EREBUS. EIN SCHIFF, ZWEI FAHRTEN UND DAS WELTWEIT GRÖSSTE RÄTSEL AUF SEE/EREBUS. THE STORY OF A SHIP

Michael Palin nimmt den Leser mit auf eine erfolgreiche Südpolar- und eine äußerst tragische Nordpolarexpedition

Erebus – das ist jener Gott, der die Finsternis repräsentiert, Teil der antiken (griechischen) Unterwelt und auf jeden Fall eine sehr, sehr düstere Gestalt. Es war aber auch der Name eines britischen Schiffs und man fragt sich unwillkürlich, weshalb irgendwer auf die Idee kommt, sein Schiff mit einem solchen Namen zu betiteln? Und erst recht fragt man sich dies, wenn man liest, dass das Schwesterschiff der HMS Erebus den Namen Terror trug. Ein wenig Klarheit verschafft die Information, dass es sich in beiden Fällen um Kriegsschiffe handelte. Genauer gesagt um Bombarden, mit Mörsern ausgestattete Schiffe, die Küstenbefestigungen angriffen und schleifen konnten. Und doch sind gerade die Namen HMS Erebus und HMS Terror nicht durch kriegerische Handlungen in die Annalen eingegangen, sondern ganz im Gegenteil, weil sie sowohl an einer der erfolgreichsten als auch einer, wenn nicht der tragischsten Expeditionen beteiligt gewesen sind, die das 19. Jahrhundert erlebt hatte.

Die beiden Schiffe wurden zunächst für eine Antarktisexpedition umgebaut und ausgestattet und segelten unter dem Kapitän James Clark Ross und seinem Stellvertreter Francis Crozier in den Jahren 1839 bis 1843 in die Südpolarregion. Es wurde eine ausgesprochen erfolgreiche Reise, die dem britischen Empire und seiner Krone nicht nur sehr viel Ruhm und Ehre – ein damals ausgesprochen hehres Gut – einbrachte, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die für die Polarforschung, für biologische Experimente und natürlich geografische Erkundungen wichtig waren. Dreimal segelten die Schiffe in die Polarregion bei zwischenzeitlichen Stopps in Tasmanien (damals Van Diemen´s Land) und Kap Hoorn, bzw. den Falkland Inseln. Dabei machten die Mannschaften und Offiziere natürlich auch wesentliche Erfahrungen, wie ein Schiff unter extremen Bedingungen reagierte. So wurden die Erebus und die Terror zu frühen Vorläufern der modernen Eisbrecher.

Nach der Rückkehr in heimatliche Gefilde wurden die Schiffe schnell interessant, als die Idee, erneut die Nordwestpassage zu erkunden, bzw. überhaupt erst einmal zu entdecken und erstmals durchgehend zu befahren, wieder aufkam. Lange schon träumten nicht nur Entdecker und Abenteurer davon, die legendäre Durchfahrt zwischen dem Atlantik und dem Pazifik auf der nördlichen Route, also nördlich des amerikanischen Kontinents, schiffbar zu machen, sondern auch Ökonomen erhofften sich wesentliche Verbesserungen, weil schnellere Passagen, und dadurch höhere und schnellere Einkünfte davon. So wurden die Schiffe im Jahr 1844 erneut modernisiert und für einen langen – möglicherweise jahrelangen – Aufenthalt im Packeis vorbereitet. Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte. Die Franklin-Expedition, wie sie nach John Franklin genannt wurde, der sie als Kapitän der Erebus leitete – erneut war Crozier Stellvertreter und Kommandant der Terror – scheiterte katastrophal. Sie ging verloren und lange, lange Jahre wusste niemand – weder die Herren von der britischen Admiralität, noch die Angehörigen der Teilnehmer und Besatzungsmitglieder der beiden Schiffe – was aus den Schiffen und deren Mannschaften geworden war. Die Geschichten der diversen offiziellen und inoffiziellen Suchen nach Franklin und seinen Männern, die sich letztlich bis weit ins 20. Jahrhundert hinzogen, sind selbst schon Legende und endeten vorläufig in den Jahren 2014 und 2016, als die Wracks der beiden Schiffe tatsächlich geortet werden konnten, wodurch Vieles, was fast 150 Jahre im Dunkeln gelegen hatte, aufgedeckt wurde.

