ES GESCHAH AN EINEM SAMSTAG/PLAYING MY MOTHERS BLUES

Ein vielstimmiges Drama, das Valerie Wilson Wesley anstimmt

Dem geneigten Krimileser wird Valerie Wilson Wesley vor allem durch eine der ersten schwarzen Privatdetektivinnen der Literaturgeschichte, durch Tamara Hayle, ein Begriff sein. Hier erzählt die engagierte Autorin zwar ebenfalls mit der gewieften Kunst eines Spannungsautors, nutzt dieses Talent jedoch, um eine Familiengeschichte aufzublättern, die zwanzig Jahre alte Wunden ebenso aufreißt, wie sie hilft, sie endgültig zu schließen.

Auf drei Tage verteilt, berichtet dieses Buch in den Stimmen von Marie, Dani, Rose und Lucille von den Ereignissen, die dazu führten, daß Marie ihre Familie – vor allem die Töchter Dani und Rose – bei ihrem Mann und dessen Schwester Lucille zurückließ und weshalb es zwischen ihr und ihrem Liebhaber, für den sie alles aufzugeben bereit war, zu einer derart heftigen Auseinandersetzung gekommen ist, daß Marie zwanzig Jahre ihres Lebens in einem Gefängnis verbachte – für den Mord an eben diesem Liebhaber. Es ist das Begräbniswochenende von Hilton Dells, einem angesehenen Mitglied der black community einer reizlosen Stadt in New Jersey. Er ist im hohen Alter verstorben und seine Töchter Dani, die selber drauf und dran ist, ihren Mann für einen Liebhaber, einen sehr ernsthaften und ehrlichen Menschen, zu verlassen, und Rose, die als Ausbund der Vernunft gilt und selber hohes Ansehen in ihrem Beruf als Lehrerin genießt, sich emotional aber extrem zurückhaltend gibt, müssen federführend die Bestattungsfeierlichkeiten ausrichten. Unterstützt werden sie von ihrer Tante Lucille, die gemeinhin als verbitterte Alte gilt, in der ihr zugestandenen Textstrecke – im Gegensatz zu den anderen Dreien dürfen wir ihre Stimme nur einmal vernehmen – jedoch den Geist einer rebellischen, in den Strömungen ihrer Zeit, und das waren die bewegten 1960er Jahre, vollkommen aufgehenden selbstbewußten Frau offenbart, deren Leben durch die Tat ihrer Schwägerin einen kompletten Umbruch, einen völlig unerwarteten Schwenk genommen hat. Während die Schwestern mit ihren ganz eigenen, alltäglich anmutenden Problemen und der emotionalen Verarbeitung des Verlusts eines ausgesprochen patriarchalen und wenig liebenswürdigen Vaters beschäftigt sind, bekommen die Ereignisse eine dramatische Wendung, als Marie, Dells erste Frau, Mutter von Dani und Rose und verurteilte Mörderin ihres Liebhabers, auf der Trauerfeier auftaucht. Obwohl sie sich unsichtbar zu machen sucht, obwohl sie nur am Rande stehen bleibt, wird sie entdeckt. Und zwanzig Jahre lang verschüttete Erinnerungen, Ängste, zwanzig Jahre lang unterdrückte Gefühle des Verlusts, der Wut, gar des Hasses brechen sich Bahn. Es kommt zu einer Begegnung, die das Leben von Dani und Rose nachhaltig verändern wird.

Wesley gelingt da ein kleines Meisterwerk. Auf gerade einmal schmalen 233 Seiten gelingt ihr eine komplexe, tiefgreifende Studie dreier komplexer Charaktere, es gelingt ihr, ohne Sentiment oder gar Pathos, die Not und Trauer dieser Kinder begreifbar zu machen, deren jüngere, Dani, gerade sieben Jahre alt ist, als ihre Mutter sie verlässt. Wesley beschreibt Leben, die sofort einleuchten, sie entwirft Figuren, die wir ihr sofort abnehmen. Natürlich steht das Geheimnis um das Verschwinden der Mutter und jenen Samstagnachmittag, an dem sich das Leben dieser drei Menschen grundlegend veränderte im Vordergrund und natürlich weiß eine Krimiautorin wie Wesley, Spannung nicht nur zu erzeugen, sondern auch auf einem konstant hohen Level zu halten. Umso  brillanter also die Leistung, die ihr wesentlichen Themen des Buches in dieses Spannungsgeflecht einzuweben und ohne das der Leser es wirklich gewahr wird, zu den „eigentlichen“ werden zu lassen.

Dabei ist sie nie explizit politisch, Lucille nur einmal zu Wort kommen zu lassen, ist auch Programm, doch wäre es unglaubwürdig gewesen, eine schwarze Familie darzustellen, deren Protagonisten alle irgendwann in den 1960ern gelebt haben oder geboren wurden, die dem damals entstehenden schwarzen Mittelstand entspricht und dabei nicht von den Umwälzungen durch die Bürgerrechtsbewegung berührt worden wäre. Doch geschickt versteht Wesley es, eben nicht dem verlockenden Pfad zu folgen und eine politisch bewusste und intellektuell wache Frau in den Mittelpunkt zu stellen, sondern eine etwas unbedarfte, an ihrem Heiratstag viel zu junge, am Leben interessierte Frau, die von einem viel älteren Mann regelrecht ausgesucht und erstanden wird. Dies ist ganz offensichtlich ein wesentliches Anliegen der Autorin: Eine patriarchal geprägte Kultur, die die afroamerikanische zweifellos (noch) ist, frei von Ressentiment zu zeigen, offen, ohne offen anklagend zu werden. Anhand einer Figur wie Marie läßt sich genau dies aufzeigen: Die Dinge, wie sie sind. Daß dabei ein auch bei Schwarzen manchmal immanenter Rassismus, ein Rassismus, der von den Weißen selbst den ihnen Ausgelieferten eingepflanzt wurde, eine Rolle spielt, will Wesley ebenfalls deutlich darstellen. Wie die Abstufung der Hautfarbe von hell zu tiefschwarz die soziale Rolle bestimmen kann, die man im Leben spielt – und zwar nicht nur im „tiefen Süden“ – ist eine auch für den europäischen Leser nur schwer erträgliche Lektion dieses Romans.

Es ist die Lakonie dieser Sprache, ihre Nüchternheit, was die Lektüre zu einem Genuß macht, weil dies extrem präzise, sprachlich genau und exakt soviel auslassend geschrieben ist, daß zwischen den Zeilen ein mindestens ebenso umfangreicher Roman mitzulesen ist (an dieser Stelle auch ein Dank an Gertraude Krueger für die sehr gelungene Übersetzung); es ist aber eben auch diese Lakonie, die Wesleys Geschichte emotional so unerträglich macht. Den Schmerz dieser verlassenen Kinder empfindbar zu machen und den Leser zugleich begreifen zu lassen, warum sich eine Dani und warum sich eine Rose im Verlauf dieser zwanzig Jahre, die ihre Mutter im Gefängnis saß, die jeweils ihnen spezifischen Panzerungen und seelischen Hornhäute zugelegt haben, das ist literarisch großartig, das ist Kunst. Ein Beweis, des „Weniger ist mehr“, vergleicht man dieses Werk mit anderen, die Hunderte und Aberhunderte an Seiten brauchen, um von Verlust zu berichten, und doch nie über die Larmoyanz eines Kummerkastens hinaus kommen.

Sei´s drum. Dies hier ist ein großer kleiner Roman, der unbedingt viele Leser verdient hat.

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