SOUL

Ein esoterischer Erwachsenenfilm und ein erwachsener Film aus dem Haus Pixar/Disney

Joe Gardner ist ein Musiklehrer in New York. Er träumt jedoch davon, eines Tages als Musiker zu reüssieren, am liebsten im Jazz, den er liebt. Eines Tages will er gerade den Heimweg antreten, als die Direktorin der Schule, an der er unterrichtet, ihm mitteilt, er habe ab nun eine volle Stelle mit Sozial- und Rentenversicherung und festen Urlaubstagen.

Joe freut sich, auch wenn dies nicht das ist, was er sich für sein Leben vorstellt. Er geht zu seiner Mutter Lidda, die eine Schneiderei betreibt, ihr Geld mit ehrlicher Arbeit verdient und höchst erfreut ist, vom beruflichen Aufstieg ihres Sohnes zu hören. Zumal dessen Vater bereits Jazzmusiker war und sie um das prekäre Leben weiß, das Musikern meist droht.

Während Joe seiner Mutter beim Einpacken hilft, kommt ein Anruf für ihn: Ein ehemaliger Schüler, mittlerweile Schlagzeuger, bittet ihn, seinen ehemaligen Lehrer, von dem er weiß, daß er ein hervorragender Pianist ist, abends ins Half Note, einen angesagten Club, zu kommen, um mit Dorothea Williams zu spielen, es sei der Combo der Jazzlegende der Pianomann abhandengekommen. Für Joe die Chance, einen Fuß ins Musikbusiness zu bekommen.

Doch es kommt anders: Vor Freude unaufmerksam, übersieht Joe einen offenen Kanaldeckel und stürzt in die Tiefe. Als Joe zu sich kommt, steht er auf einer immensen Brücke im Nirgendwo, die auf ein gleißendes Licht zu führt. Offenbar ist er entkörperlicht und auf dem Weg ins Jenseits, wo sich seine Seele mit allen anderen Seelen Verstorbener vermengen wird. Joe begehrt auf und rennt in die entgegengesetzte Richtung davon.

So gerät er ins „Davorseits“. Ein Ort, an dem offenbar unwillige Seelen als Mentoren für noch auszubildende Seelen eingesetzt werden, um diese für das Leben zu trainieren. Das Sagen haben hier die „Jerrys“, zweidimensionale Wesen, die willkürlich und nach Gutdünken festlegen, welche Seelen welche Charaktereigenschaften zugeteilt bekommen. So wird Joe eine resistente Seele namens „22“ zugewiesen, die sich seit Äonen weigert, ihren „Lebensfunken“ zu finden.

22 gefällt es im „Davorseits“ recht gut und will gar nicht unbedingt eines der neugeborenen Kinder auf der Erde beseelen. Im Laufe der Zeit haben sich schon die Größen der Menschheitsgeschichte – von Sokrates bis C.G. Jung – an ihm versucht; all diese Mentoren hat er zur Verzweiflung getrieben. Nun versucht sich also Joe an 22, hat aber scheinbar ebenso wenig Fortune, wie seine berühmten Vorgänger.

Während die beiden das „Davorseits“ durchstreifen und Joe verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, irgendwie bis zum Gig am Abend wieder in seinen Körper zu gelangen, treffen die beiden auf Moonwind, Kapitän einer Galeone, die durchs „Davorseits“ segelt und verlorenen Seelen wieder ins Leben verhilft. Der ehemalige Hippie Moonwind hilft Joe, seinen Körper zu finden, doch als er endlich zurück zur Erde will, klammert 22 sich an ihn. Auf der Erde kommt es zu einer Verwechslung, bei der Joe im Körper einer Katze landet, während 22 in Joes Körper einzieht.

Während 22 nun in Joes Körper auf allerhand Leute trifft, die der kennt und durch sie lernt, daß man das Leben genau so nehmen und lieben muß, wie es kommt, auch wenn vielleicht manche Träume nie in Erfüllung gehen, begreift auch Joe nach und nach, daß er mit seinen Wünschen die Bedürfnisse oder die Sorgen anderer oft übersehen hat. Doch 22 gelingt es schließlich sogar, Lidda davon zu überzeugen, daß Joes Traum vom Musikerleben wirklich sein größter Wunsch ist.

Sie gehen zum Half Note und 22 spielt in Joes Körper ein atemberaubendes Solo bei der Probe.

Währenddessen hat sich Terry, ein Seelenzähler, dem aufgefallen ist, daß da eine fehlt in der ganz großen Abrechnung, bei den Jerrys beschwert, denn die Rechnung muß stimmen. So macht er sich auf zur Erde, um die abhanden gekommenen Seelen wieder einzufangen.

Joe und die Katze, die Joes eigentliche Seele beherbergt, treffen Moonwinds weltliche Erscheinung. Der nämlich hatte ihnen versprochen, dafür zu sorgen, daß joe wieder in seinen angestammten Körper zurückkehren kann.

