CUTTER´S WAY – KEINE GNADE/CUTTER´S WAY

Ein etwas in Vergessenheit geratener Noir-Thriller vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs

Alex Cutter (John Heard) ist ein verbitterter Vietnam-Veteran. Aus dem Krieg kam er schwer versehrt zurück, seit seinem Einsatz in Südostasien fehlen ihm ein Arm, ein Bein und ein Auge. Den inneren Schmerz, der ihn zerfrisst, versucht Cutter im Alkohol zu ertränken. Sein Freund Richard Bone (Jeff Bridges) bemüht sich, Cutter aus dem Gröbsten herauszuhalten, legt der sich im Suff doch gern mit Gott und der Welt an. Bone lebt bei Cutter, der mit Mo (Lisa Eichhorn) verheiratet ist. Bone begehrt Mo, die den Freund ihres Mannes zwar ebenfalls attraktiv findet, dennoch aber zu Cutter hält, gleich, wie der sich benimmt.

Bone ist ein eher lethargischer Mann, der sich als Gelegenheits-Gigolo verdingt, zudem für George Swanson (Arthur Rosenberg), dem Besitzer einer Marina in Santa Barbara, arbeitet und hier und da dessen Boote verkauft. Eines nachts bleibt Bone mit Alex´ Wagen in einer Seitengasse liegen. Hier beobachtet er einen Mann, der etwas in eine Mülltonne stopft. Wie sich herausstellt, ist es eine Frauenleiche. Schnell ist der Halter des Wagens ermittelt und ebenso schnell findet die Polizei heraus, dass Bone den Wagen gefahren hat.

Während Bone nun also unter Mordverdacht gerät, will Cutter, den die Welt ansonsten kaum mehr zu interessieren scheint, hat er sie doch zynisch als einen Drecksort zu durchschauen gelernt, der nichts mehr wert ist, den wahren Täter finden. Ob er dabei eher seinen Fruend entlasten oder aber einen Rachefeldzug gegen die Welt und die Gesellschaft führen will, bleibt offen.

Bone glaubt, in der Nacht, in der es zu aller Unbill auch noch in Strömen regnete, den bekannten Öl-Magnaten J.J. Cord (Stephen Elliott) erkannt zu haben. Dieses Szenario passt Cutter geradezu perfekt, kann er auf Cord doch seinen ganzen Hass gegen die amerikanische Gesellschaft, die Männer wie ihn in Vietnam verheizt habe, projizieren.

In Valerie Duran (Ann Dusenberry) findet Cutter eine Mitstreiterin in seinem Kreuzzug für eine, wie er denkt, bessere Welt. Valerie ist die Schwester der Toten, die den Mord aufgeklärt und gerächt sehen will. So steigern sich die beiden immer stärker gegenseitig in die Theorie, dass Cord und hinter ihm stehende Dunkelmänner eine Verschwörung planen.

Sowohl Mo als auch Bone sorgen sich um ihren Freund. Mo, die sich immer auch zu Bone hingezogen fühlte, bittet ihn, sich um Cutter zu kümmern, verweigert ihm aber zugleich jedwede Intimität, die er sich wünscht.

Bone fühlt sich einerseits für Cutter verantwortlich, will aber, seinem Naturell entsprechend, auch seine Ruhe haben. Anders als der ewig wütende Cutter, hat Bone sich lange schon in einer durchkapitalisierten Welt eingerichtet, in der er dank Swanson sein Plätzchen gefunden hat und gut leben kann. Einzig seine unerwiderte Liebe zu Mo macht ihm zu schaffen.

Hinzu kommt, dass Bone sich zusehends unsicherer ist, was oder wen er in jener Nacht im Wagen wirklich gesehen hat. Doch Cutter will von etwaigen Unsicherheiten nichts wissen. Bei einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und Bone wird deutlich, was Cutter mit der Lösung des Falls und einer möglichen Konfrontation mit Cord zu bezwecken hofft: So würden einmal die richtigen getroffen, Leute, die, einer Elite angehörend, Männer wie ihn, Cutter, in Kriegen verheizten und dann vergessen würden. Auf Bones Einwand, dass Cutter sich mit seinen Bestrafungsfantasien gegenüber Cord mit dem auf eine Stufe stelle, erklärt Cutter, dass ein Amerika, ein Land, das auf die geschilderte Weise Kriege führe und mit seinen Menschen umgehe als seien sie Dreck, jedwede moralische Skrupel verspielt habe. Bone wendet sich ab.

