DIE AKTE ODESSA/THE ODESSA FILE

Längst ein Klassiker: Frederick Forsyth betreibt reine Kolportage mit einem erschreckenden deutschen Erbe

Re-Lektüren – immer so eine Sache. Wenn man einen Roman vor 30 Jahren (oder mehr) gelesen hat, kann man dann eigentlich noch von einer Re-Lektüre sprechen, wenn man ihn nach all der Zeit erneut aus dem Regal nimmt, den Staub abwischt, die brüchigen Seiten aufschlägt, hier und da eine Anmerkung betrachtet, die man einst mit dünnem Bleistiftstrich hinterlassen hat, die man nun aber nicht mehr versteht, sich dann niederlässt und beginnt, das Werk erneut zu studieren? Denn im Grunde ist dies doch eine gänzlich neue Lektüre. Man ist ein anderer: älter, erfahrener, auch gebildeter. Das Leseerlebnis ist damit doch ein vollkommen anderes, eben ein neues.

Frederick Forsyths DIE AKTE ODESSA (THE ODESSA FILE, 1972; Dt. 1973, 1987, 2013 – hier in der Übersetzung von Tom Knoth) ist ein Werk, das die Probe aufs Exempel gut zulässt, sich geradezu anbietet. Einst während der eigenen Jugend in den frühen 80er Jahren gelesen, nachdem man den Film in einer Spätausstrahlung am Freitagabend im ZDF gesehen hatte, entdeckt der gesetzte Leser nun doch ein ganz anderes Buch als jenes, das er einst las. Was damals Spannung pur und dem Fünfzehnjährigen das Gefühl vermittelte, sich mit doch auch ernsthafter Literatur zu Fragen der jüngeren deutschen Vergangenheit zu beschäftigen, erscheint dem Älteren dann doch als ein arg reißerisches Stück schönster Kolportage. Doch muss man sich erinnern, zu welchem Zeitpunkt der Roman geschrieben wurde, wann der Autor recherchierte und was sein Anliegen gewesen sein mag, neben der reinen Unterhaltung. Gedanken, denen sich der erfahrenere Leser dann eher stellt, als der junge, ungestüme.

Erzählt wird eine wilde Geschichte um den Hamburger Sensationsreporter Peter Miller, der ausgerechnet am Tag, an dem John F. Kennedy ermordet wird zufällig in den Besitz des Tagebuchs eines Selbstmörders gelangt. Der Tote entpuppt sich als Überlebender der Shoah, den der Lebensmut verlassen hat, nachdem er mitten in Hamburg des SS-Mannes Eduard Roschmann ansichtig wurde. Roschmann galt als „Schlächter von Riga“, er war ein Sadist, der für die Errichtung des Gettos von Riga und die Ermordung Hunderter und Tausender Juden in den besetzten Gebieten in und um Riga herum verantwortlich war. Miller macht sich auf, den Mann zu finden und stößt dabei auf enormen Widerstand – bei seinem Verleger, bei den Behörden, der Polizei ebenso, wie bei der Staatsanwaltschaft und letzten Endes auch bei den Kollegen. Wenige sind es, die sich bereit erklären, ihm zu helfen. Schließlich klärt ihn der Nazi-Jäher Simon Wiesenthal über Roschmann auf, mehr noch aber erklärt er Miller die Zusammenhänge, wie es den Nazi-Schergen nach 1945 gelang, aus Europa zu entkommen. Es waren Organisationen wie die ODESSAOrganisation der ehemaligen SS-Angehörigen – die über die sogenannte Rattenlinie, die u.a. durch den Vatikan verlief, die zur Flucht vor allem nach Südamerika, aber auch in den Nahen Osten verhalfen. Je näher Miller Roschmann kommt, desto gefährlicher wird seine Aufgabe, denn die ODESSA hat längst reagiert und gedungene Mörder auf ihn angesetzt. Doch es gibt auch andere Beteiligte, die lieber im Hintergrund bleiben, die aber ihrerseits ein Interesse daran haben, dass Millers Suche erfolgreich ist. Nicht zuletzt der Mossad, der israelische Geheimdienst, heftet sich an seine Fersen…

Auf dem Papier, in der Beschreibung, mutet dies zunächst einmal spannend an. Doch Forsyth, dessen erst zweiter Roman DIE AKTE ODESSA war – zuvor hatte er mit DER SCHAKAL einen ebenfalls eng an reale Vorkommnisse angelehnten Polit-Thriller geschrieben – , scheint gar nicht unbedingt an echter Spannung im herkömmlichen SInne interessiert zu sein. Vielmehr wirkt es, als habe er vor allem auf die genaue Beschreibung journalistischer Arbeit wert gelegt, auf Lokalkolorit, das er offenbar besaß, und die Beschreibung vor allem der politischen Hintergründe. Dass dabei die Spannung vernachlässigt wird, scheint er hingegen in Kauf genommen zu haben. Es deutet aber auch das Verständnis eines Autors wie Forsyth an. Er war Journalist und ein Rechercheur, was er schreibt war und ist eben auch immer Ergebnis dieser Arbeit. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – bleibt bei der Re-Lektüre des Romans ein schaler Geschmack, so gut er auch konstruiert sein mag.

