VOR DEM STURM/SALVAGE THE BONES

Ein brillanter Roman über die Südstaaten heute

Die junge Esch – zur Zeit der Handlung ca. 15 Jahre alt – erzählt uns aus ihrer Perspektive von zehn Tagen im Jahr 2005, die in einem der schrecklichsten Stürme kulminieren, die die amerikanische Südküste je hat erleben müssen, dessen Folgen noch heute zu spüren sind: Hurrikan Katrina. Esch und ihre Brüder Randall, Skeetah und Junior – letzterer mit gerade 5 Jahren ein Nachzügler, bei dessen Geburt die Mutter verstarb – leben mit ihrem Vater in einem baufälligen Anwesen außerhalb einer Kleinstadt im Mississippi-Delta. Während der Alte versucht, die Bruchbude, die sie ihr Zuhause nennen, sturmreif zu machen, haben die Kinder ganz andere Sorgen: Skeetahs Pitbullterrierin China hat ihren allerersten Wurf geboren und braucht Zuwendung und Hilfe, soll ihre Nachkommenschaft doch unbedingt überleben und Skeetah und dem Rest der Familie durch den Verkauf als Kampfhunde ein wenig Geld bringen; Randall sieht einem Basketballmatch entgegen, das ihm möglicherweise zu einem Collegestipendium verhelfen kann und Esch, die mit verschiedenen Kerlen Sex hatte, aber nur Augen für Manny hat, muß feststellen, daß sie schwanger ist. Und Junior? Er ist eine verlorene Seele, seine einzige Zuneigung als Baby erhielt er im Grunde von streunenden Hunden, die allerdings sämtlich von China verjagt wurden. So läuft der kleine Kerl eben mit, bei allem, was die Geschwister anstellen: Diebstähle, um an Medizin für die Hündin zu kommen, Hundekämpfe, denen China sich stellen muß, weil Skeetah sonst in seiner Community das Standing verliert, Ausflüge in die Stadt, um Randalls Match zu sehen und dabei Schlägereien anzuzetteln…und schließlich kommt es bei den Vorbereitungen des Vaters auf den Hurrikan, den außer ihm niemand ernstzunehmen scheint, zu einer ernsthaften Verletzung. Jetzt erst, als der Vater nicht mehr kann, nehmen sowohl Randall als auch Esch die Vorbereitungen in die Hand und merken nach und nach, wie ernst die Situation zu werden droht – und daß sie Verantwortung für sich und einen Haufen anderer Lebewesen werden übernehmen müssen. Die Stunden des Sturms werden für jeden von ihnen auch zu Stunden der Entscheidung und des Reifens.

Jesmyn Ward erzählt dem geneigten Leser eine Geschichte aus dem tiefen Süden der USA, eine Geschichte aus der Black community, eine Geschichte davon, wie man erwachsen wird, wie man lernt Verantwortung zu übernehmen und wie man lernt, dafür den Preis zu entrichten. Sie erzählt uns dies in einer poetischen, metaphorischen Sprache, der es gelingt, die Wunder der Zuneigung, Freundschaft und auch der Liebe einzufangen, ohne dabei auch je nur in die Gefahr zu geraten, kitschig zu werden oder in Klischees zu verfallen. Und sie fängt den Medea-Mythos ein für den Leser und verankert ihn neu, in einer schwarzen Gemeinde…

Man spricht ja von der Ruhe vor dem Sturm, davon, daß es extrem windstill und leise wird, bevor das Getöse losbricht. Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir in die Handlung einsteigen, scheint alles und jeder in einer „Ruhe vor dem Sturm“ zu verharren – einerseits ganz wörtlich, andererseits metaphorisch. Jeder der wesentlichen Personen wartet auf etwas: Das große Match, das Überleben der Welpen, die Monatsblutung. Dabei wird dieses Warten als etwas nahezu Selbstverständliches dargesetllt, als wäre Warten für diese Menschen der Normalzustand. Und während des Wartens werden die wesentlichen Themen Pubertierender verhandelt, werden die kleinen Machtkämpfchen ausgetragen, die entscheiden, wer in der Clique welche Position einnimmt. Big Henry, Manny und Marquise – Freunde von Esch und ihren Brüdern – kommen vorbei und hängen mit ihnen im Hof rum und alle erzählen sich gegenseitig, was einmal sein wird. Und alle machen den Eindruck, ganz zufrieden zu sein damit, wie es gerade ist. Diese Stimmung scheint vollkommene Ruhe darzustellen. Esch in ihrer Verliebtheit hat nur Manny im Kopf, den sie für den Vater des Kindes hält, der sie jedoch schließlich aufs Gemeinste abserviert, zugleich nimmt Esch kaum wahr, wie sehr Big Henry sie zu begehren scheint. Es sind die kleinen Dramen des Erwachsenwerdens, die so verhandelt werden, fast nebensächlich. Wie alles hier fast nebensächlich erscheint, als gäbe es nichts „Großartiges“ zu erzählen.

