DIBBUK – EINE HOCHZEIT IN POLEN/DEMON – DIBBUK/DEMON – AT: HA´DIBOUK

Unter einem dünnen Firnis lauern die Dämonen der Vergangenheit...

Pjotr (Itay Tiran), genannt Pyton, reist aus seiner Wahlheimat London in die polnische Provinz, wo er Zaneta (Agnieszka Zulewska) heiraten will. Gemeinsam mit ihrem Bruder Jasny (Tomasz Schuchardt) wollen die beiden nach den Feierlichkeiten einen heruntergekommenen Hof herrichten, den Zanetas Vater (Andrzej Grabowski) ihnen als Hochzeitsgeschenk überschrieben hat. Hier sollen auch die Feierlichkeiten stattfinden, zu denen nicht nur die Familie der Braut, sondern auch Nachbarn und Bekannte geladen sind.

Schon am Tag vor dem Fest beginnt Pjotr, den Garten umzugraben und stößt dabei auf ein Skelett. Anstatt den verstörenden Fund jemandem zu melden, verschüttet er die Knochen wieder und bittet Jasny und dessen Kumpan Ronaldo (Tomasz Zietek), ebenfalls nicht mehr im Garten zu arbeiten. Nachts wird er Zeuge seltsamer Erscheinungen und findet sich im Garten wieder, grabend und schließlich in einem morastigen Erdloch verschwindend.

Am folgenden Morgen setzt sich das Programm wie geplant fort. Jasny und Ronaldo kommen den wachen und fidelen Pjotr abholen, man trinkt den ersten Schnaps des Tages und besiegelt damit auch die Freundschaft, die die drei miteinander verbindet, ohne daß diese näher erläutert wird.

Der Tag nimmt seinen Lauf, die Vermählung findet statt und die Gäste finden sich in der vorbereiteten Scheune ein. Es gibt natürlich jede Menge zu Essen und noch mehr Mengen an Vodka und Schnaps, es wird getanzt, es gibt Gesangsdarbietungen einzelner und einige der Altvorderen erzählen dem Brautpaar und den Gästen vom Leben im Dorf. Allerdings brechen der Brautvater und einer seiner Angestellten den Vortrag des Lehrers (Wlodzimierz Press) ab, als dessen Erzählung ihnen wirr und in ihrer Wirrnis auch zu bedrückend erscheint, kündet er doch vom Erinnern und dessen Macht und Wirkung.

Pjotr, der den Tag über deutlich zu viel getrunken hat und immer wieder eine ihm fremde Frau unter den Gästen sieht, bricht plötzlich wild zuckend auf dem Tanzboden zusammen. Der Brautvater übernimmt das Kommando, will ihn vom Hof haben und in ein Krankenhaus bringen lassen, doch der Arzt (Adam Woronowicz) und der Priester (Cezary Kosinski) können mit vereinten Kräften dafür sorgen, daß der Patient, den sie für einen Epileptiker halten, im Keller gebettet wird, statt die Gäste mit Blaulicht und Martinshorn zu verängstigen oder gar zu verprellen.

Doch im Keller spielen sich seltsame, ja beängstigende Szenen ab. Pjotr blutet mehrfach aus der Nase, sein Kopf schlägt auf die Erde und schließlich beginnt er, mit unterschiedlichen Stimmen und in unterschiedlichen Sprachen zu sprechen, mal auf Englisch, mal auf Polnisch, schließlich vermeintlich auf Deutsch, bis der Lehrer das scheinbare Kauderwelsch als Jiddisch identifiziert. Und im Jiddischen, welches beim Lehrer weit zurück reichende Erinnerungen evoziert, erklärt Pjotr, er sei Hana (Maria Debska), ein lange schon totes jüdisches Mädchen, das offenbar mit Zanetas Großvater verbandelt war, schwanger wurde und dies mit dem Leben bezahlt hatte und mit einem nassen Grab im Garten unter einem alten Baum vergolten bekam. Und offenbar entspricht Hana der von Pjotr während des Festes, aber auch schon während seiner Anreise beobachteten Frau. In einem klaren Moment erzählt er Jasny und seinem Schwiegervater von dem Skelett und daß er sich für besessen hält.

