SPIEL DES ZUFALLS/CHANCE

Ein nahezu perfektes Beispiel für Joseph Conrads erzählerischen Stil

Es dürften mehrere Regalkilometer sein, die im Laufe der vergangenen Einhundert Jahre über Joseph Conrads Schreiben, seinen Stil, die besonderen Elemente der Erzählerposition in vielen seiner Geschichten und Romanen geschrieben wurden. Häufiger bricht er die Geschichten durch verschiedene Perspektiven: Ein Ich-Erzähler, meist unbestimmter Identität, sitzt mit dem eigentlichen Erzähler zusammen – dies ist dann meist Charles Marlow, ein ehemaliger Seemann, dessen Position allerdings ebenfalls prekär ist, tritt er doch oft wie ein omnipräsenter, nahezu auktorialer Erzähler auf, der auch von Dingen zu berichten weiß, die er unmöglich aus eigenem Erleben wissen kann. So werden in Texten wie YOUTH (1898) oder LORD JIM (1900) die Erzählungen mehrfach gebrochen und stellen sich selbst in Frage.

Ob sich Conrad dieses fast schon postmodernen Drehs in seinen Geschichten bis in die letzten Winkel der Möglichkeiten, die es eröffnet, bewusst gewesen ist, sei einmal dahingestellt. Vielleicht wollte er auch einer ganz anderen Gattung von Erzählungen seinen Respekt zollen, einer Gattung, die heute wahrscheinlich unter „Oral History“, vielleicht auch unter „Märchen“ fiele – dem Seemannsgarn. Ein wenig mutet Marlows Sprechen nämlich genau so an. Er hat einmal eine Geschichte gehört oder war am Rande selbst involviert und gibt nun nicht nur teils unfassbar genau memorierte Gespräche und Details wieder, sondern auch seine Interpretationen des Erzählten. Lediglich in HEART OF DARKNESS (1899), Conrads in den Augen Vieler bestem Text, allerdings auch einem seiner umstrittensten, ist Marlow integraler Bestandteil der Handlung, hier erzählt er aus eigenem Erleben.

SPIEL DES ZUFALLS (CHANCE 1913; Dt. hier in der Übersetzung von Ernst Wolfgang Freissler 1913/Berlin, 2020) ist in vielerlei Hinsicht ein Roman, der Conrads ganze Bandbreite an erzählerischem Potential exemplarisch vor Augen führt, sowohl die Stärken als auch die Schwächen seiner Stilelemente ausstellt und bis in die Extreme zu führen scheint. Dies fällt umso mehr auf, da die Story des Romans – vielleicht sollte man ihn als Markierung zum Alterswerk des Autors betrachten – eher schwach ist und der Stil umso mehr ins Auge sticht.

Auch wenn es eine Seefahrergeschichte ist – zumindest im weitesten Sinne – erzählt Conrad hier vor allem von einer Liebe, die dem im deutschen Titel angegebenen Spiel des Zufalls unterworfen ist und daran zu zerbrechen droht, bevor sie sich überhaupt zu voller Blüte entwickelt. Marlow ist hier zumindest am Rande selbst involviert, da er die Hauptfigur seiner Erzählung, Flora de Barral, in einer für sie äußerst prekären Situation kennenlernt: Sie steht kurz vor dem Selbstmord und droht, sich eine Klippe hinabzustürzen an deren Fuß sich der urlaubende Marlow zufällig auf einem Spaziergang befindet. Von diesem Punkt aus – allerdings weitaus verschlungener und in der chronologischen Abfolge in einem steten Vor und Zurück – entblättert Marlow dem namenlosen Ich-Erzähler die Geschichte der Liebe der jungen Frau zu dem Kapitän Roderick Anthony, den sie – zufällig – kennengelernt hat, als dieser nach fünfzehn Jahren Abwesenheit seine Schwester besucht, bei der Flora untergekommen ist. Da ihr Vater einen großangelegten Betrug begangen hat und dafür zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, haben sich die Fynes, wie das Paar heißt, ihrer angenommen, um sie aus den Klauen einer seltsamen Familienkonstellation zu befreien. Allerdings stehen die Fynes der Verbindung sehr skeptisch gegenüber. Dies ist, grob gesprochen, der erste Teil der Erzählung.

Der zweite Teil erzählt dann die Ereignisse auf See. Kapitän Anthony nimmt Flora und deren Vater mit auf Reisen, was an sich ungewöhnlich ist und bei der Mannschaft der Ferndale nicht gut ankommt. Auf der Reise, um die es geht und deren Verlauf Marlow nun seinerseits von dem damaligen zweiten Offizier Powell, der selbst nur durch einen Zufall an diese Position gekommen ist, erzählt bekam, kulminieren die Entwicklungen, da es zwischen dem Kapitän und ihrem Vater zu einem mehr oder weniger offenen Kampf um Flora kommt. Nachdem ihr Vater versucht hat, Anthony zu vergiften, dieser aber durch Powell gerettet werden konnte, richtet er sich selbst. Erst durch diesen Verlust, der zugleich eine Befreiung ist, können der Kapitän und Flora de Barral sich schließlich zueinander bekennen und sich ihre Liebe ohne Einschränkungen eingestehen.

