GOOD WILL HUNTING

Das proletarische Jung-Genie als Problemfall

Will Hunting (Matt Damon) ist ein junger Mann, der im Süden Bostons lebt. Da er immer wieder wegen Schlägereien und kleinkriminellen Delikten mit der Polizei in Konflikt gerät, gelingt es ihm kaum, sich eine geregelte Existenz aufzubauen. Ihm scheint das jedoch egal. Solange er mit seinen Freunden rumhängen, trinken und feiern kann, fühlt er sich wohl. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er mit Gelegenheitsjobs. So arbeitet er u.a. am MIT (Massachusetts Institute of Technology) als Putzkraft. So kommt er nicht nur regelmäßig mit Studenten in Kontakt, sondern sieht auch immer wieder Aufgaben, die für die Studenten gedacht sind.

Eines Tages löst er eine der extrem schwierigen Aufgaben. Dadurch wird der Mathematikprofessor Gerald Lambeau (Stellan Skarsgård) auf ihn aufmerksam. Als er versucht, herauszufinden, wer der junge Mann ist, den er aus keinem seiner Seminare kennt, muß er feststellen, daß Will zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Er hat erneut eine Prügelei angezettelt. Lambeau gelingt es, den Richter davon zu überzeugen, daß mehr in Will steckt als der Schläger, als der er erscheint. Der Richter willigt ein, Will laufen zu lassen, wenn Lambeau für ihn bürgt, sich um ihn kümmert und Will dazu anhält, sich auf eine Therapie einzulassen, um seine Aggressionen in den Griff zu bekommen.

Will willigt ein, nimmt die regelmäßigen Treffen mit dem Professor durchaus ernst, aber nicht die mit den Psychologen, die er regelmäßig vor den Kopf stößt und damit schnell verschleißt. Lambeau wendet sich schließlich an einen alten Studienfreund. Sean Maguire (Robin Williams) ist ein Psychologe, der vor allem auf das Vertrauen seiner Patienten setzt. Er glaubt, daß nur eine Begegnung auf Augenhöhe Patienten dazu bringen kann, sich zu öffnen. Lambeau weiß aber auch, daß Maguire aus der gleichen Gegend stammt, wie Will. Der Psychologe spricht die raue Sprache des Jungen.

Nach anfänglichem Zögern willigt Maguire ein, sich mit Will zu treffen. Schnell findet der heraus, wie er den Professor reizen kann: Er spürt, daß der von einer tiefen Trauer erfüllt ist, da seine Frau vor einiger Zeit an Krebs starb. Als Will Maguire provoziert, ist dieser sogar bereit, es zu Handgreiflichkeiten kommen zu lassen.

Schließlich will auch Maguire nicht mehr weitermachen. Seine Zeit sei ihm zu schade, um sie mit einem unwilligen Jungen zu verbringen, der hochbegabt sein mag, als Mensch aber unreif und ungehobelt ist. Lambeau überredet Maguire, es dennoch noch einmal zu versuchen.

Langsam baut sich zwischen Will und Maguire ein Vertrauensverhältnis auf. Zwar kommt es immer wieder zu Spannungen, doch Will fasst Vertrauen und öffnet sich zusehends. Maguire spiegelt ihm, daß er vielleicht sehr gebildet ist – Will reüssiert nicht nur in Mathematik, sondern ist auch in der Weltliteratur, in Geschichte und anderen Gebieten sehr bewandert – aber im Grunde nichts erlebt hat. Er entziehe sich jeglicher Verantwortung, sei nicht bereit, Herausforderungen anzunehmen und sich ihnen zu stellen. So wisse er zwar eine Menge über die Liebe zu erzählen, aber geliebt habe er nicht. Deshalb verstünde er auch nicht die Trauer, die Maguire empfinde und wieso er seiner Frau auch Jahre nach deren Tod treu bleibe. Maguire versteht aber auch, weshalb Will solch eine Wand zwischen sich und der Wand aufbaut: Der Junge ist Waise und zudem ein Mißbrauchsopfer.

