THE DEVIL´S BACKBONE/EL ESPINAZO DEL DIABLO
Guillermo del Toro erzählt eine todtraurige Geistergeschichte aus düsteren Zeiten
Der Junge Carlos (Fernando Tielve) wird in einem Kinderheim irgendwo in der Einöde rund um Madrid abgeliefert. Der spanische Bürgerkrieg zerreißt das Land und die Bedingungen sind hart. Es gibt wenig zu Essen, die Kinder hier hungern, wie so viele im Land.
Das Heim wird von Carmen (Marisa Paredes) und Dr. Casares (Federico Luppi) geleitet. Die beiden sind Sympathisanten der Republikaner und Carmen verwahrt einige Goldbarren in ihrem Tresor, die helfen sollen, Waffen, Munition und Verpflegung für die republikanischen Garden zu kaufen.
Neben den Leitern gibt es im Heim einige wenige Lehrerinnen, den Hausangestellten Jacinto (Eduardo Noriega) und das Hausmädchen Conchita (Irene Visedo). Jacinto und Conchita lieben einander und wollen am liebsten gen Süden, einen Bauernhof kaufen, ein neues Leben beginnen.
Carlos freundet sich nach anfänglichen Schwierigkeiten mit seinen Kameraden und Leidensgenossen an. Vor allem Jaime (Íñigo Garcés) fordert ihn heraus, nimmt Carlos eines seiner geliebten Comichefte weg und lässt ihn eine Mutprobe bestehen. Bei dieser nimmt Carlos eine Präsenz wahr. Schon bei seiner Ankunft im Heim hat er einen Jungen gesehen, der sich durch seine Erscheinung von den anderen unterschied. Nun ahnt er, dass es sich hier um etwas Unnatürliches handeln könnte.
Trotz weiterer Quälereien durch Jaime, hält Carlos dicht, sogar, als die Jungen im Zisternenkeller unter der Küche von Jacinto erwischt werden und dieser Jaimes Messer findet. Carlos behauptet, es sei seins und wird daraufhin von Jacinto geschnitten. Nun hat Carlos die Anerkennung der anderen Jungen. Auch die Jaimes.
Nach und nach erfährt Carlos, dass im Heim, in dessen Innenhof eine nicht explodierte Bombe sich tief in den Boden gegraben hat, ein Junge namens Santi verschwunden ist. Ausgerechnet in jener Nacht, in der die Bombe fiel.
In der folgenden Zeit wird Carlos, der eben jenes Bett zugewiesen bekam, in dem einst Santi schlief, immer wieder mit der Erscheinung des toten Jungen konfrontiert. Zunächst hat er Angst und rennt weg, später ist er bereit, sich dem Geist zu stellen.
Die Lage des Heims wird immer prekärer, der Krieg entwickelt sich zugunsten der Faschisten und Dr. Casares wird im Dorf, das anderthalb Tage Fußmarsch entfernt liegt und wohin die Heimbewohner gelegentlich mit dem eigenen Lastwagen fahren, um Verpflegung zu kaufen, Zeuge einer Massenerschießung, bei der er eines der Opfer erkennt, das von dem Gold im Heim weiß. Offensichtlich ist das Versteck nun nicht mehr sicher. Die Flucht über die Grenze nach Frankreich wird geplant.
Derweil sucht Jacinto nach dem Gold. Er und zwei Kumpane, die gelegentlich im Heim vorbeischauen und es mit dem Nötigsten beliefern, wollen den Tresor knacken und das Gold entwenden. Conchita weiß von Jacintos Vorhaben, missbilligt es aber.
Jacinto war einst selbst einer der Waisenjungen im Heim, jetzt, als Erwachsener wird er regelmäßig von Camren gerufen. Er schläft mit ihr, wenn sie Lust hat, wird von ihr ansonsten aber von oben herab behandelt.
Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm, Carmen und Dr. Casares, bei der Jacinto offen sagt, dass er derjenige sei, der Carmen befriedige, wozu der Arzt scheinbar nicht mehr in der Lage sei.
Jaime erzählt Carlos, was es mit dem Geist auf sich hat. Er war Zeuge, wie Santi Jacinto bei dessen Versuchen, den Tresor zu öffnen, überraschte. Jacinto stellte den Jungen im Keller, schubste ihn, wodurch Santi gegen einen Pfeiler schlug und schwer am Kopf verletzt wurde. Er, Jaime, habe nicht mehr helfen können. Jacinto hat den sterbenden Jungen dann in ein Seil gewickelt, mit Steinen beschwert und in der Zisterne versenkt.
