JUDE FAWLEY, DER UNBEKANNTE/JUDE THE OBSCURE

Thomas Hardys letzter Roman in neuer Übersetzung von Alexander Pechmann

Was bisher geschah: Thomas Hardy hatte 1891 TESS OF THE D´URBERVILLES veröffentlicht – ein Werk, das heutzutage gemeinhin als eins seiner besten bezeichnet wird – und musste erleben, wie die Kritik den Roman verriss. Anstößig sei das, moralisch verwerflich, voller untergründiger Anspielungen. Nichtsdestotrotz brachte es seinem Autor enormen Wohlstand, da der Roman ein großer Erfolg bei den Lesern war.

1895 dann wurde JUDE THE OBSCURE (1895/Dt. hier: JUDE FAWLEY, DER UNBEKANNTE in der Neuübersetzung von Alexander Pechmann) veröffentlicht und Hardy muß es wie eine Re-Traumatisierung, wie ein böses Deja-Vu vorgekommen sein, denn erneut fiel die Kritik über ihn her und obwohl er wieder einen kommerziellen Erfolg feiern konnte, war der Roman – aufgrund seiner erotischen Offenheit, aber auch angeblich ketzerischer Tendenzen – auch bei der Leserschaft umstritten. Für Thomas Hardy, der hier wohl wie in keinem Roman zuvor sehr persönliche Themen behandelte, waren die Angriffe so kränkend, daß er danach – immerhin verstarb er erst im Jahr 1928 – nie wieder einen Roman geschrieben hat. Er kaprizierte sich auf Lyrik, konnte auch damit einige Erfolge verbuchen, doch sollte konstatiert werden, daß er literarisch vor allem als Roman-Autor in Erinnerung bleibt und bleiben wird.

Folgt man der Kritik und den Literaturwissenschaftlern, ist JUDE THE OBSCURE nicht nur die einsame Spitze im Werk dieses Autors, sondern auch sehr ungewöhnlich im Kontext der sogenannten Wessex-Romane, also jenes Zyklus´, der im von Hardy imaginierten County Wessex spielt. Es stimmt natürlich: Der Hauptteil der Handlung spielt im Norden des County, während die Vorgänger zumeist im Süden angesiedelt waren; der Anteil der für Hardy so typischen und den Leser regelmäßig in jene Landschaften entführenden Naturbeschreibungen sind hier sehr reduziert; Hardy gönnt sich und dem Leser kaum mehr humorvolle Momente, vielmehr gibt er einer Bitternis statt, de viel von seiner Gemütsverfassung jener Jahre erkennen lässt; zudem ist kaum ein Werk – auch TESS OF THE D´URBERVILLES trotz all seiner Dramatik nicht – derart von Pessimismus geprägt, wie dieser Roman.

Jude Fawley, der Held, bzw. Anti-Held des Romans, wird schon in den ersten Kapiteln als ein Junge geschildert, der, hypersensibel, ein fast unheimliches Gespür für die Umwelt, die Schöpfung, jede Kreatur darin entwickelt. Und doch ist dieser Jude immer ein Opfer: Verlacht, verprügelt, ungeliebt lebt er bei einer Tante. Er ist ein Junge voller Wissbegier und Neugierde, die jedoch kaum jemand wahrnimmt, bzw. zu fördern bereit ist. Lediglich ein Lehrer, den der Junge verehrt, wird ein wenig sein Mentor. Doch eines Tages entschwindet Mr. Phillotson. Er hofft, in Christminster (Hardys Bezeichnung für Oxford) eine kirchliche oder universitäre Stellung zu finden. Für den Jungen Jude wird dieses Christminster, welches man in der Abenddämmerung leuchten sehen kann, wenn man, z.B. auf einer Leiter stehend, den richtigen Moment abwartet, zu einem neuen Jerusalem, ein Ort, an dem Bildung und Religion zusammenfinden und dem Menschen einen Weg weisen in eine bessere Zukunft und auch in ein persönliches Glück. Damit ist der Grundton des Romans gelegt. Jude ist eine Christusgestalt, er hat einen Passionsweg vor sich, obwohl er für sich und seine Umgebung nie viel erhofft hatte und nur das beste wollte und anstrebte.

