DIE VERWEGENEN SIEBEN/UNCOMMON VALOR

Prototyp des M.I.A.-Subgenres

1983 – Colonel Rhodes (Gene Hackman), der seit nahezu zehn Jahren in Washington interveniert und Beweise liefert, daß amerikanische Soldaten aus dem Vietnamkrieg immer noch in geheimen Lagern des Vietcong gefangen gehalten werden, beginnt damit, eine eigene Söldnertruppe zusammen zu stellen. Er glaubt nicht mehr daran, daß seinem Sohn, den er in einem der Lager vermutet, von offizieller Seite noch geholfen wird. Also will er die Sache nun selber in die Hand nehmen.

Nach und nach stellt er das alte Platoon seines Sohnes wieder zusammen. Gegen den Willen der eigenen Lieben sind unter anderen die ehemaligen Soldaten Wilkes (Fred Ward), Blaster (Reb Brown), Sailor (Randall „Tex“ Cobb) bereit, Rhodes Kreuzug zu begleiten; der Colonel bringt noch einen jungen Mann mit, den er als Waffenspezialisten vorstellt. Kevin Scott (Patrick Swayze), viel zu jung, um selber in Vietnam gedient zu haben, spielt sich vor den Männern mit angelesenem Wissen auf und wird dementsprechend wenig ernst genommen. Schließlich kommt es zwischen Sailor, einem ausgemachten Rauhbein, der stets eine Handgranate an einem Strick um den Hals bei sich trägt, und Scott zu einer fürchterlichen Prügelei, da Sailor stellvertretend für den Rest der Männer nicht bereit ist, von einem Grünschnabel Befehle entgegen zu nehmen. Rhodes interveniert und teilt den Männern mit, Scotts Vater gelte ebenfalls als vermisst, M.I.A., der Mann sei bereit, für die Suche nach dem Vater zu sterben. Sofort ändert sich die Haltung der ehemaligen Dschungelkämpfer.

Da Rhodes kaum Hilfe erhält, lediglich sein Verbindungsmann, der Ölmilliardär Mac Gregor (Robert Stack), füttert ihn mit entwendeten Daten und Karten des Militärs, die belegen, daß es das Lager, von dem Rhodes bei seinen Nachforschungen in Asien gehört hatte, wirklich gibt, muß der ehemalige Offizier sein ganzes Können beweisen. Sowohl Waffen als auch militärisches Gerät müssen auf dem Schwarzmarkt besorgt werden, die ganze Ausrüstung vor Ort bereit gestellt werden und schließlich muß die Örtlichkeit, die man anzugreifen gedenkt, genau studiert sein. Rhodes lässt das Lager irgendwo im Südwesten der USA nachbauen und übt dort mit seinen Männern den Angriff.

Schließlich macht sich der Söldnertrupp auf nach Asien, wo sie mit ihren vietnamesischen Verbindungsleuten zusammen treffen. Auf dem Weg an die Laotische Grenze werden sie in Scharmützel mit Grenzposten verwickelt, was einen der Begleiter das Leben kostet. Der Rest geht weiter. Schließlich erreichen sie das Lager und können wirklich Gefangene ausmachen, sogar einzelne Gesichter sind zu erkennen. Nach dem zuvor  minutiös ausgeklügelten Plan, greifen die Männer das Lager nun an und trotz eigener Verlsute gelingt es, die Bewacher außer Gefecht zu setzen, das Lager zu zerstören und die letzten Amerikaner herauszuholen. Allerdings muß Colonel Rhodes erkennen, daß sein Sohn nicht mehr unter den Lebenden weilt.

So kehren die Männer des dezimierten Söldnertrupps zwar als moralische Sieger heim – in Amerika werden sie mit großem Medienaufkommen am Flughafen begrüßt, wo die Eltern der letzten Überlebenden ihre Lieben in Empfang nehmen – doch persönlich haben sie alle nur weitere Verluste erlitten – den Sohn, den Freund, weitere Freunde, die den Einsatz nicht überlebt haben und die eigene innere Sicherheit.

