PROPAGANDA

Steffen Kopetzky schreibt einen Genreroman über den Krieg und spielt mit der Position des Autors

Letzten Endes sind es doch zwei Fragen, die bei der Rezeption von Literatur zählen: Was will der Autor eigentlich mitteilen und was kommt beim Leser (Empfänger) davon eigentlich an? Und wie kommt es an? Der erste Teil der Frage ist mittlerweile leicht zu beantworten: Was der Autor will, zählt im Grunde nicht, denn wenn ein Text da draußen ist, obliegen mindestens 51% der Sinnstiftung dem Leser, der Autor hat dann keine Hoheit mehr über seinen Text. In Kurzform ist dies die Grundlage dessen, was Roland Barthes einst als „Tod des Autors“ postulierte.

Schwieriger ist da schon zu beurteilen, was beim Leser ankommt. Denn das Lesen ist nun einmal ein höchst subjektiver Vorgang, bei dem „Sinn“ sich von dem Text entäußerten Kontexten aus ergeben kann. In welcher Stimmung bin ich, wenn ich dies lese? Bin ich mit voller Aufmerksamkeit dabei oder bin ich abgelenkt? Ist es morgens, mittags, abends, wenn ich einen Text konsumiere? Habe ich Hunger oder befinde mich in einem emotionalen Ausnahmezustand usw.? Aber auch der Text selbst stellt sich jedem Rezipienten anders dar. Der eine nimmt dies wahr, der andere jenes, dem einen liegt diese Figur am Herzen, dem andern eine andere und ein jeder strukturiert einen Text noch einmal für sich, vollkommen neu. Und so wird jede Rezension, jede Buchbesprechung, jede Äußerung hinsichtlich eines bestimmten Texts zu einer sehr subjektiven Angelegenheit, in der sich ein Text selbst für ein und denselben Leser in verschiedenen Lesesituationen immer neu darstellt.

Den meisten mit Literatur Beschäftigten sind diese Theorien zumindest geläufig, ob man ihnen zustimmt, ist natürlich eine andere Frage. Aber um sich einem Text wie Steffen Kopetzkys PROPAGANDA (2019) anzunähern, sind sie ausgesprochen hilfreich. Denn Kopetzky ist zu intelligent und zu gebildet, um nicht selbst um sie zu wissen. Und so kann man sich, schon beim Titel des Romans angefangen, fragen, inwiefern der Autor nicht schon mit genau diesen Standpunkten und Standorten spielt. Wer spricht? Und was wird erzählt? Und inwiefern stimmen die Position des Erzählenden und die des ihn „führenden“ Schriftstellers miteinander überein?

John Glueck, ein deutschstämmiger Amerikaner, gebürtig aus Pennsylvania, erzählt im Jahr 1971 davon, wie er sich in Missouri verhaften lässt, um ein ungeheuerliches Ablenkungsmanöver in die Wege zu leiten, damit ein anderer – die Geschichte lehrt uns, daß sein Name Daniel Ellsberg war – eine wesentliche Lieferung an die großen amerikanischen Tagesblätter weiterreichen kann. Es handelt sich dabei um die Pentagon Papers, die Ellsberg zunächst der New York Times; später der Washington Post zuspielte und die bewiesen, daß die amerikanische Führung den Krieg in Vietnam wollte und den Konflikt in Südostasien mit aller Gewalt und jedem Trick forcierte und eskalierte. Während Glueck nun also im Bezirksgefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet, von einer fürchterlichen Hautkrankheit gemartert, die er sich bei einem Unfall mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange zugezogen hat, als er selbst Dienst in Vietnam geleistet hatte, schreibt er seine Erinnerungen – als Roman, wie er seinen Text bezeichnet – an seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg während der Schlacht im Huertgenwald und der anschließenden Ardennenoffensive der Wehrmacht gegen die vorrückenden Alliierten an der Westfront. Er stellt direkte Verbindungen zwischen dem „moralisch sauberen“ Zweiten Weltkrieg, den die Amerikaner mit Materialschlachten gewonnen haben, die die Welt bisher noch nicht gesehen hatte, und dem verwerflichen Vietnamkrieg her, in dem der Supermacht USA der moralische Kompass abhandenkam.