Will hat derweil die Studentin Skylar (Minnie Driver) kennengelernt. Zwischen den beiden entspannen sich zarte Bande, Will fühlt sich ernst genommen, zudem ist Skylar in seinen Augen keine typische Studentin. Sie ist nicht arrogant, blickt nicht auf ihn und seine Freunde hinab. Im Gegenteil, bei einem Treffen mit Chuckie (Ben Affleck), Wills bestem Freund, Morgan (Casey Affleck) und Billy (Cole Hauser) stellt sich heraus, daß Skylar durchaus auch mit dem raueren Ton von Süd-Boston umzugehen versteht.

Doch Will ist weiterhin nicht bereit, sich wirklich zu öffnen. Lambeau versucht, ihm hochdotierte Jobs zuzuschustern und vereinbart immer wieder Vorstellungsgespräche für Will. Lambeau hat während der regelmäßigen Treffen mit Will festgestellt, daß dieser ihm und seinen Kollegen, mit denen er an schwerwiegenden mathematischen Problemen arbeitet, haushoch überlegen ist. Das treibt Lambeau zusehends in eine Sinnkrise. Er, so behauptet er Sean gegenüber immer wieder, sei immer an der Sache interessiert, nicht an Ruhm und Ehre – die er längst hat, da er Träger des wichtigsten Mathematikpreises ist, den es gibt. Sean versucht Lambeau klar zu machen, daß Will erst einmal einen eigenen Weg finden muß, um zu erkennen, wer er ist und was er eigentlich will. Er könne nicht Lambeaus  Projektionen leben.

Da Will die Vorstellungsgespräche immer wieder torpediert oder gleich platzen lässt, bricht der Kontakt zu Lambeau schließlich ab. Die Behörden sehen es allerdings so, daß Lambeau seinen Auflagen nicht nachkommt. Will müsste also bald wieder ins Gefängnis. Er trennt sich von Skylar, als diese ihn bittet, mit ihr nach Kalifornien zu kommen, wo sie ihr Studium fortsetzen will.

Maguire gelingt es schließlich, Will wirklich zu öffnen und konfrontiert ihn mit seiner Mißbrauchsgeschichte. Dabei gibt Maguire auch Preis, daß er selber Opfer häuslicher Gewalt war, da sein Vater, ein schwerer Alkoholiker, ihn regelmäßig geschlagen habe. Schließlich bricht Will zusammen und fängt bitterlich an zu weinen. Maguire erklärt ihm wieder und wieder, daß er unschuldig sei, daß er nichts für das könne, was ihm widerfahren sei. Will ist erstmals in der Lage, sich seiner Geschichte zu stellen, ohne sich zynisch zu geben oder komplett zuzumachen.

Doch den wirklich entscheidenden Anstoß, sein Leben zu überdenken, gibt Chuckie. Der erklärt seinem Freund, daß der einen „Sechser im Lotto habe und den Schein nicht einlöse“. Auf Wills Ansage, ihm reiche es, mit seinen Freunden einen trinken zu gehen, lacht Chuckie ihn aus und erklärt ihm, daß sein Talent ihn auch verpflichte. Er wünsche sich, eines Morgens bei Will vor der Tür zu stehen und der sei einfach weg.

Einige Zeit später erklärt Will sich bereit, einen der Jobs anzunehmen, die Lambeau ihm vorgeschlagen hatte. Maguire erklärt ihm bei einem letzten Treffen, daß er seinem Herzen folgen solle, nicht den Ansprüchen anderer an ihn. Er selber ist dabei, ein Sabbatical einzulegen und eine lange geplante Weltreise anzutreten, die er nicht mehr angetreten hatte, nachdem seine Frau gestorben war. Er hat im Umgang mit Will Hunting gelernt, daß auch er sich der Welt und dem Leben wieder öffnen muß.

