KINDESWOHL/THE CHILDREN ACT (Film)

Ein bürgerliches Drama aus der Londoner Upper Class - und ein Hochamt für Emma Thompson

Am Vorabend eines wegweisenden Urteils, das die Familienrichterin Fiona „Fee“ Maye (Emma Thompson) am High Court of Justice in London zu fällen hat, konfrontiert sie ihr Mann Jack (Stanley Tucci) damit, dass es zwischen ihnen kaum mehr Zärtlichkeiten, erst recht keine Intimitäten mehr gebe und ihn das sehr unzufrieden mache. Fiona, die darüber entscheiden soll, ob die Ärzte siamesische Zwillinge trennen dürfen, wobei klar ist, dass einer der beiden sterben wird, bittet ihren Mann, sie in einem solch wichtigen Moment nicht mit Dingen wie diesen zu behelligen.

Anderntags fällt sie die Entscheidung, die Trennung zuzulassen, wodurch sie sich enormer Kritik in den Medien aussetzt, aber auch der Eltern der Zwillinge, die die Trennung – auch auf die Gefahr hin, dass beide Kinder sterben – abgelehnt hatten.

Abends kehrt Fiona müde in ihre Wohnung zurück, wo Jack ihr eröffnet, eine Affäre mit einer jüngeren Frau eingehen zu wollen. Da Fiona und er elf Monate – er habe das genau markiert – nicht mehr miteinander geschlafen hätten, wolle er sich anderweitig Abhilfe für seine sexuellen Bedürfnisse suchen. Fiona ist außer sich und verweist Jack zunächst auf die Couch, dann der Wohnung. Mit ihm sprechen, die Dinge diskutieren, will sie nicht. Jack verlässt die Wohnung freiwillig, was Fiona dann bald auch spürt – sie fühlt sich einsam.

Sie erhält einen weiteren schwierigen und medienwirksamen Fall: Der kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag stehende Adam Henry (Fionn Whitehead) ist schwer an Leukämie erkrankt. Allerdings glauben die Ärzte, ihm helfen zu können. Nur verwehren die Eltern eine zunächst lebenserhaltende Bluttransfusion. Die Familie gehört den Zeugen Jehovas an, die Bluttransfusionen generell ablehnen, da das Blut das Leben selbst sei und Gott nicht wolle, dass man es vermische.

Vor Gericht kommt es zu einer Diskussion zwischen dem Anwalt des Krankenhauses – Mark Berner (Anthony Calf), der zugleich Fionas Muszierpartner ist, die beiden treten gemeinsam beim Weihnachtsfest des High Court auf – und der Anwältin der Gegenseite; der behandelnde Arzt tritt auf und legt seine Argumente für eine Transfusion dar; schließlich hält Adams Vater Kevin Henry (Ben Chaplin) ein ebenso bewegendes wie eindringliches Plädoyer für seinen Glauben und weshalb er und seine Frau sogar bereit seien, Adams Tod in Kauf zu nehmen, wenn Gott dies so bestimme.

Fiona bestimmt, dass sie mit Adam persönlich sprechen wolle. Sie besucht ihn im Krankenhaus. Der junge Mann ist außer sich, beteuert er ihr doch immer wieder, er habe gewusst, dass sie komme. Sie fragt ihn aus, will herausfinden, ob der Junge eigener Eingebung folgt, wenn er die Behandlung ablehnt, oder aber von seinen Eltern und, mehr noch, den Ältesten seiner Gemeinde gesteuert ist. Adam scheint umgehend Vertrauen zu der doch eher distanziert, wenn auch freundlich auftretenden Richterin zu fassen. Schließlich beginnt er auf seiner Gitarre zu spielen und Fiona, die das Lied kennt, beginnt, ihn zu begleiten, denn sie kennt den Text, der von dem Dichter Yeats stammt. Adam ist begeistert, doch Fiona verabschiedet sich abrupt. Sie verlässt ihn, obwohl Adam sie anfleht, noch zu bleiben.

Zurück im Gericht, entscheidet Fiona, dass das Leben über der Würde Adams stehe und sie, die reinen Vernunftgründen und dem Recht folge, entscheide, dass die Transfusion auch gegen den Willen Adams, seiner Familie und der Gemeinde der Zeugen Jehovas durchgeführt werden dürfe. Umgehend beginnen die Ärzte mit der Behandlung.

