THE LAST WILL AND TESTAMENT OF ROSALIND LEIGH

Einer der wirklich gelungenen Geister(haus)filme der jüngeren Generation

Leon (Aaron Poole), ein junger Mann, der mit Antiquitäten handelt, besucht das Haus seiner unlängst verstorbenen Mutter. Vollgestellt mit Hunderten von Artefakten, verziert mit Ornamentik, dekoriert mit Bildern, Skulpturen, antiquarischen Möbeln und jeder Menge Nippes, gleicht das Haus einem Museum. Leon stellt fest, daß seine Mutter wohl seine beste Kundin war. Er telefoniert mit einem Kumpel, den er bittet, den gesamten Plunder erneut zu verkaufen.

Da es spät wird, beschließt Leon, im Haus zu übernachten. Er erforscht die verwinkelten Gänge und Etagen und entdeckt schließlich eine Art Schrein, der einem Engelskult gewidmet ist. Eine Videokassette, die Leon findet, gibt ihm Aufschluß darüber, daß seine Mutter wohl eine Jüngerin besagten Kultes gewesen ist und sich ihre Glaubensgemeinschaft oft im Haus getroffen hat. Allerdings enthält der Videofilm einige beunruhigende Einstellungen.

Im Laufe der Nacht müht sich Leon, immer weiter in die Geheimnisse seiner Mutter und ihres bizarren Glaubens einzutauchen. Daß sie religiös gewesen ist, wusste er, nicht zuletzt kam es wegen ihres Glaubens zum Bruch der beiden. Welchem speziellen Glauben sie anhing, wusste Leon allerdings nicht. Und seine eigene Unvorsichtigkeit im Umgang mit seinen Funden setzt schließlich Kräfte im Haus frei, an die er selber eigentlich nicht (mehr) glauben wollte.

Mmit Hilfe einer Frau namens Anna (Charlotte Sullivan, Stimme), die ebenso seine Freundin wie seine Therapeutin sein könnte, gelingt es Leon, die Geschehnisse im Haus zu rationalisieren. So überlebt er die Nacht, trotz der Bedrohung durch eine Kreatur, sie scheinbar uneingeschränkt durch das Haus streifen kann. Als er im heraufdämmernden Morgen das Haus verläßt, sehen wir, daß seine Mutter Rosalind Leigh (Vanessa Redgrave) noch lange nicht fertig ist mit dem Haus und dem, was IN ihm ist…

Der Geisterfilm – ein Subgenre des Horrorfilms, das oft Perlen des Schauerlichen, Bizarren und Überraschenden hervorgebracht hat – wird alle paar Jahre mit einem wirklich überzeugenden Werk bedient. 2012 war das der Fall bei THE LAST WILL AND TESTAMENT OF ROSALIND LEIGH (2012). Eine kanadische Produktion, die mit scheinbar äußerst geringen Mitteln ein gehöriges Maß an Unwohlsein, Schauer und echtem Grusel erzeugt.

Bevor wir den einzigen Protagonisten des Films überhaupt kennen lernen, hören wir bereits die Stimme seiner Mutter, der titelgebenden Rosalind Leigh, die uns von ihrem Schmerz berichtet, daß sie ihren Sohn wahrscheinlich nicht mehr sehen wird, da dieser den Kontakt mit ihr und dem, was ihr wichtig gewesen sei im Leben – ihrem Glauben – , abgebrochen habe. Vielleicht, so läßt sie uns wissen, vielleicht habe sie Fehler gemacht und vielleicht könne sie die daraus entstandene Schuld nicht mehr begleichen, doch wolle sie ihrem geliebten Sohn doch das eine oder andere noch mitteilen…

So also werden wir Ohrenzeugen einer vielleicht tragischen, vielleicht einfach hasserfüllten Mutter-Sohn-Beziehung, die möglicherweise – der Film läßt uns da im Unbestimmten – mit dem Freitod der alten Dame geendet hat. Leon seinerseits wird in einer Nacht lernen müssen, daß seine rational-ästhetische, von wissenschaftlich-aufgeklärtem Denken ebenso wie von der Poesie des Konkreten geprägte Welt vielleicht doch nicht so klar und eindeutig, sondern durchaus durchlässig für das Irrationale und Uneindeutige ist…das Böse gar?

Das Problem mit Geisterfilmen ist oft, daß man sich im Sinne einer kohärenten Erzählung festlegen muß. Ist der Geist gut, ist er böse? Weshalb spukt er und was hat es mit seiner Vorgeschichte auf sich? Nur wenige Filme trauen sich, das Bedrohliche, das uns von Geistern ausgeht, im Ungefähren zu lassen und sich eher mit unserer Angst vor dem Irrationalen auseinander zu setzen. Ein Geist, ein Gespenst, ein Spuk muß ja nicht „böse“ sein, klassisch ist ein Gespenst eher etwas Leidendes, das Unerledigtes klären muß, oder aber etwas Getriebenes, das uns noch Wesentliches mitzuteilen hat – ein Geheimnis, eine Warnung – bevor es „übertreten“ kann in jenes Reich, wo die Toten ihren Frieden finden. So gesehen gelingt Rodrigo Gudiño lange Zeit der ca. 82 Filmminuten Erstaunliches, da er Leon zwar durch eine auch für den Zuschauer durchaus bedrückende Nacht schickt, jedoch uneindeutig bleibt, was Bedrohung, Erscheinung und Wesen dessen ausmacht, was Leon widerfährt. Mehr noch – es gelingt ihm, eine Atmosphäre zu schaffen, in der dem Zuschauer lange verborgen bleibt, ob man es nicht mit reiner Einbildung des jungen Mannes zu tun hat?