Eines Morgens findet Maguire in seinem Briefkasten einen Zettel, auf dem Will ihm mitteilt, er könne den Job leider doch nicht antreten, denn er habe sich um sein Mädchen zu kümmern. Ein Satz mit dem Maguire ihm erklärt hatte, weshalb er nicht zu einem der berühmtesten Baseballspiele der Geschichte gegangen ist, weil er just an diesem Abend seine spätere Frau kennen gelernt habe.

Chuckie, Billy und Morgan kommen zu Wills Haus. Als Chuckie klopft, passiert nichts. Die Wohnung, soweit Chuckie das sehen kann, ist sauber und leer. Chuckie begreift, daß Will fort ist. Einfach so.

Als GOOD WILL HUNTING (1997) erschien, war er nicht nur schnell ein Publikumsliebling und mit neun Nominierungen einer der großen Favoriten der Oscar-Verleihung 1998 (bei der er dann allerdings „nur“ zwei Oscars einheimsen konnte), sondern er war vor allem auch deshalb Gesprächsthema, weil zwei der wesentlichen Darsteller – Matt Damon und Ben Affleck – gemeinsam das Drehbuch geschrieben hatten. Diese zwei relativ unbekannten Jungschauspieler, die zuvor in einigen zwar ambitionierten, aber nicht wirklich beachteten Werken mitgespielt hatten, gewannen schließlich den Oscar für das Originaldrehbuch. Eine Story, wie Hollywood sie liebt. Für beide war der Film die Startrampe zu Karrieren in der Traumfabrik. Obwohl er für den Regie-Oscar nominiert war, wurde weitaus weniger darüber gesprochen, daß Gus Van Zant den Film gedreht hatte.

Van Zant hatte zuvor mit einigen außergewöhnlichen Off-Hollywood-Produktionen auf sich aufmerksam gemacht. Vor allem DRUGSTORE COWBOY (1989) und MY PRIVATE IDAHO (1991) hatten für ihn eingenommen. Der direkte Vorgänger von GOOD WILL HUNTINGTO DIE FOR (1995) – hatte als Mediensatire und äußerst schwarze Komödie überzeugt. Van Zant hatte, das konnte man seinen Filmen ansehen, ein großes Herz und ein gutes Händchen für Außenseiter, Drop-outs und Misfits, Menschen – oft Jugendliche – die am Rande der Gesellschaft stehen. Es mag also vor allem die Geschichte des jungen Will Hunting – ein Tunichtgut aus dem Bostoner Süden, der als Putzhilfe am MIT (Massachusetts Institute of Technology) arbeitet, ein ausgesprochen aggressives Potential in sich birgt und offenbar ein mathematisches Genie ist – gelegen haben, damit er sich auf die Coming-of-Age-Geschichte einließ, die der Film letztendlich präsentiert.

Betrachtet man den Film zwanzig Jahre später, fällt auf, wie sehr er vor allem aber einem sogenannten Feel-Good-Movie entspricht. Diese Spielart des Dramas bietet meist eine  ernsthafte Problematik, die sich dann – aufgrund von Herzensgüte oder weil ein Geläuterter sich opfert oder jemand erkennt, daß man nur mit dem Herzen gut sieht und seiner Liebe folgen sollte – zwar nicht komplett in Wohlgefallen auflöst, da man ja realistisch erzählen will, für dem Zuschauer jedoch so aufbereitet ist, daß er sich, wenn er das Kino verlässt, nicht ob der Schrecklichkeit der Welt grämen muß, sondern mit einem guten Gefühl (feel good) in den Abend entlassen wird. Typische Beispiele für Filme dieser Art wären FRIED GREEN TOMATOES (AT THE WHSITLE STOP CAFE) (1991) oder AS GOOD AS IT GETS (1997). GOOD WILL HUNTING bietet ähnliches Potential. Es ist die Zuneigung eines  außergewöhnlichen Mannes – eines Psychologen, für dessen Darstellung Robin Williams seinen einzigen Oscar, als bester Nebendarsteller, gewann – und schließlich die Liebe zu einer jungen Studentin, deren Liebe aus dem Raubautz und Schläger Will Hunting einen Erwachsenen macht, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und das Leben zu leben und nicht nur zu lesen.