Nun ist Glueck aber kein einfacher GI, sondern ist Sykewar, der Abteilung für psychologische Kriegsführung, zugeordnet. Da Glueck, der mit einem eigenartigen Pennsylvania-Deutsch aufgewachsen ist und die Sprache seiner Ahnen ganz passabel spricht, zudem ein Studium der Literatur absolviert hat, bei dem er unter anderem einem jungen Autor namens J.D. Salinger und einem weiteren namens Henry Bukowski, ein harter Trinker und Spieler, begegnet ist, ist er prädestiniert, an einer Zeitung zu arbeiten, die regelmäßig in Millionenauflage über Deutschland abgeworfen wird. Hier sollen die zukünftig Besiegten nicht nur an ihre bessere Seite erinnert werden, sondern auch die Unerbittlichkeit der Amerikaner zu spüren bekommen, damit gar kein Zweifel an der alliierten Entschlossenheit aufkommt. Propaganda halt. Glueck wird nach Frankreich geschickt, wo er ein Feature über sein Idol Ernest Hemingway schreiben soll, der mehr oder weniger auf eigene Faust am Krieg teilnimmt, seine Selbstzweifel und Schreibhemmung überwinden und das Wesen des Krieges erkennen will, um ein modernes KRIEG UND FRIEDEN zu schreiben. Von hier aus verschlägt es Glueck dann an die Front, in den berüchtigten Huertgenwald und mitten in die Schrecken des Krieges.

Die Schrecken des Krieges? Das Problem mit Kopetzkys Roman beginnt genau hier. Kopetzky, Jahrgang 1971 (sic!), hat selbst keinen Krieg erlebt. Seine Referenzen sind also Standardwerke, Studien, Analysen aus berufenem Munde, aber ebenso Filme und Bücher, die zum Thema gedreht und geschrieben wurden. Seine dauernden Verweise auf Autoren wie Ernst Jünger, Hemingway, Bukowski, Salinger, aber auch Klaus Mann und Stefan Heym, die beide massiv bei der psychologischen Kriegsführung eingesetzt wurden, später im Roman auch Oskar Maria Graf, sind halt auch Verweise auf genau diese Referenzen. Und Ausweis der Belesenheit des Autors. Allerdings erwähnt er andere Autoren nicht – und die sind eigentlich die Interessanteren. Denn seine arg konstruierte Geschichte mit ihren weit ausgreifenden Verbindungen über die Zeiten hinweg, erinnert mindestens ebenso an die Romane eines Heinz G. Konsalik oder eines Alistair McLean, der eine Deutscher, der andere Schotte, die in den 50er und 60er Jahren etliche Romane veröffentlichten, die den Krieg als Abenteuerspielplatz für Männer erscheinen ließen.

Genau als solchen hat das Feuilleton, das Kopetzkys Werk durchaus zugetan war, PROPAGANDA bezeichnet. Einen Abenteuerroman. Das hat weniger mit der Story selbst zu tun, die Hintergründe des Romans scheinen sehr gut recherchiert. Nein, es ist der Stil, den Kopetzky wählt und den gesamten Text durchhält. Das ist in einer geschickten Konstruktion angelegt, die eine Rahmenhandlung bietet, eine Haupthandlung, die im 2. Weltkrieg spielt, und eine dritte Ebene einzieht, auf der in Erinnerungsfetzen und kurzen Assoziationen immer wieder Kindheitserinnerungen berichtet werden, Gluecks Werdegang von ihm reflektiert wird und auf der er schließlich auch – weit weniger intensiv und detailreich – von seiner Zeit in Vietnam berichtet. Letztere Ebene soll vor allem den moralischen Wandel eines Mannes erklären, der sich eigentlich innerhalb der U.S. Army und seinem anschließenden, ebenfalls vom Militär vermittelten, Job bei der RAND Corporation wohl fühlt und im Glauben lebt, etwas Richtiges, ja, Gutes zu tun. Denn, daran lässt Glueck beim Leser keinen Zweifel aufkommen, der Kampf gegen den Kommunismus betrachtet er als dem gegen den Faschismus ebenbürtig. So gesehen hat er den Einsatz in Vietnam lange Zeit als gut und vernünftig betrachtet.