Braucht jemand Belege für die Wechselwirkung gesellschaftlicher Entwicklungen, Stimmungen gar, und den Reaktionen darauf und Korrespondenzen mit der Unterhaltungsindustrien? Ja? Dann ab in die virtuelle Videothek, zu Youtube und wie sie alle heißen, und fix in die frühen 1980er versetzt, als es nach den darbenden, selbstzweiflerischen Jahren mit den Sozialdramen des ‚New Hollywood‘ endlich wieder zur Sache gehen durfte auf der Leinwand. Wurde eben noch die Schuld- und vor allem die Sinnfrage gestellt hinsichtlich des „militärischen Engagements in Südostasien“, durften die Fragen jetzt endlich wieder andersrum gestellt werden: Wer eigentlich war für die Niederlage, die eigentlich ja keine war, verantwortlich? Die armen Schweine, die ihre Jugend in den Reisfeldern Vietnams gelassen hatten? Oder all die Sesselfurzer in Washington, die hinter verschlossenen Türen ihre Deals und ihren Schnitt machen und denen der kämpfende Krieger im Feld doch scheißegal ist?!

Schon in einigen der kritischen Filme der 1970er Jahre, die sich direkt oder, häufiger, indirekt mit dem Vietnamkrieg beschäftigten, deutete sich die Verschwörungstheorie vom Verrat an den eigenen Leuten an, dort noch genutzt als Ausdruck der grassierenden gesellschaftlichen Paranoia. Zu Beginn der 1980er Jahre, mit dem Wahlsieg von Ronald Reagan zum 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten, wendete sich der als zu grüblerisch und düster wahrgenommener Zeitgeist. Amerika, so Reagans Versprechen als „großer Kommunikator“, solle wieder zu seinen Stärken zurückfinden, sich nicht weiter in seiner moralischen Schuld suhlen und seine „natürliche“ Führungsrolle wieder annehmen. Hollywood, um patriotische Gesten nie verlegen, flankierte diesen Kurswechsel mit Propagandawerken wie ROCKY IV (1985), in denen hemmungslos einem amerikanischen Nationalismus gefrönt wurde, der an den Fetischkult des Dollars gekoppelt eine enorme Merchandisingmaschine in Gang setzte, die mit ihren Profiten die Selbstbegeisterung Amerikas zu bestätigen schien.

Mit dieser zunehmend chauvinistischen Sichtweise auf sich selbst, aber auch auf die Welt, ging ein Geschichtsrevisionismus einher, der sich gewaschen hatte. In Filmen wie MISSING IN ACTION (1984) oder RAMBO: FIRST BLOOD PART II (1985), dessen trotz allen Spektakels durchaus vielschichtigen Vorgänger FIRST BLOOD (1982) Ted Kotcheff in enger Zusammenarbeit mit seinem Hauptdarsteller Sylvester Stallone realisiert hatte, hing man hemmungslos den Verschwörungstheorien über geheime Gefangenenlager in Laos oder Kambodscha an. Immer sieht man irgendwelche als liberal gekennzeichneten Politiker vietnamesische Hände schüttelnd in Kameras grinsen, immer ahnen wir, daß irgend etwas an dem eben geschlossenen Deal, der zu mehr Offenheit zwischen den einstigen Kriegsgegnern führen soll, sich als faul entpuppen wird, immer gibt es einen ehemaligen Colonel oder Captain, dessen Sohn oder Enkel oder Schwiegersohn oder Neffe verschwunden ist, M.I.A. – ‚Missing In Action‘ – und wahrscheinlich in einem Lager direkt hinter der Grenze in…s.o. Die Blindheit der Politiker lässt diesen Mann oder einen von ihm beauftragten Mann dann, sich selbst ermächtigend, eine Armee zusammenstellen, Spezialisten meist, die dann das geheime Lager ausfindig machen und aufreiben. Eigentlich typischer Stoff für die schmuddeligen Ecken hinten rechts in der Videothek, da, wo Michael Dudikoff, Ken Wahl und eine Menge anderer die Ehre des gediegenen B-Movies verteidigen.

Ted Kotcheff hatte ein Jahr nach dem Erfolg von FIRST BLOOD mit UNCOMMON VALOR (1983) einen Prototyp eben dieses Subgenres des sogenannten ‚M.I.A.-Movies‘ gedreht und diesen ganz anders als seine Nachfolger keineswegs für den kleinen Bildschirm der Fernseher gedacht. Seine geradlinig erzählte Story enthält nahezu alle oben aufgezählten Elemente und fügt sie exemplarisch zusammen. Daraus entsteht Spannung, weil man dem Film durchaus anmerkt, daß er kein Epigone ist, sondern sich seine – trotz allem platte und spekulative – Geschichte erstmals überlegt, sie eigens entwickelt. Zumindest weitgehend. Denn grob orientiert sich der Aufbau des Plots an dem von Kurosawas SHICHININ NO SAMURAI (DIE SIEBEN SAMURAI; 1954): Colonel Rhodes sucht sich seine Leute unter Spezialisten des Tötens, der Zerstörung und des Verfalls zusammen und wie in John Sturges Adaption des Originalstoffes im Western THE MAGNIFICENT SEVEN (1960), hat ein jeder dieser Männer einen kurzen Moment, seinen Charakter mit etwas Leben zu erfüllen, ihm einen eigenen Zug zu verpassen. Leider bekommen die Figuren danach kaum mehr Raum oder Möglichkeiten, das eigene Verhalten zu reflektieren.

