MEIN GROSSVATER, DER TÄTER. EINE SPURENSUCHE
Lorenz Hemicker begibt sich auf eine schmerzhafte Suche nach dem eigenen Großvater
Nicht nur die Kinder der Täter, auch die Enkel werden von den Geschichten ihrer Familien eingeholt. Manchmal bestimmen diese Geschichten weite Teile ihres Lebens. Lorenz Hemicker legt genau davon Zeugnis ab in seinem Buch MEIN GROSSVATER, DER TÄTER (2025).
Ernst Hemicker war einer derer, die den Massenmord der Deutschen an den Juden – zunächst denen Osteuropas – intensiv mit vorbereiteten und begleiteten. Da er im zivilen Leben Bauingenieur war, wurde er als Mitglied der SS mit dem Aushub der Gruben FÜR Massenerschießungen beauftragt. Nachdem die Wehrmacht gen Osten vorgestoßen war, rückten im Hinterland unmittelbar die Einheiten der SS und des SD vor, um mit dem zu beginnen, was vom Regime als „Endlösung der Judenfrage“ tituliert wurde und nichts anderes meinte als das größte systematische Mordprogramm, dass die Menschheitsgeschichte bisher gesehen hat. Bevor in den Mordfabriken Treblinka, Sobibor, Chelmo und natürlich Auschwitz-Birkenau mit der Vergasung, also dem industriellen Massenmord, von Menschen begonnen wurde, tötete man auf eher konventionelle Weise: Es gab Massenerschießungen, so u.a. bei dem wahrscheinlich berüchtigsten dieser Massaker in der Schlucht von Babyn Jar, in der Ukraine. Doch dem standen die Tötungsaktionen in Riga kaum nach. Im November 1941 wurde das Getto von Riga geräumt, die Menschen, die dort zusammengepfercht leben mussten, wurden in die Wälder von Rumbula getrieben, wo sie sich in die ausgehobenen Gruben legen mussten und schließlich erschossen wurden.
An einem solchen Verbrechen beteiligt gewesen zu sein, musste etwas mit einem Menschen machen – doch wie so viele, scheint es auch Ernst Hemicker gelungen zu sein, spätestens mit dem Ende des Krieges inneren Abstand zu seinem Tun gefunden zu haben. Bis Ende der 60er Jahre lebte er weitestgehend unbehelligt in der BRD, erst nach den Auschwitz-Prozessen Mitte der 60er begannen auch deutsche Staatsanwaltschaften, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu beschäftigen. Hemicker wurde mehrfach in Hamburg von der dort zuständigen Behörde verhört, besser wohl: befragt, musste aber bis zu seinem Tod im Jahr 1973 mit keiner Verfolgung rechnen. Er starb noch vor der Geburt seines Enkels Lorenz.
Für Lorenz´ Vater war das Wissen um die Taten des Vaters ein lebenslanges Menetekel. Es trieb ihn um, er beschwieg es, bis es wieder und wieder – Lorenz Hemicker beschreibt es im Buch mehrfach – auf Familienfeiern, oft wohl unter Alkoholeinfluss, irgendwann aus ihm herausbrach. Offenbar konnte er sich den Verbrechen des Vaters aber nie wirklich stellen, konnte keinen Umgang finden, konnte sich nicht befreien aus dem Albtraum, Sohn eines Massenmörders zu sein. Es war der Enkel, der den Großvater nie kennengelernt hatte, der es dem Vater abnahm, diese Herausforderung anzunehmen. Gemeinsam wollten sie nach Rumbula ins heutige Lettland fahren, um dort nach Spuren des Massakers zu suchen. Doch kurz bevor sie die Reise antreten konnten, verstarb Lorenz´ Vater.
So musste sich der Enkel schließlich allein der Herausforderung stellen und die Familiengeheimnisse lüften, die wirkliche Geheimnisse nie waren. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis dieser Suche, dieser Erforschung der eigene Familiengeschichte. In einer literarischen Doppelbewegung macht sich Lorenz Hemicker also auf nach Rumbula und zugleich – anhand von Familiendokumenten, Akten, alten Briefen und Tagebucheinträgen – in die Vergangenheit des Ernst Hemicker. Er will nicht nur den Ort aufsuchen, an welchem dessen Verbrechen stattgefunden haben und zu begreifen versuchen, was hier geschehen ist, sondern auch verstehen, wie dieser ihm letztlich so ferne Mann wurde, was er schließlich war – ein Mörder, bzw. Mordgehilfe in Hitlers Auftrag.
Dabei stellt er fest, dass Ernst Hemicker vor allem ein Mann war, dessen Geschichte denen Millionen anderer gleicht. Aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, schließt sich Hemicker rechtsnationalen Vereinen und Bünden an, treibt zugleich seine berufliche Laufbahn voran, die aber nie wirklich in Schwung kommt. Früh tritt er der NSDAP bei, verlässt sie wieder, kehrt dann, nach der „Machtergreifung“ wieder in ihren Schoß zurück und liefert sich einen jahrelangen Rechtsstreit mit der Parteibürokratie, um seine ursprüngliche Mitgliedsnummer wiederzuerlangen, wurde es doch als besondere Ehre betrachtet, früh dabei gewesen zu sein.
