MISSING IN ACTION

Hier kann man das Propagandaprogramm des reinen Revisionismus bei der Arbeit beobachten....

Col. James Braddock (Chuck Norris) reist als Teil einer amerikanischen Delegation nach Vietnam. Der Krieg ist bereits seit Jahren beendet, doch Braddock, der einst einem Gefangenenlager der Nordvietnamesen entfliehen konnte, ist sich sicher, daß es noch weitere M.I.A.´s in Vietnam gibt – Soldaten, die als vermisst gelten und in Camps gefangen gehalten werden.

Während der Konferenz werden er und die anderen Amerikaner mit Vietnamesen konfrontiert, die angeblich bezeugen können, daß Braddock Kriegsgräuel begangen hat. Doch schnell merkt man den Gestalten an, daß sie unter Zwang aussagen mussten.

Mit Hilfe der Kongreßabgeordneten Ann (Lenore Kasdorf) verlässt Braddock nachts das streng bewachte Hotel und schleicht sich bei einem vietnamesischen General ein, den er unter Androhung des Todes zwingt, ihm die Lage des Camps zu verraten. Nachdem er die Informationen erhalten hat, will er sich davonschleichen, muß den Vietnamesen aber töten, weil dieser auf ihn schießt.

Aufgrund der Vorkommnisse soll Braddock das Land umgehend verlassen. Er reist nach Bangkok und stellt dort mit seinem alten Kumpel Tuck (M. Emmet Walsh) eine Ausrüstung zusammen, mit der er das Camp angreifen kann. Hier muß er sich auch vermehrt Angriffen vietnamesischer Agenten erwehren. Obwohl Tuck nicht mitkommen will, schließt er sich Braddock an.

In Vietnam angekommen, fahren die beiden mit Tucks Boot auf dem Flußweg zum Camp, müssen unterwegs allerdings einige Patrouillen der Vietnamesen ausschalten. Braddock greift das Camp bei Nacht an, findet jedoch keine Amerikaner, lediglich vietnamesische Gefangene.

Doch schnell finden Braddock und Tuck heraus, daß ihre Kameraden in einem Konvoi ins Landesinnere gebracht werden sollen. Sie greifen den Konvoi  an und es gelingt Braddock und den Männern, ihre Peiniger zu überwältigen und die meisten von ihnen zu töten.

In einer waghalsigen Rettungsaktion werden Braddock und vier eheamlige Gefangene gerettet, Tuck stirbt im Kugelhagel und einer Explosion.

Braddock bringt die Männer ins ehemalige Saigon, wo die Konferenz kurz vor ihrem Abschluß steht. In Anwesenheit der Weltpresse kann er beweisen, daß seine Behauptung, es gäbe weiterhin Gefangenenlager in Vietnam, stimmte.

Mit der Wahl des 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Ronald Reagan, begann nicht nur wirtschaftlich eine neoliberale Ära, sondern kulturell eine Ära des reinen Revisionismus. Die Wiederherstellung der Familie als Wert an sich und somit Keimzelle der amerikanische Gesellschaft, anti-liberaler Machismo und der nachgereichte Sieg gegen ein winziges Land, das sich angemaßt hatte, in den 60er und 70er Jahren den großen U.S.A. Paroli zu bieten – Vietnam – wurden vor allem im Mainstreamkino wesentliche Motive.

In Hollywood ging nahezu jeder, der auf sich hielt und Geld verdienen wollte, in das fernöstliche Land und so gaben sich die Stars der 80er – Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger, der eine in vollem Pathos[1], der andere eher gewitzt und indirekt – ein Stelldichein in Südostasien. Schon Stallones Hit FIRST BLOOD (1982) hatte sich des Themas angenommen, wenn auch indirekt, indem er die Behandlung der Veteranen verhandelte. Gene Hackman, zu Beginn der 80er Jahre eigentlich schon ein gestandener Charakterdarsteller, trat in Ted Kotcheffs UNCOMMON VALOR (1983) auf, der das Thema der sogenannten M.I.A.´s – jener die als Missing In Action, also als vermisst geltenden U.S.-Soldaten – ebenso aufgriff wie später RAMBO: FIRST BLOOD PART II, und postulierte, daß etliche Hunderte amerikanische Soldaten immer noch in Gefangenen-Camps im Dschungel unter menschenunwürdigen Bedingungen dahinvegetierten. Während sich Kotcheff zumindest in der ersten Hälfte seines Films Mühe gibt, seriös zu wirken, um dann schlußendlich in einem Actionspektakel zu enden, kommt Stallones Fortsetzung der Reihe um den Veteranen John Rambo als Comic daher. Übertriebene Gewalt, Pathos und Sentiment beherrschen den Film und wechseln sich in einem genau berechneten Reigen ab. Beide Filme waren große A-Produktionen und sehr erfolgreich, Stallone konnte seinen Nimbus als der Kassenmagnet der 80er Jahre schlechthin festigen.