Carmen und Dr. Casares beschließen, mit dem klapprigen Lastwagen zu fliehen. Irgendwie müssen alle im Heim Beheimateten auf den Wagen. Doch Jacinto, der sich rächen will, da Dr. Casares ihn des Anwesens verwiesen hatte, nachdem klar wurde, dass Jacinto es auf das Gold abgesehen hat, hat den Wagen und die Küche mit Benzin getränkt. Es kommt zu einer gewaltigen Explosion, die einige der Jungen und eine Lehrerin tötet.
Während Dr. Casares versucht, die sterbende Camren zu retten, bemühen sich Carlos, Jaime und die Jungen, die weniger schwer verletzt wurden, die anderen zu versorgen. Carmen stirbt, während Dr. Casares ihr eines der von ihm auswendig gelernten Gedichte vorträgt und sie damit seiner ewigen Liebe versichert.
Conchita will Hilfe holen und geht zu Fuß los ins nächste Dorf. Unterwegs trifft sie auf Jacinto, der mit seinen Spießgesellen gerade von dort zurückkehrt. Da Conchita sich ihm nicht beugen will, ersticht er sie mit eben jenem Messer, dass er einst Jaime abgenommen hatte.
Derweil ist Dr. Casares, der sich mit einer Schrotflinte bewaffnet auf Wachposten begeben hatte, ebenfalls seinen Verwundungen erlegen. Als Jacinto zurückkehrt und das Gold sucht, kommt es zu einer finalen Auseinandersetzung zwischen ihm und den Jungs. Die haben Angst und glauben, dem brutalen Mann, der zudem bewaffnet ist, nicht gewachsen zu sein. Es ist Jaime, der ihnen Mut zuspricht. Sie seien vielleicht kleiner und schwächer – aber sie seien mehr.
Da Jacinto sie in eine Kammer eingesperrt hat, müssen sie einen Fluchtplan aushecken, der aber misslingt, da derjenige, der durch ein Fenster aus dem Raum klettert, sich verletzt. Dennoch öffnet ein Mann die Tür. Der verletzte Junge erklärt, es sei Dr. Casares gewesen, nicht ahnend, dass dieser bereits verstorben ist.
Die Jungs stellen Jacinto und malträtieren ihn mit selbstgebastelten Spießen, bis dieser, der sich die Goldbarren in jede verfügbare Tasche seiner Kleidung gesteckt hat, schwer verletzt in die Zisterne fällt und untergeht. Verzweifelt versucht er, sich des Goldes zu entledigen. Da kommt Santi aus der undurchdringlichen Tiefe der Zisterne und zieht Jacinto mit sich hinab. Jacinto ertrinkt.
Die Jungen machen sich auf den Weg, das Heim zu verlassen. Während sie sich langsam entfernen, sieht ihnen Dr. Casares, der einst geschworen hatte, diesen Ort nie mehr zu verlassen, nach. Er ist nun der Geist, der über den Ort wacht.
Guillermo del Toro bewegt sich mit seinen Filmen seit jeher in einer Grauzone zwischen Märchen -, Fantasy – und reinem Horrorfilm. Elemente aller drei Genres fließen in seine Werke mit ein, manchmal verschwimmen die Grenzen derart, dass es schwierig wird, einzelne Filme noch zutreffend einzuordnen. Und das ist unbedingt als Kompliment zu verstehen.
Nachdem er mit CRONOS (1993) einen fast schon poetisch zu nennenden Vampirfilm gedreht hatte – sein erster Langfilm und somit auch ein Debut – und mit MIMIC (1997) einen wirklichen Monster-Horrorfilm in der Tradition jener Science-Fiction/Horror-Crossover-Werke der 50er Jahre wie Jack Arnolds TARANTULA (1955), legte del Toro in späteren Werken größeren Wert auf märchenhafte Aspekte. Vor allem EL LABERINTO DEL FAUNO/PANS LABYRINTH (2006) und THE SHAPE OF WATER (2017) zeugen davon.
THE DEVIL´S BACKBONE (2001), der laut del Toro als Zwillingsfilm zu EL LABERINTO DEL FAUNO betrachtet werden sollte und aus dessen Grundidee der spätere Film hervorging, kann als Scharnier zwischen den eher durch Elemente des Horrorfilms hervorstechenden Filmen und jenen betrachtet werden, welche die märchenhaften Aspekte stärker betonen. Es ist im Grunde ein Geisterfilm, der den engeren Konventionen des Subgenres entspricht. Doch wie bei seinem Nachfolger ist die Handlung in einen schmerzhaft realistischen historischen Kontext eingebunden, der ihr ein spezifisches Gewicht verleiht und weit über herkömmliche Geistergeschichten hinausweist. Hier ist die Geistergeschichte eng mit der profanen historischen Wirklichkeit verwoben, während EL LABERENTO DEL FAUNO stärker als Parabel angelegt ist und nicht zuletzt dadurch eher ins Märchenhafte driftet.
