DER PATE UND SEIN SCHATTEN. DIE LITERATUR DER MAFIA

Ulrich von Loyen rückt der ehrenwerten Gesellschaft mit den Mitteln der Literaturanalyse zu Leibe

All jene seien gewarnt, die bei Mafia-Literatur oder Literatur zur Mafia an Mario Puzo und DER PATE (THE GODFATHER, erstmals erschienen 1969) denken. Der Autor des vielleicht bekanntesten und wirkmächtigsten Romans über das Werden und Wirken der Mafia wird in Ulrich von Loyens DER PATE UND SEIN SCHATTEN (2021) nicht einmal erwähnt. Das hat verschiedene Gründe, allen voran die Tatsache, daß der Autor sich explizit mit der italienischen, nicht der amerikanischen Mafia beschäftigt. Mehr aber noch die Fokussierung auf Literatur, die entweder von Autoren stammt, die aus einem engen Umfeld kamen und die Verbrechen entweder hautnah miterlebt haben, oder gleich auf Werke, die den Federn führender Mafiosi entstammen.

Von Loyen untersucht mit den Mitteln der Literaturwissenschaft – wobei er sich bei herkömmlich hermeneutischen bis hin zu poststrukturalistischen Theorien bedient – das Wechselspiel von Realität und Fiktion, studiert die Funktion von Mafia-Literatur und inwiefern sie sich in der Wirklichkeit spiegelt, wenn wirkliche Gangster die Haltungen von Leinwand- und TV-Vorbildern imitieren. Vor allem aber sucht von Loyen einen Zugriff auf das Selbstverständnis der Organisationen und eine Erklärung dafür, wie es ihnen gelingt, das eigene Dasein als einen nahezu natürlichen Zustand zu definieren, ja, wie sehr sich die großen Verbrechersyndikate selbst in einem mythischen Urgrund verorten, der ihnen gleichsam ein natürliches Daseinsrecht einräumt. Das organisierte Verbrechen als Grundkonstante eines Staates, sozusagen.

Von Loyen nähert sich seinem Gegenstand auf einem geradezu klassisch-hermeneutischen Weg, indem er zunächst Begriffsklärung und historischen Hintergrund auszuloten versucht. Und wie viele Wissenschaftler und Journalisten, die sich immer wieder mit der Frage beschäftigt haben, woher der Begriff „Mafia“ eigentlich stammt und wann von der entsprechenden Organisation überhaupt erstmals die Rede war, stellt auch von Loyen fest, daß es nahezu unmöglich ist, die historischen Ursprünge zu erkunden[1]. Schon dieses Faktum verweist auf seine spätere Analyse, daß es der Mafia sehr zupass kommt, daß genau diese Historisierung nur schwer herstellbar ist.

Von Loyen beschreibt also zunächst die drei großen süditalienischen Verbrecher-Organisationen. Neben der sizilianischen Mafia, deren Name ein Deonym für alle organisierten Verbrecherbanden wurde, die aber im Kern sizilianischen Ursprungs ist und deren Kernland – das Dorf Corleone im Hochland der Insel – durch Puzos Roman wiederum weltbekannt wurde, sind dies die neapolitanische Camorra und die ´Ndrangheta, die ursprünglich aus den Bergen Kalabriens stammt, von wo sie sich nicht nur in die Ausläufer Neapels, sondern über die ganze Welt verbreitet hat. Von Loyen arbeitet die Unterschiede der drei Organisationen heraus – die ´Ndrangheta bspw. gibt sich in Aufnahmeritualen und in ihren Erzählungen selbst eine angeblich jahrhundertlang zurückreichende Geschichte und schreibt sich damit selbst als wesentlicher Faktor der Geschichte (süd)Italiens ein; aber auch die Camorra umgibt sich gern mit folkloristischen Erzählungen, die sie wiederum der Geschichte Neapels einschreibt und diese zugleich vereinnahmt, so daß sich die Organisation bspw. die Aura von Rächern der Armen geben konnte  – und widmet sich auch ihren Bezügen zum italienischen Staat nach 1945.

Denn während die Mafia zumeist unter dem Radar staatlicher Wahrnehmung bleiben wollte – bis Toto Riina, einst „Capo di Capi“, Boss der Bosse, den Kampf gegen staatliche Institutionen eskalierte, indem er die Staatsanwälte Paolo Borsellino und Giovanni Falcone ermorden ließ, die Ende der 80er Jahre einen erstmals erfolgreich erscheinenden Kampf gegen das organisierte Verbrechen anstrengten – , die Camorra vor allem am Geschäft interessiert war, suchte die ´Ndrangheta immer auch den Zutritt zur besseren Gesellschaft, wollte politisch und damit gesellschaftlich tätig sein.

Dieser Zirkelschlag in gesellschaftliche Zusammenhänge und die Art, wie dieser Zirkelschlag gelingt, macht dann auch das eigentliche Thema – und die Qualität – dieser kleinen Studie aus. Denn es sind nicht zuletzt die Lieder und Gedichte, die Mafiosi selbst im Laufe der Jahre und Jahrzehnte produzierten, die von Loyen untersucht. Und aus denen er nicht nur die bereits erwähnte Selbstverortung in der Mitte der Gesellschaft ableitet, sondern vor allem auch die subtextuelle, gleichsam unterbewußte Verarbeitung bürgerlicher Werte, die hier oft gegen den Strich gebürstet werden. Denn es sind die Defizite, der Mangel eben jenes Bürgertums, dessen Fassade man doch so dringend braucht, die hier besungen werden. Werte wie Familie, Ehe, Treue und Loyalität, aber auch Blutschande und Rache, die in generationenlangen Fehden ausgeübt werden muß. Die Abwesenheit eines spezifischen bürgerlichen Lebens in Neapel – von Loyen führt dies auf die Spezifika der süditalienischen Geschichte zurück, speziell der von Neapel, und der wechselhaften Geschichte der Mächte, die hier wirkten – begünstigt dieser Analyse nach den Aufstieg der Camorra, aber auch der anderen Organisationen in ihren direkten und unmittelbaren Einflußsphären. So spielt die Mafia auch immer mit dem Phantasma eben jener „ehrenwerten Gesellschaft“, in der jeder moralische Impetus abhandengekommen und zugleich konservative Werte besonders hervorgehoben werden.