Doch auch die B-Riege Hollywoods nahm sich des Themas an. Chuck Norris hatte schon in den 70er Jahren als Gegenspieler von Bruce Lee reüssiert, nachdem er als erster Westler Weltmeistertitel in verschiedenen Kampfsportarten erringen konnte. Nach einigen weniger erfolgreichen Filmen, gelang ihm mit LONE WOLF MCQUADE (1983) ein Achtungserfolg an den Kinokassen, dem er ein Jahr später mit MISSING IN ACTION (1984) einen weiteren, weitaus größeren folgen ließ. MISSING IN ACTION erzählt im Grunde exakt die Story, die Kotcheff ein Jahr früher und Stallone zwei Jahre später für ihre Variationen des Themas nutzten. Im Vergleich zu Kotcheffs Film ist der von Joseph Zito inszenierte Streifen deutlicher als Propaganda zu erkennen, gegenüber Stallones Werk hingegen ist er zielstrebiger. Er ist unprätentiös und frei von jedem Sentiment. Das von mehreren Autoren geschriebene Drehbuch verzichtet auf jedes schmückende Beiwerk, kommt mit der ersten Szene zur Sache und handelt in knapp 85 Minuten eine umfangreiche Rettungsaktion im Dschungel ab. Weder muß Braddock, Norris´ Charakter, sich in pathetischen Reden ergehen, noch eine ebenso kitschige wie melodramatische, weil tragische Liebesgeschichte mit einer Einheimischen erleben; es bleibt ihm auch die persönliche Verflechtung des von Hackman in UNCOMMON VALOR gespielten Col. Rhodes erspart, der seinen in Vietnam vermissten Sohn retten will. Braddock geht es um seine Kameraden und darum, auf einer Konferenz zu beweisen, daß es noch Gefangene im ehemaligen Feindesland gibt.

Verglichen mit den sehr viel teureren Produktionen, kommt MISSING IN ACTION wahrlich wie ein B-Movie daher. Erstaunlicherweise tut ihm das aber keinen Abbruch, sondern verleiht dem Film, der komplett auf den Philippinen gedreht wurde, eine seltsame Art von Authentizität. Selten sahen die Nacht-Clubs, in denen amerikanische Soldaten sich vergnügen, derart echt aus, das gleiche gilt für die Bordelle, durch die Braddock in Bangkok auf der Suche nach seinem von M. Emmet Walsh gespielten Kumpel Tuck streift. Dem Film haftet etwas Dreckiges, Verkommenes an, das ihm allerdings aufgrund der Geschichte, die er erzählt, gut zu  Gesicht steht. In gewisser Weise erreicht Zitos Film eine Wahrhaftigkeit, die wahrscheinlich so gar nicht gewollt war.

Auf der Handlungsebene ist Zitos Film eine endlose Aneinanderreihung von Schlägereien, Schießereien und Verfolgungsjagden, was ihn auf Dauer etwas eintönig wirken lässt. Nach einer für damalige Verhältnisse recht brutalen Einführungssequenz, die sich dann als Traum Braddocks entpuppt, landet man schnell in Vietnam, wo Norris an Hauswänden entlang klettert, böse Buben zusammenschlägt, erdolcht oder bei Verfolgungsjagden vom Leben zum Tode befördert, und kulminiert schließlich in einem Ein-Mann-Angriff auf das Gefangenenlager im Dschungel. Man sieht dem Ganzen sein vergleichsweise niedriges Budget an, weshalb sich die Regie vor allem auf Norris´ physische Präsenz verlässt und ihn bei seinen oft wirklich akrobatischen Aktionen beobachtet. In den frühen 80ern ging das allerdings als knallharte Action durch und so fand der Film sein Publikum in den eher schmuddeligen Kinos in Bahnhofsnähe und später auf Videokassetten, unter Halbstarken und Teenagern, aber auch unter jenen, die sich von Filmen wie diesem verstanden fühlten. Das Programm, das hier abgezogen wird, springt den Betrachter geradezu an. MISSING IN ACTION ist ein reiner, klarer Propagandafilm.

