MASSENMORD UND SCHLECHTES GEWISSEN

Von der Verdrängung

Eine der entscheidenden Fragen hinsichtlich des 3. Reichs, die wahrscheinlich niemals abschließend beantwortet werden können, ist jene danach, was die deutsche Bevölkerung von den Verbrechen, die auch in ihrem Namen begangen wurden, bereits während der Hitler-Diktatur wusste? Waren jene Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ja die Menschheit selbst, bekannt? Wurden sie durch ein tiefgreifendes Einverständnis gedeckt oder gar durch einen vorgeschalteten Willen zur Vernichtung vor allem jüdischen Lebens geradezu gefordert? Die Argumentationslinie zu letzterer Annahme wurde vor allem seit Daniel Jonah Goldhagens Studie zu „Hitlers willigen Vollstreckern“[1] immer wieder aufgegriffen, gewendet und neu verhandelt und meist verworfen – auch von jenen Historikern und Soziologen, die seinen Annahmen und Ausführungen nicht schon von vornherein skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden.

Es ist also eine zwar mühsame aber ehrenvolle Aufgabe, sich der Frage zuzuwenden, was dieses Volk eigentlich wusste und mitbekam von den Verbrechen, die ja nicht erst 1941/42 mit der Inbetriebnahme der Vernichtungslager – Sobibor, Treblinka, Majdanek, Chelmo oder Auschwitz-Birkenau – einsetzten, sondern bereits in den frühen 30er Jahren mit der Ausgrenzung der Juden aus dem sozialen Leben, mit den „Rassegesetzen“, einen echten Höhepunkt mit der sogenannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 fand und schließlich – nach einem Umweg über streng geheim gehaltene Versuche mit den unterschiedlichsten Methoden zur Vernichtung dessen, was die Nazis „unwertes Leben“ zu nennen pflegten, an geistig wie körperlich behinderten Menschen – in den Anlagen zur industriell-seriellen Tötung von Menschen gipfelte.

Der Hamburger Wissenschaftler Frank Bajohr hat sich dieser Aufgabe angenommen. Sie ist im Fischer Verlag in der von Walter H. Pehle herausgegebenen Reihe ‚Die Zeit des Nationalsozialismus‘ als Doppelband mit Dieter Pohls Studie über die Kenntnisse der Alliierten über die Massenvernichtung menschlichen Lebens, erschienen.

Bajohrs Text stützt sich dabei nicht nur auf die Arbeiten so angesehener Forscher wie Peter Longerich, Götz Aly, Otto Dov Kulka und Dutzender weiterer Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler, sondern auch auf eine ganze Reihe von Originalquellen. So wird der Text nicht nur zu einem guten Überblick zur Faktenlage, sondern auch zu einer feinen Abhandlung über Quellenkunde zu diffizilen Fragen. Gerade jene Frage nach dem Kenntnisstand der deutschen Bevölkerung und deren Reaktion auf Wissen davon, wie an der Ostfront mit Juden, Polen, Partisanen verfahren wurde, sind nur zu beantworten, wenn man sich zum Beispiel auf die geheimen Stimmungsberichte stützt, die GESTAPO und Himmlers Polizeibehörden zusammentrugen. Allein die Tatsache, sich in einer solch diffizilen Frage auf Material der Nationalsozialisten selber stützen zu müssen, bei dem definitiv davon auszugehen ist, daß es teils beschönigt wurde, ist natürlich schwierig in der Forschung. Bajohr verweist so auch darauf, daß aus seiner Sicht u.a. Ian Kershaws Annahme, das plötzliche Abreißen dieser Berichte 1940/41 mit einem wachsenden Desinteresse der Bevölkerung, die sich ja nun selbst im Krieg und also existenziellen Bedrohungen ausgesetzt sah, zu erklären, ebenso zu kurz greife, wie Kulkas Ansatz, daraus eine „heimliche Komplizenschaft“ abzulesen.

