RÄTSEL UND KOMPLOTTE/ÉNIGMES ET COMPLOTS

Strukturelle Ähnlichkeit in Wissenschaft, Kriminologie und Agententätigkeit

Es gibt diese Sachbücher, die einen inhaltlich fesseln, die jedoch derart trocken geschrieben sind, daß sie Seite für Seite zur Qual werden und das Thema schon sehr fesselnd sein muß, damit man durchhält. Dann gibt es jene, deren Thema fesselt, die aber auch stilistisch so überzeugend sind, daß man sie gern liest – Christopher Clark hat mit DIE SCHLAFWANDLER 2012 ein solches Werk vorgelegt. Und schließlich gibt es die Sachbücher, die großes wagen, deren Themen vielleicht gar nicht so fesselnd sind, die aber stilistisch und in der Konstruktion der Gedanken derart spannend und packend sind, daß die Lektüre der eines Spannungsromans gleichkommt. Luc Boltanski hat mit diesem primär dem Fach der Soziologie zuzurechnenden Kleinod eines Sachbuchs ein thematisch allerdings an sich schon fesselndes der letzten Kategorie geschrieben. Denn man sollte sich nicht blenden lassen – es geht um Rätsel und Komplotte, es geht um Paranoia und Gesellschaft, es geht im Kern (und das bedeutet hier in den letzten beiden von insgesamt sechs Kapiteln) auch und gerade darum, wie sich die Soziologie positioniert, wie sich der Soziologe als Wissenschaftler gegenüber einer Wirklichkeit verhält, die sich dem Nichtsoziologen zwar in ähnlichen, manchmal gleichen Sprachcodes darstellt, jedoch komplett anders offenbart.

Doch der Reihe nach. Um sich seinem Thema zu nähern, es zu umkreisen und dann den Finger auf den entscheidenden Punkt zu legen, betrachtet der Bourdieuschüler Boltanski zunächst die Frage danach, was ein Rätsel ist, wie sich „scheinbare“ und „wahre“ Realität voneinander abgrenzen, worin zunächst eigentlich das Wesen der Untersuchung besteht. Er nimmt sich dazu des Kriminalromans in seinen zwei Ausgangsfunktionen – der Detektiv- und der Polizeigeschichte – an und erweitert sein Blickfeld auf die Sparte des Spionageromans.  Von diesem Standpunkt aus wendet er sich dann dem Themenfeld der Paranoia zu, die in Spionagegeschichten natürlich immer subtextuell mitschwingt. Und von dort ist der Sprung hin zu dem, was wir heute Verschwörungstheorien nennen, nicht weit. Den Soziologen verortet Boltanski in der Nähe des Verschwörungstheoretikers, da auch der Wissenschaftler hinter dem Schein der Wirklichkeit und deren Abläufen zunächst eine „wahre“ Realität vermutet, der man mit dem wissenschaftlichen Instrumentarium des Soziologen beikommen, die man offenlegen und somit sichtbar machen kann. Die Frage, die sich einem Soziologen wie Boltanski dann stellt, lautet: Inwiefern stimmt die vorgefundene „wahrere“ Realität mit der Lebenserfahrung und der Wirklichkeitswahrnehmung all der Nichtsoziologen überein? Im Grunde legt hier der Vertreter einer der maßgeblichen Sozialwissenschaften des vergangenen halben Jahrhunderts Rechenschaft über die Wirkungsmächtigkeit seiner Profession ab. Das sollte jede Art von Wissenschaft von Zeit zu Zeit tun, sind die meisten doch recht selbstgefällig davon überzeugt, die Menschheit mit der Erkenntnis letztem Schrei zu beglücken. Boltanski verfolgt dieses Projekt allerdings nicht erst hier, schon seine Frankfurter Vorlesungen, zusammengefasst in dem Werk SOZIOLOGIE UND SOZIALKRITIK, und auch im Gemeinschaftswerk mit Laurent Thévenot ÜBER DIE RECHTFERTIGUNG. EINE SOZIOLOGIE DER KRITISCHEN URTEILSKRAFT klingen diese Themen einer Engführung von Wissenschaft und Alltagswahrnehmung an. Boltanski verweist auch darauf, daß dieses hier vorliegende Werk eine Art Fortsetzung zu der Gedanken in SOZIOLOGIE UND SOZIALKRITIK ist.