Jack kehrt schon nach 2 Tagen in die gemeinsame Wohnung zurück, doch schläft er im Gästezimmer, was seine Nichten, auf die er eine Nacht aufpasst, äußerst witzig finden. Der Spaß ist allerdings vorbei, als Jack herausfindet, dass Fiona bereits einen Scheidungsanwalt eingeschaltet hat. Er hält ihr vor, überstürzt zu reagieren, sie lässt sich auf keine Diskussion ein.

Immer wieder bekommt Fiona Anrufe von Adam, der ihre geheime Nummer herausgefunden hat. Sie nimmt sie nicht an, hört aber gelegentlich seine Sprachnachrichten ab. Sie weiß nicht, was sie von all dem halten soll. Offenbar betrachtet der junge Mann sie als eine Art Lebensretterin. Eines Tages, als Fiona das Gericht verlässt und nachhause läuft, wie sie es oft tut, fühlt sie sich beobachtet und muss feststellen, dass Adam ihr folgt. Sie stellt ihn zur Rede.

Die Behandlung war erfolgreich, er gilt als geheilt. Infolge des Urteils hat er begonnen, seinen Glauben und auch seine Eltern und deren Haltung in Frage zu stellen. Er betrachtet Fiona nicht nur als Lebensretterin, sondern als Mentorin. Wie sie gemeinsam musiziert hätten, dass sie wusste, dass der Text zu dem Lied von Yeats stammt, ihre ruhige Art – all das habe ihn für sie eingenommen und davon überzeugt, dass sie ihm den Weg ins Leben weisen könne. Dass der junge Mann offenbar ein wenig verliebt ist, macht die Sache nicht einfacher. Fiona schickt ihn fort, macht klar, dass „der Fall“ und damit auch er, Adam, für sie abgeschlossen ist. Bevor er davongeht, drückt Adam ihr einen Packen Briefe und Notizen in die Hand, die er ihr geschrieben aber nie abgeschickt hatte.

Es ist deutlich, dass Fiona von dieser Entwicklung nicht begeistert ist, sie Adams Zuneigung und all die Fragen, die seine Briefe formulieren, aber auch nicht unberührt lassen.

Fiona muss für einen beruflichen Termin nach Newcastle. Ihr Sekretär, der beflissene Nigel Pauling (Jason Watkins), bereitet alles für die Reise vor, legt ihr ihre Papiere zurecht und fährt dann vor in den Norden.

Während eines Abendessens mit verschiedenen Honoratioren und Juristen, unterrichtet Pauling Fiona, dass Adam draußen im Regen stehe. Sie ist einerseits erbost, artet sein Verhalten doch zu dem eines Stalkers aus, ist aber dennoch bereit, mit ihm zu sprechen. Obwohl er immer noch angetan von ihr scheint, macht er ihr nun auch Vorwürfe. Sie habe ihn erst dahin gebracht, sein Leben in Frage zu stellen, nun ließe sie ihn mit all seinen Fragen allein. Er wisse aber nicht, an wen er sich wenden solle. Mit seinen Eltern könne er nicht mehr sprechen. Fiona hört sich das an, dann schickt sie ihn mit Pauling zum Bahnhof, der kümmere sich um alles, Adam müsse nun zurück nach London fahren.

Es geht nicht spurlos an Fiona vorbei, dass sie Adam nun wiederholt zurückweisen und wegschicken musste. Daheim ist die Situation nicht unbedingt besser geworden, sie und Jack halten sich in einem unerklärten Patt, ohne dass einer der beiden wüsste, wie es weitergehen soll. Allerdings signalisiert Jack immer wieder, dass er Fiona liebt und sich wünscht, dass ihr Verhältnis wieder werde, wie es einmal war.

Fiona bereitet sich mit Mark Berner weiterhin auf das Weihnachtskonzert vor. Am betreffenden Abend begleitet Jack sie zu den Feierlichkeiten, man ist weihnachtlich gestimmt. Noch bevor ihr Auftritt beginnt, erscheint der aufgelöste Pauling im Festsaal. Er übergibt Fiona eine Notiz: Adam habe einen Rückfall erlitten, er sei in einem Hospiz, verweigere jede Behandlung und würde eventuell die kommende Nacht nicht überleben.