Dieser Will Hunting, den Matt Damon sehr überzeugend spielt, ist ein Prolet, ein Schläger, der mit seinen Kumpels um die Häuser zieht, trinkt, Raufereien anzettelt und schließlich aufgrund der Häufung selbiger im Gefängnis landet. Dort holt ihn ein Mathematik-Professor heraus, der auf die außergwöhnliche Begabung des jungen Kerls aufmerksam geworden ist. Es ist die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden und schließlich zwischen dem Psychologen Sean Maguire und Hunting, die das Spannungsverhältnis des Films ausmacht. Auffallend dabei, daß das hochgepriesene Drehbuch von Damon und Affleck nicht nur einige echte Schwachstellen aufweist, die Personenzeichnung recht holzschnittartig gerät, sondern vor allem, daß die ganze Handlung von einem tiefsitzenden Mißtrauen gegenüber Bildung und einigen gruppenbezogenen Ressentiments geprägt ist.

Sowohl Will und seine Freunde – allen voran der von Ben Affleck gespielte Chuckie – sind irisch-katholischer Abstammung, sie kommen aus der Arbeiterklasse und werden dem eher protestantischen Milieu der gehobenen Mittelschicht entgegenstellt, welche in Harvard und am MIT studiert. Professor Lambeau, der Mathematiker, der durch Zufall auf Wills Talent aufmerksam wird, wird als typisch arroganter Vertreter des akademischen Zirkels gezeichnet, ein Mann, der einst einen bedeutenden Mathematik-Preis gewonnen hat und als Koryphäe seines Fachgebiets gilt. Gegenüber seinem Assistenten verhält er sich entsprechend herablassend: Der darf den Kaffee holen und untergeordnete Aufgaben erledigen, während der Herr Professor seine Bedeutung gern gegenüber Studentinnen und dem weiblichem Personal der Universität herausstreicht.

Ähnlich klischeehaft werden die Psychologen gezeichnet, zu denen zu gehen sich Will verpflichten musste, um vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Sie sind wahlweise ebenfalls arrogante Meister ihres Fachs, selber verkrampfte Psychos oder verkappte Schwule. Gerade die Darstellung jenes Psychologen, den Will als homosexuell zu outen versucht und dessen Reaktion verrät, daß der junge Mann natürlich recht hat, verwundert bei einem offen schwulen Regisseur wie Gus Van Zant. Vielleicht wollte er ein Statement hinsichtlich jener abgeben, die ihr Schwulsein krampfhaft zu verbergen suchen – dennoch wirkt die Darstellung dieses Mannes durch George Plimpton und in der Inszenierung von Van Zant fast schon bösartig. All diese Figuren wirken so oder so wenig lebensecht, sondern exakt auf ihre Funktion hin ausgearbeitet.

Schließlich ist da Sean Maguire. Es ist eine Rolle wie geschaffen für Robin Williams. Und zwar jenen Robin Williams, der kein Clown war, der nicht als verkleidetes Kindermädchen oder ewig jung gebliebener Papa auftreten musste, sondern für den Robin Williams, der in Filmen wie AWAKENINGS (1990) oder THE FISHER KING (1991) – und natürlich auch in DEAD POETS SOCIETY (1989) – bereits bewiesen hatte, daß er ein hervorragender Schauspieler sein kann, wenn man ihn lässt. Dieser Sean Maguire entspricht allerdings in vielem genau jenem John Keating, dem Lehrer aus Peter Weirs DEAD POETS SOCIETY. Fast ist man versucht, Maguire als eine Art Versuchsanordnung, eine Kreuzung aus Keating und Dr. Sayer in Penny Marshalls AWAKENINGS zu betrachten. Überhaupt sind gewisse Ähnlichkeiten mit beiden Filmen nicht zu übersehen. Hatte Sayer es natürlich mit einer sehr seltenen Krankheit zu tun, die nahezu unheilbar erscheint, liegt die Sache bei Will Hunting ganz anders. Er ist ein „schwieriger junger Mann“, ein Kerl, der sein Potential durchaus erkennt, es aber weder zu nutzen versteht, noch scheint s ihn sonderlich zu interessieren. Ein junger Mann, der ein Aggressionsproblem hat und zugleich Züge eines Genies aufweist. Eigentlich eine Geschichte, wie sie von Oliver Sacks stammen könnte, dem Psychologen, der einst die Vorlage für AWAKENINGS geliefert hatte.