Was die Lektüre so reizvoll macht, ist die Annäherung an das Thema. Denn indem der Autor an die Ursprünge der von ihm ausgeguckten Gattungen der Literatur geht, erzählt er uns nicht nur etwas über den Detektiv- oder den Polizeiroman, sondern berichtet auch von dem Geist der Zeit, aus dem diese entstanden sind. So greift er als Beispiel des Detektivromans auf Sherlock Holmes zurück und erklärt uns nicht nur, wie hier eine (fast) neue literarische Gattung entsteht, sondern auch, wieso Holmes ein Detektiv in seinem spezifisch britischen Umfeld sein muß. Denn nur dem Detektiv obliegt es, sozusagen im Sinne höherer Werte, sich über herrschende Gesetze hinwegzusetzen und so die herrschende Ordnung entweder zu bewahren oder wieder herzustellen. Holmes steht sozusagen außerhalb des britischen Klassensystems, er kommt somit in Berührung mit sämtlichen Schichten der Gesellschaft, seine Gegner (vom Superschurken Professor Moriarty, der eine Sonderrolle einnimmt,  einmal abgesehen) sind jedoch meist gesellschaftlich gehobener Abstammung und oftmals eminent politisch – Anarchisten und Kommunisten – und spiegeln damit nicht nur ihre Zeit (also die des Autors Arthur Conan Doyle) wieder, sondern auch die Ängste der Gesellschaft, in der Doyle/Holmes sich bewegen. Die Paranoia klingt also schon hier an. Und wie der Soziologe, bedient sich Holmes – was ihn auch so wesentlich für die Kriminalliteratur macht – modernster, empirischer Methoden der Forensik. Der von Boltanski zitierte Carlo Ginzburg hat in seinem Werk SPURENSICHERUNG. DIE WISSENSCHAFT AUF DER SUCHE NACH SICH SELBST bereits auf die Verwandtschaft literarisch-kriminalistischen und sozialwissenschaftlichen Arbeitens hingewiesen.

Boltanski wählt dann als Gegenpart zum britischen Detektivroman Simenons Maigret als Beispiel für den klassischen Polizeiroman. Wo Holmes unabhängig ist und damit der Gesellschaft auch entäußert (von der er sich natürlich schon durch seine herausragende Intelligenz abhebt), steht Maigret im Berufsleben und ist somit Angehöriger einer bürokratischen Institution. Während Holmes in Watson ein Gegenüber hat, das ihm intellektuell folgen kann, dabei aber die rationale Instanz eines Staatsbeamten (der Watson nicht ist) verkörpert, erfüllt Maigret die Doppelrolle des Polizisten und des „einfachen Mannes von der Straße“. Eine Spaltung deutet sich also hier schon an, eine Spaltung, die den Paranoiker massiv beschäftigen wird. Boltanski analysiert die Figur genau (und geht dabei auch auf Nebenaspekte wie Simenons immanenten Antisemitismus ein) und stellt schon hier erste Weichen in Richtung des Komplotts. Maigret ist als Vertreter einer bürokratisch geordneten Institution wohl der Gesellschaft verpflichtet und letztlich von dieser bestellt, doch ist die Institution ‚Polizei‘ an sich überstaatlich in dem Sinne, daß sie immer existieren wird, egal, welche Staatsform gerade herrscht. Die Bürokratie wird also selbst institutionell zum „eigentlichen“ Staat, sie ist die Gewährleistung für den nationalen Fortbestand. Maigret handelt aber ebenso als „Mann von der Straße“, der, anders als der hyperintellektuelle Holmes, auch auf seine Instinkte vertraut, sein Bauchgefühl. Maigret haftet so bei aller (gewollten) Spießigkeit der Figur (er mag gutes Essen, Tabak und billigen Wein, ab und an ein Kartenspiel, seine Bedürfnisse sind „einfach“) auch immer etwas „Linkes“ an, er ist ein Mann aus dem Volke und für das Volk da. Und er ist insofern demokratisch, als sich sein Mißtrauen gegen alles und jeden richtet, vollkommen egal, welcher Schicht oder Klasse der- oder diejenige entstammt.