Zugleich jedoch werden wir als Zuschauer von Anfang an in eine Atmosphäre gezogen, die uns allemal sowohl Leon als auch dem Haus und allem entfremdet, was darin passieren mag. Der Beruf des Heimgesuchten, Antiquitätenhändler, mag seinen Ursprung in seinem elterlichen Zuhause gehabt haben, denn das Haus der Mutter – von den Dekorateuren des Sets liebevoll ausgestattet – , das sie möglicherweise erst nach und nach angefüllt hat mit Schätzen aus dem Angebot des Sohnes, enthält zu viele Artefakte, die bei ihrem speziellen kultischen Interesse bereits vor dessen professionellem Handeln dort gestanden haben dürften. Und die sich an all der Ausstattung ergötzende Kamera präsentiert uns dies alles derart exaltiert zwischen Totale und extremer Großaufnahme, daß wir uns dem Ganzen gegenüber früh ebenso fremd wie ausgeliefert fühlen. Bevor irgendetwas Seltsames in diesem Film geschehen ist, fangen wir bereits an zu frösteln. Und Leon selbst trägt nicht unbedingt zu unserer Beruhigung bei. Sein Verhalten zwischen gewollter Coolness, die ununterbrochen angegriffen wird und unter diesen Angriffen zusammenzubrechen droht, und zunehmender Verängstigung ob seiner Entdeckungen, emotionalen Erinnerungen und dem, was dann ab eines gewissen Punkts WIRKLICH passiert, packt den Zuschauer, selbst wenn er sich fest vorgenommen hat, sich von einem derart vorhersehbaren Spuk nicht einfangen zu lassen. Rodrigo Gudiño arbeitet mit teilweise derart profanen Tricks und uralten Kniffen, um Spannung herzustellen, aufzulösen und so zu nutzen, daß er den eigentlichen Schock umso treffender setzen kann, daß es wie ein Lehrstück darüber anmutet, daß die „alten“ Mittel und Methoden immer noch die besten sind.

Allerdings bedient sich Gudiño auch einiger durchaus (post)moderner Mittel, um den Entfremdungsprozeß für den Zuschauer noch einmal zu steigern: Außer dem sehr überzeugenden Aaron Poole in der Rolle des Leon, bekommen wir nicht einen einzigen anderen Schauspieler zu Gesicht, sieht man einmal von den Einstellungen auf das Haus zu Beginn und am Ende des Films ab, die jeweils Rosalind Leigh zeigen. Dieser Umstand und die Gespräche mit Anna, bei denen man als Zuschauer mal denkt: Freundin, dann doch wieder: Therapeutin (und der vom Film niemals aufgelöste Konflikt, den das in einem auslöst), lassen uns irgendwann daran zweifeln, ob da überhaupt irgendetwas „wirklich“ passiert. Vielleicht befinden wir uns einfach in Leons Kopf? Dies würde dann vielleicht das recht unmotivierte Auftauchen einer „realen“ Schreckgestalt besser erklären. Der Film kommt gänzlich ohne Blut und Gewalt aus. Sehr lange gelingt es, mit all den Andeutungen, kleinen Verweisen und Verschiebungen Schrecken zu erregen. Erst spät bringt Rodrigo Gudiño dann seine Kreatur ins Spiel, seine Versinnbildlichung des Bösen. Und THE LAST WILL… erleidet das gleiche Schicksal, wie die meisten Gruselfilme, die zu deutlich werden: er verliert sofort einen gut Teil seines Schreckens. Allerdings versteht Rodrigo Gudiño es, dieses Geschöpf der Nacht gut, weil dezent, ins Bild zu setzen. Was den Eindruck verstärkt, es auch und gerade hier möglicherweise mit einem Hirngespinst des zunehmend verstörten Leon zu tun zu haben.

Was THE LAST WILL…  von anderen Werken des Genres abhebt, ist eben sein Bekenntnis zur Uneindeutigkeit. Er entläßt sein Publikum mit einem wohligen Schauer und mindestens so vielen Fragen, wie es diese schon zu Beginn des Films hatte. Viel Raum für breite Interpretationen. Und das alles mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Das ist heute ausgesprochen selten, verlassen sich doch die wenigsten noch auf Phantasie, Atmosphäre oder das Können aller Beteiligten. Das aber tut dieser Film und belohnt ein williges Genrepublikum mit einem überzeugenden Geister/Geisterhaus-Film.

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