Sehr differenziert arbeitet Bajohr heraus, daß – anhand von Briefen, Tagebüchern und auch Gesprächsaufzeichnungen nachweisbar – davon auszugehen ist, daß große Teile der Bevölkerung wussten, DASS etwas geschieht. Der Krieg brachte es durch Feldpostbriefe und Fotos, die heimgeschickt wurden einerseits, durch Versetzungen andererseits mit sich, daß z.B. die Beteiligung der Wehrmacht an Massentötungen wie in der Ukraine (Babi Jar) bekannt war. Doch auch die Drangsalierung der jüdischen Mitbürger lange vor dem Krieg hatte bereits große Aufmerksamkeit in der Bevölkerung generiert, die Deportationen, als sie dann massenweise einsetzten, wurden bereits recht kritisch gesehen. Einerseits waren sich Viele wohl durchaus bewusst, daß hier Grenzen überschritten und damit auch ‚zivilisatorische Brücken‘ abgerissen wurden. Andererseits geht aus den gleichen Quellen eben auch hervor, daß spätestens ab 1943 – nach dem Fall Stalingrads und einem wachsenden Unbehagen, daß der Krieg möglicherweise doch verloren gehen könnte – ein Umdenken stattfand, da man zunehmend Angst vor Rache und Vergeltung hatte. „Die Juden als Faustpfand“ war schließlich sogar in der Führung des Regimes – namentlich bei Himmler – ein durchaus geläufiger Gedanke.

Es gab keine einheitliche Zustimmung zum Umgang mit den Juden, obwohl bis 1938 eine wachsende Zustimmung zur Diffamierung und Ausgrenzung festzustellen ist. Bajohr umreißt knapp aber anschaulich die Atmosphäre der 20er Jahre, der Weimarer Republik, jener Jahre also, die die Nazis abfällig „Systemzeit“ nannten, und wie brutalisiert und aggressiv aufgeladen die allgemeine Stimmung war. Politischer Mord – gerade nach den wilden Revolutionstagen 1918/19  – war ein weitverbreitetes Mittel der Auseinandersetzung. Ebenso Straßen- zwischen Rechten und Linken und Saalschlachten während diverser Parteiveranstaltungen. Auch auf den spezifischen Antisemitismus, der in Deutschland grassierte, geht Bajohr kurz ein. Allerdings muß man ihm an dieser Stelle auch Kritik angedeihen lassen: Die Frage danach, ob der deutsche Antisemitismus „eliminatorisch“ war in seinen Grundzügen und also von vornherein sich darin vom (ebenfalls stark ausgeprägten) französischen oder englischen Antisemitismus unterschied, ist derart vertrackt, daß sie schlicht nicht auf zwei Seiten und mit einem halben Dutzend Fußnoten zu beantworten ist. Allerdings ist dem Autor dann wieder anzurechnen, daß er deutlich auf den durchaus eliminatorische Züge zeigenden Antisemitismus in Polen, der Ukraine und auch Georgien verweist, wo es in den 1890er und den frühen Dekaden des 20. Jahrhunderts immer wieder zu für Juden tödliche Pogrome gekommen war. Das nicht in apologetischer Absicht, sondern um die Komplexität solcher Fragen aufzuzeigen.

Bajohr bietet auch einen recht gelungenen Ausblick darauf, wie mit dem Täterwissen nach dem Krieg umgegangen, wie es verdrängt, wie es schlicht abgestritten wurde. Aber auch, daß es immer einzelne gab, die vollkommen unbekümmert ihre Kriegserfahrungen zu schildern wussten, ohne dabei – trotz grausigster Erlebnisse beispielsweise bei Massenerschießungen – auch nur ein Gran Mitleid, Schuldbewußtsein oder gar Leiden am eigenen Tun zu zeigen.

Dieter Pohls doch deutlich kürzerer Text liefert demjenigen, der sich mit der Materie bereits beschäftigt hat wenig Neues, bietet dafür aber einen guten Überblick zur Forschungslage und zur Einführung ins Thema allemal.