Er will in die aus seiner Sicht heiligen Hallen der Universität, er will lernen. Er wird aber Steinmetz, da er immer wieder an den Hürden der Zulassungen zur Universität scheitert, welche, daran lässt Hardy keinen Zweifel aufkommen, auch ein Scheitern an den in Großbritannien – erst recht im England des 19. Jahrhunderts – schier unüberwindlichen Klassenschranken ist. Er heiratet, als die für einen jungen Mann so typischen Testosteronwallungen ihn ein Mädchen erblicken lassen, welches ihn nicht nur mit ihrer Hübschheit blendet, sondern auch eindeutige erotische Avancen macht. So wirft sie ihm bei ihrer ersten Begegnung einen abgerissenen Stierhoden vor die Füße, was Hardy durchaus mit Humor zu erzählen weiß, was zugleich aber selbst für den heutigen Leser als anstößig zu verstehen ist. Die Ehe der beiden hält nicht lang und Arabella, so der Name der Dame, entschwindet bald mit einem andern gen Australien. Jude lernt seine Cousine Sue kennen – und es ist um ihn geschehen. Er liebt sie, wie er nicht wusste, lieben zu können. Und ist sich sicher, daß diese Gefühle auf Gegenseitigkeit beruhen. Doch so einfach ist es nicht mit einer Frau wie Sue. Denn die ist – selbst für die Verhältnisse des notorischen Frauenverstehers Hardy – eine unglaublich komplizierte Persönlichkeit.

Es beginnt ein Spiel zwischen den beiden, besser: Eine Beziehung, die von etlichen Aufs und Abs gekennzeichnet und geprägt ist, sich den Rest ihrer Leben hinzieht und doch nie zur Erfüllung kommt. Sue liebt Jude, will aber nicht heiraten, will gewisse Freiheiten nicht aufgeben, die vor allem ihren Geist betreffen. Als Jude sie mit Phillotson zusammenbringt, da er hofft, sein alter Lehrer könne sie an einer Schule unterbringen, zeigt sie sich gegenüber dem sehr viel älteren Mann derart dankbar, daß sie sich seinem Werben hingibt und ihn ehelicht. Für Jude eine Katastrophe. Und doch kommen die beiden zusammen, leben in „wilder Ehe“, er geschieden, sie nicht geschieden, von ihrem Gatten jedoch „freigegeben“. Eine Konstellation, für die es keine Beispiele gibt, eine Beziehung, die, so Sue, „fünfzig oder hundert Jahre zu früh kommt“. Eine Weise Vorausschau, die auch die Weitsichtigkeit des Autors Hardy beweist – aber auch sein Hoffen auf eine Zukunft ohne die engen Grenzen der Klasse und die Korsette der Konventionen, ob gesellschaftlicher oder religiöser Natur.

Für den modernen Leser – vor allem den männlichen, das sei zugegeben – ist diese Sue eine Zumutung. Und ihre Auftritte, das sich stetig wiederholende, scheinbare Spiel aus Anziehung und Abstoßen, nicht weniger. Sie wirkt wie eine Frau, die mit den Gefühlen der Männer spielt, eine Frau, die selbst nicht weiß, was sie will, eine Zicke, die ihre Launen an anderen auslässt. Und nicht ganz zu Unrecht wurde Hardy nicht nur von seinen ZeitgenossInnen vorgeworfen, hier einer kaum noch zu beherrschenden Misogynie nachzugeben. Man könnte Regalkilometer mit Untersuchungen zu den Frauenfiguren in Thomas Hardys Romanen füllen und käme dem Geheimnis seines diesbezüglichen Schreibens vielleicht doch nie auf die Schliche. Zu bedenken ist in diesem Falle, daß Hardy hier eigene Erfahrungen verarbeitete, da er eine verzweifelte Affäre hatte, die ihrerseits unter dem Brennglas einer puritanisch geprägten Öffentlichkeit thematisiert wurde und zugleich auch im Intimen nicht einfach gewesen sein muss.