Reflektieren? Ja – anders als die meisten Nachfolger, bietet UNCOMMON VALOR durchaus Ansätze, das, was da geschieht und wie weit man als einzelner dabei zu gehen bereit ist, in Frage zu stellen. Da ist es eben doch noch ein Film der frühen 80er Jahre. Schon in FIRST BLOOD sind die Neuerungen und Ansätze des ‚New Hollywood‘ deutlich zu spüren, die 70er und ihr künstlerisches Programm hatten ihre Spuren eben sehr wohl hinterlassen. Sylvester Stallone, der mit ROCKY (1976) einen Film realisiert hatte, der alle Merkmale eines Beitrags zum ‚New American Cinema‘ aufwies, gehörte zu jenen Regisseuren der 80er Jahre, denen es gelang, die ästhetisch und stilistisch wesentlichen Neuerungen der experimentierfreudigen 70er in klassisches Genrekino zu transformieren und dabei entgegen des sonst eher „linken“ Ansatzes, die Mittel in den Dienst eher reaktionären Gedankenguts stellten. Es wäre eine eigene Untersuchung wert, diesen Spuren und Einflüssen nachzuspüren. Kotcheff war ganz sicher beeinflusst und diese Einflüsse kann man hier sehen. Doch wie die Nachfolger im M.I.A.-Subgenre ist auch UNCOMMON VALOR von einem heiligen Ernst durchtränkt. Der Humor hier ist bestenfalls sentimental, meist eher zynisch. Da weist der Film deutlich den Weg und weist zugleich sich als ein Werk aus, welches sich seines propagandistischen Zwecks zumindest nicht gänzlich unbewusst war. Um diese Einstellung ernsthaft zu vermitteln, brauchte es, anders als bei Stallone und seinem Regisseur in FIRST BLOOD PART II, George P. Cosmatos, die auf die überwältigende Wirkung des Spektakels und, ganz klar, der Gewalt setzten – überzeugende Schauspieler. UNCOMMON VALOR ist auch deshalb ein gelungener Film, weil er mit einer überzeugenden Riege zukünftig führender Charakterdarsteller aufwarten kann.

Mit Gene Hackman stand ein zugkräftiger Schauspieler an der Spitze eines guten bis sehr guten Ensembles, das denn auch deutlich unterfordert ist. Fred Ward, Robert Stack, der sehr junge Patrick Swayze und einige andere füllen ihre Rollen mit soviel Leben, wie irgend möglich. Die inneren Konflikte der Männer, die Konflikte, die in der Gruppe entstehen, die Verrohung, die bei der Rückkehr in die Combatsituation sich erneut einstellt – für einen vergleichsweise glatten und direkten Kriegsfilm, dessen erstes Ziel es ist, sein Publikum spannend zu unterhalten, ist das alles erstaunlich gut gespielt, erstaunlich differenziert auch. Die Mischung aus Drama, Politthriller, Actionfilm und reiner Propaganda – da mache man sich nichts vor, die Botschaft des Films ist bei aller vermeintlich subversiven Selbstbefragung eindeutig revisionistisch – kam an den Kinokassen sehr gut an und der Film landete überraschend auf einem der vorderen Plätze der Jahresbestenliste, natürlich am Einspielergebnis gemessen. Hollywood hatte verstanden: Der Wind hatte sich gedreht, das Publikum war wieder bereit für wahre Heldengeschichten, am besten verortet im Mythischen. Diese Voraussetzungen erfüllte dann die Figur des John Rambo nahezu perfekt.

Ted Kotcheff aber hatte mit FIRST BLOOD und UNCOMMON VALOR dem Genre, ob gewollt oder nicht, den Weg in seine revisionistische und chauvinistische Richtung vorgegeben. Auf diesem Pfad herrschte dann bald auch ein Getümmel wie auf dem nach Ho-Chi-Minh benannten ca. 1967. Wie so oft in solchen Fällen kann man mit Fug und Recht behaupten, daß der Prototyp aber immerhin noch…na ja, ein Prototyp war. Nicht mehr, nicht weniger.

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