LIED DER WEITE/PLAINSONG

Ein kleines Juwel der jüngeren amerikanischen Literatur

Wenn man die Great Plains durchfährt, jene Ebenen, die von Osten kommend den Rocky Mountains vorgelagert sind und der amerikanischen Bildikonographie jene unendlich geraden, in der Endlosigkeit sich verlierenden Highways beschert haben, wenn man also diese Weiten in einem der großen, gemütlichen Straßenkreuzer durchfährt – durchgleitet sollte man wohl besser sagen – dann stellt sich irgendwann das Gefühl ein, nicht mehr deutlich unterscheiden zu können, ob man selber in Bewegung ist oder ob man, wie in einem der alten Stummfilme aus Hollywood, vor einer Landschaftstapete sitzt, die, an Spindeln aufgezogen, im Hintergrund abgewickelt wird und den Eindruck von Bewegung suggeriert. Highway-Trance, Highway-Meditation. Die Great Plains lassen den, der sie durchfährt, das Verhältnis spüren, in dem wir uns zum großen Ganzen, dem Universum oder der Ewigkeit, befinden.

Will man über diese Erfahrung schreiben, sie einfangen, was vielleicht filmisch am besten gelingen kann und schon im Wildwest-Film zum Topos wurde und im Road-Movie schließlich zum Movens, muß man nicht nur ein Gespür für eben dieses Verhältnis des Einzelnen zum großen Ganzen sein Eigen nennen, sondern man muß auch über die Sprache verfügen, es auszudrücken. Robert Olmstead oder Tom Drury, dessen Geschichten allerdings eher im Mid-West angesiedelt sind, verfügen sowohl über die Empfindung wie auch über diese  Sprache, und ganz besonders Kent Haruf. PLAINSONG zeugt auf beeindruckende Weise von seiner Fähigkeit, das Leben auf den Weiten der Great Plains einzufangen, seine Besonderheiten zu erspüren und diese dem Leser zu vermitteln.

Holt, Colorado – östliches Colorado – ist die fiktive Kleinstadt, in der Haruf seine insgesamt sechs Romane angesiedelt hat, ein wenig angelehnt an Faulkners fiktives Yoknapatawpha County. Ohne direkten inhaltlichen Zusammenhang, entsteht aus seiner Feder ein kleiner Kosmos des Lebens unter den weiten Himmeln und den weiten Horizonten des Westens. Hier wird alles gleichmütig und ruhig und so fließen seine Erzählungen in eben diesem Tempo dahin. Ein weiter Reigen kleiner und größerer, aber immer erstaunlich still ertragener Dramen breitet der Autor vor seinem Publikum aus, dabei immer darum bemüht, die Geschehnisse nicht zu überdramatisieren, gar ins Melo abdriften zu lassen, obwohl sie eigentlich das Potenzial dazu hätten.

Da gibt es die schwangere minderjährige Schülerin Victoria, die, von der eigenen Mutter verstoßen, auf Vermittlung ihrer Lehrerin Maggie Jones von zwei alten Farmern, den Brüdern Raymond und Herold McPheron, aufgenommen wird, für die ein junges Mädchen im Haus einen kompletten Wandel ihres vollkommen gleichförmigen Lebens bedeutet; da ist der Highschool-Lehrer tom Guthrie, der es mit den Eltern eines extrem widerborstigen Schülers zu tun bekommt; da sind Guthries Söhne Ike und Bobby, deren Mutter sie verlassen hat; da ist Maggie, die wiederum ein wenig Liebe und Zuneigung sucht.

Haruf gelingt es, diese Geschichten, diese Leben, so zu erzählen, daß sie wie eingebettet wirken in das große Rad der Zeit, den Lauf der Dinge, das alltägliche Leben und Vergehen. Wenn die McPherons die zweijährigen Färsen auf etwaige Schwangerschaften untersuchen, versteht Haruf es, dies mit eben der Gleichmut zu erzählen, wie Tom Guthries Probleme mit seinen Schülern geschildert werden; wenn Guthrie und der Tierarzt ein totes Pferd obduzieren, unterscheidet sich dies nicht allzu sehr von jenem Moment, in dem Bobby und Ike die alte Mrs. Stearns, die ihnen zugewandt war und ihren Schmerz über den Verlust der Mutter wie selbstverständlich erkannt hatte, tot auffinden. Es sind die Dinge des Lebens, dem Leser oft unr allzu bekannt, im individuellen Fall immer größere und kleinere Mißgeschicke oder Schicksalsschläge, im Lauf der Zeit aber eben auch allzu bekannte und sich immer wiederholende Vorgänge, die wir alle kennen. So ist die Schwangerschaft einer 17jährigen letztlich kein größeres Drama als eine Kuh, die wegen ausbleibender Schwangerschaft aussortiert und letztlich dem Schlachter überantwortet wird. Es gibt Momente, in denen will das lesende Ich aufbegehren gegen diesen Gleichmut und die Gleichwertigkeit, mit der der Autor all das präsentiert. Und doch ist es eben genau dieser Gleichmut, der den Leser begreifen lässt, wie im Angesicht der unendlichen Weite des Landes nahezu alles im gleichen Fluß des Seins dahinfließt.

Wenn sich dann am Ende des Buches wesentliche Figuren auf der Farm der McPherons einfinden, um den Memorial Day zu feiern, dann hat man es hier nicht mit dem Happy End einer Feel-goodStory zu tun, sondern mit Menschen, lebensnahen Menschen, die sich zusammengefunden, ja, zusammengerauft haben, um sich – auch gegenseitig – zu versichern, daß man im Schmerz und den Verlusten, die man zwangsläufig erleidet, nicht untergehen und ertrinken muß, wie es Ike und Bobbys Mutter vielleicht erleben musste, sondern daß hier und da in der Flut vermeintlich fürchterlicher Dinge auch Freundschaft, manchmal sogar Liebe gedeiht.

Kent Haruf lässt diese Geschichte(n) in einem gleichbleibenden Tempo am Leser vorbeigleiten und man empfindet ein wenig wie der Fahrer eines Pick-Ups, der die Meilen am Surren des Asphalts unter den Rädern zu spüren vermag. Man gewinnt sie lieb, diese Figuren, die nie erklärt, immer nur beschrieben werden, die manchmal auf eine leise, fast traurige Art auch komisch wirken in ihrer Verlorenheit. Die aber vor allem – und das macht einen Text wie diesen dann doch zu mehr als reiner Unterhaltung oder gar Erbauungsliteratur – ihre Würde bewahren. Eine Würde, die prekär ist, eine Würde, die immer auch gefährdet scheint, gerade in der Begegnung der jungen Brüder mit jenem Schüler, mit denen ihr Vater sich auseinandersetzen muß; gerade in den Erlebnissen, die Victoria mit dem Erzeuger ihres Kindes hat; gerade in der Sprachlosigkeit, die die McPherons angesichts einer jungen Frau in ihrer Mitte befällt – oder, besser, die im Angesicht einer jungen Frau in ihrem Haus mit einem Mal auffällt. Und gerade in der Hilflosigkeit, die einen Mann wie Tom Guthrie im Angesicht der Liebe aus- und liebenswürdig macht. Es ist die Würde des ganz normalen, alltäglichen Lebens und seiner Verwerfungen, seiner Mühen, seiner Unbilden, die wir tragen und ertragen und die uns dennoch menschlich sein und bleiben lassen.

PLAINSONG ist ein kleines Juwel moderner amerikanischer Literatur, ein feiner, leiser Gesang, den der Wind nachts über die Weiten der Great Plains trägt.

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