Ein fröhlich empörtes 2020!

Die Zeit „zwischen den Jahren“ könnte eigentlich eine besinnliche sein. Das Fest erstmal vorbei, die Knallerei eine Woche weit weg, man setzt sich nachmittags unter den noch vorhandenen Tannenbaum, schaut die Geschenke in Ruhe an, trinkt Tee, oder auch Kaffee, isst die letzten Weihnachtsplätzchen, schaut einen feel-good-Film im TV oder auf DVD und freut sich dieser eher unbeschwerten Tage. Leider kamen im Laufe der Zeit gerade in diesen Tagen immer mal Berichte schrecklicher Katastrophen – Erdbeben, Überflutungen, der Tsunami 2004, der Hunderttausende Menschen das Leben kostete.

Und nun das: Ein Kinderchor veräppelt „die Oma“ als „Umweltsau“. Na sowas. Klickt und blättert man sich in diesen Tagen durch die Online-Ausgaben der großen deutschen Zeitungen, die Empörungsblasen auf Facebook oder die realen, analogen Blätter, scheint es nichts aufregenderes, nichts schlimmeres, nichts wesentlicheres zu geben, als diesen Chor, den der WDR eine umgetextete Version von der Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, hat singen lassen. Der Intendant – Tom Buhrow, über den man aus vielerlei Gründen ernsthaft streiten könnte, betrachtet man bspw. sein Jahressalär in Bezug auf die Kälte, mit der er einst Sparmaßnahmen und damit verbundene Entlassungen ankündigte – entschuldigt sich mehrfach, darunter in einer Live-Sendung. Das entsprechende Video wird von der WDR-Seite gelöscht, man gibt sich zerknirscht. Kommentare werden geschrieben, die Kommentarspalten der einschlägigen Seiten quellen über von Empörungsposts. Die deutsche Oma, ein Kulturgut. Ein heiliges, zudem.

In Syrien wurden erneut Zivilisten zu Opfern verschiedener Luftschläge, auch im Irak soll es zivile Tote gegeben haben, darunter etliche Kinder. Auf den griechischen Inseln spielen sich wohl tragische, dramatische Szenen ab, in den Flüchtlingslagern. In Texas werden mehrere Menschen Opfer eines Todesschützen, der in einer Kirche um sich schießt, in New York dringt ein Mann mit einem Messer in die Chanukka-Feier bei einem Rabbiner ein und verletzt mehrere Anwesende schwer. Keines dieser – als Reihe beliebig erweiterbaren – Ereignisse hat auch nur annähernd soviel Aufmerksamkeit, geschweige denn Empörung hervorgerufen, wie die vermeintliche Beleidigung der deutschen Oma(s). Sollte das nicht zu denken geben? Ist da möglicherweise eine Schräglage entstanden? Was drückt sich hier aus?

In den 70ern, im Nachklapp der sogenannten antiautoritären Erziehung, von der man halten mag, was man will, gab es verschiedene Plattenlabels und Verlage, die ausgesprochen freche Kinder- und Jugendliteratur und -hörspiele herausbrachten. Das Grips-Theater und auch das Theater Rote Grütze feierten Erfolge mit ihren aufklärerischen, oft witzigen, oft auch rotzfrechen, immer nachdenklich machenden und kindliches Selbstbewußtsein stärkenden Stücken. Die Kinderbücher von Tomi Ungerer zeigten Kindern eine Welt, die nicht nur rosarot und schön war, sondern in der auch Ängste, Mißstände und Ungerechtigkeit herrschten. Es wurde Kindern eine Menge, vielleicht manchmal auch zu viel, zugemutet. Die Rotkäppchen-Version, die mit Hanns Dieter Hüsch, Dieter Süverkrüp, Hannes Wader, Floh de Cologne, Franz-Josef Degenhardt und vielen anderen Kabarettisten und Autoren eingespielt wurde, präsentierte eine sehr eigenwillige Oma, die im Feuerwehrchor sang, beim FC im Tor stand und ansonsten allerlei eigenartige Angewohnheiten hatte. Vor allem war es eine Oma, die auf den Vorwurf, eine „Umweltsau“ zu sein, wahrscheinlich mit einem überzeugten „Ja, klar!“ geantwortet hätte. Rotkäppchen, die ihr ein Stück Kuchen und zwei Flaschen Bier brachte, hätte sich da schon einiges mehr einfallen lassen müssen, als ein umgedichtetes Liedchen.

Es ist natürlich genau diese Zeit, diese Ära, gegen die die neue Rechte, der neue Konservatismus, Parteien wie die AfD und ihre Anhänger massiv Sturm laufen. Es sind die von all diesen so gehassten 68er-Wendungen, die sie in der frechen WDR-Bearbeitung wiederfinden und die deshalb so passend kommt, weil man sich so herrlich drüber aufregen und den allgemeinen Sittenverfall bejammern kann. Es kommt nur keinem dieser Heuler und Jammerer in den Sinn, daß diese Heulerei und Jammerei vor allem auf eines hindeutet: Daß wir wirklich keine wesentlichen Probleme haben. Wenn dieses – zugegeben nicht sonderlich lustige Lied – wirklich diese Aufmerksamkeit und diese Empörung hervorruft und verdient, dann sollten wir das eigentlich zum Anlaß nehmen, uns zurück zu lehnen, noch einen Kaffee (oder Tee) einzuschütten, Omas Plätzchen zu genießen und ganz beruhigt und sorgenfrei in das kommende Jahr und Jahrzehnt zu blicken. Denn eine Gesellschaft, die sich gerade noch über ein verunglücktes Lied aufregen kann, ansonsten aber jedweden wirklichen Skandal geschehen lässt, kann keine wirklichen Zukunftsängste in sich tragen. Entweder geht es ihr im Kern einfach gut – oder sie ist mittlerweile einfach unglaublich behäbig, dekadent und voller Ekel vor sich selbst.

Man könnte daraus nun eine umgreifende Diskussion über Generationenstreit, Zukunftsängste und darüber vom Zaun brechen, wie die Älteren in dieser Gesellschaft behandelt werden. Man könnte noch viel weiter gehen und wirklich den Krieg der Generationen gegeneinander ausrufen, respektive betrauern. Man kann aber auch – angemessen – darauf hinweisen, daß diese ganze Aufregung den Gegenstand der Empörung nicht wert ist. Schon diese zweieinhalb Seiten sind der Aufmerksamkeit für all das zu viel.

In diesem Sinne: Allen Empörten, Verunsicherten, Verängstigten ein frohes, gesundes und freudiges 2020! Auf ein Neues – in der Empörungsblase!!

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