DER ANSCHLAG//11/22/63

Stephen King mischt Zeitreisemotiv und das Kennedy-Attentat zu einer etwas klebrigen Love-Story in der guten, alten Zeit seiner Jugend

Ist DER ANSCHLAG (Original 11/22/63 – erschienen 2012)  ein Buch über das Kennedyattentat? Nein!

Ist DER ANSCHLAG ein Buch über Zeitreisen und deren Auswirkungen auf die „Gegenwart“? Bedingt.

Ist DER ANSCHLAG eine Schmonzette auf gehobenem (nicht hohem!) Niveau? Unbedingt.

Im Hinterzimmer eines Diners in Maine befindet sich ein Einstieg ins Jahr 1958. Ein sogenannter „Kaninchenbau“. Der Besitzer des Diners entdeckt ihn und was tut er? Schaut er sich in den so gloriosen 50er Jahren um? Schaut er sich Elvis an (na gut, der war gerade in der Army)? Schaut er sich Bill Haley oder eine der anderen frischen Rock’n’Roll-Größen an? Fährt er nach San Francisco um Kerouac und die Beatniks im City Lights Bookstore zu begaffen? Oder nach NYC ins legendäre Chelsea Hotel? Geht er zu sämtlichen Spielen der World Series? Geht er in Autokinos oder auf Schulbälle? Fährt er nach Hollywood undundund? Nein. Nein, er weiß nur eines: Er muß die Welt retten indem er das Kennedyattentat verhindert. Drunter macht er es nicht. Also muß er Jahre in der Vergangenheit verbringen, bis endlich 1963 ist und…er an Krebs erkrankt und sein Ziel nicht mehr erreichen kann. Also haut er seinen Stammgast Jake Epping an, daß dieser den „Auftrag“ zuende führt. Dieser Jake Epping nun erzählt uns als Kings erster(?) Ich-Erzähler von seinen Reisen nach 1958. Und um herauszufinden, was geschieht, wenn man die Vergangenheit verändert, muß er erstmal die Lebensgeschichte des Hausmeisters an seiner Schule ändern. Damit sind die ersten 300 Seiten voll. Dann also beschließt er, Amerikas „Ursünde“ (wie viele es sehen), den Moment seines „Verlusts der Unschuld“, auszumerzen. Und geht nach 1958, um die 5 Jahre bis 1963 zu leben, bis er sich Oswald, der hier der Einzeltäter sein soll (und um das herauszufinden braucht es nochmal 250 Seiten), vorknöpfen kann. Natürlich muß er die Zeit irgendwie rumbringen und natürlich lernt er nicht nur die „unschuldige“ Zeit der späten 50er Jahre lieben, sondern auch eine nette Frau kennen, die er ebenfalls retten muß usw. usf. Auf den letzten 100 Seiten dann also das Attentat und alles, was daraus folgt, wenn man in der Vergangenheit herum wurschtelt.

100 Seiten Attentat? So ist es. Irgendwelche Erkenntnisse? Nö. Worum geht es hier eigentlich, in diesem Buch? Vor einigen Jahren schrieb King LOVE (2006) und wurde damals endlich als „ernsthafter“ Schriftsteller geadelt, der die Niederungen des Genres hinter sich gelassen habe. Das Buch war gut, zugegeben. Aber es war auch ein gehobener Liebesroman aus der Kitschecke. Und nun? Nun haben wir es im Grunde mit einer Schmonzette zu tun. Diese Liebesgeschichte trieft nur so vor Schicksal und Bedeutung. Da gibt es die arme bedrohte Unschuld – etwas tollpatschig, aber sowas macht ja bekanntermaßen süß und verführerisch und erweckt die männlichen Beschützerinstinkte – , deren Mann ein psychopathischer Nerd ist, es herrscht die Kleinstadtidylle, in der die Außenseiter sich finden und zusammenstehen, es geht um die Errettung einer Frau, indem man ihr den ersten Orgasmus verschafft. Ach ja. Und dann ist da natürlich das Abwägen zwischen persönlichem Glück und dem der großen weiten Welt…welche Klischees wurden ausgelassen? Mal schauen.

Was fällt King sonst noch so ein? Ein paar Spielereien hinsichtlich des Zeit-Raum-Kontinuums, Überlegungen zu der Frage des Was-wäre-wenn: Wenn wir die Vergangenheit verändern, ist das dann unbedingt zum Guten? Der Geist, der Gutes will und Böses schafft? Ist irgendetwas davon neu? Nein. Selbst BACK TO THE FUTURE (1985/89/90) hatte uns da mehr und Originelleres zum Thema zu sagen – und zwar in allen drei Teilen!

