BLUEBIRD, BLUEBIRD

Attica Locke legt einen ebenso spannenden wie beklemmenden Krimi über Rassenwahn, zerstörte Familien und die Angst vor der eigenen Geschichte vor

BLUEBIRD, BLUEBIRD, erschienen 2017, ist ein hervorragender Kriminalroman – und das im besten Sinne des Wortes -, darüber hinaus gelingt der Autorin Attica Locke allerdings das Kunststück, ein Stück amerikanische Geschichte auf brillante Art und Weise vor dem Leser auszubreiten und die feineren Verästelungen die Problematik zu veranschaulichen, die der Rassenkonflikt bis heute birgt.

Darren Mathews – ein Schwarzer, der seinen Stammbaum bis weit in die dunkelste Zeit der Sklaverei zurückverfolgen kann, ein Fakt, der nur wenigen Menschen seiner Hautfarbe in den U.S.A. vergönnt ist – hat eine aussichtsreiche Karriere als Jurist in den Wind geschlagen und sich den Texas Rangers angeschlossen. Er möchte in seinem Heimatstaat bleiben, den er trotz all der Ressentiments und Anfeindungen, die ihm hier entgegenschlagen, liebt. Hier fühlt er sich zuhause. Er wird in einen Fall verwickelt, der ihn möglicherweise seine Dienstmarke kostet, da seine Vorgesetzten ihm unterstellen, er decke einen anderen Schwarzen, der im Verdacht steht, einen Weißen erschossen zu haben. Da Darren vor allem an sogenannten Hass-Verbrechen arbeitet, wird ihm gern vorgehalten, nicht objektiv zu sein. Während der Suspendierung wird er von einem Freund beim FBI auf einen weiteren Fall angesetzt, bei dem es nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint. In dem kleinen Kaff Lark in Ost-Texas wurden nacheinander die Leiche eines schwarzen Mannes und dann die einer weißen Frau gefunden, was nach den Erfahrungen der Experten nicht ganz der üblichen Reihenfolge entspricht. Darren macht sich auf nach Lark, um den Dingen auf den Grund zu gehen, fest entschlossen, ein weiteres Verbrechen der Aryan Brotherhood Texas, kurz ABT, aufzudecken. Doch er muß – spätestens als die Witwe des Toten auftaucht – feststellen, daß die Dinge komplizierter liegen, als er sich das vorstellt…

Nach und nach entblättert sich ein Gewirr von Verwandtschaftsverhältnissen vor dem Ranger, das schier die ganze Kleinstadt betrifft und dabei keineswegs vor Rassengrenzen Halt zu machen scheint. Das ist einerseits spannend und Attica Locke baut genügend glaubwürdige Kniffe und Wendungen in ihre Story ein, um den Leser doch immer wieder zu überraschen. Andererseits gelingt ihr aber gerade mit jeder Wendung des Plots ein weiterer Beweis dafür, auf welch vielfältige und für alle Beteiligten schwierige Weise die Ethnien trotz allen Rassismus´ immer schon miteinander verwoben waren, wie weit diese Verflechtungen zurückreichen. Zugleich wird auch für einen weißen Leser spürbar, wie fürchterlich das Machtgefüge ist, das sich darin ausdrückt. Die Verachtung, die Schwarze durch Weiße seit jeher erfahren haben, glauben wir zu kennen und zu verstehen, im Sinne einer Erklärung, doch umso schrecklicher, wenn man begreift, wie ausgeliefert und hilflos sich eine Minderheit fühlen muß, über die einst nicht nur verfügt werden konnte, sondern die selbst in Zeiten, da sie nominell längst ihren einstigen Peinigern, die sich als Herren aufspielen durften, gleichgestellt ist, immer noch darauf zu achten hat, wem sie was verraten darf, wann sie reden kann, wann sie besser schweigen sollte.

Locke nutzt das Sujet des Kleinstadtkrimis, um die Eigenheiten der Provinz auszustellen, die Vorbehalte gegenüber Fremden – egal welcher Hautfarbe – zu veranschaulichen und ebenso die Vorbehalte gegenüber Vertretern staatlicher Organe, im Besonderen dann, wenn man selber schwarzer Hautfarbe ist. Sie nutzt die Verstrickungen der meisten Beteiligten, die der Leser im Laufe des Romans kennenlernt aber auch, um aufzuzeigen, was Jahrhunderte lange Unterdrückung, Angst, Rechtlosigkeit aus Menschen machen kann. Wie es sie deformiert, wie es sie duckmäuserisch macht, wie es ihnen die Würde nimmt und sie zu vorauseilendem Gehorsam zwingt. Dabei hält sie sich nicht zurück und lässt durchaus auch Schwarze auftreten, die Schuld auf sich laden. All diese Menschen sind Opfer ihrer Geschichte. Auch die Weißen, die ehemaligen (?) Unterdrücker. Auch diese sind deformiert, sind von inneren Zwängen ebenso gefangen, wie sie von ihren Gelüsten und Sehnsüchten getrieben sind. Locke ist psychologisch genau, ohne allzu stark zu psychologisieren. Wer eine ganze Ethnie verachtet und zu hassen vorgibt, und zugleich spürt, daß er Unrecht tut, weil er diese doch so fremden Wesen begehrenswert findet, tut letztlich sich selbst Unrecht an, fügt der eigenen Seele Leid zu. Und mit einem letzten Clou beweist sie, daß die Verstrickungen niemals aufhören, daß das Spiel aus Verachtung, Hintergehen, emotionaler Erpressung und Selbsthass noch lange nicht endet. Es sitzt tief und hat längst auch Mißtrauen in der schwarzen Gemeinde, ja sogar innerhalb der Familien, gesät. Ein bitteres Fazit.

Unterlegt mit vielen Blues-Zitaten eines Lightnin´ Hopkins, eines Bobby Bland oder John Lee Hooker u.a. treffen in der texanischen Hitze von BLUEBIRD, BLUEBIRD nicht nur schwarz und weiß erneut aufeinander, sondern auch die Stadt und die Provinz, der Norden und der Süden, Männer und Frauen, der Staat in Gestalt seiner polizeilichen Institutionen und eine Bevölkerung, die gelernt hat, sich entweder zurückzuhalten, weil die eigene Stimme sowieso nichts zählt, oder aber das, was man für „Recht“ hält, gleich in die eigene Hand zu nehmen. Locke legt ihre Fährten perfekt aus und gibt eine Menge Hinweise, die sich schließlich zu einem ebenso einleuchtenden wie erschreckenden Ganzen zusammenfügen.

Ein Landstrich wie Ost-Texas, in dem sich eine durch und durch rassistische, rechtsradikale  Vereinigung wie die Aryan Brotherhood derart ausbreiten kann, muß nicht exemplarisch sein, es steht aber zu befürchten, daß Locke, die selbst aus Houston stammt, heute jedoch in Los Angeles lebt, Ost-Texas als Schauplatz ihres Romans auch deswegen genutzt hat, weil hier akut wird, was im ganzen Land virulent ist. Die Krise des Rassismus ist noch lange nicht überwunden. Neben einem sehr guten, spannenden Krimi muß man gerade diesen Fakt in diesem Roman schmerzlich gegenwärtigen.

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