„NICHTS IST, WIE ES SCHEINT“ – ÜBER VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN

Michael Butter analysiert verschwörungstheoretisches Denken in Bezug auf tagesaktuelle Entwicklungen

Wem – um einfach mal zwei Veröffentlichungen jüngeren Datums aus dem relativ unübersichtlichen Feld der Publikationen zum Thema herauszugreifen – Wolfgang Wippermanns AGENTEN DES BÖSEN zu schematisch an die Thematik der Verschwörungstheorie herangeht und Karl Hepfers VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN – EINE PHILOSOPHISCHE KRITIK DER UNVERNUNFT zu intellektuell ist (und vielleicht sogar geistig zu verspielt in Anbetracht des Ernstes der Lage), dem sei Michael Butters „NICHTS IST, WIE ES SCHEINT“ – ÜBER VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN empfohlen. Dem Autoren gelingt es, das Thema aktuell und zeitnah bei dennoch guter Übersichtlichkeit und nur gelegentlicher Unschärfe pointiert und bündig auf den Punkt zu bringen.

Butter gibt in fünf Kapiteln und einem Schlußteil eine gute Darstellung über Wirkungsweise, Wirkungsmächtigkeit und auch die Geschichte der Verschwörungstheorien und ordnet verschwörungstheoretisches Denken in aktuelle Zusammenhänge ein, wobei er deutlich einräumt, daß Donald Trump, aktueller Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, als Fluchtpunkt seiner Überlegungen dient. Damit ist auch eines der zentralen Anliegen des Buches umrissen: Der Zusammenhang, bzw. die Differenz von Verschwörungstheorien und modernem Populismus. Beides weist markante Übereinstimmungen auf, ist aber nur in wenigen Fällen wirklich deckungsgleich. Beruhigend ist Butters These, daß wir heute weitaus weniger verschwörungstheoretischem Denken begegnen, als noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder generell vor 1945. Bis dato waren Verschwörungen als kohärente Welterfassungs- und Erklärungsmodelle durchaus akzeptiert, ja, in vielerlei Hinsicht waren sie durchaus gleichberechtigtes Wissen neben naturwissenschaftlichen und historisch-geisteswissenschaftlichen Quellen. Es war das Aufkommen der Sozial- und sozialpsychologischen Wissenschaften ab den 1960er Jahren, nicht zuletzt durch die Arbeiten Karl Poppers, der den Begriff der „Verschwörungstheorie“ in ihrer heutigen, denunziatorischen Weise erstmals nutzte, die Verschwörungstheorien stigmatisierten und als Erklärungsmodelle obsolet werden ließen. Wahr ist aber eben auch, daß sie mit dem Aufkommen des neuen Populismus wieder fröhliche Urständ´  feiern, eben und vor allem dadurch, daß Donald Trump während seines Wahlkampfs verschwörungstheoretische Ansätze schamlos bediente und in der Endphase vor der Wahl im November 2016 Verschwörungstheorien offen nutzte, um seine Kontrahentin Hillary Clinton zu diffamieren.

Michael Butter verweist explizit darauf, daß sich seine Untersuchungen auf Europa und Nordamerika beziehen und sich auch seine Erklärungsansätze, wer weshalb Verschwörungstheorien anhängt, glaubt und verbreitet, somit auf die Erfahrungen dieser Kulturkreise beschränken.

Wozu aber dienen Verschwörungstheorien und wer bedient sich ihrer? Und wie funktionieren sie? Wer sich mit dem Thema schon eingehender befasst hat, wird bei Butter auf wenig wirklich Neues stoßen, allerdings auf eine fundierte und gut komprimierte Zusammenfassung des eher schmalen Forschungsstandes, aufbereitet an einigen wesentlichen Beispielen wie dem Schweizer Daniele Ganser und dem Amerikaner Alex Jones. Daß Verschwörungstheorien strukturell konservativ sind, mag auf den ersten Blick überraschen, weil es jede Menge „linke“ Verschwörungstheorien gibt, doch stimmt der Befund, daß sie immer von einem zu bewahrenden Zustand, dem Ist-Zustand oder einem, den es wieder herzustellen gilt, ausgehen und immer geheime Bünde an der Arbeit sehen, die gewohnte Ordnung zu unterminieren, zu zerstören und sich die Welt Untertan zu machen. Dabei kann man gut unterscheiden zweischen Supra-Verschwörungen, die uns historisch übergreifende Erklärungen von Alien-Reptilien oder mächtigen Geheimbünden (Freimaurer, Jesuiten) liefern, die seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden die Weltgeschicke steuern, über Superverschwörungen, die uns von Plänen raunen, Bevölkerungen auszutauschen oder dem „Internationalen Finanzwesen“, das Regierungen steuert und wie Marionetten tanzen lässt, bis hin zu jenen Theorien, die bspw. CIA, Mafia und interessierte Kreise als die wahren Verantwortlichen hinter dem Attentat auf Kennedy zusammendenken. Diese letzten Verschwörungstheorien sind jene, die wir am ehesten glauben könnten, da die ihnen zugrunde liegenden Ideen zumindest nicht undenkbar erscheinen.