Zwischen Zaneta, ihrem Vater und dem Bruder kommt es wegen des Umgangs mit Pjotr zu Streit. Der Lehrer erzählt die jüdische Mär vom Dibbuk, jenem Geistwesen, das Besitz von Lebenden ergreifen und den Besessenen dann beherrschen kann. Hana scheint als Geist in Pjotr gefahren zu sein. Zaneta, die sich von Vater und Bruder gegängelt fühlt, beginnt, selber im strömenden Regen im Garten nach dem Skelett der Toten zu graben. Man versucht sie davon abzuhalten, bis Ronaldo die hier Versammelten mit der Nachricht verstört, Pjotr sei aus dem Keller verschwunden.

Nun beginnt eine verzweifelte Suche nach Pjotr, von der die Gäste möglichst nichts mitkriegen sollen. Jasny versorgt die Feier mit allem, was an Alkohol noch vorhanden ist, dann fahren er, Zaneta, der Vater und der Lehrer durch die Strassen der alten Stadt. Der Lehrer beginnt, das alte Judenviertel zu imaginieren, die Bäckerei, die Fleischerei, die Synagoge und konstatiert, das alles sei verloren, untergegangen, hinfort, für immer. Doch niemand im Wagen hört ihm zu.

Als der Tag anbricht, verschwindet der Arzt langsam im Feld, betrunken mit einem imaginierten Pjotr redend, dem er – wie zuvor die ganze Nacht so ziemlich jedem, der es hören wollte – erklärt, warum er nicht trinke und weshalb die Aufklärung überbewertet sei, erkenne man doch nicht einmal beim Licht des Tages den Weg, den man beschreite; der Vater schickt die Gäste heim, nicht, ohne ihnen vorher erklärt zu haben, daß es keine Hochzeit, kein Fest, ja, nicht einmal Braut und Bräutigam und also auch keine Gäste gegeben habe; Ronaldo entsorgt Pjotrs Wagen in einem alten Steinbruch und irgendwer reißt mit dem Bagger, den Pjotr für seine Ausschachtungen im Garten genutzt hatte, das Haus und die Scheune ein.

Zaneta nimmt die Fähre, mit der Pjotr zu Beginn des Films gekommen war, um über den Fluß zu setzen und vielleicht in eine wirklichere Welt zurückzukehren.

Die polnisch-israelische Ko-Produktion eines Films, der DEMON – DIBBUK heißt, bzw. DEMON/AT: HA´DIBOUK (2015), und dann auch noch mit jüngeren Meisterwerken des Horrorfachs wie THE BABADOOK (2014) verglichen wird, muß die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf sich ziehen. Und wie im Fall von THE BABADOOK wird das Mittelschiff der Gemeinde auch hier enttäuscht sein. Doch sei darüber hinaus auch der Freund abwegiger oder hinter-, wie feinsinnigerer Gruselkost gewarnt, denn im Grunde hat man es hier mit überhaupt keinem Vertreter des Grusel-, Horror- oder gar Terrorfilms zu tun, sondern mit einer filmischen Parabel auf die polnisch-jüdische Geschichte, die sich der Figur des ‚Dibbuk‘ bedient, um das Verdrängte, absichtsvoll Vergessene und historisch Verschüttete buchstäblich freizulegen. Eine Parabel, vielleicht eine Allegorie – jedenfalls ein bitterböser Kommentar, der nun, drei Jahre nach seiner Entstehung, noch viel aktueller und bitterer wirkt, als zur Zeit seiner Entstehung, bedenkt man die letzten erlassenen Gesetze der polnischen Rechtsregierung hinsichtlich des Verbots, eine polnische Mitschuld am Holocaust zu konstatieren.

In der jüdischen Mythologie ist der Dibbuk ein meist böser Geist, der vom Körper eines Lebenden Besitz ergreift, diesen zu Zuckungen und Sprechen in Zungen – oft in Sprachen, die der Betreffende nachweislich nicht beherrscht – veranlasst und so den Eindruck vermittelt, der Besessene sei geistesgestört oder ein Epileptiker, wie es im Film zunächst angenommen wird. Die Wikipedia gibt Auskunft darüber, daß der Dibbuk nicht allegorisch, sondern konkret zu verstehen sei, also als konkrete Erscheinung. Regisseur und Drehbuchautor Marcin Wrona, der sich 2015 während einer Vorstellung seines Films das Leben nahm, leistet sich also einen hintersinnigen Spaß, wenn er zwar seine Hauptfigur – den seltsam entfremdet wirkenden Bräutigam Pjotr – ganz konkret besessen sein lässt, bis er komplett aus dem Setting und dem Film verschwindet; zugleich aber bricht er in dieser Besessenheit einen bedeutsamen Teil verdrängter polnischer Geschichte auf, lässt sie sich aus den „Kellern“, den „Kerkern“ des Vergessens ins grelle Licht der Erkenntnis drängen.Wo sie so verstörend wirken, daß erneut sofortige Verdrängung gesucht wird.