Boltanski gelingt es, nicht nur eine genaue literarische Analyse zu liefern, sondern auch historisch den Geist dessen einzufangen, was diesen Werken zugrunde liegt: Strukturell konservative Gesellschaften und Gesellschaftsformen, die nahezu danach verlangen, von Männern wie Holmes oder Maigret geschützt zu werden, Rechtsordnungen (oder auch normative Ordnungen), die nach Verletzung wieder in ihr Recht eingesetzt werden wollen. In einem recht abstrakten Einführungskapitel nähert sich Boltanski der Frage, was ist Realität, was ist ein Rätsel und was bedeutet ein Rätsel strukturell für die Realitätskonstruktion? Es muß also immer eine Oberfläche geben, die wir als die „richtige“ Realität wahrnehmen, deren Verletzung das Komplott darstellt, welches uns durch das Rätsel (das eine Störung im reibungslosen Ablauf der Realität ist) offenbart wird. Der Kriminalroman lebt also – strukturkonservativ, anders geht es nicht; wenn alles egal ist, wenn die Ordnung jederzeit änderbar wäre, bräuchte es weder Detektiv noch Polizisten, dann bräuchte es den Berufsrevolutionär, vor dem zumindest die Holmesromane zu warnen nicht müde werden – vom Lösen des die Wirklichkeit/Realität in Frage stellenden Rätsels, vomAufspüren einer Verschwörung, eines Verbrechens, eines Komplotts, von der Verletzung der Ordnung und ihrer Wiederherstellung.

Der Abstraktionsgrad wird natürlich noch gesteigert im Spionageroman. Auch hier greift Boltanski auf jene Werke zurück, die einst die Gattung begründet und in ihrem inneren Wesen definiert haben – Joseph Conrads THE SECRET AGENT, Somerset Maughams ASHENDEN und – wesentlich und zentral – John Buchans THE THIRTYNINE STEPS, der die Vorlage eines der frühen Klassiker von Alfred Hitchcock lieferte. Hier nun wird die oben angedeutete Struktur nahezu umgedreht: Was wir für die „wirkliche Wirklichkeit“ halten, ist strukturell schon ein Komplott, da die „wahre Wirklichkeit“ sich tendenziell nur im Geheimen abspielt. Gerade in Buchans Werk – das heute zu lesen mühsam ist, wirkt es doch wie eine einzige Ansammlung sämtlicher Klischees der Gattung, wobei man eben schnell vergisst, daß es all diese Klischees größtenteils erst erfunden hat – entpuppt sich die „wirkliche Wirklichkeit“ als reines Konstrukt, nichts ist, was es scheint, selbst die Geographie (das wilde schottische Hochmoor) scheint sich als eine andere zu entpuppen, als die, die sie zu sein scheint. Und von hier zur Paranoia und zur Verschwörungstheorie ist es natürlich nicht mehr weit.