Doch gehört es eben auch zu dieser Konstruktion, daß hier eine Geschichte aus dem Jahr 1971 und in Rückblicken aus dem Jahr 1944 erzählt wird. Denn so ist die Fallhöhe bei dem, was Kopetzky uns auftischt, nicht allzu hoch. Moralisch gesehen. Pflichtschuldig wird natürlich immer wieder erwähnt, daß der Krieg grausig ist und der Autor hält sich hier und da auch nicht mit blutigen Details zurück. Nur wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, daß die Leichen, die Gliedmaßen, das Gekröse und das Blut hier in etwa die Funktion erfüllen, wie in der Mise en Scene eines Kriegsfilms: Sie sind genau so drapiert, daß sie einen maximal überwältigenden Effekt auf den Zuschauer haben, ohne je in ihrem Wesen erfasst zu werden. Durch dieses Schlachten- und Episodengetümmel also irrt John Glueck und muß darauf vertrauen, daß ihn selbiges nicht verlässt. Er begleitet erst Hemingway, was Kopetzky die Gelegenheit bietet, ein paar durchaus gelungen erzählte Hemingway-Anekdoten einzustreuen, dann wird er einem Irokesen zugeteilt, einem Späher, den er in ein vorgelagertes Dorf begleiten soll. Später wird er gefangen genommen, kann auf waghalsige Art fliehen, schließt sich einem nahezu eingekesselten Bataillon an, die das Dorf verteidigt und dann in wilder Flucht dem massiven Angriff der Deutschen zu entkommen sucht. Schließlich trifft Glueck irgendwo im Huertgenwald auf einen deutschen Militärarzt, der ihn als oberstem verfügbaren Dienstgrad um einen partiellen Waffenstillstand bittet, damit man die Verletzten beider Seiten bergen und versorgen könne. Glueck willigt ein und so können etliche Soldaten gerettet werden.

Diese Episode ist verbürgt. Bei dem Arzt handelte es sich um Dr. Günter Stüttgen, der während der sogenannten Allerseelenschlacht genau diese Waffenruhe aushandelte und eine wirklich humanitäre Aktion veranlasste und selbst durchzog, die sicherlich unter jenen Kriegserlebnissen zu verbuchen sind, die in der Geschichte immer mal wieder vorkamen: Momente des Friedens und sogar der Freundschaft in einer maximal rohen und feindlichen Umgebung. Sicherlich die auch heute noch bekannteste – ebenfalls durch Fiktionen verwendende Medien vermittelt – Geschichte ist jene von dem Fußballspiel zwischen den Gräben an der Westfront des 1. Weltkrieges, im Rahmen des „Weihnachtsfriedens“ 1914. Hier, bei der Affäre im Huertgenwald, erstaunt natürlich, daß die Initiative von einem Deutschen ausging und die Aktion von beiden Seiten unbürokratisch und pragmatisch umgesetzt wurde.  Ein Akt der Menschlichkeit in einem dafür kaum denkbaren Rahmen.

Doch im Konstrukt des Romans PROPAGANDA ist es auch dies eben nur eine Episode. Wie hier alles zur Episode, zur Kulisse, wird, einem gewissen Spannungsaufbau, der Dramaturgie, dient und nach den Regeln des Genres funktioniert. Dazu gehören auch gewisse Klischees und Stereotype, die Kopetzky bedient. Glueck selbst entspricht schon einem Klischee: Der deutschstämmige Amerikaner, der das Land seiner Vorfahren verklärt und bewundert und sich intensiv mit dessen Geschichte, Sprache, Kunst und Literatur auseinandergesetzt hat. Die dauernde Verstrickung des Helden in bekannte (und weniger bekannte) historisch verbürgte Geschehnisse, seine Begegnungen mit historisch verbürgten Personen, sorgen für eine notwendig authentische Atmosphäre.

Man hat es so also im Grunde mit einem Politthriller zu tun, der in der Tradition der besseren Werke des Metiers steht. Dazu gehört die glaubwürdige Verstrickung des Helden in die Materie, dazu gehört, daß wir seinen Motiven folgen und sie nachvollziehen können. Und wir können – innerhalb des Roman-Rahmens – durchaus nachvollziehen, wie dieser John Glueck funktioniert. Wir freuen uns mit ihm über seine Tricksereien hinsichtlich der Veröffentlichung der Pentagon Papers, wir leiden mit ihm, wenn er im nahezu subtropischen Klima des sommerlichen Missouri unter den besonderen Bedingungen seiner Krankheit leidet, wir verlieben uns auch ein bisschen in seine Anwältin, wie es auch ihm zu ergehen scheint. Und wir können seine innere Wandlung nachvollziehen. Dieser Mann ist angelegt, wie der Held in einem Schelmenroman: er selbst verändert sich kaum, es ist die Welt um ihn her, die sich wandelt und durch die Wandlung die für den Helden gültigen Normen zunehmend in Frage stellt. So wird aus einem einst glühenden Anhänger amerikanischer Werte ein Verräter, der einem Whistleblower hilft. Ein Weg, den man im Rahmen des Romans durchaus mitgehen kann.