Doch 22 will mittlerweile gar nicht mehr aus Joes Körper raus. Stattdessen erfährt er durch Joes Gedanken und Erinnerungen, welches Glück es bspw. bedeuten kann, Musik zu machen. Bevor die beiden ihre Meinungsverschiedenheit austragen können, sackt Terry sie ein und bringt sie zurück ins „Davorseits“. Hier bekommt 22 jene Plakette, die ihn zu einer vollständigen Seele macht, die ihren Lebensfunken gefunden hat und nun bereit ist, zur Erde zu reisen.

22 will dies aber nach wie vor nicht und wirft die Plakette Joe zu, der damit auf die Erde zurückkehren kann. Dort nimmt er am Gig teil und legt zwar erneut ein atemberaubendes Solo hin, findet volle Anerkennung durch Dorothea Williams, merkt aber, daß all dies ihn nicht so befriedigt, wie er es erwartet hätte. Er begreift, was einer der Jerrys zu ihm gesagt hat: Daß der Funke des Lebens nicht zugleich eine Bestimmung, der Zweck eines Lebens ist.

Joe versteht, daß die Momente, die er als Katze und 22 in seinem Körper zusammen verbracht haben, der resistenten Seele letztlich den Funken des Lebens gezeigt haben. So kehrt Joe erneut ins „Davorseits“ zurück und sucht 22. Der ist mittlerweile zu einer jener verlorenen Seelen mutiert, die im Niemandsland zwischen Leben und Tod dahinvegetieren. Joe vermittelt 22, nachdem es ihm gelungen ist, die verlorene Seele wieder herzustellen, seine Erkenntnis und kann 22 davon überzeugen, daß auch sie nun einen Funken des Lebens in sich trägt:

Joe, der akzeptiert, daß seine Zeit gekommen ist und sich nun damit einverstanden zeigt, in das große Licht einzugehen, hilft 22 noch auf dem Weg zur Erde, lässt seinen Freund dann aber los und übergibt ihn dem Leben. Er selbst findet sich auf jener Brücke wieder, die ins weiße Licht führt.

Doch als er sich innerlich darauf vorbereitet, nun also in die Ewigkeit einzugehen, erscheint ihm einer der Jerrys und erklärt, er habe für seine Mühen um 22 eine weitere Chance verdient. Man habe das alles bereits mit Terry geklärt. Joe darf noch einmal zurückkehren und sein Leben fortführen.

Manche reißt es zum – aus ihrer Sicht – vollkommen falschen Zeitpunkt aus dem Leben. Da lernt man die oder den Richtige/n kennen, hat vielleicht tags zuvor einen Sechser im Lotto gezogen oder es erfüllt sich gerade ein Lebenstraum – und dann wird man unverschuldet in einen Autounfall verwickelt, es fällt einem ein Klavier auf den Kopf oder die Welt geht unter. Wobei – stirbt man, geht EINE Welt ganz sicher unter, nämlich die eigene.

Genau so ergeht es Joe Gardner, Musiklehrer und Hobbymusikant, der sich zeitlebens zu musikalisch Höherem berufen fühlte. Durch einen ehemaligen Schüler für einen Gig mit der Jazz-Berühmtheit Dorothea Williams engagiert, der möglicherweise seinen Einstieg in die lang ersehnte Musikerkarriere bedeuten könnte, erwischt es ihn genau an dem Tag, an dem der Auftritt geplant ist. Joe findet sich auf dem Weg ins große Licht wieder, wo er aber auf gar keinen Fall hinmöchte. Also wehrt er sich mit Händen und Füßen und landet im „Davorseits“, einer Zwischenstation zwischen Geburt, Himmel und Hölle. Hier wird er als Mentor für eine auszubildende Seele eingesetzt, die resistent ist und es an Ort und Stelle eigentlich ganz nett findet. Diese „22“ genannte Seele wird nun für Joe zur Herausforderung, glaubt er doch, am Gelingen seines Auftrags, sie „erdenrecht“ zu machen, hinge die Möglichkeit, noch einmal in sein altes Leben zurückkehren zu dürfen.

Pete Docters SOUL (2020) ist eine Pixar-Produktion, wobei die Pixar-Studios mittlerweile, wie so viele Filmstudios, unter dem Disney-Siegel laufen. So hat man es hier also auch mit einer Disney-Produktion zu tun. Es dürfte das erste Disney-Produkt sein, das sich im Grunde ausschließlich an Erwachsene richtet. Denn für Kinder ist der Film weniger wegen seiner Thematik – ein esoterisch angehauchtes Gemisch aus Geburt, Tod und dem Danach und Davor – geeignet, sondern vor allem aufgrund seiner Machart und eines Verweissystems, das bei Kindern und auch Jugendlichen kaum verfangen dürfte. Natürlich gibt es den auch für Werke aus dem Hause Pixar typischen Humor – vor allem die Versuche von „22“, sich jedweder Lebenstauglichkeit zu widersetzen, u.a. haben sich schon Sokrates, Mutter Theresa und C.G. Jung an ihm versucht, sorgen hier für einen manchmal durchaus hintergründigen Witz – doch ist der in diesem Fall für Kinder nicht wirklich zugängig.