Der Geist allerdings wirkt hier weniger bösartig, als vielmehr verängstigt. Ja, er wirkt wie ein Wesen, das nicht versteht, was ihm widerfährt. Ein Wesen, das vielleicht nicht einmal begriffen hat, daß es tot ist. Doch da Pjotr vor allem „Deutsch“ redet, wie die Gäste der Hochzeitsgesellschaft der Meinung sind und nur der alte Lehrer, der nach und nach versteht, womit man es zu tun hat, begreift, daß dies nicht „Deutsch“, sondern Jiddisch ist, kommt mit diesem Geist auch ein Teil der verdrängten jüngeren Geschichte Polens zum Ausdruck. Als Pjotr schließlich aus seinem Kellergefängnis, wohin ihn die Familie verbracht hat, um die Gäste nicht zu verstören, verschwindet, fährt der Lehrer mit der Braut und deren Bruder durch die neblige, verlassen wirkende polnische Kleinstadt und erzählt wie in Trance die Geschichte von Hana, die einst hier lebte, mitten im jüdischen Teil der Stadt, im Schtetl, das völlig verschwunden ist. Aus den Erzählungen des Lehrers geht nicht wirklich hervor, ob sich seine Berichte auf die Zeit des Krieges beziehen, ganz deutlich aber wird, daß er einer verschwundenen Welt nachtrauert, die er schon bei seiner Begrüßungsrede für das Brautpaar zu beschwören versucht hatte, bis ihm Brautvater und Brautbruder gemeinschaftlich das Rederecht entzogen haben. Früh verdeutlicht der Film, daß hier, in diesem patriarchal geführten Haus, nicht gesagt wird, was nicht gesagt werden soll, nicht sein kann, was nicht sein darf – und nicht an die Oberfläche kommt, was man da nicht haben will. Hana, so  geht aus den Erzählungen des Lehrers hervor, Hana muß der Geist sein, der in Pjotr gefahren ist.

Sardonisch spielt der Film das Szenario durch. Er bedient sich eindeutiger Topoi der Geistergeschichte: Ein altes, verfallendes Haus; das Skelett einer Leiche, die durch den zur Unzeit einsetzenden Regen freigespült wird, weil der Garten in den Tagen zuvor von Pjotr und seinem Schwager-in-spe umgegraben wurde; Irrationalitäten, wie bspw. Erscheinungen und Erlebnisse, die niemand außer dem Besessenen wahrnehmen kann usw. Und von allem Anfang an verhält sich niemand adäquat zu den Ereignissen, was dem Film eine schräge, gelegentlich durchaus auch komische Note verleiht, ohne daß hier Komik ausgespielt würde (anders als wiederum in den Ankündigungen zum Film). Pjotr gräbt im Regen ein Skelett aus, was an sich schon seltsam anmutet, daß er es dann wieder verschüttet und am liebsten nichts gesehen haben will, mag man in seinem Fall noch mit Anlaß und seinem Fremdsein am Ort erklären, doch auch seine Reaktion ist nicht wirklich angemessen. Am deutlichsten wird dies´ inadäquate Verhalten jedoch bei Pjotrs Schwiegervater, dem eigentlich nur wichtig ist, daß die Gäste sich unterhalten fühlen, nicht belästigt werden – nicht durch Unwetter; nicht durch den zunehmend zuckenden und sich verrückt gebärdenden Pjotr; schon gar nicht durch irgendwelche jüdischen Geister – und alles schön an dem Platz bleibt, wo es bisher auch schon gewesen ist. Als sein ihm eigentlich unbekannter Schwiegersohn nicht mehr kontrollierbar scheint, lässt er ihn in den Keller verschaffen und bittet den Pfarrer, die eben geschlossene Ehe über den Kopf seiner Tochter hinweg wieder zu annullieren. Es soll, es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf. Das Verhalten der Gäste wiederum wird zu einem wahrlich hinterhältigen und bösen Kommentar auf die polnische Gesellschaft genutzt. Diese Leute lassen sich durch nichts vom Feiern – das denkbar tumb als systematisches Besäufnis dargestellt wird – abhalten, solange die Sedierung nur funktioniert. Da kann der Bräutigam sich noch so aufführen – solange der Schnaps fließt, spielt das alles keine Rolle, solange wird gefeiert. Und der Vater der Braut hat genau das verstanden, weshalb er seinen Sohnemann und dessen Adlatus den Schnaps gleich kistenweise auf die Tische pflanzen lässt, als den Gästen flau wird ob der anwesenden Notärzte und der Ansage, der Bräutigam leide unter einer Lebensmittelvergiftung.