Cutter wird geradezu manisch. Er sucht nach Beweisen für Cords Schuld, versinkt zugleich aber immer wieder in besinnungslosen Alkoholräuschen.

In einer Nacht, in der Cutter wieder einmal nicht nachhause kommt, gibt Mo sich gegen ihren bisherigen Vorsatz Bone hin. Nachdem sie sich geliebt haben, bittet Mo ihn, zu bleiben, es sei eine Nacht, in der sie nicht allein sein wolle. Doch Bone wartet, bis Mo eingeschlafen ist, dann stielt er sich aus dem Haus. In dieser Nacht bricht ein Feuer im Haus aus, bei dem Mo stirbt.

Cutter ist vollends verzweifelt. Er macht Bone, dessen Liebesnacht mit Mo er erahnt, schwere Vorwürfe, dass er sie allein gelassen habe. Seine Obsession mit Cord und dessen vermeintlicher Schuld wird immer größer. Cutter ist überzeugt, einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Er ist ebenso fest davon überzeugt, dass es Cords Leute waren, die das Feuer gelegt und somit Mo auf dem Gewissen haben. Unterstützt wird diese These durch immer wieder Cutter scheinbar verfolgende Wagen und Männer, die ihn beobachten.

Bone verlangt von Cutter zu wissen, was er eigentlich mit seinem Kreuzzug bezwecke? Will er Cord töten oder lediglich eines Mordes überführen? Oder will er ihn ganz banal erpressen? Cutter erklärt, er wolle den reichen Mann eines Mordes überführen, für den der dann bestraft werden müsse. Es gehe nicht an, dass einer wie Cord erneut mit seinen Verbrechen – zu denen Cutter eben auch den Krieg in Vietnam zählt – davonkomme.

Um seine Rache an Cord, der für Cutter immer mehr zu einem Symbol für eine reiche Elite wird, die schlichtweg für alles Schlechte verantwortlich zeichnet, was in Amerika geschieht, vollenden zu können, sucht er nach Wegen, um an den Mann heranzukommen.

Durch Zufall gelingt es Cutter, eine Einladung zu einer Gartenparty auf Cords Anwesen zu ergattern. Bone lässt sich von Cutter überreden, ihn zu begleiten. Cutter trägt eine Waffe bei sich und lässt keinen Zweifel daran, dass er Cord zu erschießen gedenkt. Bone glaubt, das Schlimmste verhindern zu können.

Auf der Party, auf der zunächst niemand von den beiden eindeutig nicht angemessen gekleideten Männern Notiz zu nehmen scheint, spricht Cords Gattin (Patricia Donahue) Bone schließlich an. Die beiden sind sich zuvor schon begegnet und Mrs. Cord hat ein ambivalentes Verhältnis zu Bone. Sie war Zeugin, wie der, Cutter und Mo in Swansons Marina Mittag gegessen haben und Cutter dabei Cord lauthals als Mörder bezeichnet hatte. Sie ahnt, dass der Vorwurf stimmen könnte und gibt Bone zu verstehen, dass, sollten er und Cutter nun verschwinden, sie deren Erscheinen auf der Party vergessen wolle. Bone erklärt, sein Bestes zu tun.

Derweil erregt Cutter mit seinem erratischen Benehmen immer mehr Aufmerksamkeit. Während Bone Cord in dessen Arbeitszimmer zur Rede stellt, an dessen Eloquenz und Gleichgültigkeit aber abprallt, was in seinen Augen Cutters Urteil über diesen Mann und die Schicht, die er symbolisiert, bestätigt, bemächtigt Cutter sich in den Stallungen, die zum Anwesen gehören, eines von Cords Pferden. Mit dem reitet er in rasendem Galopp durch den Garten und zwingt es, durch die Scheibe in Cords Arbeitszimmer zu springen. Cutter stürzt und bricht sich das Genick. Die Pistole liegt neben ihm. Der verzweifelte Bone reißt sie an sich, dreht sich zu dem auch dem Tod seines Freundes vollkommen indifferent begegnenden Cord um und richtet die Waffe auf ihn. Dann drückt er ab.