Denn die Idee einer Super-Organisation wie der ODESSA, deren reale Existenz nie bewiesen werden konnte, wirkt dann doch eher einem James-Bond-Roman oder einem Film der Serie entnommen, denn der Realität. Fast wirkt es beschwichtigend, die Vorstellung einer solchen Organisation, die man stellen und bekämpfen und vielleicht zerschlagen kann. Die Wirklichkeit ist meist vielschichtiger und (immerhin) fünfzig Jahre mehr Forschung und Beschäftigung mit dem Thema haben bewiesen, dass die ehemaligen Nazis auf weitaus mehr und tiefgreifendere Hilfe zurückgreifen konnten, denn auf einen Verein, der sich in klandestinen Zirkeln trifft und über geheime Codes kommuniziert und ausschließlich auf die eigenen Leute angewiesen ist, denen man vertrauen zu können glaubt. Forsyth schließt Millers Suche nach dem ehemaligen Schlächter von Riga und dessen Geschichte mit der in den frühen 60er Jahren virulenten Organisation von deutschen Raketenwissenschaftlern kurz, die nach Ägypten abwanderten und dort am Raketenprogramm des Präsidenten Nasser mitwirkten. In Forsyths Beschreibung wird daraus eine Art ideologisches Programm, mit welchem die ehemaligen SS-Angehörigen ihren Auftrag, die Juden zu vernichten, erfüllen wollten. Die Wirklichkeit ist, wie so oft, schrecklicher: Die damals Beteiligten waren größtenteils Wissenschaftler, die sich unpolitisch gaben und desinteressiert taten. Was sie umso gefährlicher machte, verhielten sie sich doch vollkommen indifferent gegenüber ihren Auftraggebern und deren reellen Zielen. Sicher gab es auch wirkliche Nazi-Größen, die an der Organisation deutschen Fachwissens beteiligt waren, vor allem am Schutz der Deutschen im fremden Land, doch die Forscher selbst hatten zwar alle an Hitlers Raketenprogrammen in Peenemünde etc. mitgearbeitet, doch waren sie ideologisch meist unverdächtig, die Wenigsten waren bspw. Parteimitglieder. Sie verstanden sich als Wissenschaftler im Dienste höherer Ziele – ein Selbstverständnis, das immer schon Monster gebar.

Forsyth konstruiert also eine Art Superorganisation, die überall mitmischt und damit natürlich umso diabolischer wirkt. Doch erfüllt er damit eben auch die Regeln und Anforderungen des Spionage- und Agententhrillers. Und eben die der Kolportage[1]. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu dem ausgesprochen realistischen Setting des Romans und vor allem des eher journalistischen Stils. Denn ähnlich einem Doku-Roman, unterbricht Forsyth die Handlung gelegentlich durch längere Abhandlungen, in denen Zusammenhänge, historische Begebenheiten und einzelne Personen beschrieben und erklärt werden, bevor er zu Peter Miller und dessen Recherchen zurückkehrt. Oft lässt er diese Erklärungen in längeren Monologen einzelner Figuren in die Handlung einfließen – am deutlichsten wird dieser Kniff während Millers Besuch beim real existenten Simon Wiesenthal, der für Forsyth später auch das Manuskript redigiert hat. Folgt man heutigen Standards eines Thrillers sind solche Wendungen undenkbar und langatmig. Vor allem aber – das kann dann aber eben erst der Nachgeborene wissen – sind sie in diesem spezifischen Fall auch oftmals falsch.