Angesiedelt ist die Story von THE DEVIL´S BACKBONE während des spanischen Bürgerkriegs in einem entlegenen Kinderheim, irgendwo in der spanischen Einöde rund um Madrid, wo auch gedreht wurde. Hierhin wird ein Junge – Carlos – gebracht, dessen Vater tot ist, was er aber nicht weiß. Und die Leiter des Heims, ein Arzt namens Casares und eine einbeinige Dame namens Carmen wollen es ihm nicht sagen, wollen seine Kindheit nicht brutal beenden. So ist dem Film von Beginn an eine Tragik eingeschrieben, die hart mit den grellen Landschaftsbildern der das Heim umgebenden Steppe und dem sie überstülpenden blauen Himmel kontrastiert, umso stärker aber mit der schattigen Düsternis der Innenräume des alten Gemäuers korrespondiert. Wie in all seinen Filmen, legt del Toro auch hier enormen Wert auf den Look des Films; die Farbgestaltung einerseits, andererseits auf die Mise en Scene, auf jedes Detail im sichtbaren wie weniger sichtbaren Bereich seiner Bildkadrierungen. Auch die Erscheinung des toten Jungen unterliegt hier äußerster Sorgfalt. Er ist weniger erschreckend, eher wirkt dieser Geist selbst erschrocken. Es umgibt ihn eine flirrende Aura schwebender Lichter, was ihn wie eine Fee im Märchen wirken lässt. Dieser Geist macht nicht wirklich Angst, weshalb sich Carlos nach anfänglichem Schrecken auch nicht mehr vor ihm fürchten muss.
Unter der sengenden Sonne und in den kühlen Räumen entwickelt sich nach und nach ein Drama auf unterschiedlichen Ebenen. Carmen und Doktor Casares sympathisieren mit den Republikanern und verwahren Gold für diese; Jacinto, Hausangestellter und als solcher technisch für das Heim verantwortlich, will an dieses Gold heran. Die Konstellation wird unter anderem dadurch kompliziert, dass Jacinto, einst selbst ein Jung im Heim, von Carmen regelmäßig missbraucht wird. Die ruft ihn zu sich, wenn es sie nach Intimität gelüstet. Eine Intimität, die ihr Dr. Casares, der sie liebt, offenbar nicht mehr bieten kann. Jacinto will das Gold auch deshalb so dringend, um dem Ort seiner fortgesetzten Demütigungen entkommen und mit dem Hausmädchen Conchita ein Leben weitab vom Heim, irgendwo im Süden, zu beginnen. Derweil freundet Carlos sich nach anfänglichen und vom Drehbuch schön eingefangenen und im Film ebenso gekonnt wiedergegebenen Szenen juveniler Protzerei und Konkurrenz mit seinen Leidensgenossen, vor allem dem etwas älteren Jaime, an. Carlos will dem Geheimnis dieses Orts nachspüren, denn hier soll ein Geist sein Unwesen treiben. Die Jungen nennen ihn den „Seufzer“. Tatsächlich hat sich der Geist Carlos schon bei dessen Ankunft gezeigt.
Del Toro versteht es meisterlich, all diese Ebenen – die übernatürliche ebenso wie die profanen des menschlichen Miteinanders, des Neids, des Verrats und der Hoffnung, auch in schlimmsten Zeiten die Liebe halten, ihr Geltung verschaffen zu können – so zu vermischen und miteinander zu verbinden, dass ein kohärentes, sich bedingendes, in sich geschlossenes Ganzes daraus entsteht. Nahezu organisch greifen die einzelnen Elemente der Erzählung ineinander – und führen zu einem zwar dramatischen doch erwartbaren Ende. Generell legt del Toro wenig Wert auf Schocks oder gar Gewalt als Mittel, sein Publikum einzufangen. Stattdessen sind es eine von Beginn an seltsam ambivalente Atmosphäre, Figuren, die nicht leicht zu durchschauen und auch nicht eindimensional sind, Begebenheiten, die einzuschätzen nicht nur Carlos, sondern auch uns, den Betrachter*innen schwerfällt. Der Schrecken nähert sich eher kriechend, creepy, er breitet sich subkutan aus, während an der Oberfläche der Handlung lange die Dramatik der Beziehungen zwischen den Figuren hervorsticht.