Schließlich und endlich nutzt Wrona ein nahezu offenes Ende, das einem Horrorfilm vollkommen unangemessen scheint, das aber gerade eine Allegorie „richtig“ abschließt – denn der Zuschauer bleibt wortwörtlich mit den Trümmern der Geschichte (des Plots) zurück und kann, wie die im Abendlicht langsam mit einer Fähre auf dem Fluß entschwindende Braut, nur den Blick auf der ruhigen, friedlichen Weite der Landschaft ruhen lassen, man wird seine Schlüsse schon selber ziehen müssen – selbst, wenn Wrona mit seinen letzten Einstellungen Reminiszenzen als Lösungsvorschläge anbietet. In einem Land, in dem soeben gesetzlich vorgeschrieben wurde, wie man sich dessen Geschichte zu erinnern habe, vor allem aber, was bitteschön nicht erwähnt sein darf in dieser Erinnerung, wirkt ein Film wie dieser nahezu prophetisch. Ob das selbstgewählte Schicksal des Regisseurs sogar etwas damit zu tun hat?

Dies ist definitiv kein Horrorfilm, es ist nicht einmal ein gruseliger Film. Es ist ein Geisterfilm, der den Geist eher nutzt, wie es die klassische Dichtung getan hat: Als Mittler, als Überbringer einer Botschaft, einer Mahnung, vielleicht einer Warnung, als ein Zeichen aus der Vergangenheit und eines unser aller Zukunft, die immer den Tod bedeutet. Immer. So erhält diese Geistergeschichte vor allem eine ihr angemessene Tragik. Wrona verzichtet dafür auf jedwede Form von Schocks oder Effekten, der Film kommt ohne Gewalt und Action aus. Man kann im Grunde nicht einmal von einer sonderlich gruseligen Atmosphäre berichten. Es ist ein Fest in einem alten, unbehausten Gemäuer, es regnet, es gibt unterirdische Keller und es gibt einen Garten, der etwas Verwunschenes ausstrahlt, wenn man denn so weit gehen will. So generiert der Film am ehesten eine skurrile Atmosphäre, die den Zuschauer ein wenig befremdet, womit er sich aber schnell anfreunden kann, weil Pjotr sich in genau der gleichen Situation befindet, wie das Publikum.

Ein Fremder im eigenen Land – nie wird näher erklärt, washalb Pjotr Zaneta heiraten will; zwar vermitteln die beiden den Eindruck, sich aus England zu kennen, dann wieder stellt ihr Bruder es aber so dar, als habe er ihr Pjotr zugeführt; ein Umstand, der den Zuschauer von Beginn an verunsichert – trifft Pjotr auf eine Gesellschaft, die durchaus im modernen Hier und Jetzt angekommen, zugleich aber unter einem dünnen Firnis immer relativ ungeschützt dem „Dämon“ (Dibbuk) der eigenen Vergangenheit ausgeliefert scheint. Zanetas Vater sagt es explizit, wenn er seinen Sohn und den Schwiegersohn auffordert, das Skelett doch einfach Skelett sein zu lassen, schließlich sei doch „das ganze schöne Land auf Leichen gebaut„. Der eigentliche Horror, den Wrona jedoch nicht wirklich heraufzubeschwören versteht, liegt in der Geschichtsvergessenheit und der daraus resultierenden Kälte dieser Gesellschaft.

So bleibt dies als Horror- oder Geisterfilm zu sehr Stückwerk, bleiben zu viele Enden offen, machen sich zu viele Logiklöcher bemerkbar und wirken die Leerstellen um die Figuren herum und deren Motivik nicht wie dem Zuschauer bewusst vorenthalten und ihn somit verunsichernd, sondern eben wie reine Leerstellen, um deren Störfaktor man schlicht nicht wusste, die auszufüllen man sich nicht bemüht hat. Als Allegorie hingegen wirkt dies alles schon viel eher, da funktionieren die Metaphern, es sitzen die Bilder und man möchte, mit gutem Willen, seinem Macher fast Bunuel´sche Qualitäten unterstellen. DEMON – DIBBUK ist ein stiller, bedrückender und hochaktueller Film, der es verdient, unvoreingenommen und oft gesehen zu werden.

 

 

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