Bis hierhin ist Boltanskis Text aber auch – und das macht ihn so spannend – eine Abhandlung über Fragen wie den Gegensatz von Nation und Staat, darüber, wie Volk und Kapitalismus sich zueinander verhalten etc. Boltanski kann exemplarisch aufzeigen, was in all diesen Fiktionen verhandelt wird. Erst an dem Punkt des Komplotts, kommt seine Profession, die Soziologie ins Spiel. Das Komplott stellt ihm den Übergang von der (reinen) Fiktion zur Realität dar, also in den Bereich des Faktischen, definitorisch durchdekliniert anhand der antisemitischen PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION, die eine Fiktion sind, reine Erfindung, deren faktischen Wirkmächtigkeit das 20. Jahrhundert allerdings in aller Grausamkeit erleben musste. Anhand dieses Textes läßt sich auch exemplarisch die strukturelle Rechtslastigkeit der Verschwörungstheorie erfassen: DIE PROTOKOLLE DER WEISEN VON ZION „berichten“ ja von genau dem: einer Verschwörung, besser, sie „decken“ sie auf. Seinem Wesen nach stellt der Text aber selber eine Verschwörung (gegen die Juden, gegen eine liberale, libertäre Gesellschaft) dar. Und da kommt Boltanskis Werk zu sich selbst.

Ohne daß die Werke eines Don DeLillo explizit hervorgehoben werden (de facto wird sein Name nur einmal erwähnt), kommt Boltanski in der Frage nach dem Komplott, welche im ersten der beiden sehr abstrakten und spezifisch sich der Soziologie zuwendenden Kapitel behandelt wird, dessen Analysen recht nah. Denn zumindest in den Werken THE NAMES (1982) und MAO II (1991) stellt sich der Schriftsteller, der sich immer wieder der Frage der Verschwörung gewidmet hat (ohne, darauf legt er Wert, ein Verschwörungstheoretiker zu sein, ganz im Gegenteil), der Frage, inwiefern die Sprache selbst nicht die eigentliche Verschwörung gegenüber einer wie auch immer gearteten „Wirklichkeit“ darstellt? Da uns „Welt“ primär nicht zugänglich ist, immer nur sprachlich erfassbar, bleibt sie uns auch immer verborgen. Die Sprache definiert die Welt. Vor der Sprache? Phänomene. Wenn Boltanski also darauf hinweist, daß der Soziologe sich oftmals einer Sprache bemächtigt, die selber schon an Verschwörungstheorien erinnert, wenn er „Komplotten“ in der Wirklichkeit auf die Spuren kommen will, wenn er sich also mit den strukturellen, strukturalen Bewegungen in Gesellschaften befassen will, nutzt er dabei durchweg eine Sprache, die selbst schon als kompromittiert zu gelten hat. Beispielhaft geht er diese Problematik anhand des Begriffs des Komplotts selber durch: Wie sollen wir „falsche“ und „echte“ Komplotte unterscheiden, wenn sich beide sprachlich im selben Gewand präsentieren? Dankenswerter Weise gibt Boltanski im letzten Kapitel eine Übersicht über die wesentlichen Strömungen der Soziologie seit den 50er Jahren und kann damit etwas Licht in den Dschungel der Empirie, Zugriffe, Beweisführungen und Theorieansätze bringen.

Manchen werden gerade die letzten beiden Kapitel des Buches weniger interessieren, richten sie doch sehr spezifisch an die Kollegen seiner Zunft. Doch auch wenn man sie schlicht wegließe (und sich damit einige äußerst interessante Überlegungen entgehen ließe), das sprühende Feuerwerk der Gedanken und Ideen, die dieses Buch ausbreitet, liest sich derart spannend und mitreißend, daß so manches Werk der Kriminal- oder Spionageliteratur dagegen nahezu verblasst. Trotz des stolzen Preises (da kennt Suhrkamp leider keine Gnade, Hardcover sind teuer, teuer, teuer) lohnt sich hier jede der rund 480 Seiten. Dieses Buch ist klug, spannend und unterhaltsam und sehr, sehr lehrreich. Allemal für jene, die das Objekt selber – Krimis im weitesten Sinne – lieben. Volle Sternzahl!

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