Die Liebe eines älteren Mannes, der offenbar viel Schlimmes sehen musste in seinem Leben; die Verzweiflung eines jungen Mannes, der ob seiner Perspektivlosigkeit zu Mitteln greift, die seinen Charakter verderben, seine Seele vergiften, sie schwarz färben; die Hoffnungslosigkeit angesichts eines furchtbaren Bürgerkriegs, der sich zur falschen Seite zu neigen beginnt; jugendlicher Übermut ebenso wie kindliche Ängste im Angesicht der Tatsache, auf Gedeih und Verderb anderen, stärkeren Kräften ausgeliefert zu sein – all diese Gefühle und Regungen bringt del Toro auf die ein oder andere Art und Weise in seiner Erzählung unter, manchmal reißt er sie nur an, manches deutet er auch nur an, anderes spielt eine wesentlichere Rolle, alles aber ist wichtig für die Geschichte. Schon deshalb, weil all diese einzelnen Aspekte sie grundieren.
Mitten im Innenhof des Heims steckt eine Fliegerbombe, die sich während eines Bombardements in den Boden gebohrt hat aber nicht explodiert ist. Wie ein Menetekel steht sie da und verkündet Unheil und baldige Verdammnis. Wurde sie, wie einige der im Heim arbeitenden Lehrerinnen glauben, entschärft? Oder „schlägt ihr Herz noch“, wie Jaime behauptet? So oder so scheint ein Ort, dem solches widerfahren ist, gezeichnet, vielleicht sogar verflucht. In der Nacht, in der die Bombe hier einschlug, verschwand einer der Jungen aus dem Schlafsaal, eben jener Junge – Santi – dessen Bett nun Carlos zugewiesen wurde. Vielleicht deshalb offenbarte sich der Geist des verschwundenen Jungen dem Neuankömmling unmittelbar nach dessen Eintreffen vor Ort? Vielleicht ahnt der Geist von Santi, dass es eines Carlos, dieses offenbar sensiblen, seinen Kameraden intellektuell überlegenen Jungen bedurfte, um seine Rache nehmen zu können. Jaime ist der einzige, der weiß, was wirklich in jener Nacht geschah als er zufällig Augenzeuge wurde, wie Jacinto, schon damals an dem in Carmens Tresor lagernden Gold interessiert, von Santi zufällig bei einem seiner Versuche, an den vermeintlichen Schatz zu gelangen gestört wurde und den Jungen, wenn auch eher aus Versehen denn in mörderischer Absicht schwer verletzte. Jacinto beschwerte den Sterbenden mit Seilen und Steinen und versenkte ihn in der Zisterne im Keller des Heims. Ein grausiges Ende. Und für Jaime ein Zeichen, dass und wie böse Jacinto ist. Einmal fragt Jaime Carlos, ob er einen Menschen töten könne und erklärt, selbst würde er es im Falle von Jacinto tun. Der Film tut wenig, um das von dem Jungen über Jacinto gefällte Urteil abzumildern, doch gänzlich ohne Verständnis für Jacinto ist er nicht. Der darf sich in einer intensiven Szene gegenüber Carmen und Dr. Casares äußern und bringt seinen ganzen Schmerz darüber zum Ausdruck, immer nur missbraucht worden zu sein – auf die eine oder andere Weise. Was ihn natürlich nicht von seiner Schuld entbindet.
Es bleibt immer offen – darin liegt vielleicht die wirkliche Meisterschaft des Geschichtenerzählers Guillermo del Toro –, welcher Schrecken denn nun der eigentliche oder gar der größere ist: Ein umgehender Geist, der, wie die meisten Geister, auf Rache sinnt, um seinem unhaltbaren Zustand in einem Zwischenreich zu entkommen, das er nicht gewählt hat (zumindest legt der Film nahe, dass dem so ist) – oder aber die Schrecken menschlicher Abgründe und Verkommenheit, von Illoyalität und Verrat, die zu Gewalt, Not und Verderbnis führen. Wie meist in solchen Geschichten, ist es letzteres. So helfen die Jungen dem Toten, der einst in ihrer Mitte lebte und dessen Platz nun, ungewollt, Carlos eingenommen hat, seine Rache zu vollenden. Ein Akt der Freundschaft, der Befreiung, aber auch der Selbstermächtigung. Ein Beweis der eigenen Stärke, der eigenen Möglichkeiten. Und ein wenig Hoffnung in einer düsteren Welt.
