UNSERE SEELEN BEI NACHT/OUR SOULS AT NIGHT

Abschluß und ein ruhiger Höhepunkt in Kent Harufs Berichten aus dem Leben der Kleinstadt Holt, Colorado

OUR SOULS AT NIGHT (Dt.: UNSERE SEELEN BEI NACHT) lautet der Titel von Kent Harufs letztem Roman, der erst 2015 posthum erschien. Er wirkt wie ein Requiem, als habe der Autor geahnt, daß seine Zeit abläuft, die Kräfte nachlassen und das Leben verrinnt. Ein Requiem auf das Leben selbst, eine Elegie, die noch einmal die vergangene Zeit heraufbeschwört, die schönen Seiten und die Fehler, die Verletzungen, die einem durch das Leben geschlagen wurden und jene, die man andern selbst zugefügt hat. Und zugleich ist dieser schmale Band ein großer Gesang auf das Leben, wie es fast immer bei Haruf der Fall ist.

Die Witwe Addie Moore sucht eines Tages ihren Nachbarn Louis Waters auf, auch er Witwer, und macht ihm einen Vorschlag: Er solle abends in ihr Haus kommen und das Bett mit ihr teilen – um zu reden. Sie vermisse es, jemanden zum Reden zu haben und auch, daß jemand neben ihr im Bett läge. Louis, anfänglich skeptisch, lässt sich auf das seltsame Arrangement ein und so entwickelt sich eine Freundschaft, die das Potential hat, zu einer letzten großen Liebe im Leben der beiden zu werden, wären da nicht die Nachbarn und die eigenen Kinder, die diese Freundschaft argwöhnisch bis feindselig beobachten und denen es schließlich gelingt, bei Addie Zweifel zu säen.

Wer Haruf und seinen Stil kennt, weiß um die Reduktion seines Schreibens. Oft rein deskriptiv berichtet er aus dem ganz normalen Leben der Kleinstadt Holt, irgendwo in den weiten Ebenen von Colorado gelegen. Alle seine sechs Romane sind hier angesiedelt. In ihnen passiert so gut wie nichts Aufregendes und selbst das Aufregende berichtet Haruf wie beiläufig. Seinem Stil ist die Ruhe jener eingeschrieben, die in den Great Plains leben, unter einem endlosen Himmel, umgeben von einem ebenso endlosen Horizont. Hier ist das Leben an sich eher langsam, gemächlich, ruhig. Die Dinge des Lebens werden hingenommen, nichts von dem, was dem Menschen geschieht, ist schlimm genug, als daß das Dasein nicht eine Lösung fände. In dieser Weite erscheint das menschliche Dasein klein, bescheiden, manchmal demütig. Die Menschen, die Harufs Bücher bevölkern, sind genau das: menschlich. Sie sind weder gut noch böse, sie leben durchschnittliche Leben und machen Fehler, wie sie auch in der Lage sind, Probleme zu erkennen und zu helfen, wo Hilfe nötig ist. Manchmal sind es schlimme Schicksale, die einige von ihnen ereilen, und doch erzählt Haruf nie aufgeregt, nie wird er sentimental oder forciert allzu große Emotionalität beim Leser. Man muß diese Beschreibungen miterleben, man muß sich auf sie einlassen und bereit sein, die Empathie aufzubringen, die gelegentlichen Ungeheuerlichkeiten, die Abgründe, die sich durchaus auftun, als solche zu erkennen und zu empfinden.

OUR SOULS AT NIGHT bietet allerdings keine solchen Abgründe. Das frische Paar Addie und Louis kümmert sich wenig um das, was die Nachbarn sagen, sie nehmen Addies Enkel Jamie  in ihrer Mitte auf, als dessen Eltern sich trennen und Addies Sohn Gene sich damit überfordert fühlt, allein ein Kind zu erziehen und zugleich die drohende Insolvenz seiner Firma abzuwickeln. Sie gehen mit dem Jungen picknicken und zum Softball-Spiel, schenken ihm einen Hund und trösten ihn, wenn seine Trauer um die elterlichen Streitigkeiten ihn zu überwältigen droht. Und sie tun das aus der Sicht und Perspektive dessen, der das Leben bereits hinter sich hat, all diese Widrigkeiten kennt und natürlich weiß, daß alles dennoch weitergeht. Es ist ein liebenswertes Paar, das einander seine Lebensgeschichte erzählt, seine Verfehlungen beichtet und doch keine Rechenschaft voreinander ablegt, sondern ganz genau begriffen hat, daß es eben genau so vergeht, das Leben. Eine Aneinanderreihung von Glücksmomenten und Schmerz, vielleicht überwiegen mit zunehmendem Alter die schmerzhaften Seiten etwas mehr, nicht nur körperlich.

