ZEIT DES ERWACHENS/AWAKENINGS

Ein Tearjerker? Eher nicht...

Erzählt wird der auf wahren Begebenheiten (die Vorlage lieferte der Neurologe Oliver Sacks) beruhende Fall eines Arztes, Dr. Malcolm Sayer (Robin Williams), der Anfang der 60er Jahre eine Stelle in einer Psychatrie in New York City antritt. Dort fallen ihm einige Patienten auf, die scheinbar vollkommen leblos vor sich hinvegetieren, jedoch auf gewisse Muster – Bewegungsmuster vor allem – zu reagieren scheinen. Schließlich wendet er sich an die Mutter des Patienten Leonard Lowe (Robert De Niro) mit der Bitte, ihn, Sayer, dabei zu unterstützen, ein neuartiges Parkinsonmedikament an deren Sohn auszuprobieren. Nach und nach erwacht Leonard aus der Katatonie und nimmt am Leben wieder Teil. Und so wird der Versuch nach anfänglichem Zögern der Klinikleitung auch auf die anderen Patienten ausgeweitet. Die Station wird plötzlich Hort einer Gruppe von Menschen, die teils 30 Jahre ihres Lebens verpasst haben. Doch die Heilung gelingt nicht: Immer höhere Dosierungen des Medikaments L-Dopa sind nötig, um Rückfälle zu unterbinden, die Nebenwirkungen jedoch sind schrecklich. Leonard wird von fürchterlichen Ticks und Zuckungen, Verkrampfungen und schließlich erneuter Katatonie heimgesucht. Er versucht, sich selbst als Versuchsperson anzubieten, Wut treibt ihn sogar in eine geschlossene Abteilung, denn er wirft in seiner Verzweiflung (u.a.hat er erstmals in seinem Leben eine junge Frau kennen gelernt, gespielt von Penelope Ann Miller) Dr. Sayer vor, ihm das Leben erst gegeben und nun wieder genommen zu haben und wird dabei auch gewalttätig. Schließlich versinkt Leonard wie all die anderen Patienten wieder in den Zustand, in dem er auch zuvor schon 30 Jahre verdämmert hatte.

Als der Film AWAKENINGS (1990) erschien, wurde er als sentimentaler Tränendrücker angesehen, der es allein darauf anlegt, dem Zuschauer eine scheinbar hanebüchene Story möglichst emotional zu verkaufen. Kitsch. Und Robert De Niro musste sich vorwerfen lassen, er schiele mit seiner Darstellung des an der „europäischen Schlafkrankheit“, einer parkinsonartigen, zumindest -ähnlichen komatösen Erkrankung leidenden Leonard Lowe lediglich auf den Oscar. Damals hieß es, daß, wer einen Osacr will, unbedingt einen Behinderten spielen müsse – basierend auf dem Triumph, den Dustin Hoffman zwei Jahre zuvor mit der Darstellung eines Autisten in RAIN MAN (1988) gefeiert hatte. Wahr ist, daß AWAKENINGS sich nicht scheut, dahin zu gehen, wo es weh tut und dabei auch ganz bewußt darauf setzt, den Zuschauer emotional einzufangen. Daß er dies mit einem hervorragenden Robert De Niro und einem zumindest erträglichen Robin Williams tut, schützt ihn vor allzu plattem Sentiment.