So entpuppt sich Ernst Hemicker vor allem als typischer Opportunist, der sein Fähnlein – trotz grundlegender nationalistischer und wohl auch völkischer Überzeugungen – nach dem gerade herrschenden politischen Wind ausrichtete. So will er auch – nach eigener Aussage vor den Behörden nach dem Krieg – eben in die Mordmaschinerie der Nazis geraten sein. Tatsächlich lässt sich kein Beweis finden, dass Hemicker an den eigentlichen Tötungsaktionen beteiligt gewesen ist. Nur – macht es das besser?
Lorenz Hemicker reist nach Rumbula und wird dort wie sonst nirgends auf seiner Spurensuche, wie er sein Buch im Untertitel bezeichnet, mit den Verbrechen konfrontiert, an denen sein Großvater so oder so beteiligt gewesen ist. Er erspart weder sich noch uns, den Leser*innen, die Auseinandersetzung mit dem rein technischen Vorgehen bei den Mordaktionen. Es ist unerträglich. Es ist unerträglich, obwohl, wer sich für die Shoa interessiert, sich mit der Geschichte beschäftigt, wer sich dem Grauen schon gestellt hat, weiß, was zu erwarten ist. Hemicker nutzt eine derart spröde und nüchterne Sprache, gerade in diesen Beschreibungen, dass es ihm dadurch gelingt, das Grauen einmal mehr zu vermitteln, eben weil er es für sich selbst sprechen lässt. Es ist diese Sprache, die nicht immer so kühl und distanziert wirkt wie hier, die aber doch immer eine gewisse Äquidistanz zum Geschehen und dem einhält, was der Autor nach und nach herausfindet, die diesen Bericht dann so eindringlich und schwer erträglich einerseits, nachvollziehbar in all seinen Facetten andererseits macht.
Nun ist Lorenz Hemicker Journalist und weiß natürlich, wie man sein Material ordnet, wie man seine Anliegen vermittelt, wie man sprachliche Zeichen setzt. Dennoch versteht er es brillant, die Leser*innen mitzunehmen, teils in sehr persönliche Bereiche, wo er sich mit dem Vater auseinandersetzt, manchmal auch mit der Trauer um ihn und um die verpasste Gelegenheit, ihm ein wenig Erleichterung aus seinem lebenslangen Joch unter der Geschichte des Großvaters zu verschaffen. Ohne dabei journalistisch berechnend zu wirken oder in einen Ton der Reportage zu verfallen, der es vielleicht für ihn selbst einfacher gemacht hätte, über all das zu sprechen, der aber in gewisser Weise „falsch“ gewesen wäre.
Schließlich führen ihn seine eigene konkrete Reise und die Recherchen zum Lebensweg des Großvaters in einer Engführung nach Österreich, wo Ernst Hemicker ebenfalls als SS-Offizier (wenn auch nie besonders hohen Rangs) tätig war. Auch hier, in einem Außenlager des KZ Mauthausen in welchem furchtbare Bedingungen herrschten, wo letzte Versuche unternommen wurden, den Krieg mit neuer Technologie zugunsten der Deutschen zu entscheiden, muss Hemicker zumindest bewusst gewesen – oder geworden – sein, für wen und für was er da arbeitete. Aber, so der Autor, Ernst Hemicker war eben nicht einfach nur ein Mitläufer, der sich an Ende auf Befehlsnotstand und all die schalen Entschuldigungen herausreden konnte, die so viele angeführt haben, als alles vorbei war. Er war Mitglied in der SS, einem doch schon sehr besonderen Verein. Und als solches wird er sehr genau gewusst haben, wem er da, welcher Sache er da dient.
MEIN GROSSVATER, DER TÄTER ist ein sehr, sehr ehrliches, ein sehr persönliches Buch, das aber über diese sehr persönliche Ebene hinaus eben auch Aufschluss darüber gibt, wie es möglich war, wie in ganz normalen Familien Mörder und Monster entstanden. Lorenz Hemicker stellt sich – und natürlich uns, seinen Leser*innen – die Frage, ob all das, was er da, wie so viele andere, zutage gefördert hat, einfach im Strom der Zeit hinfort gerissen wird? Mag sein. Doch ist es letztlich eben an uns, den Leser*innen, nicht zu vergessen und sich wieder und wieder dieser Geschichte zu stellen, auch wenn es schmerzt. Immer wieder. Auch, weil sich etwas Ungutes zusammenbraut, dass es zumindest – über lange Zeit undenkbar – eine Wiederholung möglich erscheinen lässt. Und so schriebt auch die Enkelgeneration wider das Vergessen an.