Haruf schreibt sich in diesen Roman selbst ein, indem er Addie und Louis darüber spekulieren lässt, ob „dieser Autor“ die Stadt wirklich kenne, denn weder er noch sie haben je von den Figuren erfahren, die in seien Büchern vorkommen, nie ein Farmerpaar getroffen, das eine vereinsamte Jugendliche freiwillig bei sich aufgenommen habe (wie es der Fall in PLAINSONG, dt.: LIED DER WEITE, der Fall gewesen ist) und so erlaubt sich der Autor in diesem Schlußwerk seiner Holt-Geschichten ein kleines metatextuelles Spiel, das aber keine weiteren Auswirkungen auf die Figuren dieses Romans hat. Womit Haruf letztlich auch die eigene Existenz, das eigene Werk, das Schreiben einordnet – ebenso bescheiden und demütig, wie seine Figuren ihr Leben gestaltet haben. Dies ist ein schöner Schlußakkord unter ein schmales, doch feines Werk.

Voller Liebe zu seiner Heimat und zu seinen Figuren gelingt Haruf einmal mehr eine fast zarte Beschreibung des menschlichen Daseins unter spezifisch amerikanischen Bedingungen und so wird OUR SOULS AT NIGHT auch – wie alle guten Roman über den Westen – zu einem Stück Americana, zu einer Beschreibung amerikanischer Wirklichkeit, amerikanischen Lebens. Daß Enkel Jamie nie ein Baseball-Spiel besucht hat, weder über Erfahrungen mit dem Fangen des harten Balls verfügt, noch damit, wie man ihn schlägt, rührt in Louis, der selber Lehrer an der lokalen Highschool war, etwas auf. Ein amerikanischer Junge, so sein Credo, brauche diese Erfahrungen, so, wie er auch einen Hund brauche. Einfache Weisheiten, die unter Harufs Blick aber mit Leben gefüllt werden und damit folgerichtig wirken. Also schafft Louis beides für Jamie an. Haruf beschwört also auch ein letztes Mal jenen Geist von Amerika, der das Land einmal groß gemacht hat, es zu einem Traum für Viele weltweit werden ließ. Dieser unbedingte Glaube an das Positive, an eine Zukunft, die immer auch noch etwas Besseres in petto hält. Zugleich verschließt er aber die Augen weder vor einer politischen Realität, die in den Gesprächen zwischen Addie und Louis angerissen wird, naturgemäß bei über 70jährigen aber nicht mehr die allergrößte Rolle spielt, noch verweigert er einen Blick auf jene Aspekte einer Kleinstadt, die dieses Leben eben auch schwierig machen können. Klatsch und Tratsch, das Bewußtsein, daß nahezu jeder über jeden Bescheid weiß, Provinzpossen und Kleinstadtspießer kommen in dieser Welt eben auch vor und nehmen – leider – auch eine maßgebliche Rolle ein.

Es ist vor allem Addies Sohn Gene, der seinen Eltern, vor allem seinem lange schon verstorbenen Vater, grollt, da diese ihn nach dem Tod seiner älteren Schwester angeblich vernachlässigt, wenn nicht gar ignoriert hätten. Da auch dieser Teil ihrer Geschichte dem Leser durch Addies Aussagen gegenüber Louis nahegebracht wird, bleibt es eine Annahme. Die Folgen dieser Annahme sind freilich verheerend, denn Gene ist die treibende Kraft, damit Louis sich von Addie fernhalten muß. Ohne jedwede Dramatisierung berichtet Haruf davon, wie eine alte Frau sich schließlich den engstirnigen Vorstellungen ihres Sohns fügt, aus Angst, den Enkel nicht mehr sehen zu dürfen. Und doch gelingt es ihr nie so ganz: Statt nachts neben Louis im Bett zu liegen, ruft sie ihn nun aus einer weit entfernten Senioren-Residenz an und sie setzen ihre Gespräche fort.

Kent Haruf ist ein großartiger kleiner Roman über die letzten Jahre gelungen, über das Leben und die Gleichmütigkeit im Angesicht des herannahenden eigenen Endes, darüber, wie man auch dann nicht den Optimismus verlieren sollte, wenn da vielleicht gar nicht mehr so viel ist, worauf man hoffen kann. Eine freundliche Geste, ein gelungener Tag, eine neue Erinnerung, die sich in die lange Kette der bereits aneinandergereihten Erinnerungen einfügt – ein Versuch über das gelungene Leben. Ein wunderbares, ein warmes, ein dem Leben zugewandtes Buch eines Autors, der in Europa gerade erst entdeckt wird. Immer wieder staunt man als Leser von Kent Haruf, wie es diesem Autor gelingt, mit scheinbar so einfachen sprachlichen Mitteln, das Dasein, den Menschen, seine Widersprüche und Einsichten einzufangen, verständlich zu machen und dabei selbst den Alltag wie ein kleines Abenteuer erscheinen zu lassen. Im besten Sinne versöhnliche Literatur.

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