MONSCHAU

Steffen Kopetzky hat ein Buch zur Stunde geschrieben

Ob gewollt oder nicht, Steffen Kopetzky hat mit MONSCHAU (2021) das Buch zur Stunde geschrieben. Im Vorgänger PROPAGANDA (2019) war Kopetzky mit einer literarisch gewagten Konstruktion eines deutsch-amerikanischen Erzählers tief in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs eingetaucht und hatte eindringlich beschrieben, wie blutig die „Schlacht im Hürtgenwald“ in der Eifel verlaufen war, aber auch, wie hier eines jener kleinen Wunder geschah, die in Kriegszeiten immer mal wieder zu beobachten sind. Denn mitten in dieser Schlacht gab es eine Art Waffenstillstand, der maßgeblich von dem deutschen Truppenarzt Günter Stüttgen ausging, der mit einem amerikanischen Offizier verhandelte und anschließend versuchte, so viele Menschenleben wie möglich – ohne Ansehen der Nationalität – zu retten. Dieser Günter Stüttgen spielte später erneut eine wesentliche Rolle, als es wiederum in der Eifel zu einer mittleren Katastrophe zu kommen drohte. Nun also dringt Kopetzky in die bundesrepublikanische Nachkriegszeit vor, genauer ins Jahr 1962. Und erzählt von eben jener Katastrophe, einer drohenden Pocken-Epidemie.

Stüttgen, mittlerweile führender Dermatologe am Universitätsklinikum Düsseldorf, wird in ein kleines Dorf in der Eifel gerufen. Es liegt in der Nähe der dem Roman den Titel gebenden Stadt Monschau, die ihrerseits in nächster Nähe zum Hürtgenwald gelegen ist, also jenem Ort, an den Stüttgen so eindringliche Erinnerungen hat. Hier nun droht ein Ausbruch der Pocken. Stüttgen, der als Arzt eine Pockenepidemie in Indien erlebt hatte, versteht die Gefahr und bittet einen jungen griechischen Assistenzarzt um dessen Mithilfe. Da die Gegend sowohl ökonomisch als auch sozial von den Rither-Werken abhängig ist, einem mittlerweile wieder weltweit agierenden Unternehmen, muß Stüttgen mit Direktor Seuss, entscheidender Mann im Unternehmen, die anstehenden Maßnahmen absprechen – und diesen erst einmal davon überzeugen, daß es Quarantänen und eine dringliche Suche nach den Infektionsketten geben muß.

Ja, Steffen Kopetzky erzählt von einer Epidemie (wohlgemerkt, keiner Pandemie) und den unmittelbaren Auswirkungen, die sie auf die Menschen, ihr Sozialleben, ihr Alltagsleben hat. Das tut er eindringlich und zunächst – obwohl sprachlich eher distanziert, deskriptiv – auch MIT Spannungsbogen angelegt. Es ist eine authentische Geschichte, die Kopetzky allerdings in den Details zu seinem Gebrauch umformt. Sein eigentlicher Protagonist ist Nikolaos Spyridakis, der als Kind die deutsche Besatzung seines Heimatlandes erlebt hat und nun als junger aber sehr erfolgreicher Medizindoktorand mit einem Stipendium nach Deutschland gekommen ist. Er arbeitet für Stüttgen und wird von diesem gebeten, für ihn vor Ort Station zu beziehen und die Kärrnerarbeit zu übernehmen. So zieht Spyridakis in einem von den RIther-Werken gestellten, provisorischen Schutzanzug von einem Infizierten zum nächsten und bemüht sich, die Wege, die die Infektion genommen hat, nachzuvollziehen. Er impft und er muß Entscheidungen treffen: Wer muß in Quarantäne, muß man das Werk schließen? Dabei trifft er mehr und mehr auf den Widerstand des Vorstands der Rither-Werke, die natürlich daran interessiert sind, daß das Werk reibungslos läuft und Aufträge fristgerecht erledigt werden.