Wie so häufig ist es kaum die äußere Erzählung, die hier zählt, vielmehr sind es die psychologischen und moralischen Aspekte, die sich an spezifischen Stellen in der Geschichte in die Quere kommen und einander aufheben, bzw. sich gegenseitig unterlaufen. Flora wird von nahezu allen Beteiligten behütet, soll möglichst nicht erfahren, was ihr Vater getan hat und folgt so nahezu kritiklos seinem Narrativ, er sei Opfer einer Verschwörung. Doch spürt sie, daß die Welt ihr feindlich gegenüber eingestellt ist und beginnt, sich selbst als nicht liebenswert zu betrachten. Anthony wiederum ist ein Seebär, ein Mann, der die Liebe nie als einen für ihn gültigen Zustand betrachtet hat und nun dieser jungen Frau, fast noch ein jugendliches Mädchen, verfällt. Doch ist die Sprache kaum sein Medium, weshalb er sich ihr gegenüber nie angemessen erklären kann. Die Kette an Missverständnissen und Fehlinterpretationen setzt sich nahezu ungehindert fort und wird von Conrad in der Komplexität der Erzählstruktur gespiegelt. Marlow kennt Powell, aber nur durch Zufall (by chance), ebenso zufällig wird er Zeuge von Floras Fast-Selbstmord, Powell wird durch den Zufall einer Namensverwandtschaft mit dem Angestellten im Heuerbüro zum zweiten Offizier auf der Ferndale, letztlich ist es auch Zufall, daß Powell Zeuge des versuchten Mordes an Kapitän Anthony wird. Marlow gibt nun seine Erkenntnisse – sowohl die reine Erzählung als auch seine Reflektionen darüber – nur grob chronologisch wieder und der Leser verliert irgendwann den Überblick, wer wem was wann erzählt hat. Dies, muss man annehmen, ist von Conrad genau so gewollt.

Die eigentliche Geschichte ist auch – gerade für heutige Leser – nur noch schwer nachzuvollziehen. Es ist die Geschichte einer verhinderten Liebe. Verhindert wird sie durch gesellschaftliche Normen ebenso, wie durch die innere Spannung der Figuren, ihre Psyche. Und letztlich durch gängige Vorstellungen von Moral, davon, was sich gehört und was nicht. Interessanter ist da schon, wie Marlow sie reflektiert. Denn er hält sich hier kaum zurück. Er meditiert und sinniert über Frauenrechte und das Wesen und den Charakter von Frauen generell. Dabei gibt Conrad einen Marlow preis, der zwar durchaus die Rechte der Frauen befürwortet, sich aber auch – bei ständigem Hinweis darauf, daß er selbst ja Junggeselle sei und eigentlich keine Ahnung von den Frauen habe – als recht selbstgefälliger Frauenverächter präsentiert. Ständig erklärt er dem Leser das Wesen der Frauen im Allgemeinen, das von Flora de Barral im Besonderen. Er setzt dabei einfach voraus, was Frauen können und was nicht, hier und da wird deutlich, daß Marlow ganz selbstverständlich der Meinung ist, daß Frauen gewisse Arbeiten nicht erledigen können und selbst, wenn sie es sich anmaßen und es dann auch noch schaffen, dies noch lange nicht den gleichen Wert wie von Männern verrichtete Arbeit habe. Solche Passagen sind vom heutigen Standpunkt natürlich kaum mehr zu ertragen.

Hier macht sich ein ähnliches Interpretationsfeld auf, wie es schon seit geraumer Zeit um die Frage beackert wird, wie Conrad es denn nun mit Kolonialismus, Imperialismus und daraus folgend Rassismus hält. Gerade weiße, westliche Leser, die Conrad auch gern gegen den Anwurf verteidigten, er sei einfach ein Autor von Abenteuergeschichten für Männer, besser: große Jungs, weisen gern und häufig darauf hin, daß er auf seinen vielen Reisen das Elend und die Not gesehen habe, die Imperialismus und mehr noch der Kolonialismus über weite Gegenden der Welt gebracht hat. Es ist ein Argument, das sicherlich nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist, zugleich muß man aber immer den historischen Kontext mitdenken. Auch Conrad war ein privilegierter Weißer, zwar qua Geburt dem osteuropäischen Raum entstammend, doch durch seinen Lebenslauf hatte er eine Karriere in der britischen Marine gemacht. Und sicher war er bei aller Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen kein Progressiver. Vielleicht war er liberaler als viele seiner Zeit- und Generationsgenossen. Das wird nicht zuletzt dadurch verdeutlicht, daß viele Literaturwissenschaftler ihm einen weiteren Horizont attestierten, als er für andere Autoren seiner Generation üblich war. Proust schrieb über Paris, Joyce über Dublin, Hardy über eine erfundene Grafschaft – Wessex – so wie Faulkner, etwas jünger als die genannten Schriftsteller, über ein imaginäres County in Mississippi schrieb. Sie schrieben über das, was sie kannten. Überschaubare Gesellschaften in relativ klar abgezirkelten Welten. Conrad, aufgrund seines Lebenslaufs, hatte weitaus mehr von der Welt gesehen und wahrscheinlich wirklich besser begriffen, was die europäische Expansion für diese Welt bedeutete. Daß er die europäische Überlegenheit in Frage stellte, kann man aus seinen Schriften allerdings nur schwerlich ableiten. Und nicht zuletzt deshalb wurde gerade HEART OF DARKNESS von schwarzen Literaturwissenschaftlern harsch kritisiert und als durch und durch rassistisch beschrieben.