Maguire ist ein Mann, der unter dem Verlust seiner Frau leidet, jemand, der selbst hoch talentiert ist, anders als sein Studienkollege Lambeau aber nicht nach höchsten akademischen Ehren oder Ruhm giert, sondern den Menschen und die Menschlichkeit im Auge hat. Williams ist geradezu prädestiniert, einen solchen Mann zu verkörpern. Sein manchmal leicht gequältes Lächeln, diese Augen, die nur selten mitlachen, wenn der Mund lacht und denen immer eine gewisse Trauer eingeschrieben scheint, sind perfekt für die Darstellung dieses Mannes. Die ungewöhnlichen, von der Lehrmeinung abweichenden Methoden, die die Figur anzuwenden bereit ist, bis sie ihr Instrumentarium gleich ganz über Bord wirft und Will genau an der Stelle packt, wo dieser zu packen ist – seiner Herkunft, die der von Maguire gleicht – all das macht ihn zu einer Figur, die man einfach gern haben muß. Man nimmt diesem Mann ab, daß er leidet, aber auch, daß er das Leben liebt. Und es leuchtet noch dem letzten ein, wenn er dem extrem belesenen Will Hunting verdeutlicht, daß es eben ein fundamentaler Unterschied ist, alles über die Liebe gelesen oder eben geliebt zu haben. Wenn es einem Menschen gelingen kann, an Will heranzukommen, seinen zynischen Panzer zu durchbrechen, dann Maguire/Robin Williams. Und so ist es schließlich Maguire, dem es – letztlich mit Hilfe von Skylar, der Studentin, in die Will sich verliebt, und Chuckie, Wills bestem Freund – gelingt, den jungen Mann auf die richtige Spur zu setzen.

Leider ist all das, auch in seinem Ablauf, extrem vorhersehbar. Affleck und Damon sollen angeblich seit den frühen 90er Jahren an dem Drehbuch gearbeitet haben. Das mag erklären, weshalb sie sich, als junge, aufstrebende Küsntler, auf filmische (und literarische) Vorbilder beziehen. Einem Regisseur wie Van Zant aber hätte auffallen müssen, daß all diese Figuren wie aus einer Hollywood-Retorte entliehen wirken. Der arrogante Professor, die durch persönliches Leid weise gewordene Vaterfigur, der rebellische junge Mann, der Arbeiter mit Herz, die etwas verrückte junge Studentin – sie alle sind den oben genannten Werken, aber auch den Filmen eines Woody Allen und den Geschichten eines John Irving entliehen. Das ist an sich nicht schlimm und die Schauspieler leisten alle, inklusive des den Professor gebenden Stellan Skarsgård und Minnie Driver, die Skylar spielt, hervorragende Arbeit im Rahmen dessen, was das Drehbuch ihnen anbietet. Aber es sind Klischees, Stereotype.

GOOD WILL HUNTING beweist einmal mehr, daß Hollywood (und sein Oscar-Publikum) meist Filme liebt, die Variationen des längst Bekannten bieten, Abwandlungen einmal erfolgreicher Rezepte. Der Film ist ernsthaft genug, um ein gehobenes, urbanes Publikum anzusprechen, er ist aber nicht so hart und ehrlich, um irgendwen zu verschrecken. Er zeigt ein angemessen dreckiges South Boston, geht aber nicht dorthin, wo es wirklich weh tut, zeigt nicht die soziale Ausweglosigkeit, die ein Leben in diesen damals noch runtergekommenen Vierteln bedeutete. Wenn Chuckie schließlich Will ins Gewissen redet, weil dieser sein Talent verschleudere, dann kommt zwar ein gewisses Leiden an den Grenzen der eigenen Existenz zum Ausdruck, zugleich spielt Affleck diesen jungen Mann aber auch wie jemanden, der sich mit seinem Schicksal eben abzufinden bereit ist. Was zur Binsenweisheit führt, daß Armut auf gewisse Weise zufrieden macht und eher zur Charakterbildung taugt als jedes akademische, didaktische oder pädagogische Programm.