Ist irgendetwas von Kings Ideen wenigstens spannend? Nun wird es spannend, zumindest interessant, denn die Antwort auf diese Frage lautet (leider) ebenfalls „Nein“. Dieses Buch ist schlichtweg nicht spannend. Es ist sogar ab eines gewissen Zeitpunkts öde und schleppt und zieht sich und kann nicht mehr fesseln. Es ist ein Hybrid, ein Roman, der nicht weiß, was er will, was er sein soll und wohin er sich entwickelt. Vor allem ist dies eine unglaubliche Fifties-Nostalgia-Roadshow. Das ist ok, viele Autoren beschleicht mit dem Älterwerden diese Melancholie nach der heil(ig)en Welt der eigenen Jugend und sie meinen, daraus etwas produzieren zu müssen. Durchaus in Ordnung. Zumal King immer schon eine Hang hatte, die Jahre der eigenen Jugend zu verklären. Er hätte sich jede Zeit heraus suchen können – 1685, 1776, 1917, 1945 – alles Daten, zu denen es etwas Wesentliches, etwas Interessantes zu sagen gäbe. Doch natürlich nimmt er 1958. Es ist einerseits seine Zeit gewesen, andererseits kann er also seinen Beitrag zur „Kennedy-Literatur“ leisten, in einem Aufwasch mit seinem Beitrag zur „Zeitreise-Literatur“. Wenn jemand jedoch einen Roman explizit zum Attentat auf den amerikanischen Präsidenten lesen will, sollte er/sie dieses Buch links liegen lassen und z.B. zu Don DeLillos LIBRA – 7 SEKUNDEN (LIBRA; 1988) greifen – nebenbei die wahrscheinlich beste Erklärung, was damals geschehen sein könnte, wenn man nicht an die Einzeltäterthese glaubt und DeLillos zugänglichstes Buch, also ein guter Einstieg in dessen literarisches Universum. Denn hier, in Kings Geschichte, dient das Attentat nur als äußerer Anreiz, als Vehikel, daß unser Held wirklich Jahre in der Vergangenheit zu bleiben gedenkt.

Was bleibt? King-typisch kann man das alles recht gut lesen, es gibt eine Reihe hübscher Verweise ins King-Land (Die Stadt Derry und einige Protagonisten aus ES [IT; 1986] kommen vor), seine Dialoge sind, wie so oft, exquisit, die Figuren packen eine Zeit lang und auch die Geschichte tut es anfänglich. Es wird viel feel-good geboten, für King typische Erzählstränge, denen man zunächst gespannt folgt, bei denen man aber sowieso weiß, daß sie ein gutes Ende nehmen werden. Unterhaltsam ist das Ganze schon – nur viel, viel zu lang, zu durchschaubar, zu viel Stückwerk und zu wenig Originelles.

Und das Attentat selbst? Es erstaunt denjenigen, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt hat, daß niemand derer vorkommt, die in nahezu allen Diskussionen zum Kennedy-Attentat eine Rolle spielen. Clay Shaw? Nada. David Ferrie? Nix. Die Mafiaverbindungen und die Querverbindungen zu den kubanischen Exilanten? Werden am Rande erwähnt. King interessiert das alles offensichtlich nicht. Geschickt umgeht er diesen Teil, indem er die Geschehnisse in New Orleans, die in den meisten Untersuchungen/Dokumentationen, aber auch in Oliver Stones Film JFK (1991) so wichtig sind, schlichtweg ausblendet.

Das ist an und für sich ok, denn King erklärt in einem Nachwort, daß er von all den Verschwörungstheorien nichts hält und Oswald seiner Ansicht nach ein Einzeltäter war, was auch sein Schweigen hinsichtlich der magischen Kugel erklärt, die Kennedy allein dreimal und zusätzlich einmal den Gouverneur von Texas traf und dabei mehrmals die Richtung geändert haben muß. Kann man machen. Die Einzeltäterthese ist mindestens so glaubwürdig, wie all die Verschwörungstheorien, die seit über fünfzig Jahren kursieren und zumeist ebenso hanebüchen sind. Aber warum erzählt man dann diese Geschichte? Oswald ist bei King ein eindimensionales Monster, das seine Frau prügelt. Diese Frau allerdings, das merkt man im Nachwort, kann King ebenfalls nicht leiden, widerstrebend zollt er ihr Respekt für ihre „Fähigkeit zu überleben“ usw. Ganz offenbar interessiert King im Grunde das ganze Attentat nicht sonderlich.

Nein, es entsteht der Eindruck, als hätte King erstens über die Zeit seiner Jugend schreiben wollen, die er, wie so viele Amerikaner, als eine unschuldige wahrnimmt, und zweitens scheint er unbedingt eine große Liebesgeschichte erzählen zu wollen. Da er aber Stephen King ist, braucht es Spannung und irgendetwas „Unnatürliches“ – also eine Zeitreise, beispielsweise. Diese Mischung ist mißlungen. Die einzelnen Teile dessen, was bleibt, kann man lesen. Nur ist das Ganze weniger als seine Teile, und das ist schade.

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