 

Interessanterweise stößt man am ehesten bei Recherchen zu Filmen, die den Vietnam-Krieg betreffen, auf Ivan Passers heute fast vergessenen Neo-Noir-Thriller CUTTER´S WAY (1981). Dort wird er gemeinsam mit Werken wie Hal Ashbys COMING HOME (1978) oder Michael Ciminos THE DEER HUNTER (1978) besprochen; Werken, die sich vor allem mit den – zumeist psychischen – Auswirkungen des Krieges auf Veteranen und deren Angehörige beschäftigen. Anders als die genannten Filme, die sich sehr direkt mit den Betroffenen und ihrer Situation in der Heimat auseinandersetzen, mit deren Problemen, Ängsten und Nöten, bettet Passer das Vietnam-Thema in eine Thriller-Handlung ein und behandelt es also eher indirekt. Wobei sich die Frage stellt, ob die Thematik hier eher vorgeschoben wird, um einem eher mittelmäßigen Thriller-Plot einen relevanten Twist zu verpassen. So ganz kann man sich des Eindrucks – trotz aller Qualitäten, die der Film zweifelsohne hat – leider nicht erwehren.

Erzählt wird die recht wilde Story um drei Freunde – die Titelfigur Alex Cutter, der von einem sehr überzeugenden John Heard gespielt wird, dessen Frau Mo und Richard Bone, ein Freund der beiden, der aber auch Mo begehrt – die aufgrund einer nächtlichen Beobachtung die Erpressung eines Ölmagnaten planen. Der nämlich scheint eine Frau umgebracht zu haben, deren Entsorgung in einer Mülltonne Rick Bone beobachtet zu haben glaubt. Es ist aber Cutter, der nahezu obsessiv den Mann verfolgen und erpressen, eigentlich töten will, den er als Vertreter der Elite, der Reichen und Schönen ausgemacht zu haben vermeint, die Männer wie ihn, Cutter, in den Krieg geschickt haben. Cutter nämlich kam schwer entstellt aus diesem Krieg in Südostasien zurück – seither fehlen ihm ein Bein, ein Arm und ein Auge. Das sind die sichtbaren Verletzungen, die unsichtbaren verbirgt er hinter einer Wand aus durch Alkohol befeuertem Sarkasmus; im Grunde ist es reiner Zynismus, mit welchem er der Welt begegnet.

Keine dieser drei Figuren ist sympathisch. Am ehesten vielleicht noch Mo, die zwischen den beiden Männern steht, auf jeden Fall aber zu Cutter hält, trotz dessen offensiv zur Schau gestellten Hasses auf die Welt und trotz seiner Alkoholeskapaden. Sie aber ist es auch, die während des Verlaufs der Handlung durch ein vielleicht zufällig ausgebrochenes, vielleicht absichtlich gelegtes Feuer zu Tode kommt. Cutter, der wie bei den meisten Dingen, denen er begegnet, auch bei dem Feuer von einer Verschwörung geheimer und sehr mächtiger Kräfte ausgeht, will aus den bereits genannten Gründen gar nicht gemocht werden. Er beleidigt nahezu alles und jeden, eine Eigenart, die schon in einer der ersten Szenen des Films gezeigt wird, als er in einer Kneipe einige ihm wohl gesonnene Trinkkumpane schikaniert, eine Situation, aus der Bone ihn im letzten Moment wohlbehalten zu entführen weiß.

Bone hingegen ist eine etwas kompliziertere Figur, die Jeff Bridges in einer seiner früheren Rollen hervorragend interpretiert. Dieser Mann ist vordergründig ein Hallodri, der sich als Gigolo, als „Mann für gewisse Stunden“ durchs Leben schlägt und nebenbei für einen ihm zugeneigten Betreiber einer Marina, in der er auch ab und zu arbeitet, dessen Boote verkauft. Vor allem aber ist Richard Bone ein Mann, der keine Entscheidungen treffen will. Er begegnet der Realität unsicher bis indifferent, was ihn dazu bringt, sich aus fast allem herauszuhalten. Cutters Wut und Zynismus nerven ihn eher, als dass er dessen Schmerz nachvollziehen kann oder will. Die geplante Erpressung ist ihm schnell zu viel, er will keinen Ärger und sein bis dahin eher ruhiges Leben nicht gefährden. Zudem ist er sich zunehmend unsicherer, was er in der betreffenden Nacht eigentlich gesehen hat.