Ward gelingt es, diese „Ruhe vor dem Sturm“ durch die Sprache empfindbar zu machen. Allerdings wird ihr alles – der Sturm selbst, aber auch die Hündin China, die das Haus umgebende Natur und natürlich der Mythos von Medea – zur Metapher. Dreifach wird das Muttermotiv ausgespielt: Die werfende Hündin, die schließlich eines der eigenen Welpen tötet; die schwangere Jugendliche, die der wachsenden Saat in ihrem Inneren indifferent gegenüber steht und nicht weiß, wie sie mit dieser Bürde fertig werden soll; schließlich der Sturm, den Esch als Übermutter identifiziert, der – Medea gleich – über die eigenen Kinder kommt und diese zu vernichten droht. Und der Sturm wird auch zur Bewährungsprobe für die fragilen Beziehungen der Geschwister untereinander: Skeetah, der alles seiner Hündin unterordnet, der kein Problem damit hat, daß Junior durch sie seine frühkindlichen Spielgefährten – die anderen Hunde – verloren hat, den es nicht stört, daß Randall aufgrund der von ihm angezettelten Schlägerei das Stipendium verliert, der Esch, als er merkt, daß sie schwanger ist, zunächst verachtet – dieser Skeetah wird sich im Sturm entscheiden müssen, ob er China wirklich über die Beziehung zu seinen Leuten stellt. Randall wird die Verantwortung für ein sehr viel kleineres Lebewesen – seinen Bruder – auf vollkommen andere Art und Weise wahrnehmen müssen, als er es bisher getan hat und Esch wird eine Entscheidung treffen müssen, ob sie – Medea gleich, die sie als stark identifiziert – ihre (ungeborenes) Kind töten oder ob sie – anders als China, die letztendlich das eigene Wohlbefinden über das der Welpen zu stellen scheint (und damit ebenfalls zu einem Symbol wird) – sich dieser Verantwortung stellen will.

Jesmyn Ward ist ein wunderbar ausgeglichener Roman, ein sprachlicher Balanceakt gelungen. Alles ist austariert: Der Vater, als ältestes und schließlich schwächstes Familienmitglied, Junior, als dessen kindliche Entsprechung, dazwischen drei ihre Mutter vermissende und viel zu früh durch zu übernehmende Verantwortung erwachsen gewordene Teenager, die eigentlich Teenagerprobleme wälzen wollen und Erwachsenenprobleme lösen müssen. Diese drei – Esch, Randall und Skeetah – sind auch das Epizentum des Romans (Esch natürlich, durch die Position als Icherzählerin, etwas hervorgehoben). Um sie herum ist alles gruppiert, ihre Entscheidungen, die viel zu groß für sie sind, müssen sie an der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein treffen. Die Lakonie, mit der das alles erzählt wird, macht diese Geschichte(n) so glaubwürdig. Und wenn dann schließlich der Sturm losbricht, vermeidet Ward den Fehler, plötzlich in dramatisches Erzählen zu verfallen. Sie behält ihr Tempo bei, sie behält ihren Sprachduktus bei und wird so erzählend dem Sturm gerecht. Man merkt, daß hier jemand erzählt, der – wenn nicht diesen – zumindest einmal im Leben einen echten Tropensturm und dessen Zerstörungskraft erlebt haben muß.

Als Weißer, der dies alles liest, fällt auf, daß Weiße in diesem Buch nicht stattfinden, nur ein einziges Mal überhaupt zur Erwähnung kommen. Sie werden als „Weiße“ bezeichnet und tauchen am Horizont der Erzählung auf und verschwinden dort auch sofort wieder. Diese Gemeinschaft Schwarzer im Mississippi-Delta scheint kaum bis wenig Kontakt mit der anderen Bevölkerungsgruppe zu haben. So spielt Rassismus in diesem Buch keine offensichtliche Rolle – lediglich in der Abwesenheit Weißer und deren rassistischer Äußerungen. Damit unterläuft Ward eine Erwartunsghaltung, die wahrscheinlich vor allem weiße Leser an „schwarze Literatur“ stellen mögen – nämlich die, daß sich diese Literatur eigentlich ebenfalls mit ihnen, den Weißen, zu beschäftigen habe, und sei es nur ex negativo. Doch nichts dergleichen, nicht einmal eine ordentliche Schuldzuweisung an „die Weißen“. Nein, Jesmyn Ward findet die vielleicht beste Lösung, als schwarze Schriftstellerin mit dem „Problem“ der Weißen umzugehen: Sie erwähnt sie einfach nicht, sie sperrt sie aus ihrer Erzählung aus, sie läßt uns spüren, daß wir möglicherweise nicht einmal wichtig sind für die Wahrnehmung schwarzer Menschen. Womöglich die schlimmste Verletzung unserer Ichbezogenheit, die es gibt?