Das ist eine manchmal schwer zu lesende – von Loyen lässt es sich gerade in den ersten Kapiteln nicht nehmen, allerhand literaturwissenschaftliches Fachvokabular zu bemühen – Studie, die allerdings in eine brillante Gesellschaftsanalyse mündet, indem sie sich dem Phänomen „Mafia“ eben auf Umwegen, weder soziologisch noch politisch, nähert und dadurch in vielerlei Hinsicht greifbarer macht, als es all die Tatsachenberichte und Reportagen vermögen, die in Legion zum Thema erschienen sind.

Seien es die Lieder der ´Ndrangheta, seien es die autobiographischen Texte lebenslang einsitzender Camorra-Bosse, seien es die poetischen Ergüsse mancher Capi – untersucht werden alle Zeugnisse, die es von Mafiamitgliedern gibt und die etwas aussagen über deren Selbstverständnis. Lediglich zwei Autoren werden näher untersucht, die selbst keinen direkten Mafiabezug haben, die aber durch ihr Schreiben entweder tiefe Einblicke in deren Systematik vermittelten oder aber, ebenfalls durch ihr Schreiben, Teil der (post)modernen Geschichte der Verbrecherorganisationen wurde. Ersteres trifft auf Leonardo Sciascia zu, der mit DER TAG DER EULE (1961) so etwas wie einen Schlüsselroman der sizilianischen Mafia schrieb. Letzteres wiederum betrifft Roberto Saviano, der mit GOMORRHA (2006; Dt. 2008) eines der wesentlichen Bücher über die moderne Camorra und ihr Wirken geschrieben und damit die Vorlage zu einem gleichnamigen Film und einer enorm erfolgreichen italienischen TV-Serie geliefert hat.

Interessant an diesen beiden Autoren ist für von Loyen, daß sie einen literarischen Zugriff wagen, der seinerseits viel dazu beitrug, die Strukturen der Mafia zu verstehen. Sciascia schrieb aus eigenem Erleben zu einer Zeit, als gerade die Existenz der sizilianischen Mafia meist geleugnet, die ganze Organisation ins Reich der Legende verbannt wurde. Im erwähnten Roman bot der Autor erstmals sowohl Einblicke in die Struktur, zeigte zugleich aber auch auf, wie schwer der Kampf staatlicher Institutionen gegen eine Organisation ist, die schlicht als inexistent bezeichnet wurde und dementsprechend Rückhalt in der Bevölkerung zu haben scheint.

Savianos Fall liegt etwas anders. Seine Reportage, die weit über Italien hinaus Beachtung fand, schien Einblicke zu gewähren, die einem Livebericht aus der Hölle ähnelten. Doch seltsamerweise war sowohl das Buch als auch der Film und erst recht die erwähnte TV-Serie gerade bei jenen beliebt, die sie beschreiben. Es gab eine Wechselwirkung zwischen dem, was da berichtet wurde und der Antizipation durch ihren Gegenstand, die Camorra. Kleingangster übernahmen stilistische Elemente, die Saviano einführte und beschrieb. So gesehen hat er eine ähnliche Erfahrung gemacht, wie einst Mario Puzo, dessen PATE vor allem unter Mafiosi eine sehr positive Rezeption erfuhr. Die ehrenwerte Gesellschaft New Yorks bspw. begann, sich nach den filmischen Vorbildern zu kleiden. In Savianos Fall kommt hinzu, daß ihm nach der Veröffentlichung von GOMORRHA einer Art „Fatwa“ auferlegt wurde. Seither lebt er unter permanentem Polizeischutz, kann sich kaum mehr öffentlich bewegen und musste seine folgenden Bücher vor allem auf der Basis von Berichten und sekundären Quellen schreiben. So wurde er selbst zu einem Teil der Geschichte der Mafia und des organisierten Verbrechens.

DER PATE UND SEIN SCHATTEN ist ein manchmal stilistisch enervierendes Buch, das jedoch einen anderen, nichtsdestotrotz tiefen Einblick in die Strukturen der Mafia bietet und ihrer Existenzgrundlage ein besonderes Augenmerk widmet. Dies ist ein genuin literaturwissenschaftliches Vorgehen, womit der Autor einerseits beweist, daß auch eine oft als „Geschwätzwissenschaft“ denunzierte Disziplin sehr wohl zum Erkenntnisgewinn beitragen kann, andererseits aber vor allem aufzeigt, daß Offenheit gegenüber allen Teilaspekten des theoretischen Rüstzeugs dieser Disziplin zu erstaunlichen Einsichten verhelfen kann. Und zu guter Letzt ist es ein hervorragender Einstieg, um sich mit einer Literatur zu beschäftigen, die etwas in Vergessenheit geraten ist.

 

[1] Es wird immer gern behauptet, der Begriff tauche erstmals in der Oper CAVALLERIA RUSTICANA von Pietro Mascagni auf. Dem mag so sein, allerdings ist es lediglich die erste nachvollziehbare Nennung des Begriffs. Als Vorlage diente allerdings eine Erzählung aus den SIZILIANISCHEN GESCHICHTEN von Giovanni Verga, der seinerseits auch am  Libretto der Oper mitarbeitete.

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