen THE SECRET AGENT von 1907 einer der ersten Autoren, die das Fach des Spionagethrillers bedienten und damit enormen Einfluß auf solche späteren Giganten des Genres wie Eric Ambler, Graham Greene oder John le Carré gewann.

Dabei sollte sich der geneigte Leser durchaus bewußt sein, daß ihn hier weder Action noch Spannungsaufbau im heute gültigen Sinne erwarten. Maugham erzählt im Grunde genau das, was er auch in seinen Großwerken wie OF HUMAN BONDAGE (1915) oder dem späteren THE RAZOR’S EDGE (1943) berichtete: Genaue Beobachtungen auf dem gesellschaftlichen Parkett, Betrachtungen der Verhaltensweisen, Ansprüche und Manieren (und Manierismen) der Briten und Europäer unter den verschärften Bedingungen des Krieges. Den allerdings bekommt man hier kaum zu spüren. Sowohl der Held dieser Geschichten als auch jene, die er trifft, mit denen er umgeht, die er ausholt und manipuliert, bewegen sich in diesem Europa der Schützengräben und des Stellungskriegs wie in einer föderalen Freihandelszone. Es ist eine Welt der Herren und Diener, eine kosmopolitische Welt, voller Dinners und Soireen, eine Welt der Salons und Clubs, der gehobenen Hotels (Ashenden wird anfangs der Eingangsgeschichte – MISS KING – nach Genf geschickt und dort stationiert; in der Mitte Europas, einem neutralen Land, das es ihm erlaubt, schnell in die Nachbarländer – außer das verfeindete Deutschland natürlich – zu reisen). Ashenden – Schriftsteller mit ersten Erfolgen in der Londoner Theaterszene – spricht mehrere Sprachen, denkt gern unkonventionell und hat die Gabe, sich nicht nur in Menschen hineindenken und -fühlen zu können, sondern auch, deren jeweilige Situation schnell zu erfassen. So hält ihn sein späterer Vorgesetzter R. für einen perfekten Geheimdienstagenten und wirbt ihn an. Von Genf aus wird er auf verschiedene Missionen geschickt:

Er begleitet einen ominösen, undurchschaubaren und sehr lebenslustigen mexikanischen General auf dessen Mission nach Neapel, wo der einen Diplomaten der Gegenseite abfangen und ausschalten soll. Gegen die Papiere des Mannes soll Ashenden dem General eine hohe Geldsumme aushändigen; Ashenden bringt eine verwelkte Schönheit dazu, ihren Geliebten zu verraten; eine andere Frau dazu, den heimlich verehrten, doch der Spionage überführten Chef ans sichere Messer zu liefern; Ashenden muß einen Sabotageakt befehligen – oder auch absagen, das soll er nach aktueller Lage der Dinge entscheiden – und greift zu Mitteln, die ihn davon abhalten, Gott zu spiele; er lauscht den Erzählungen anderer – immer und immer wieder, Ashenden ist ein hervorragender Zuhörer- und muß oftmals nur ein wenig an der Wirklichkeit drehen – in seinen eigenen Aussagen und Erwiderungen – damit sein Gegenüber tut, was er möchte. Und Ashenden kann damit relativ lange recht gut leben, obwohl er immer wieder in den Erzählungen anderer Spiegel dessen sieht (und erkennt?), was er selber produziert – Leid, Schmerz, Angst und Verachtung. Es dauert, bis er dem Druck, den das auch in ihm auslöst, nur mehr schwer Stand halten kann. Solange er im Einsatz ist, hilft ihm sein Humor – der auch den oft leicht sarkastischen Grundton dieser Geschichten definiert – , der ihn oft milde, manchmal wölfisch über den Weltenlauf lächeln oder grinsen läßt. Ashenden ist ein Mann der Vergangenheit, der die neue Zeit vielleicht nicht willkommen heißt, der aber um die Vergänglichkeit alles Bestehenden weiß, bzw. den seine Tätigkeit dieses Wissen lehrt, ob er will oder nicht. Doch indem wir Ashenden in der letzten Geschichte – SANATORIUM – , an TBC erkrankt, in einem eben solchen wiederbegegnen, umgeben von Tod und Sterben, werden wir durchaus der Entwicklung gewahr, die dieser Mann durchlaufen hat. Das Entsetzen über das Erlebte sitzt auch ihm im Leibe. So definiert und bestimmt in dieser letzten Erzählung der Tod schließlich alles. Der Tod wird der große Manipulator, dem alle ausgeliefert sind. Und selbst Ashenden kann sich auf einmal nicht mehr sicher sein, dieser Herausforderung mit der ihm eigenen Leichtigkeit zu begegnen.