GOOD WILL HUNTING wird immer dort wirklich interessant, wo Gus Van Zant die Vorgaben eines zwar als Independent-Film veranschlagten Werkes, das aber dennoch kommerziell erfolgreich sein soll, umgeht. Eines darf man nicht vergessen: Das produzierende Miramax-Studio gehörte seit 1993 zwar zum Disney-Konzern, konnte aber sein Image, Arthouse-Filme und künstlerisch anspruchsvolle Werke zu produzieren, weiterhin halten. 1997 war Miramax wohl bereits etabliert, doch war GOOD WILL HUNTING nach PULP FICTION (1994) und neben THE ENGLISH PATIENT (1997) einer der ersten wirklich großen kommerziellen Erfolge des Studios. Genau dieser Erfolg war aber gefragt, gewollt und wurde erwartet. Dennoch gibt es in den ersten 20 Minuten des Films Momente, die anmuten, als wolle Van Zant diese Erwartung unterlaufen. Er setzt die für ihn typischen Verfremdungen ein und der Zuschauer könnte fast den Eindruck bekommen, es mit einer unterschwelligen, fast subversiven Parodie auf die eingangs beschriebenen Feel-Good-Movies zu tun zu haben. Da wird eine Schlägerei zwischen Will, seinen Kumpels und einer italienischen Gang in Zeitlupe derart inszeniert, daß es schwerfällt, dies ernst zu nehmen. Mehr noch: Van Zant scheint sich über die Protagonisten, die solches nötig haben, lustig zu machen. Er scheint nicht nur die Figuren zu desavouieren, sondern auch ein Publikum zu verhöhnen, das solches Verhalten, im richtigen Kontext, als tribalistisch-traditionelle Folklore zu verstehen beliebt.

Umso bedenklicher, daß er dann später all die Ressentiments, die das Drehbuchs aufweist., nahezu ungebrochen übernimmt. Vor allem die unterschwellige Bildungsfeindlichkeit, die den ganzen Film durchzieht, fällt dabei besonders ins Auge. Will ist gebildet – er ist ein Matehgenie, doch weiß er auch in Psychologie, Geschichte und anderen Fachgebieten genau Bescheid. In einer Diskussion in einer Kneipe, in der sich Studenten über Chuckie amüsieren, der mit seinen aufschneiderischen Mitteln versucht, Eindruck bei den Damen zu schinden, kann Will die Jungakademiker in die Schranken weisen, da er nicht nur jedes Buch und jede Theorie kennt, die sie anführen, um Chuckie bloß zu stellen, sondern auch sämtliche Gegenargumente und -positionen. Die Akademiker im Film – abgesehen von Skylar, die allerdings als anders, „verrückt“, ausgeflippt dargestellt wird und eben Maguire, der sein Fachwissen jedoch eher herunterspielt – sind alle arrogant und überheblich, zugleich aber verkrampft und scheinbar komplexbeladen. Im Zweifelsfall gilt das Gesetz der Faust, also des Stärkeren – und in diesem Wettstreit steht eh fest, wer gewinnt. Mit Sicherheit nicht die Studenten, die dann auch alle vorsorglich den Schwanz einziehen. Wills Haltung eines Jungzynikers, eines abgeklärten Typen, stellt der Film zwar durch Maguires Intervention ebenfalls kritisch dar, doch wird sie als eine Schutzhaltung gegen eine Welt behauptet, vor der der junge Mann Angst hat, die ihn bisher nicht gut behandelt hat – unter anderem ist Will ein Mißbrauchsopfer. Damit wird sie zwar hinterfragt, zugleich aber auch als notwendig und hinreichend etabliert. Bildung hingegen ist in GOOD WILL HUNTING im Grunde totes Wissen, austauschbar, zu nichts nutze, außer sich zu profilieren, vor allem in einer Welt, die abgehoben und entrückt wirkt. Und genau so nutzt Will selbst sein Wissen ja auch.