So entsteht ein Beziehungsgeflecht zwischen den drei Protagonisten, das immer unübersichtlicher wird, was die Motive der Beteiligten betrifft. Ist es Eifersucht, gar Neid, der Bone und Cutter einander zusehends belauern lässt? Wem gehört Mos Zuneigung tatsächlich? Will Cutter wirklich eine eher unwirkliche Rache an einem System, das er für seine Unbill verantwortlich macht? Oder will er vielmehr, versteckt hinter seinem Welt-Hass und der Systemkritik, die er zu üben scheint, einfach einen Coup landen? Und welcher Realität, die der Film präsentiert, ist zu glauben? Sind all die Figuren, die uns da vorgeführt werden, einfach völlig unschuldig und entspringt das ganze versteckte Beziehungsgeflecht, entspringt die vermeintliche Verschwörung, der er auf der Spur zu sein meint, eben nur Cutters Kopf? Dass ein Mann wie der Ölbesitzer J.J. Cord dem Tod eines Mannes wie Cutter, der ihn auf seiner eigenen Gartenparty immerhin töten wollte, eher unbeeindruckt und gleichgültig begegnet, macht ihn nicht sympathisch, es ist aber auch noch kein Beweis für seine Schuld. Immerhin wird ihm ein Mord vorgeworfen.

Jeffrey Alan Fiskin, der das Drehbuch basierend auf einem Roman von Newton Thornburg verfasst hat, wobei er die Handlung stark abwandelte, hat ein gewagtes, von Passer aber kongenial erfasstes und filmisch umgesetztes Geflecht aus untergründigen und hintergründigen Figurenkonstellationen und Beziehungen entworfen, welches zwar formell einem Thriller gleichkommt, in seiner Umsetzung aber eher an die mittleren Filme eines Robert Altman oder die frühen Werke von Alan Rudolph erinnert. Hier entsteht ein Gesellschaftspanorama aufgrund der Blaupause einer eher oberflächlichen Kriminalgeschichte, das verunsicherte Menschen in einer unsicheren, prekären, uneindeutigen Umgebung zeigt. Menschen, die den eigenen Fähigkeiten und den eigenen Ansichten und Perspektiven nicht mehr glauben können. Menschen, die darob aber immer fester an möglicherweise falschen Ansichten und Perspektiven festhalten. Zumindest gilt das für Alex Cutter. Richard Bone seinerseits leidet eher daran, in undurchschaubare Intrigen hineingezogen zu werden, weniger darunter, sich seiner Wahrnehmung nicht sicher sein zu können. Denn ihn interessiert die Wirklichkeit im Grunde nicht genug, um sich um deren Wahrnehmung überhaupt tiefere Gedanken zu machen. Vielleicht muss er am Ende des Films gerade deshalb die Waffe, die Cutter bei sich führt, auf Cord richten, als der Cutters Tod mit nichts als einem Nicken quittiert. Denn im Grunde muss Bone in Cords Desinteresse am Leben eines Menschen eben jenes Desinteresse gespiegelt sehen, welches er selbst seiner Umwelt entgegenbringt. Richtet er die Waffe also auf sich selbst?