Kotcheff, der schon den ersten Rambo-Film FIRST BLOOD gedreht hatte, legte mit UNCOMMON VALOR einen eindeutig reaktionären Film vor, dem es vor allem um Emotionalisierung ging. Anders als FIRST BLOOD, dem bei aller pathetischen Rehabilitierung der Veteranen eine gewisse Ambivalenz anhaftet, die einerseits der Vorlage von David Morell, andererseits aber auch seiner, allerdings entfernten, Verwandtschaft mit dem ‚New Hollywood‘-Kino der 70er Jahre geschuldet sein mag, lässt das spätere Werk wenig Zweifel an seiner Ausrichtung. Doch wird durch Col. Rhodes persönliche Verwicklung eine emotionale Ebene eingezogen, die eher eine Kritik an den amerikanischen Politikern erlaubt, die die von Rhodes vorgelegten Beweise für die Existenz der Gefangenen-Camps schlicht ignorieren, weil sie wirtschaftliche Interessen haben und sich gut mit dem ehemaligen Feind stellen wollen. Der von Stallone geschriebene RAMBO: FIRST BLOOD PART II wäre eine eigene Besprechung wert, was seine Wirkung betrifft. Sein Anliegen ist überdeutlich und insofern schlägt er eindeutig in dieselbe Kerbe wie MISSING IN ACTION, dessen Plot er quasi plagiiert. Doch da der Film in allem zu groß, zu laut, zu brutal, schlicht vollkommen übertrieben ist, wirkt er oft auch kontraproduktiv. Man sieht der Produktion genau die Hysterie an, die sie inhaltlich wie formal ausstrahlt. Fast wirkt es, als wollten Stallone und sein Regisseur George P. Cosmatos das eigene Anliegen unterlaufen. Genau diesen Fehler – wenn es denn einer ist – begeht MISSING IN ACTION nicht.

Hier gibt es keine Fragen, die offen bleiben, keine Ambivalenz und keine zweite Ebene, in der dem Gegner, besser: dem Feind, auch nur ein Gran Menschlichkeit zugestanden wird. Braddock verweigert den Vietnamesen, die ihn als Teil einer Delegation am Flughafen willkommen heißen, den Handschlag, er lässt keine Zweifel daran aufkommen, daß der Krieg für ihn noch lange nicht vorbei ist. Die Vietnamesen in diesem Film sind hässlich, brutal, feige und hinterhältig. Frauen treten durchweg nur als Prostituierte auf, es gibt nicht einen einzigen Einheimischen, der auch nur freundlich erscheint. Braddock und Tuck reden über ihre Gegner, als wären diese Ungeziefer und genauso werden sie auch behandelt. Während kein vietnamesischer Soldat in der Lage scheint, auch nur eine gerade Salve mit dem Maschinengewehr abzufeuern, mäht Braddock sie reihenweise nieder, sprengt sie in die Luft oder meuchelt sie direkt mit dem Dolch. Auch sind die ihn Verfolgenden strunzdumm. Lauern sie ihm auf, tun sie dies auf die denkbar ungeschickteste Weise, rasen sie in Autos hinter ihm her, gelingt es vier Männern nicht, einen einzelnen von einem altersschwachen Laster runter zu ballern. Natürlich erweisen sich alle Annahmen über die Schlechtigkeit der Vietnamesen schließlich als richtig, Sie unterhalten große Lager, wo Amerikaner gefangen gehalten und gefoltert und unter härtesten Bedingungen zur Fron gezwungen werden.