Heute ist bekannt, daß die Alliierten recht früh wussten, was sich in den Lagern abspielt, über die Entwicklungen vor dem Krieg berichtete vor allem die angelsächsische Presse ausgiebig. Man sprach deutlich die Ausgrenzung der Juden in Deutschland an, man berichtete sowohl von den Vorkommnissen des 9. November 1938, wie man zuvor die „Rassegesetze“ und die immer stärkere Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben thematisiert hatte. Daß die Alliierten dann schließlich nicht direkt Auschwitz bombardierten, ja, nicht einmal bereit gewesen seien, die Verbindungswege dorthin zu zerstören, ist diesen ja immer wieder vorgeworfen worden. Pohl bereitet noch einmal die Entscheidungen der Alliierten auf, verweist auch auf das Problem der Gräuelpropaganda, der sich gerade die Briten während des Ersten Weltkriegs bedient hatten und die ihnen später massive Kritik einbrachte, weswegen das britische Hauptquartier äußerst unwillig war, die Berichte über fürchterliche Behandlung und Massentötungen für bare Münze zu nehmen. Auch kriegstaktische Gründe spielten eine Rolle – so konnten die Briten durch die Entschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine  auch den Funkverkehr der einzelnen Lager mitverfolgen. Doch wollte das Strategische Kommando nicht darauf eingehen, nichts veröffentlicht sehen, da die Deutschen sonst von der Decodierung erfahren hätten. Pohl weist jedoch anhand diverser Titelseiten sowohl der ‚New York Times‘ als auch der Londoner ‚Times‘ nach, daß kontinuierlich, ab 1943 und den Vorstößen der Russen in die einst von den Deutschen besetzten Räumen ihres Vaterlandes immer verstärkter über das berichtet wurde, was in Polen, Rußland und den Lagern geschehen war.

Ein Band wie der vorliegende kann natürlich niemals tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema ersetzen. Als Einführungsband in die Materie ist er aber allemal geeignet. Zudem bietet er demjenigen, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, einen guten Begriff davon, daß es nicht die eine Antwort auf etliche der zum Thema zu stellenden Fragen gibt, daß wir immer nur Mosaikstein für Mosaikstein, Puzzleteil für Puzzleteil Antworten zusammentragen und -fügen können. Waren die Deutschen Judenfeinde? War ihr Antisemitismus von vornherein prädestiniert, nach Auschwitz zu führen? Wussten alle Bescheid und alle hielten dicht? Solche Fragen werden wir niemals eindeutig oder gar letztgültig beantworten können. Umso wichtiger, daß nachfolgende Generationen gerade anhand dieser leichter zu lesenden, einfacheren Übersichtstexte lernen können, daß und wie dieser Prozeß des Diskriminierung, rassistischen Verunglimpfung, informellen und gesetzlichen Ausgrenzung funktionierte, wie er griff, wie sich das Regime zunächst den Anschein der Wohlanständigkeit gab, wie es aber die Bevölkerung auch zu Komplizen machte, indem es die Menschen partizipieren ließ am Ausschluß jüdischer Mitbürger, indem deren Eigentum versteigert wurde, ihre Wohnungen plötzlich zur Verfügung standen, Stellen frei wurden und einem dumpfen Groll gegen „die Juden“, die ja angeblich immer die wesentlichen Stellen der Gesellschaft besetzten, Ausdruck verlieh. „Geschieht denen recht“ – es sind diese und ähnliche Aussagen, die natürlich noch nicht nach Vernichtung schreien, die aber die Vernichtung schon in sich tragen, indem sie ein Desinteresse daran signalisieren, was „denen“ geschieht, indem das, was geschehen soll, geschieht, geschehen wird einfach aus dem Satz ausgespart bleibt. „Geschieht denen recht“ – WAS geschieht „denen“ recht? Schweigen.

Es kann wieder passieren, im Kleinen passiert es tagtäglich, und wir sind schon lange wieder müde genug, es nicht ganz so genau wissen zu wollen. Es sind Bücher wie dieses, die dieser Tendenz entgegen arbeiten und uns immer wieder mahnen, wach zu bleiben.

 

[1]Goldhagen, Daniel Jonah: HITLERS WILLIGE VOLLSTRECKER. GANZ GEWÖHNLICHE DEUTSCHE UND DER HOLOCAUST. München, 2000.

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