Ivan Passer inszeniert das – mit der filmischen, der bildgestalterischen Unterstützung von Kameramann Jordan Cronenweth, der Santa Barbara und Umgebung, das südliche Kalifornien also, dann auch ähnlich einfängt, wie es Altman in seinen Filmen gern präsentiert, nämlich ein wenig angehaucht und unscharf, pastellfarben – eher als ein Drama, denn als Thriller. Zwischen Bone und Cutter kommt es zu einer heftigen Auseinandersetzung über Sinn und Richtung des ganzen Unterfangens. Infolge dieser Diskussion breitet Cutter seine ganze Wut und den Verlust moralischer Werte des Landes, für das er gekämpft hat, vor Bone und auch der eher still lauschenden Mo aus. Hier wird deutlich, wie sehr dieser Mann – der vielleicht stellvertretend für eine Generation Verlorener steht – unter den Traumata leidet, die er in Vietnam erlitten hat. Und da scheint seine körperliche Versehrtheit nicht einmal das schlimmste zu sein, was ihm zugestoßen ist. Cutter formuliert klar und deutlich den Verlust des Glaubens an ein Land, das sich lange auf der „richtigen“ Seite der Geschichte wähnte und in den zehn Jahren, die der Krieg dauerte, jedwedes moralische Kapital vollends verspielt hat. Das Morden, der Einsatz diverser Nervengifte und Pflanzenschutzvernichtungsmittel, das gnadenlose Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung und der vollkommen enthemmte Krieg haben aus einem – zumindest in der Selbstwahrnehmung– strahlenden Amerika ein Land gemacht, dem selbst Amerikaner nicht mehr trauen können. Darüber hinaus macht Cutter aber vor allem eine reiche Elite dafür verantwortlich, dass dieser Krieg stattfand, dass Männer wie er, arme Männer vor allem, kämpfen mussten, während die Reichen reicher wurden, weil sie ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten. Dass Cutter dann aber daraus ableitet, selbst zum skrupellosen Verbrecher werden zu dürfen, dies sogar als eine Moral wiederherstellende, weil vergeltende Handlung verkauft, leuchtet nicht wirklich ein. Wobei offen bleibt, ob Cutters Haltung ernst zu nehmen ist oder eben das Ergebnis eines paranoiden Geistes, der sich von der Realität zunehmend abkapselt und in einer eigenen, durchaus drogen- und alkoholinduzierten Wirklichkeit lebt. Solche Leerstellen zu lassen, das Risiko einzugehen, das Publikum zu fordern, vielleicht zu überfordern, macht Passers Film so außergewöhnlich.

Bei aller Kritik, die man an diesem Erzählstrang vielleicht doch auch üben kann, so prekär hier der Hintergrund bleibt, entspricht er natürlich der prekären Haltung der Figuren. Die Kritik mochte den Film lange nicht, erst mit der Zeit wurde anerkannt, wie genau Szenenaufbau, Bildgestaltung, Schauspielführung, Inszenierung, Schnitt, Montage und Ton aufeinander abgestimmt sind. Ob CUTTER´S WAY, wie es vereinzelt behauptet wurde, ein „perfekter“ Film ist, sei einmal dahingestellt. Dafür ist er eigentlich, zumindest stellenweise, zu uneindeutig, bzw. ist seine Uneindeutigkeit nicht zielführend genug. Zu häufig verliert sich die Handlung, verlieren sich die Figuren und verlieren sich damit die Zuschauer im Ungefähren. Man kann das natürlich als gewollt betrachten, um einem Publikum, dass zwar noch an die den 70er Jahren entsprungenen kunstvollen Filme des ‚New Hollywood Cinema‘ gewöhnt war – eben die Filme eines Robert Altman oder Hal Ashby oder Bob Rafelson, alles Regisseure, an deren Werke Passers Film sich anzulehnen scheint -, eine eben prekäre gesellschaftliche Situation zu veranschaulichen. Doch befand sich dieses Publikum auch im Aufbruch in die 80er Jahre, die in den dann verbreiteten Ansichten doch sehr viel eindeutiger, souveräner und letztlich, da oftmals reaktionär, auch viel weniger kritisch ausfielen.

CUTTER´S WAY erschien ein Jahr vor FIRST BLOOD (1982), einem Film, der mit Sylvester Stallone in der Rolle des John Rambo dem Thema des verlorenen Vietnam-Veteranen einen ganz neuen, damals noch nicht der späteren Rambo-Figur, einem Haudrauf, einem modernen Barbaren entsprechenden Twist verlieh. Wie Cutter ist auch Rambo traumatisiert, ist zwar äußerlich nicht, in der Seele aber tief verletzt. Wie Cutter trifft er auf eine Welt, die von seinem Schmerz nichts wissen will und ihm eher ablehnend bis feindlich begegnet. Anders als bei Alex Cutter aber, nährt sich Rambos Schmerz eben nicht aus dem Verlust moralischer Werte, sieht er nicht Amerikas Verfall gespiegelt in dessen verkommenen Verhalten in Fernost, sondern leidet dieser Mann darunter, nicht genügend Unterstützung in und von der Heimat erhalten zu haben, um den Krieg zu gewinnen. Während CUTTER´S WAY – darin auch deutlich anders als die eingangs erwähnten Filme von Hal Ashby oder Michael Cimino – sich uneindeutig in der politischen Bewertung des Kriegs gibt und das Drama auf eine rein persönliche Ebene zieht, wo es dann nur und ausschließlich um das Leiden eines amerikanischen Ex-Soldaten geht[1], nimmt FIRST BLOOD trotz seiner filmischen Verwandtschaft zum Kino der 70er Jahre, einer vordergründig kritischen Haltung sowie einer recht subversiven Darstellung dieses amerikanischen Elitekriegers als Guerilla-Kämpfer in Vietcong-Manier eben doch eine dezidiert politische, dezidiert reaktionäre Haltung ein.