Die Verknüpfung von Weltkriegsgeschichte mit dem Vietnamkrieg, dessen Bild so oder so von politischer Ranküne, Verschwörungsgeraune, Geheimnissen und jeder Menge bekannter und zutiefst verwerflicher Aktionen und Taten gegenüber dem militärischen Gegner und der Zivilbevölkerung des Landes geprägt ist, sowie einer echten Intrige – das war die Veröffentlichung der Pentagon Papers letztlich; bedenkt wenn man die Darstellung im Roman, ist dies selbst schon eine Verschwörung – sorgt für maximale Erwartung beim Leser. Und Kopetzky ahnt wohl auch, wem er diese Geschichte verkaufen muß. Seine Altersgenossen sind mit der Ikonographie des Vietnamkriegs durch Filme wie APOCALYPSE NOW (1976/79), PLATOON (1986) oder FULL METAL JACKET (1987) vertraut. Medial und fiktional vermittelt. Kopetzky nutzt also exakt die Mittel, die man aus einschlägigen Filmen und Romanen kennt.

Nur ist es eben die oben erwähnte Fallhöhe, bei der Kopetzky auf Nummer sicher geht, wenn er seine Geschichte in einer – wenn man so will – abgeschlossenen Vergangenheit ansiedelt. Die Story endet im Jahr 1971, Glueck entschwindet uns am JFK.Airport zu New York, in der Hoffnung, in Europa Heilung für seine Krankheit zu finden. Wir wissen zwar, was danach kam – Watergate und der moralische Bankrott einer sich auf der sicheren Seite wähnenden Gesellschaft und vor allem die daraus gezogenen Schlüsse, deren Konsequenzen wir heute weltweit betrachten können – doch in der Präsentation des Romans endet eine sich über fast zwei Jahrzehnte hinziehende Entwicklungsgeschichte. Das macht Kopetzky klug und sehr geschickt. Es ist hintergründig, unterhaltsam und sehr subtil miteinander verwoben, entzieht sich aber vordergründig jeglicher moralischen Bewertung.

Natürlich kennt auch Kopetzky all die eingangs dieses Textes erwähnten Theorien, er weiß um die prekäre Erzählerposition, um die Machtlosigkeit des Autors gegenüber der Rezeption. Und die kann von vielleicht unerwünschter Seite kommen, wenn ein deutscher Autor der Enkelgeneration einen Roman schreibt, der deutsche Soldaten präsentiert, die (zu?) gut wegkommen, der die Eitelkeiten und den Irrsinn aller Beteiligten ausstellt, dessen Ich-Erzähler immer wieder seinen Respekt vor der Kampfkraft und dem Willen des Gegners bekundet. Die Frage ist also, wer da spricht? Und zu wem? Kopetzky verortet seinen Roman mit all dem Namedropping sehr bewußt auf einer immanent literarischen Ebene. Er schreibt ihn in einen literarischen Rahmen ein, vielleicht die äußerste Haut des Romans, die ihn aber auch gegen den Übergriff durch die Realität schützt. Denn mit der hat der Roman wenig zu tun und will es auch gar nicht. Es ist ein Spannungsroman. Ein Pageturner. Dies ist keine Auseinandersetzung mit Schuld oder gar ein apologetischer Verweis auf die Schuld der andern, dargeboten durch eine Reflektion eines Amerikaners auf sein eigenes Land und dessen Untaten.

Will man diese Ebene betreten, kann man sicherlich etliche Einwände gegen den Text vorbringen, wird aber weder dem Text gerecht, noch einem Anliegen, daß sich auf moralische Grundierung stützt. PROPAGANDA stellt deutsche Kriegsverbrechen oder gar die Untaten der Shoah nicht in Frage, er verklärt nichts und niemanden, sondern bietet eine Landser-Geschichte aus amerikanischer Sicht. Junge Männer, die erstmals mit der Realität des Krieges konfrontiert werden und natürlich voller Respekt auf die Kampfkraft und die Willensbekundung eines Gegners blicken, der seit Jahren Erfahrung im Schlachtgetümmel hat. Wahrscheinlich trifft dies sogar ziemlich genau den Nerv dessen, was für viele GIs bittere Realität war. Man kann natürlich den Titel des Buches und die Tatsache nehmen, daß sich hier ein deutscher Autor in einen Amerikaner – und damit auf die „sichere“, weil moralisch „richtige“ Seite – eindenkt und schlägt, was wiederum in den Kern einer momentan gern geführten Debatte über Identität und Autorperspektive führt. Man kann aber auch die Freiheit der Kunst postulieren und anerkennen, daß Kopetzky einen spannenden Roman über Krieg und Kriege geschrieben hat, ohne den Anspruch zu stellen, der Welt dabei Neues oder gar Aufsehenerregendes mitzuteilen. Vielleicht wird man einem Roman wie diesem damit weitaus gerechter.

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