Und dennoch ist dies ein zutiefst politisches Buch. Ward erzählt von der bitteren Armut schwarzer Menschen im Delta, generell im Süden der USA, sie erzählt davon, wie es gerade diese Gemeinden am härtesten traf, als der Sturm kam, diese Gemeinden, wo niemand auftauchte, um zu evakuieren, und wenn, viel, viel zu spät. Einmal mehr ist es die lakonische Sprache, die doch immer wieder wunderschöne Bilder findet, um diesen Menschen Würde zu verleihen. Und der Erzählung Glaubwürdigkeit. Das ist überhaupt ein Merkmal dieses Romans: Man ist vollkommen bei Esch und dem, was sie erzählt. Man wird mitgenommen in diese Erzählung und man leidet mit, still, weil man lange gar nicht merkt, von wieviel Leid und Schmerz hier eigentlich die Rede ist. Stilles Leid – Juniors Schmerz, nie eine Mutter gekannt zu haben, seine Versuche, dem Vater zu gefallen; der Vater, der den Verlust seiner Frau nicht verkraftet und dennoch nicht weiß, wie er mit einer Frau umzugehen hätte; die Brüder, die ander(e)s hatten sein woll(t)en und nun damit leben müssen, was und wie sie sind.

Denn auch das ist wesentlich an diesem Buch: Es ist das Buch einer Frau, die aus einer extremen Männerwelt berichtet, die aber darin das Recht als Frau auf ihr Leben, ihre Selbstbestimmung, ihre Lust behauptet. Und die – trotz allem – diesen Männern ebenfalls Würde verleiht. Gerade an ihrer Lust scheiden sich die Geister (der Jungs): Für Manny ist sie eine Hure, die „es mit allen treibt“, ihre Brüder sagen nichts und denken sich ihren Teil und ihr Vater, in dem Moment, als er es – mitten im Sturm – erfährt, stößt sie von sich. Und offenbart damit wahrscheinlich durchaus das, was ihre Brüder nur denken und Manny ausgesprochen hat. Frauen, die Lust haben und die diese Lust ausleben, sind eben „Huren“. Daß Medea zur Schutzheiligen dieser jungen Dame wird – man kann es nur zu gut verstehen.

Ward verzichtet auf nahezu alle Klischees, die man sich hinsichtlich schwarzer Jugendlicher vorstellen könnte. Diese sind keine ewig Crack rauchenden Halbkriminellen. Die einzige kriminelle Handlung ist Skeetahs (blutig gescheiterter) Versuch, die Medizin für China zu klauen. Und das Motiv dafür ist klar benannt: Armut. Er kann sich das Medikament eben schlichtweg nicht leisten. Wenn Ward dann die promiskuitive schwarze Frau auftreten läßt (und dieser sehr selbstsichere Worte über die eigene Sexualität in den Mund legt), die ja an sich ebenfalls schon ein Klischee ist, und diese in Kontrast zu diesen Kerlen setzt, die eben – wie alle Männer, egal ob weiß, schwarz, gelb oder rot – eine Frau mit wechselnden Geschlechtspartnern immer nur als „Hure“ wahrnehmen können, dann macht sie hier ein eminent politisches Statement. Und sie rehabilitiert diese Kerle auch noch: Der Vater bricht gegenüber Esch nahezu zusammen vor Scham ob seines Verhaltens, und Big Henry sagt auf Eschs Verzweiflung, was sie mit einem Kind solle, nur, daß es ihn ja auch noch gäbe.

Überhaupt ist diese Figur des Big Henry eine der am einfühlsamsten und bestgezeichnetsten Figuren, die man lange in der Literatur gelesen hat. Spärlich porträtiert, mit wenigen Charakeristiken ausgestattet, dafür aber in seiner Leibesfülle und mit seinen Liebe ausdrückenden und doch zurückhaltenden Blicken unglaublich präsent, könnte er stellvertretend stehen für die Sprache dieses Buches und dafür, was es auszudrücken hat.

Die „Washington Post“ wird auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe zitiert mit dem Satz, daß man es hier mit dem Geschmack eines zukünftigen Klassikers zu tun hätte. Diesem Urteil kann man sich nur anschließen. Großartig.

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