FELICIA, MEIN ENGEL/FELICIA`S JOURNEY

Atom Egoyan legt ein extrem ruhiges Drama vor, das seine Abgründe wie nebenbei offenbart

Die junge Irin Felicia (Elaine Cassidy) – schwanger von ihrem Freund Johnny, der sich nach England abgesetzt hat, um dort angeblich in einer Traktorfabrik zu arbeiten – kommt mit wenig Geld und ohne Plan nach Birmingham, um dort den Vater ihres Kindes aufzutreiben. Verloren in den Industriegebieten am Rande der Stadt, trifft sie auf den Kantinenchef Mr. Hilditch (Bob Hoskins), der ihr seine Hilfe anbietet. Felicia lehnt ab, streift nachts durch die ihr vollkommen fremde Stadt und wird von einer Seelsorgerin aufgegriffen, die sich ihrer annimmt.

Da Hilditch auf der Suche nach Johnny, bei der er Felicia geholfen hatte, deren weniges Geld an sich genommen hat, Felicia dies aber erst merkt, als sie im Schlafsaal der christlichen Sekte liegt, zu der ihre Retterin gehört, wird sie von ihren „Errettern“ verstoßen, fühlen sich diese doch zu unrecht des Diebstahls verdächtigt.

Schließlich landet Felicia wieder bei Hilditch, der ihr in seiner von ihm allein bewohnten Villa Kost und Logis anbietet. Er hat Johnny mittlerweile aufgetrieben, doch erwähnt er dies gegenüber Felicia nicht, sondern überredet sie, das Kind abtreiben zu lassen, damit sie frei sei und ein glückliches Leben leben könne und sich eines Tages frei für ein Kind entscheiden könne. Felicia läßt sich darauf ein.

Als sie geschwächt von dem Eingriff in Hilditchs Villa in einem Bett liegt und er ihr seltsame Tropfen gibt, begreift sie allmählich, daß ihr Wohltäter wohl seine ganz eigenen Geheimnisse hütet. Während Hilditch in seinem Garten eine Grube aushebt, kommen ausgerechnet jene Dame, die Felicia nachts erretten wollte und deren momentaner Adlatus an der VIlla vorbei und es gelingt ihnen, Hilditch auf seltsame Art und Weise zu bekehren, zumindest zur Einkehr zu bewegen. Felicia kämpft sich die Treppe hinab und es gelingt ihr die Flucht aus dem Haus. Hilditch erhängt sich.

Der armenischstämmige Kanadier Atom Egoyan, der zuvor  mit THE SWEET HEREAFTER  (1997) mindestens ein wahres Meisterwerk vorgelegt hatte, gelang mit diesem ebenso düsteren wie manchmal auf fast komisch anmutende Art bizarren Film ein weiterer Meilenstein in seinem filmischen Schaffen. Mit dem brillanten Bob Hoskins in einer der Hauptrollen, gelingt es ihm, aus William Trevors sehr ruhiger, sehr langsamer literarischen Vorlage ein Drama über Einsamkeit und die Hoffnung, „erkannt“ zu werden, zu generieren.

Daß sich hinter Hoskins‘ Mr. Hilditch eine Monster verbirgt, wenn auch ein zunächst durchaus liebenswertes, ja fast zärtliches, ahnen wir früh. Immer wieder werden uns Szenen in die laufende Handlung eingespeist, die offenbar aus einer in Hilditchs Auto versteckt befestigten Kamera stammen und junge Frauen zeigen, die sich entweder vor ihm erklären oder versuchen, ihm zu entkommen. Und die Kochsendungen, die er des Abends schaut, zeigen seine Mutter Gala (Arsinée Khanjian), die einst ihre eigene Kochsendung hatte, in welcher der damals junge Hilditch mitmachen musste, bis hin zu Momenten, in denen sie ihm rohe Leber zu essen gab, um den Zuschauern vorzuführen, daß das Verspeisen eben dieser gesund sei. Dieser scheinbar ebenso nette wie unscheinbare Mann, der Chef einer Fabrikkantine ist, sich aber auch dort eher benimmt, als sei er ein Maitre de…, ist ein scheinbar Getriebener seiner Kindheit. Abgründe an Einsamkeit, mangelnder Liebe und Anerkennung tun sich auf. Und in Felicia trifft er auf eine ebenso verlorene Seele. In Rückblenden werden wir Zeuge davon, wie ihr Vater Johnny dafür verfemt, daß der – anders als Felicia annimmt – zur britischen Armee gegangen sei, ein Frevel sondergleichen in Felicias sich seiner irischen Tradition sehr bewussten Dorfes. So treffen hier zwei aufeinander, die beide in gewisser Weise versuchen, übergroßen Elternfiguren entweder zu entkommen oder aber gerecht zu werden.

Wie es Egoyan gelingt, nicht nur die generellen seelischen Abgründe dieser Figuren aufzuspüren und zu inszenieren, sondern das Spezifische dieser Begegnung eines einsamen ältlichen englischen Herrn und einer naiven, schwangeren jungen Irin in einem ihr prinzipiell feindlich gesonnenen Land einzufangen, das hat schon seine Art. Hinzu kommt, daß er ein enormes Gespür für das spezifisch Englische des Settings dieser Geschichte beweist. Er hat einen sehr genauen Blick für diese seelen- und gesichtslosen Outskirts an den englischen Ringstrassen, für diese Industriegebiete, die meilenweit kein heimeliges Gefühl aufkommen lassen.

Allerdings sollte der Betrachter einen Fehler nicht machen (ein Fehler, den auch die Leser des Buches oft machen und der sie sehr enttäuscht zurücklassen kann) – annehmen, es hier mit einem Thriller zu tun zu haben. Selbst wenn wir früh spüren, daß Mr. Hilditch tiefe Geheimnisse in seinem Haus und seinem Garten birgt – Spannung im herkömmlichen Sinne eines Thrillers kommt hier nicht auf. Und ganz offensichtlich ist es Egoyan auch nicht um Spannung zu tun. Es geht um die ruhige und genaue Betrachtung zerstörter, verlorener oder zumindest gewaltig angeknackster Seelen und darum, wie sich diese Verwüstungen auf die sozialen Bedingungen, die Beziehungen und die Beziehungsfähigkeit dieser Menschen auswirken.

Sicher hat man es hier nicht in gleicher Weise mit der Meisterschaft zu tun, die THE SWEET HEREAFTER emotional bedrückend und zugleich so  großartig machte, auch nicht mit der Skurrilität, die THE ADJUSTER (1991) so außergewöhnlich und nachhaltig beeindruckend werden ließ, doch v.a. dank der Hauptdarsteller ist FELICIA`S JOURNEY (1999) ein hervorragender Film geworden. Ein langsamer Film, ein trauriger Film, ein bisweilen auf seltsame Art und Weise auch komischer Film, und doch auch einer, der sich zum Schluß ein wenig Optimismus gönnt, wenn wir Felicia, wieder in ihrer Heimat, als Gärtnerin sehen.

Allerdings – auch Mr. Hilditch hatte ein besonderes Verhältnis zu seinem Garten…ein doppelter Boden bleibt immer….wie im richtigen Leben…

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