Natürlich ist das alles mit viel Gefühl und den Zutaten eines Hollywoodfilms angereichert – Sayer ist ein zurückgezogen lebender Mensch, der selber sozial eher unkompetent ist und nicht mal merkt, daß Schwester Costello (Julie Kavner) ihn nicht nur als Arzt bewundert, sondern auch als Menschen mag; natürlich gibt es diese Momente, in denen sich Arzt und Patienten tief in die Augen blicken und Hoffnung und Vorbehalte wortlos ausgetauscht werden; natürlich ist die Klinikleitung skeptisch und nimmt diesen jungen Arzt, der nie praktiziert, immer nur geforscht hat, nicht ernst usw. Es ist ein Hollywoodfilm, da gibt es kein Vertun. Doch muß man deutlich sagen, daß Regisseurin Penny Marshall und ihr Drehbuchautor Steven Zaillian (der immerhin für die Bücher zu SCHINDLER`S LIST/1993; GANGS OF NEW YORK/2002 oder die amerikanische Fassung des Stig-Larsson-Thrillers THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO/2011 verantwortlich zeichnet) es sich nicht allzu leicht gemacht haben. Es gibt kein Happy Ending, es gibt auch keine überschwänglichen Gefühlsausbrüche in diesem Film. Im Gegenteil gelingt ihnen mit kleinen Szenen, manchmal einzelnen Sätzen, ganze Lebensentwürfe und auch die Tragiken darin schlaglichtartig zu beleuchten. So wird Leonards Mutter – eigentlich nur eine Nebenfigur, die man gut zu einer liebenden, sich aufopfernden Mutter hätte machen können – einerseits in den Szenen, in denen Leonard die junge Paula trifft und Mrs. Lowe, die sich jahrelang nur um ihren darbenden Sohn kümmerte, erstmals damit konfrontiert wird, loslassen zu müssen, andererseits in jenen, in denen Leonard rückfällig wird, auch als jemand gezeigt und charakterisiert, der sein Leben komplett in den Dienst dieser Krankheit gestellt hat. Das wird allerdings im Film nicht ausgewalzt, sondern eher nebenbei erzählt. Es gibt noch einige solcher Beispiele dafür, wie sehr der Film sich bemüht, eben nicht in reiner Sentimentalität zu versinken, sondern dem, was geschieht, gerecht zu werden. Da wird das stille Drama einer Frau, die sich damit abfinden muß, als junges Mädchen „eingeschlafen“ und als alte Frau erwacht zu sein, vorsichtig und sensibel anhand weniger Sätze und Blicke erörtert; dann wieder findet der Film auch durchaus humorvolle Momente, wenn eine Schwester einer Patientin sagt, daß ihr Mann sich vor Jahren habe von ihr scheiden lassen und die Patientin verdutzt schaut, loslacht und sagt „Na! So ein Glück!“ All dies sind Beispiele dafür, wie Regie und Drehbuch zu verhindern wissen, hier einfach nur eine Schmonzette abzuliefern. Und seltsamer Weise ist es am Ende die Musik Randy Newmans,  die am ehesten das Klischee genau jener Kitschmusik erfüllt, die Hollywood gern zu solchen Gelegenheiten auffährt.

Die Schauspielerleistungen, das muß gesagt werden, sind hier alle gut bis außergewöhnlich. Da Robin Williams sein immer gleiches Robin-Williams-Lächeln hinter einem dichten Vollbart, seine immer mit dem gleichen Schalk blitzenden Robin-Williams-Augen hinter dicken Brillengläsern versteckt, bleibt man vor allzu viel Robin-Williams-Manierismen verschont und es gelingt ihm eine gute Darstellung (allerdings ist es eben auch die typische Robin-Williams-Rolle des humanistisch geprägten Wissenschaftlers/Lehrers/Clowns, der anfangs verlacht wird aber unverdrossen weitermacht) dieses etwas verschrobenen Arztes. De Niro seinerseits steht außer Konkurrenz. Wer selber einmal mit Menschen zu tun hatte, die Opfer dieser oder ähnlicher Krankheiten waren, der kann nur staunend da sitzen und sich diese „Performance“ anschauen. Man fragt sich, ob De Niro ein eigenes „Abtrainierprogramm“ hatte, um aus dieser endlosen Folge von Zuckungen, Verkrampfungen, verdrehten Augen und einem manchmal bizarr verzogenem Gesicht überhaupt wieder herauszufinden. Auch wenn es mit dem Oscar dafür nicht geklappt hat – dies ist eine seiner besten und herausragendsten Leistungen.

Was also bleibt zu sagen? Daß ein Film über solch eine ernste Angelegenheit nicht mit dem großen Gefühl arbeiten sollte? Daß man bei sowas nicht auf die Tränendrüse zu drücken hat, sondern distanziert und ernsthaft sich des Themas annähern sollte? Sicher. Allerdings ist es dann besser, sich unter europäischen Filmemachern umzuschauen. Dies ist ein Hollywoodfilm. Und im Rahmen eines solchen (der also an Budgets gebunden ist und Gewinn einzufahren hat) gelingt Penny Marshall ein verhältnismäßig ausgewogener Film zu einem schwierigen Thema, bei dem sie die Balance hält zwischen der Ernsthaftigkeit des Themas (und also auch nicht davor zurückschreckt, das Scheitern zu zeigen) und dem Unterhaltungspotential, das solch ein Film eben haben muß.

Und wenn der Zuschauer dabei ein Tränchen verdrückt? Desavouiert das den ganzen Film? Oder ist das einfach so, bei einem traurigen Thema?

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