Aber warum auch nicht? Pixar hat sich in vielen seinen Filmen auch dadurch ausgezeichnet, daß es ihnen gelang, sowohl ein kindliches als auch ein erwachsenes Publikum anzusprechen und beides so zu unterhalten, daß ein jedes auf seine Kosten kommt. Das mag hier zwar anders sein, aber: Warum auch nicht? Warum nicht einmal ein Animationsfilm, der sich größtenteils an ein erwachsenes Publikum richtet? Ähnliches hat es in den 70er und auch in den 80er Jahren gegeben, eine Tradition, die man durchaus wieder aufleben lassen kann. Und anstatt sich, wie einst ein Film wie FRITZ THE CAT (1972) mit Sex oder einer wie FIRE AND ICE (1983) mit einem Fantasy-Plot zu beschäftigen, ist es hier der Tod, aber auch die Frage danach, woher wir kommen und was uns zu dem macht, was wir sind, die Gegenstand der Handlung sind. Und Jazz. Seine vielleicht berührendsten Momente hat SOUL in jenen Szenen, in denen Joe selbstvergessen in einer Art Trance versinkt und sich ganz seinem Klavierspiel hingibt.

Wie gut Pixar in seinen Animationen ist, weiß jeder, der einmal A BUG´S LIFE (1998) oder FINDING NEMO (2003) gesehen hat. Doch das hier hat noch einmal eine besondere Qualität. Wenn wir Joes Fingerspiel auf den Tasten folgen, ist das atemberaubend perfekt animiert. Überhaupt sind es die Szenen im Jazzclub, die den meisten Charme entfalten, die packen, nicht zuletzt aufgrund des exquisiten Beitrags von Jon Batiste, der für die Jazz-Stücke verantwortlich zeichnet. Leider besteht der Film größtenteils nicht aus Szenen dieser Art. Vielmehr ist es das „Davorseits“, welches hier im Mittelpunkt steht. Da findet Joe sich in einer recht putzigen Bubblegum-Version seiner selbst wieder, nur erkennbar daran, daß er noch seine Brille und den Hut trägt, wodurch er charakteristisch wird. Das Team um Docter hat sich einmal mehr große Mühe gegeben, dem Publikum eine fremde Welt glaubwürdig zu vermitteln. In einer Mischung aus typischem Pixar-Style, an die Pokemon-Ästhetik angelehnte Verniedlichung und abstrakter Kunst wird uns dieses „Davorseits“ präsentiert. Hier regiert eine ausgesprochen freundliche, allerdings recht kompromißlose Riege sogenannter „Jerrys“, die trotz individuellen Aussehens allesamt Gemälden Picassos entsprungen zu sein scheinen. Zweidimensional in abstrakte Formen gepackt, entscheiden sie, welche Seelen welche Entwicklungen durchlaufen und verteilen nach Gutdünken Charaktereigenschaften. Und offensichtlich können sie auch entscheiden, wer leben darf und wer dem großen Licht überantwortet wird. Manchmal greifen sie dabei zu recht profanen Mitteln, um ihren Willen durchzusetzen. Was wiederum für einige Lacher sorgt.

SOUL gelingt es vergleichsweise gut, die Balance aus ernsthafter Thematik mit durchaus philosophischen Anlagen, einer gewissen Rasanz, ohne dabei wie eine Achterbahn zu wirken, und einer komischen Seite zu wahren. Allerdings – und da kann sich der Film, können sich Docter und sein Team nicht wirklich entscheiden, was sie schließlich haben wollen – werden dem Zuschauer die Botschaften kindgerecht eingehämmert. Und die moralische Haltung des Films – wir müssen unsere Chancen wahrnehmen, müssen den Funken des Lebens in uns spüren und vor allem erkennen, wann unsere Zeit gekommen ist – kann man durchaus hinterfragen. Man könnte sie sogar reaktionär nennen. Doch wahrscheinlich ginge man damit letztlich zu weit und gäbe dem Film mehr Gewicht, als er de facto hat.

Es bleibt ein oft lustiger, manchmal schöner und vor allem auch nachdenklicher Film, der im Übrigen als erster Film in der Geschichte sowohl der Disney– als auch der Pixar-Studios einen Schwarzen als Hauptfigur etabliert. Auch dies also ein Novum, dies dann doch eher als progressiv zu bewerten. Umso ärgerlicher, daß SOUL mit einer solch banalen und auch kitschigen Botschaft aufwartet, auch, wenn Joe Gardner ein Happyend gegönnt wird, das die moralische Fallhöhe des Films, seine Botschaft, insofern in Frage stellt, als das alles, was wir zuvor gesehen und gelernt haben, recht profan wieder zurückgenommen werden kann und zurückgenommen wird. Dank der allmächtigen „Jerrys“. Schön, wenn man im Jenseits – oder im „Davorseits“ – solch starke Freunde hat, die es im rechten Moment wieder richten. Und was ebenfalls bleibt, ist eine wunderbare Hommage an den Jazz, seine Lebendigkeit, seine Improvisationsmöglichkeiten, seine Unmittelbarkeit. Eigentlich, denkt man sich, eigentlich hätte das vollkommen gereicht. Denn Jazz ist das Leben…

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