Ähnlich muß man es wohl hinsichtlich der Frauenrechte betrachten, denen Conrad in CHANCE angeblich das Wort redet. Liest man es im historischen Kontext, könnte man es als reine Leistung betrachten, daß er in einem längeren Text überhaupt über Fragen wie diese reflektiert; betrachtet man es aus dem zeitgenössischen Kontext des heutigen Lesers, strotzt der Text nur so vor frauenverachtenden und frauenfeindlichen Ansichten. Zumindest durch Marlows Mund kundgetan. Der nie namentlich markierte Ich-Erzähler, der Marlows ausgesprochen detailreiche Erzählung ebenso detailreich wiedergibt, fungiert hier allerdings als Korrektiv und stellt Marlows Äußerungen gelegentlich in Frage. Genau dies ist eins der besten Beispiele für die prekäre Erzählsituation, die Conrad so meisterlich herzustellen versteht.

Im Conrad´schen Kosmos ist SPIEL DES ZUFALLS sicher nicht als Meisterwerk zu bewerten. Es ist eher für die Aficionados und die Komplettisten interessant. Für den Literaturwissenschaftler wiederum ist es deshalb von Interesse, weil hier Conrads Vorgehensweise, sein schriftstellerisches Programm so hervorragend zu beobachten sind. Anders als viele seiner früheren Stories, Romane und Novellen weist es auch ein veritables Happyend auf, denn nachdem sich Floras Vater selbst gerichtet hat, können sie und Kapitän Anthony – dessen Vater, ein besonderes Schmankerl, das Conrad in den Text einbaut, ein national berühmter Dichter gewesen sein soll – zumindest bis zu seinem vorzeitigen Ableben beim Untergang der Ferndale glücklich miteinander leben. Und wenn Marlow auf den letzten Seiten davon berichtet, wie er Flora erst kürzlich wiedergetroffen habe und schnell noch als Ehestifter zwischen der jungen Witwe und dem sie anhimmelnden Powell fungieren konnte, wird der Leser mit einem rundum wohligen Gefühl aus diesem Roman entlassen.

Für Conrad, zumindest das scheint außer Frage zu stehen, ist alles menschliche Ausgreifen, sind sein gewolltes Streben, seine Pläne und Vorhaben immer einem höheren Schicksal unterworfen, das wir entweder so benennen können oder aber als Zufall deklarieren. Letzteres deutet auf eine Welt hin, aus der ein lenkender Gott mindestens verschwunden ist. Eine Welt, in der das Individuum den Unbilden der Natur – bspw. auf See – ebenso ausgesetzt ist, wie denen der Zeit und des Ortes, an den uns unser Schicksal stellt. Und den Unbilden der eigenen Seele. Flora de Barral ist die Tochter eines Betrügers, Kapitän Anthony und seine Schwester, Mrs. Fyne, sind die Kinder eines Dichters. Sie alle sind also auch Kinder einer bestimmten Prägung, sozialer wie seelischer Natur. Das kann dazu führen, daß man sich selbst verachtet, wie es bei Flora der Fall ist, es kann dazu führen, daß man sich in der Einsamkeit einrichtet, wie es der Kapitän zu tun pflegte, bis er eben Flora kennenlernt, es kann aber auch dazu führen, daß man das sprachliche Vermögen, welches einem mitgegeben wurde, nutzt, um sich für so unerhörte Dinge einzusetzen wie die Rechte der Frauen. So macht es Mrs. Fyne und wird dafür zumindest von Marlow reichlich abschätzig beurteilt.

Eines ist sicher: Daß Flora nicht über die Klippe springt, daß wir die ganze aus ihrer Begegnung mit Marlow am Fuße eben jener Klippe sich ergebenden Geschichte überhaupt zu lesen bekommen, weil Marlow Powell kennt, daß dieser im rechten Augenblick sieht, wie Floras Vater den Kapitän vergiften will – diese und etliche andere Begebenheiten dieses Romans entspringen schlicht dem Spiel des Zufalls.

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