Hier liegt eine der wenigen wirklichen Unschärfen des Buches, denn Butter konstatiert an einer Stelle, nie habe sich eine Verschwörungstheorie im nachhinein als wahr erwiesen, was zwar insofern stimmt, als daß es keine THEORIE über das Aushorchen der demokratischen Wahlkampfzentrale im Watergate-Hotel gab, auch nicht über heimlich operierende Zellen namens „Gladio“ oder eine Loge wie die P2, in der italienische Politiker, Wirtschaftsfunktionäre und Mafiosi zusammenkamen – aber die hinter diesen Organisationen und Vorgängen steckenden Verschwörungen waren eben doch sehr real. So muß man während der Lektüre die Differenz zwischen Verschwörungstheorie, Verschwörungsdenken und real existierenden Verschwörungen immer mit-denken. An anderer Stelle geht Butter seinen eigenen Ausführungen in die Falle, wenn er dem Leser das Funktionieren von Verschwörungsdenken nahebringt und dabei vor allem auf die darin liegenden Tautologien hinweist, nur um dann mit eben jenen Argumenten zu operieren, die er gerade noch als wirkungslos gegen Verschwörungstheorien brandmarkte. Daß dem Verschwörungstheoretiker gerade die Gegenargumente, ja gerade die zwingenden Gegenargumente, zur Bestätigung gereichen, ist ja eben der Punkt, an dem jede Diskussion mit den Betreffenden überflüssig wird.

Butters Erklärungsmuster, wer weshalb welcher Art von Verschwörungstheorie an- und nachhängt, sind weniger originell, deshalb aber nicht falsch. Kohärenz ist sicherlich ein Zauberwort zur Erklärung. Eine zunehmend komplexer werdende Welt in einfache, in sich geschlossene Muster pressen, welche zugleich die eigene Schwäche erklären und einen Gegner konstatieren kann, der einerseits übermächtig scheint, andererseits dumm genug ist, überall Hinweise liegen zu lassen – immer ist im Kern dies die Wurzel verschwörungstheoretischen Denkens. Zugleich gibt sie dem Verschwörungstheoretiker die Möglichkeit, eigene Überlegenheit zu beweisen, denn schließlich hat er durchschaut, was die breite Masse nicht sieht. Daß es meist weiße, ältere Männer sind, die diesen Theorien anhängen, nimmt dann nicht wirklich wunder. Das bedeutet natürlich nicht, daß es nicht auch Frauen – Eva Herman ist ein beredtes Beispiel dafür – oder auch jede Menge junger Menschen gibt, die Verschwörungstheorien anhängen. Und an den extremen Rändern treffen sich rechte und linke Verschwörungstheorien dann auch wieder: Antisemitische Ansätze haben  viele, manchmal getarnt als „Kritik an der Politik Israels“, manchmal umschrieben als „Antizionismus“.

Anhand der Verschwörungstheorien hinsichtlich der Juden erklärt Butter dann auch in seinem historischen Überblickskapitel das Werden und Wirken selbiger. Denn antisemitischen Verschwörungstheorien sind mit die ältesten und sie haben einen grundlegenden Wandel von religiös motivierten Anschuldigungen zu ökonomisch-ideologischen Anschuldigungen genommen und in der Shoah schließlich bewiesen, wie fürchterlich wirkmächtig Verschwörungstheorien sein können, wenn man sich ihnen hemmungslos hingibt. Es ist dies der Grund, warum man Verschwörungstheorien durchaus goutieren mag, wenn man ihnen zwischen den Deckeln eines Buches begegnet oder auf der Kinoleinwand, warum man aber sehr hellhörig sein sollte, wenn sie einem im realen Leben oder gar zur Erklärung politischer oder gesellschaftlicher Vorgänge angeboten werden. Die Wirklichkeit ist zu komplex, Menschen sind zu irrational und geschichtliche Abläufe von zu vielen Faktoren beeinflusst, als daß all diese berechenbar und steuerbar wären. Das ist wahrscheinlich die ernüchternde und auch beängstigende Erkenntnis, wenn man sich wissenschaftlich mit Verschwörungstheorien beschäftigt: So verlockend einfache Erklärungen auch sind, so sehr wir uns auch wünschen mögen, Abläufe und Wirkungsmacht durchdringen, analysieren und verifizieren  zu können – die Wirklichkeit selbst bleibt uns immer ein Stück voraus, entlegen, ungreifbar.

Und letztlich ist das ja auch gut so.

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