Man kann das belächeln, doch darf man nicht vergessen, daß diese Filme reinen Geschichtsrevisionismus betreiben. Zum einen fördern sie die Verschwörungstheorie, daß der frühere Feind mit falschen Karten spielt und entgegen den Vereinbarungen des Pariser Abkommens von 1974/75 doch noch Amerikaner gefangen hält, was nachträglich bewiese, daß all die Aussagen der 60er Jahre über die bösen Kommunisten und ihre Unmenschlichkeit zutreffend waren. Doch mehr noch vollziehen Filme wie MISSING IN ACTION eine seltsame Bewegung, indem sie die Geschichte einfach umschreiben. Eine der gängigsten Dolchstoßlegenden zum Vietnamkrieg – und sie wird in FIRST BLOOD explizit von John Rambo gegenüber Col. Trautman geäußert – lautet, daß unsichtbare Kräfte im Pentagon, bzw. „die Politik“, die Truppen nicht hätten siegen lassen. Materiell war man dem Feind haushoch überlegen, zu akzeptieren, daß man dennoch dessen Guerilla-Taktik nicht gewachsen war, fiel schwer. Wenn nun also Männer wie Rambo, Rhodes oder eben Braddock nach Vietnam zurück gehen, nominell um unter eigenem Kommando ehemalige Kameraden zu befreien, können sie symbolisch den Krieg nachträglich gewinnen. Und genau das zeigen diese Filme.

Und auch auf anderer Ebene betreibt MISSING IN ACTION ein hinterhältiges Spiel. Die einzigen Vietnamesen, die halbwegs menschlich wirken, werden für eine weitere Perfidie der Propaganda des Films genutzt. Sehr wohl erinnert man sich auch heute noch an die Massaker wie jenes in Mỹ Lai, wo amerikanische Soldaten Hunderte Dorfbewohner umbrachten. Mit einigen entstellten Männern und Frauen konfrontiert, die der amerikanischen Delegation von der Armeeführung präsentiert werden, um Gräueltaten zu bezeugen, die Braddock während seiner Dienstzeit begangen habe, kann keiner dieser Menschen Braddock in die Augen blicken, als der, einem gütigen Patriarchen gleich, ihre Reihe abschreitet. Offensichtlich wird hier, daß der Amerikaner natürlich unschuldig ist und die angeblichen Zeugen unter Zwang ausgesagt haben. Dies ist ebenfalls reiner Geschichtsrevisionismus und wäscht die U.S.-Army im Nachhinein von ihrer Schuld rein. Ein Propagandafilm bezichtigt den Gegner der Propaganda. Fast könnte man dem Werk hier schon so etwas wie negative Dialektik unterstellen.

Anders als vergleichsweise seriöse Filme zum Thema Vietnam, die sich dem Krieg auch oftmals eher unkritisch näherten und ihn entweder auf einer Metaebene, wie APOCALYPSE NOW (1976/79), oder in realistischen Szenarien als Initiationsritus einer ganzen Generation inszenierten, wie PLATOON (1986), gibt ein Film wie MISSING IN ACTION gar nicht vor, etwas anderes zu sein, als ein Propagandainstrument. Ein Propagandainstrument, das Reagans Credo, die Nation moralisch wieder aufzurichten und zu neuer Größe zu führen, zum Programm macht. Er führt, wie zuvor FIRST BLOOD in der Figur des John Rambo, einen Superhelden ein, der als Ein-Mann-Armee vollbringt, was Hundertausende amerikanischer Soldaten in zehn Jahren realem Krieg scheinbar nicht gelingen wollte. Diese Figuren bereiteten mit einem extremen Machismo, mit ihren stählernen, muskelbepackten Körpern, die eher Maschinen glichen denn menschlichen Organismen, u.a. dem neu entstehenden Männlichkeitskult der 80er Jahre den Weg.

Anders als Stallones Vietnamsause, die mit ihren comicartigen Übertreibungen und dem andauernden Spektakel zumindest noch gewisse Schauwerte und somit auch einen gewissen Unterhaltungswert bietet, kann ein Film wie MISSING IN ACTION heutzutage lediglich noch akademisches Interesse wecken. Zu eindimensional sind Story und Figuren, zu humorlos kommt das alles daher, zu wenig rasant sind die Actionszenen gemessen an heutigen Standards. Man kann allerdings gut an einem solchen Film ablesen, wie das Actionkino der 80er Jahre sich entwickelte, wie es zu jenen Blockbustern führte, die – wie DIE HARD (1988) – dann den Weg in die 90er und darüber hinaus wiesen. Und man kann nachvollziehen, weshalb ein Darsteller wie Chuck Norris mittlerweile zwar als Figur etlicher Witze funktioniert, als Filmschauspieler aber nur noch Kultstatus in eingefleischten Gemeinden expliziter Liebhaber des Kinos der 80er Jahre genießt.

 

[1] Stallone in RAMBO: FIRST BLOOD PART II (1985); Schwarzenegger allegorisch in PREDATOR (1987).

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