Kommt dem zeitgenössischen Leser bekannt vor. Nach über anderthalb Jahren Corona-Pandemie, nach Lockdowns, Homeoffice und Homeschooling, nach Maskenpflicht und Impfdesaster und ununterbrochener Beschallung mit Inzidenz- und R- Werten, ist nahezu jeder in diesem Lande Lebende ein Virusexperte. Da liest sich eine Geschichte, die so gegenwärtig und zudem verbürgt ist – die Figur des Nikolaos Spyridakis beruht auf der historischen Figur Constantin E. Orfanos, der mit Stüttgen 1962 vor Ort eng zusammengearbeitet hat – und die schließlich doch glimpflich ausging, geradezu angenehm.

Leider bleibt Kopetzky nicht am Sujet. Denn es interessiert ihn neben der Geschichte des Pockenausbruchs auch noch die der jungen Erbin Vera Rither, die aus Paris zurückkehrt, um die Übertragung des Unternehmens in eine Stiftung zu organisieren. Zudem möchte die vom Existenzialismus und modernem Jazz begeisterte Dame mit journalistischen Ambitionen eine Geschichte über die epidemischen Vorgänge schreiben, die sie möglicherweise an eins der großen Pariser Magazine verkaufen kann. Und da trifft es sich natürlich ausgezeichnet, daß Spyridakis von Seuss ebenfalls in der herrschaftlichen Villa am Rande des Werksgeländes einquartiert wurde, in der auch Vera bei Heimaturlauben zu residieren pflegt. Von dem jungen griechischen Arzt erhofft sie sich Insiderinformationen. Es kommt, wie es kommen muß, die beiden verlieben sich ineinander. Ein dritter Handlungsstrang erzählt zudem davon, wie Direktor Seuss versucht, die Werke, die ihm nicht gehören, die aber vor allem er aufgebaut hat und allein zu verstehen glaubt, die Stiftungsidee zu unterwandern. So kann Kopetzky ein wenig von Korruption und alten Seilschaften erzählen, die bis in die Nazi-Vergangenheit zurückreichen.

Alle Stränge sind interessant, haben Potential, sind spannend. In allen versteht Kopetzky den Leser zu fesseln. Dennoch entsteht der Eindruck, es mit unterschiedlichen Erzählungen zu tun zu haben, die nur bedingt zueinander passen oder zueinander in Bezug stehen, Erzählungen, die eher zufällig dasselbe Personal aufweisen und die jede für sich genommen arg glatt verlaufen.

Der Ausbruch der Pocken, obwohl von der WHO sogar zum Internationalen Infektionsgebiet erklärt, forderte schließlich nur ein einziges Menschenleben und konnte glücklicherweise schnell eingedämmt werden. Dazu trug – wesentlicher Unterschied zur Corona-Pandemie – natürlich auch bei, daß Impfstoffe bereits entwickelt waren und nur in ausreichender Menge aufgetrieben und verteilt werden mussten. Es wäre interessant gewesen, mehr darüber zu erfahren, wie ein Mann wie Stüttgen an der Nahtstelle zwischen Forschung, praktischer Medizin und Verwaltung, schließlich auch der Politik, agiert hätte. Wie hätte er bspw. sein im Krieg bewiesenes Gespür für Diplomatie und Kompromisse hier eingesetzt? Doch begegnen wir Stüttgen im Fortgang des Romans nur noch gelegentlich. Was sich hinter den Kulissen abspielt, auf höherer Ebene, erfahren wir nur sporadisch, wenn überhaupt.