Wichtiger jedoch mutet an, daß diese Sue Bridehead (was ein äußerst verräterischer Name im Kontext des Romans ist) nur im Kontext ihres sozialen Umfelds und ihrer Zeit wirklich zu erfassen ist. Sie wehrt sich gegen die durch die Kirche geprägten Moralvorstellungen ihrer Zeit, was auch zu Streit mit Jude führt, der lange an seinen religiösen Vorstellungen festhält, welche Hardy seinerseits immer wieder durch der Bibel und den Apokryphen entlehnten (hier sei dem Übersetzer und dem Hanser-Verlag gedankt für einen umfassenden und zum Textverständnis mehr als nützlichen Apparat) Zitaten und Paraphrasen konterkariert. Sues Zerrissenheit gründet nicht zuletzt aber auch in dem Spannungsfeld zwischen dem, was wir Heutigen vielleicht als „romantische Liebe“ bezeichnen würden und einer „Vernunft-Ehe“. Sie glaubt, ihre persönliche Freiheit, die sie zugunsten der Ehe mit dem wesentlich älteren Phillotson aufgegeben hatte, gerade in einem Zustand zu finden, der heutzutage als „wilde Ehe“ eingestuft würde.

Das eigentliche Drama – oder ist es bereits eine Tragödie? – nimmt seinen Lauf, als der gemeinsame Ziehsohn, genannt „Father Time“, da der Junge, der Judes Ehe mit Arabella entstammt, seinem Alter immer schon lange entwachsen scheint, in einer der grausigsten Szenen der englischen Literatur, nicht nur seine Halbgeschwister – die Kinder aus Sues und Judes Verbindung – sondern auch sich selbst tötet. Sue bricht zusammen, zieht sich in eine Art innere Emigration zurück und verlangt nun von Jude, daß dieser sie freigebe, damit sie zu Phillotson, ihrem „ersten und einzigen Mann“, wie sie nicht müde wird zu betonen, zurückkehren kann. Das Wesen Sue Bridehead kapituliert, resigniert und kehrt um (zumindest in den Augen der Gesellschaft). Nun ist sie es, die religiöse Aspekte anführt, um ihren Sinneswandel zu erklären, während Jude, zunehmend verwirrt und seiner Stärken beraubt, sich ergibt und schließlich an eienr Krankheit, letztlich aber einem gebrochenen Herzen, stirbt.

Hardy lässt seine Protagonisten, von Arabella, die als hinterlistig und heimtückisch zu zeichnen er sich nicht nehmen lässt, einmal abgesehen, nicht davonkommen. Wie schon der Heldin in TESS OF THE D´URBERVILLES gönnt er weder Jude noch Sue ein Happyend. Nicht einmal ein versöhnliches Ende für seine Geschichte mochte er sich ausdenken. Diese Figuren haben ihre Leidenswege bis zur bitteren Neige zu kosten und sie zahlen ebenso bitterlich für ihr freigeistiges Denken. Erst befreit Sue Jude aus den Fesseln seiner Kirchengläubigkeit, ohne seine Neugier oder Wissbegierde zu schmälern, womit er allerdings auch Halt verliert, dann verlässt sie ihn. Jude seinerseits ist in seinem einst so freien und naturverbundenen Denken schließlich so gehemmt, daß er ohne Sue und ihren Zuspruch nicht mehr leben kann. Der ganze Roman wirkt manchmal wie eine Anklage, aber auch wie ein Hilferuf.

Lesen lässt sich das bei Weitem nicht so unterhaltsam, wie Hardys frühere Romane, die allerdings ebenfalls schon vor Melodramatik nur so strotzen. Doch wusste der Autor die Düsternis der Geschichten mit seinen Landschaftsbildern und den oft genauen, manchmal durchaus komischen Portraits der englischen Landbevölkerung und der genauen Beschreibungen des Landlebens in einer Zeit der historischen Umbrüche – seine Geschichten sind fast immer am Beginn der industriellen Revolution angesiedelt – zu konterkarieren und aufzulockern. JUDE THE OBSCURE fokussiert fast ausschließlich auf das Drama zweier freier Geister, die an ihrer Zeit und deren Konventionen scheitern und zieht den Leser in eben diesen Malstrom des Leidens und dessen tragischen Folgen. Das mag sicher für viele dann eben „große“ Literatur sein, gerade weil es so ausweglos und düster daherkommt, doch hat es nicht die Vielschichtigkeit von Hardys früheren Romanen. Mehr als diese wirkt dies konstruiert, immer auf den Untergang der Protagonisten hin konzipiert und damit ein wenig wie eine Versuchsanordnung. Das macht den Roman nicht zu minderer Literatur, keineswegs, aber manchmal doch etwas redundant und vorhersehbar. Daß dies trotz alledem „große“ Literatur ist, daran besteht dann jedoch kein Zweifel.

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