FIRST BLOOD war einer der ersten Filme, die ganz offen eine amerikanische Variante der „Dolchstoßlegende“ bedienten. Folgt man Rambos Erzählung am Ende des Films, so gab es nicht näher beschriebene und also geheime aber mächtige Kräfte und Kreise, die, aus welchen Gründen auch immer, kein Interesse an einem amerikanischen Sieg hatten. Es ist ein Raunen, das seither in eher rechtsgerichteten Kreisen anhält und von Hollywood in den 80er Jahren gern und häufig bedient wurde. Interessanterweise raunt auch CUTTER´S WAY von einer vermeintlichen Verschwörung, die zunächst nur in Alex Cutters Kopf Gestalt annimmt, der der Meinung ist, das Feuer in seinem Haus, das Mo tötet, sei bewusst gelegt worden. Ein erst einmal etwas größenwahnsinnig, egozentrisch anmutender Gedanke, denn warum sollte sich eine geheime Organisation schon mit einem trunksüchtigen, verkrüppelten Vietnam-Veteranen abgeben? Doch lassen Buch und Regie Alex Cutter insofern Gerechtigkeit widerfahren, als dass der Film das Verschwörungsmotiv doch mehrfach anklingen lässt. Allerdings anders, als dies in FIRST BLOOD der Fall sein wird. In CUTTER´S WAY ist es eher eine mafiöse, ökonomisch motivierte Verschwörung einer nie näher benannten Gruppe, deren Geschäften Cutter mit seinen wahnsinnig anmutenden Unterstellungen, mit seinem Kreuzzug in die Quere kommt. So gelesen, verträte der Film wiederum – Cutters Kritik an einer ebenfalls nicht näher definierten Elite (von der bspw. wiederum Bone profitiert) folgend, die nur an ihren Geschäften, kaum an Politik interessiert ist – eine eher links-progressive Haltung.

Folgt man diesem Pfad, wird man Passers Film vielleicht eher gerecht, als es all jene wurden, die ihn in eine Reihe mit den Werken stellen, die sich dezidiert mit dem Vietnam-Krieg und dessen (psychischen) Folgen beschäftigten. Denn so stark, wie es auch der hier vorliegende Text nun tut, wird das Motiv des Kriegsveteranen in CUTTER´S WAY gar nicht hervorgehoben. Das eben ist auch der Grund, weshalb man sich nicht völlig des Eindrucks erwehren kann, dass es eher ein vorgeschobenes Motiv ist, um eine Handlung in Gang zu setzen, die im herkömmlichen Thriller oder in ursprünglichen Noir-Filmen auch anders hätte begründet werden können. Gelegenheiten erkennen und sie zum eigenen Vorteil nutzen – das ist klassisches Noir-Terrain. Und dass die Sache da meist ungut ausgeht, dieser Konvention folgt dann ja auch CUTTER´S WAY. Am Ende, auf der Gartenparty in Cords Haus, durch die Cutter und der ihm folgende Bone, der das Schlimmste zu verhindern sucht, wie zwei Gespenster, nahezu unbemerkt, hindurchstreunen, wird Cutter tot sein und Bone, einmal in seinem Leben eine Entscheidung treffend und sich aus seiner (scheinbaren) Lethargie befreiend, den Revolver nehmen und auf den Hausherrn richten – und abdrücken. Trifft er? Tötet er den Mann, den auch er mittlerweile verabscheut, auch wenn er von dessen Schuld nicht mehr überzeugt ist? Oder tötet er gar, wie weiter oben bereits in einem anderen Zusammenhang angemerkt, in einem Moment des Erkennens sich selbst? Ist dies ein Akt des Selbsthasses, dem schließlich auch Bone anheimfällt? Ein Selbsthass, der ebenfalls typisch wäre für die Antihelden des klassischen Film Noir, die durchaus bereit waren, sehenden Auges in den Tod zu gehen. Buch und Regie lassen Fragen wie diese offen. Doch wie im klassischen Film Noir wird auch hier letztlich der Abstieg der Anti-Helden in die Hölle, ins eigene Verderben geschildert.