Somerset Maugham berichtet von der Front des Geheimen, doch im Grunde schreibt er einen Gesellschaftsroman in komprimierter Form. Nur ist der Blick hier – anders als in seinen „echten“ Gesellschaftsromanen – absolut zielgerichtet, definiert durch eine zu erfüllende Aufgabe, die IMMER den Tod von irgendjemandem irgendwo nach sich zieht. Er nutzt den leichten Ton, der seine Werke bei seinen Zeitgenossen so beliebt gemacht hat, und läßt den Leser so auf natürliche Weise nachvollziehen, wie man sich persönliche Eigenarten ebenso wie gesellschaftliche Konventionen zu Nutze machen kann, um andere zu manipulieren, um Druck auszuüben, um Ergebnisse zu erzielen. Die tödliche Konsequenz all dessen schwingt dabei immer mit, ohne daß wir ihrer je ansichtig würden. Bis auf jene letzte Episode des eigentlichen Geheimdienstzirkels, MR. HARRINGTONS WÄSCHE, die Ashenden direkt in die Wirren der russischen Revolution katapultiert und Geschichte wirklich spüren läßt, bleibt der Krieg abstrakt. Er findet statt, woanders. Eine – ungewollte? – frühe Umkehrung des Wesens des Spionageromans, ist doch eigentlich die Welt der Spionage, der Agenten, der geheimen Dienste die abstrakte mit ihren Codes und Geheimschriften, Zeichen und Zirkeln, Bünden, Rätseln und Verschwörungen. All dies ist hier alltäglich. So alltäglich, daß es wie nebenbei erwähnt wird, nie sind die geheimdienstlichen Tätigkeiten wirklich Gegenstand der Erzählung. Sie finden ununterbrochen statt, ohne wirklich „getan“ zu werden. Das ist schon literarisch ein Kunststück. Fast wie ein eigener Manierismus mutet all dies Aushorchen, Zuhören und Manipulieren an.

Es macht Spaß, das zu lesen, es unterhält und ist eben doch auch spannend, da die Figur Ashenden – ihre Anlage, auch ihre Entwicklung – dies alles gut zusammenhält. In dieser Klammer hat man dann auch eher den Eindruck, es eben doch mit einem Roman zu tun zu haben. Zwar beziehen sich die hier so zusammengezogenen Episoden nicht aufeinander, doch, spürt der Leser durchaus, daß nach einer jeden etwas bei Ashenden zurückbleibt, das ihn in der nächsten Episode auch verändert hat, das er mitschleppt, das ihn umtreibt und ernster werden läßt. Bedenkt man, daß diese Geschichten in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts geschrieben wurden, muten sie auch heute noch erstaunlich modern an. Sowohl in der Sprache, der Erzähltechnik als auch der sehr modern anmutenden Form. Eine von uns aus vielleicht weit entfernte Welt (wenn auch gerade durch etwaige Gedenktage wieder hervorgerufene?), in der sich das alles abspielt, doch wird sie uns hier sehr lebensecht und zugleich humorvoll entgegengebracht und verständlich gemacht.

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