Nun wäre einzuwenden, daß man all diese Hinweise bitte nicht zu ernst nehmen sollte. Man habe es eben mit einem Hollywood-Drama zu tun, das nach Hollywood-Regeln funktioniere. Das alles solle unterhalten und sei doch trotzdem an den ernsthaften Problemen der Figur(en) interessiert. Das ist sicherlich nicht falsch. Andererseits ist es genau diese Haltung, die Hollywoodfilme – vor allem jene, die sich besonders liberal und problembewusst geben – oftmals wie Propagandamaterial einer reaktionären Gegenbewegung wirken lässt. Unter dem Deckmantel intellektuell durchdringenden Problembewußtseins verstecken sich häufig genau gegenläufige Positionen. Und sicherlich ist das alles gut gemeint. Aber einmal mehr gilt: Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Gerade sogenannte Feel-Good-Movies erfüllen oft eine Funktion, die im Grunde subversiv, ihren vorgeblichen Zielen und Positionen gegenläufig ist. Anstatt sich eines Problems ernsthaft anzunehmen, geben sie eine liberale Sichtweise vor, die sich bald als im Kern selbst reaktionär entpuppt, da sie immer auf das Gefühl, selten auf den Verstand, immer auf (innere) Überwältigung, selten auf (echte) Aufklärung setzt.

Leider war Robin Williams in einigen dieser Filme der Hauptdarsteller (oder, wie hier, herausgehobener Nebendarsteller). Ob DEAD POETS SOCIETY, ob THE FISHER KING oder eben GOOD WILL HUNTING – sie alle erfüllen genau die gerade beschriebene Funktion. Sie alle geben eine dezidiert liberale Haltung vor, sind in ihrer Machart, im Stil und ihren Überzeugungsstrategien jedoch oft genau das Gegenteil dessen, was sie zu sein scheinen. Hinzu kommt in allen genannten Fällen, daß es allerdings immer hervorragend gemachte Filme sind. Immer waren Meister ihres Fachs am Werk – Peter Weir, Terry Gilliam oder eben Gus Van Zant. Dadurch wird die Strategie dieser Filme aber umso gefährlicher. Denn man kann ihnen eben nicht vorwerfen, schlecht gemacht zu sein, ihre Anliegen herauszuschreien oder mit Holzhammermethoden zu verbreiten. Ihre Mittel sind meist fein, eben subversiv, still und ein wenig hinterhältig. Vielleicht nicht allzu subversiv und hinterhältig in GOOD WILL HUNTING, da das Buch dann doch zu viele Fehler aufweist, die auch ein Könner wie Gus Van Zant nicht alle ausbügeln kann.

Nur hätte man gerade von ihm erwartet, den Stoff genauer zu durchdringen. Daß er sich kritischer mit den letztlich doch recht einfachen und kitschigen Botschaften – höre auf dein Herz und folge der Liebe; bzw. höre auf die Liebe und folge deinem Herzen – des Films auseinandersetzt. Nicht nur für Miramax, auch für den Regisseur war es der erste wirklich große kommerzielle Erfolg. Schon mit seinem nächsten Film – der nahezu eins-eins-Neuverfilmung des Hitchcock-Klassikers PSYCHO (1960/1998) – kehrte er zu seinen eher experimentellen, dem Autorenkino verpflichteten Ursprüngen zurück. Und ist ihnen seither meist treu geblieben. Gelegentlich driftet er dann immer mal wieder in den Mainstream – vielleicht um Geld zu verdienen und andere Projekte zu finanzieren – und liefert dann Filme ab, die zwar irgendwie überzeugen, nie aber an seine gewagteren Filme heranreichen.

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