Wie schon einige vor ihm – ob in Sachbüchern oder Romanen – nimmt sich auch der englische Comedian, Reisejournalist und Publizist Michael Palin der Erebus an und folgt ihrer bewegten Geschichte in seinem Buch EREBUS. EIN SCHIFF, ZWEI FAHRTEN UND DAS WELTWEIT GRÖSSTE RÄTSEL AUF SEE (EREBUS. THE STORY OF A SHIP, 2018; Dt. 2019). Palin, einst Mitglied der Komiker-Truppe Monty Python, war jahrelang für die BBC rund um den Globus unterwegs, drehte Reisereportagen, manchmal auch wissenschaftliche Dokumentationen, und hat so einige der Regionen, die die beiden Schiffe auf ihren großen Expeditionsreisen befuhren, selbst besucht. So kann er in seinem Bericht nicht nur angelesenes Wissen – seine Recherchen sind umfassend und tiefgehend, er hat offensichtlich sehr, sehr viel zeitgenössisches Material, Briefe, Tagebucheinträge, aber auch offizielle Berichte der Admiralität und der Royal Geographical Society (deren Präsident Palin von 2009 bis 2012 war) studiert – präsentieren, sondern auch aus eigener Anschauung berichten und vergleichen.

Naturgemäß fällt der weitaus größere Teil seiner Beschreibungen auf jene gelungenen Antarktisfahrten aus, von denen wir schlicht mehr wissen, da die Beteiligten nahezu alle überlebten, heimkehren und davon berichten konnten. Das trifft natürlich auf die Franklin-Expedition und ihre Suche nach der Nordwestpassage nicht zu. So konzentriert sich Palin hier weitaus stärker auf die Suche nach den Schiffen und gibt einen sehr intensiven Einblick in die Bemühungen, hinter das Geheimnis zu kommen, das diese Expedition immer umgab und nautisch Interessierte zumindest die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hindurch beschäftigte. Allerdings darf hier ein wenig Kritik an seinem Bericht geübt werden – er hetzt doch arg durch die Jahrzehnte der Suche und der Spekulationen, vor allem gemessen an der Ausführlichkeit, mit der er sich zuvor der Antarktisreise der Schiffe widmet. Aber sei´s drum. Denn spannend sind seine Ausführungen so oder so.

Zudem ist Palin bemüht, seinen britischen Landsleuten und derer imperialen und kolonialen Weltsicht den Blick des modernen Menschen entgegen zu setzen. Er erhebt sich moralisch nicht über seine Ahnen, rückt aber oftmals deren Perspektive zurecht, was gerade hinsichtlich der Ausbeutung von Ressourcen, von Flora und Fauna Not tut. Dass diese Männer, die da aufbrachen und tatsächlich ja immer ihr Leben riskierten, im Kern den Ideen der Aufklärung verpflichtet waren, entdecken und kartieren, verstehen und einordnen wollten, betont der Autor mehrfach, dass sie dabei allerdings ein komplett anderes Verständnis der Welt, der Ökologie und Ökonomie hatten, dass sie ganz selbstverständlich meinten, die Natur zu lieben und dennoch alles töteten, was ihnen vor die Flinten kam, immer im Sinne der Forschung, dass sie ganz selbstverständlich der Meinung waren, Land in Besitz nehmen und es ausbeuten zu dürfen, immer im Namen der Krone – all dies versteht Palin, versteht auch die Differenz in Zeit und Betrachtung, und weiß die Tatsachen vor allem unter modernen Gesichtspunkten  einzuordnen. Gelegentlich kommt dann doch auch der ehemalige Comedian zum Vorschein, wenn er allzu deutliche Anachronismen (bspw., dass die Ärzte der Erebus Mittelchen gegen Hypochondrie mitführten) oder eben die Diskrepanzen zu heutigen Sichtweisen und Blickwinkeln auf die Welt und unseren Umgang mit ihr ironisch zu vermitteln und auch zu brechen versteht.

Man merkt aber immer, dass Palin für diese Männer auch ein gerüttelt´ Maß an Respekt aufbringt, auch für ihre Lebensleistungen und den Mut, den es brauchte, solche Reisen zu unternehmen. Er beschreibt eindringlich die Enge an Bord der recht kleinen Schiffe, er beschreibt das Leben, das die Männer in den Jahren, die sie aufeinander angewiesen waren und auf Gedeih und Verderb miteinander auf wenig Raum verbringen mussten, teilten, er zeigt ihre Freuden und ihr Leid. Er hat Verständnis für die Ängste und auch die Hoffnungen, die mit einer solchen Reise verbunden waren und zugleich weist er ein tiefes Verständnis und Hintergrundwissen auf über die Zeit, in der sich all dies abspielte. So entsteht ein wirkliches Panorama dieser Forschungsreisen vor dem Hintergrund ihrer Zeit und der Weltläufte, die solche Forschungsreisen erforderten und zu Herausforderungen werden ließen. Man liest das mit Spannung und viel Spaß an der Lektüre, was sicherlich auch Palins durchaus gelungenem Stil geschuldet ist. Pointiert, oft witzig, immer informiert und informativ weiß er seine Leser zu fesseln.

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