Und doch – all das Elend, das Leiden, der Tod, die Grausamkeit aus Gier. Kein tieferes Geheimnis, nicht einmal ein ideologischer Hintergrund, wie es später in EL LABERINTO DEL FAUNO der Fall sein sollte. Nein, wie so oft, ist der schnöde Mammon Movens, Treiber und Ausgangspunkt des Handelns in einer Welt, in der schon alles korrumpiert ist, wenn wir sie betreten. Die Gefühle ebenso, wie die Überzeugungen und die Herzen. THE DEVIL´S BACKBONE beschreibt eine Welt im Krieg. Und auch, wenn dieser Krieg (noch) weit weg scheint, so ist er doch längst da. Angekommen in den Herzen und manchmal auch den Hirnen der Menschen. Es ist eine zusehends verrohende Welt, in der es kein oder kaum noch Mitleid gibt und in der die, die versuchen, Mitleid zu empfinden, die sich um andere kümmern, sich Schwächerer annehmen zumeist das Nachsehen haben.
Die zarte Liebe des Dr. Casares zu Carmen, die er in auswendig gelernten Gedichten zum Ausdruck bringt – Momente von eindringlicher Schönheit, Momente voller Wehmut und Trauer und Poesie, die del Toro dieser wunderbaren Figur zugesteht – ist ebenso vergebens, wie die Liebe des Hausmädchens Conchita zu Jacinto, dessen wirkliches Wesen sie zu spät erkennt und dem sie dann zum Opfer fällt, weil es seine Männlichkeit, sein Machismo nicht erlaubt, vor seinen Kumpeln schwach dazustehen, als er sie nicht beherrschen kann. Also tötet er sie, schlitzt sie mit einem Messer auf und lässt sie dann sterbend im Staub der Landstraße zurück. Ohne Gnade. Auch einen solchen Aspekt weiß der Mexikaner del Toro, der weiß, was eine Machokultur ist, eine Kultur, die dem Tod huldigt wie einem geliebten Menschen, hier einzubringen, wie nebenbei und doch so treffend, dass es beim Zuschauen schmerzt. Und auch Jacintos gieriges Streben nach Gold ist vergebens. Er und seine Spießgesellen, frei von jeglicher politischen oder ideologischen Haltung, sind schlicht Nutznießer des Krieges. Durch und durch korrupt und korrumpiert. Sie wollen das Gold, wie jeder Dieb in der Nacht. Sonst nichts. Gegen diese Gier, so suggeriert es der Film, ist kein Kraut gewachsen. So muss es eine Kraft von Außerhalb richten, von außerhalb der profanen Welt. Ein Junge, der nach Rache strebt und sich nach Ruhe sehnt. Ein Geist ist es dann auch – wir begreifen das erst spät im Film – der uns diese Geschichte erzählt und der sehr früh im Film, als er noch als Lebender agiert, in einem Gespräch mit Carmen betont, von diesem Ort, den er einst gefunden und an welchem er eine Liebe gefunden hat, wenn auch eine unerfüllte, nicht mehr weichen wird.
So blickt die Kamera in den letzten Einstellungen des Films den letzten überlebenden Kindern nach, die den blutigen Showdown überstanden haben. Sie verlassen das Heim und gehen hinaus in die Einöde. Hoffentlich in eine bessere Welt, so hoffen wir, doch wissen wir, die wir im Kino sitzen und das Salz der Tränen schmecken, welche dieser Film hervorzurufen versteht, dass die Welt, in die diese Jungen hineingehen, eine grausame ist. Wir wissen, welche Unbilden und Wirrnisse diesen Kindern bevorstehen, wenn sie dem Schrecken des Heims entkommen sein mögen, den Schrecknissen der Zeitläufte aber umso stärker ausgeliefert sein werden. Eine Welt im Krieg, wo keine Erwachsenen und auch keine Geister die schützende Hand über einen kleinen Menschen halten.
THE DEVIL´S BACKBONE ist ein Geisterfilm, vor allem aber ist dies eine tieftraurige Ballade über die Liebe und ihre Vergeblichkeit. Und auch ist dies eine Geschichte darüber, wie man einander helfen, einander unterstützen kann, auch in den dunkelsten Stunden des Daseins. Ein klein wenig Hoffnung, wirklich nur ein klein wenig, bleibt als Streif am Horizont dieser schier unendlichen Weite des spanischen Kernlands.