Forsyth stellt immer wieder Behauptungen als gesichert dar, von denen wir heute wissen, dass sie nicht stimmen oder die Forschungsergebnisse sie längst widerlegt haben. Wirklich überzeugend ist Forsyth dort, wo er Millers ganz normale Recherche beschreibt. Und da vor allem dauernd auf Hürden und vor allem Schweigen stößt. Der Verleger, der offen zugibt, dass eine „solche Geschichte“ – gemeint ist die Ermordung vor allem deutscher Juden, die größtenteils nach Riga deportiert und dort umgebracht wurden – niemand lesen mag, weil der Leser nicht mit eigener Schuld konfrontiert werden will. Denn hier ginge es um ehemalige Nachbarn, das sei was anderes als die anonymen Juden aus den ostpolnischen und russischen Schtetln. Der Staatsanwalt, der kaum Interesse zeigt, die Polizei, die mauert – und die Millers Erkenntnis, auf die er aber auch erst gestoßen werden musste, dass in den Behörden alte Kader, Nazis und SS-Angehörige sitzen, die naturgemäß kein Interesse an Aufklärung haben.

In diesen Momenten wirkt Forsyths Roman vollkommen auf der Höhe der Zeit. Er scheint den Unwillen der Deutschen, sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen, sehr genau wahrgenommen zu haben. Und er scheint diesen Unwillen und worauf er zurückzuführen ist, auch genau verstanden, aber keineswegs entschuldigt zu haben. Auch Miller wirkt lange desinteressiert. Und dann merkt er, dass er persönlich mit Roschmann verbandelt ist – und erst ab diesem Moment, dem Moment, in dem es persönlich wird, wird sein Engagement ernst. Das ist eine Schwachstelle des Plots, denkt man. Doch dann erinnert man sich, dass dies kein Deutscher geschrieben hat, sondern ein Brite. Und fragt sich, weshalb er diesen Dreh verwendet. Und begreift, dass Forsyth den Deutschen – auch den jungen, wie Miller ihn exemplarisch verkörpert – misstraut. Er mag ihnen keinen Freibrief ausstellen und so konstruiert er eben für seinen jungen Starreporter ein persönliches Schicksal, mit dem er einerseits zeigen kann, dass es am Ende meist eben das Persönliche und leider nicht moralische Empörung ist, was uns genauer hinschauen lässt,; zum andern kann er anhand dieser persönlichen Geschichte aber auch die Feigheit der SS oder zumindest vieler SS-Angehöriger nachweisen. Denn Roschmann hat sich gegenüber der Wehrmacht mehr als schmählich verhalten.

Allerdings – und das ist sicher einer der historisch interessantesten Aspekte des Romans – kommt die Wehrmacht in Forsyths Beschreibung mehr als gut weg. Die SS-Verbände waren diesem Narrativ folgend die miesen Typen, die für die Massenmorde im Rückraum der Front und in den KZ verantwortlich gewesen seien, die Wehrmacht hingegen habe tapfer gekämpft und sei verheizt worden. Übrigens auch ein typisch britisches Narrativ, welches Forsyth ungebrochen verbreitet. Ein Narrativ aber, welches heute – außer in extrem rechten Kreisen – schon längst als überholt gilt und mehrfach widerlegt wurde. Die Wehrmacht hat mitgemordet, teils unter Befehl, oftmals aber auch aus freien Stücken. Doch beruhen diese Erkenntnisse ganz sicher auf Forschungsergebnissen, die lange nachdem Forsyth seinen Roman veröffentlichte vorgelegt wurden.

DIE AKTE ODESSA nahezu vierzig Jahre nach der Erstlektüre und über fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung erneut zu lesen, macht dies zu einem eher literaturhistorischen Vorgang denn zu einer Unterhaltungsveranstaltung. Man kann hier sehr gut ablesen, wie sich der Forschungsstand zum Dritten Reich entwickelt hat; man kann aber auch sehr gut daran erkennen, wie sich das Thriller-Genre entwickelt und wie stark es sich verändert hat. Man erkennt, was Ende der 60er Jahre und zu Beginn der 70er wichtig war und wie ein Autor wie Frederick Forsyth, der durchaus in einer Reihe mit Großmeistern wie John le Carré genannt werden darf, arbeitet. Ob das wirklich noch als Unterhaltungslektüre durchgeht, als die ein solcher Roman trotz seines ernsten und auch ergreifenden Themas durchaus eben auch gedacht war, sei einmal dahingestellt. Dass Forsyth nach heutigen Maßstäben definitiv Kolportage bietet, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Wirklichkeit, die er hier teils so genau erfasst und beschreibt, stellt sich dann doch oft als komplexer heraus, als es auf den nicht einmal 300 Seiten eines Romans darzustellen ist.

[1] Dazu gehört übrigens auch, dass der Autor seine Geschichte ausgerechnet am Tag von Kennedys Ermordung beginnen lässt. Die Andeutung zielt sehr bewusst darauf ab, dass da eben immer und jederzeit heimliche, unsichtbare Kräfte im Hintergrund agieren, die wir nicht (er)kennen und die unser Leben stärker beeinflussen, als wir für möglich halten.

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