So wendet sich der Roman bald Nikolaos Spyridakis zu. Dessen Geschichte ist allerdings die interessanteste. Denn er ist ein Migrant, wenn man so will, aber er ist kein „Gastarbeiter“: Er ist ein Studierter, er reflektiert die eigenen Erlebnisse mit den Deutschen und kann die Entwicklungen, die die junge Republik genommen hat, erkennen und durchaus goutieren. Er fühlt sich nicht unwohl in Düsseldorf. Er ist ein wenig schüchtern, aber als er wiederholt die Klänge von Miles Davis´ Trompete aus dem Appartement der jungen Dame des Hauses vernimmt, geht er auf ihre Avancen doch recht direkt ein. Daraus entwickelt sich wie selbstverständlich eine Liebesgeschichte, die keine Trübnis erlebt, auf keinen Prüfstand gestellt wird und auf ein zukünftig vereintes Europa hoffen lässt, wenn man dem Roman diese Tiefenschärfe denn zugestehen will.

Die Frage, ob es Direktor Seuss wirklich gelingt, Vera auszubooten und die Firma, wenn nicht zu übernehmen, so doch zumindest unangreifbar und eigenständig zu bewahren – was er zudem einigen diffus im Hintergrund bleibenden, jedoch einflußreichen Leuten in Luxemburg schuldig scheint – stellt sich da im Grunde gar nicht mehr. So wird hier mit Direktor Seuss eher ein Prototyp beschrieben. Ein Mitläufer, einer, der sich wahrscheinlich in jedem System durchgebissen und es immer in irgendeine gehobene Funktion gebracht hätte. Seuss nimmt dann auch den Weg aller Mitläufer, er verlässt das sinkende Schiff und setzt sich ab. Bekommt ihm aber nicht.

Steffen Kopetzky kann schreiben. Vor allem kann er, was hierzulande nicht so verbreitet ist, spannende Geschichten schreiben. Er hat keine Scheu, auch beim Genreroman Anleihen zu nehmen, wie es in PROPAGANDA der Fall gewesen ist, kombiniert gewisse erzählerische Konventionen des Thrillers jedoch gekonnt mit genauen psychologischen Beobachtungen und das in oft weitausgreifenden historischen Panoramen. Desto mehr fällt hier die Eindimensionalität der meisten Figuren auf. Innere Widersprüche? Fehlanzeige. Kulturelle Konflikte? Keineswegs. Panik, Furcht, Hamsterkäufe in Anbetracht einer potentiell sehr tödlichen Bedrohung? Geht so.

Ein wenig wirkt das wie ein Mutmacherbuch. Man muß nur an sich glauben, man muß seinen Idealen treu bleiben, man muß reflektiert mit der eigenen Vergangenheit umgehen, dann kommt man an (s)ein Ziel oder schafft Großes oder überwindet die eigenen Ängste. So gehen die Figuren in diesem Roman alles an – die Bekämpfung einer Epidemie, die Liebe, das eigene Erbe. Nirgends wirkliche Konfliktlinien, keine Krise, niemals Ambivalenz. Selbst die einsamen Stunden im Schutzanzug zwingt Spyridakis sich ab, indem er sich die gute Sache, in deren Sinne er agiert, vor Augen hält. Und doch folgt man dem gern. Kopetzky kann halt erzählen. Sein Stil ist flüssig, er erschafft Atmosphäre. Die kalte Jahreswende 1961/62 spürt man, wenn er vor allem im sehr spannend zu lesenden ersten Teil der Geschichte von den nächtlichen Fahrten Stüttgens, manchmal allein, manchmal in Begleitung von Spyriadakis, vom rheinischen Düsseldorf in die verschneite Eifel und umgekehrt berichtet. Er gewinnt diesen Szenen immer wieder essenzielle Momente ab, die die Figuren interessant, weil verständlich machen. Man ist gespannt auf sie, man will sie kennen lernen – und ist irgendwie enttäuscht, wenn sie sich dann als genau der Vorstellung entsprechend entpuppen, die man sich von ihnen gemacht hat.

MONSCHAU ist also gut zu lesen, bietet Atmosphäre und Grundspannung, kommt aber über eine gewisse Schwelle nicht hinaus. Sollte Steffen Kopetzky an eine Trilogie denken: Es wäre sehr willkommen, mehr über Günter Stüttgen und sein Leben zu erfahren. Denn dieser Mann scheint eine wahrlich interessante historische Figur gewesen zu sein.

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