Zur These, es hier vor allem mit einem frühen Neo-Noir zu tun zu haben, einem Sub-Genre, das gerade in den 80er Jahren mit Filmen wie AGAINST ALL ODDS (1984), FATAL ATTRACTION (1987) bis hin zum späteren BASIC INSTINCT (1992) ungemein attraktiv wurde, passt auch die Gegenüberstellung einer wunderschönen Gegend – gedreht wurde im mondänen Sata Barbara und Umgebung – und den verkommenen Innenwelten der Figuren. Zudem wird auch hier noch einmal das Vietnam-Thema aufgegriffen. Ohne das der Film auch nur ein einziges Bild aus dem Krieg oder von dem Land, in dem er tobte, zeigt, hat man doch sofort den Dschungel vor Augen, durch den die Soldaten schlichen. Hier, in Südkalifornien, lauert die Gefahr eben nicht im undurchdringlichen Grün, ist aber mindestens in den Köpfen der Menschen ebenso real, wie es die Bedrohungen in Asien waren, mit denen, zumindest medial, ein jeder zu Beginn der 80er Jahre vertraut gewesen ist.

CUTTER´S WAY bietet seinem Publikum eine wahrlich düstere und unversöhnliche Story, er verweigert Antworten und vor allem – möglicherweise ein Grund für seinen kommerziellen Misserfolg – verweigert er Identifikationsmöglichkeiten. Gerade weil die Protagonisten entweder unsympathisch (Cutter), lethargisch und unbeteiligt (Bone) oder zu passiv (Mo) wirken, können sich Zuschauer*innen mit niemandem wirklich verbünden, finden keinen Zugang zu einer dieser Figuren, um mit ihr oder ihnen zu fühlen. Die Welt, die der Film vorführt, wirkt aus sich heraus schon kalt und desinteressiert, wodurch sie in einem harten Kontrast zu Cronenweths weichgezeichneten Bildern eines sommerlichen Südkaliforniens steht. So macht es der Film, machen es Passers Regie und Fiskins Drehbuch dem Publikum nicht leicht. Man fühlt sich unwohl in und mit diesem Film, er kratzt und bleibt überall im Geiste hängen, ohne dass sich ein Gefühl der Befreiung einstellt. Das natürlich ist eine Leistung.

So sollte CUTTER´S WAY wieder gesehen, neu entdeckt werden. Dass er als Thriller heute nicht mehr überzeugt, liegt schon in der Natur der Tatsache, dass er mittlerweile über 40 Jahre alt ist und es sehr viel ausgefeiltere Thriller-Plots gibt. Auch die Vietnamkriegsthematik ist eher zu vernachlässigen, zumal sie heute auch keine wirkliche Rolle mehr spielt, weder gesellschaftlich, noch kulturell. Aber als Portrait einer zutiefst verunsicherten, prekären, dystopisch sich verlierenden Gesellschaft hat er wahrscheinlich immer noch mehr – auch über das heutige Amerika und darüber, wie es wurde, wie es nun ist – zu erzählen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ivan Passer bewies hier, zu welch außerordentlichen inszenatorischen Leistungen er fähig war. Sein Film ist vielschichtig und vielstimmig, undurchdringlich und kalt und zugleich verführerisch an den Oberflächen. Außergewöhnlich. Leider blieb sowohl diesem Film als auch dem Regisseur die Anerkennung verweigert, die beide verdient gehabt hätten.

 

[1] Darin typisch für die meisten Vietnam-Kriegs-Filme der 70er und 80er Jahre, die das Leiden der Vietnamesen weitestgehend ausblendeten. Sieht man einmal von Roland Joffés in Kambodscha angesiedeltem Werk THE KILLING FIELDS (1984) ab, kamen erst im Laufe der 90er Jahre Filme auf, die sich dezidiert mit dem Leid der Bevölkerung jener Länder auseinandersetzten, in denen dieser fürchterliche Krieg ausgefochten wurde. Darunter herausgehoben zu nennen wäre Oliver Stones HEAVEN & EARTH (1993).

 

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