Obwohl sie aufgewühlt ist, bestreitet Fiona das Konzert. Als Mark eine Zugabe ankündigt, spielt sie – ohne dass sie dies mit ihm abspricht – jenes Lied, das sie gemeinsam mit Adam im Krankenhaus gesungen hat in einer äußerst berührenden Version. Nachdem sie es beendet hat, eilt sie aus dem Saal und fährt zu Adam. Sie erzählt ihm von den Träumen, die er ihr in den Briefen beschrieben hatte: Wie sie beide gemeinsam mit einem Schiff die Meere bereisten und dass sie dazu bereit wäre. Doch der schwache Adam flüstert ihr zu, er sei nun volljährig und habe selbst entschieden.

Als Fiona nachts in ihre Wohnung zurückkehrt, trifft sie dort auf Jack. Von Weinkrämpfen geschüttelt erzählt sie ihm die ganze Geschichte mit Adam und ihr. Jack, der sehr behutsam ist, fragt sie schließlich, ob sie sich in den Jungen verliebt habe. Fiona heult auf und schreit ihn an, Adam sei noch ein Kind gewesen. Dann geht sie ins Schlafzimmer und schließt die Tür hinter sich.

Jack begleitet Fiona zu Adams Beerdigung. Abseits der Trauergemeinde stehen sie und beobachten, wie der Sarg in der Erde versinkt. Dann verlassen sie Seite an Seite den Friedhof.

Drehbücher zu Verfilmungen eigener Werke zu schreiben, ist so manchem Schriftsteller nicht gut bekommen. Stephen King kann da ein Liedchen von singen. Im vorliegenden Fall war es Ian McEwan, der die Aufgabe übernahm, die Leinwandadaption seines Romans KINDESWOHL (THE CHILDREN ACT; erschienen 2014) selbst zu verfertigen. So entstand nach seinem Roman und dem von ihm verfassten Drehbuch unter der Regie von Richard Eyre THE CHILDREN ACT (2017). Und was soll man sagen? Der Film leidet unter ähnlichen Problemen wie es der Roman bereits tat – und kann doch als eigenwertiges Kunstwerk bestehen. Im Grunde sogar besser, als es die Vorlage konnte. Ein bürgerliches Drama wird hier erzählt, ruhig, ohne allzu viel Aufsehen, entfaltet es sich in den eleganten Wohnungen und Büros der Londoner Upper Class, schlägt eine Bresche in die Leben einiger Menschen und geht vorüber. Danach wird nichts mehr sein, wie es einmal war, und doch wird sich das Wasser des gesellschaftlichen Lebens nur en wenig gekräuselt haben.

Erzählt wird eine seltsam, weil inkohärent anmutende Doppelgeschichte. Einerseits haben wir es mit einer veritablen Ehekrise zu tun, da die Richterin Fiona Maye, genannt „Fee“, den von ihrem Gatten Jack, einem Universitätsprofessor für Philosophie, angemahnten ehelichen Pflichten – sprich: Sex – seit geraumer Zeit, genauer gesagt seit 11 Monaten, Jack hat es „markiert“, nicht mehr nachkommt. Er kündigt nun – obwohl er seine Frau liebt, wie er beteuert und was man ihm in der Darstellung durch Stanley Tucci auch unbedingt glauben will – eine außereheliche Affäre an, die aber noch gar nicht stattgefunden hat. Was Fiona aber nicht davon abhält, umgehend zutiefst verletzt zu reagieren. Warum sie sich ihm entzieht, bleibt im Ungefähren, denn sie ist nicht bereit, sich dezidiert dazu zu äußern. Überhaupt wirkt diese Frau nicht wie jemand, der sich unbedingt erklärt, zumindest nicht im Privaten. Sie scheint ganz in ihrer Rolle als Richterin aufzugehen, sich ganz der Arbeit zu widmen, was angesichts der Fälle, die sie zu verhandeln hat, nicht wirklich verwundert.

Die von Emma Thompson in einer ihrer besten Leistungen äußerst distanzierte, fast spröde, aber dann doch prononciert und differenziert gespielte Richterin hat sehr, sehr viel Arbeit, das wird in den ersten Szenen bereits deutlich. Sie urteilt am Familiengericht und – der zweite Handlungsstrang – hat es dort zumeist mit den diffizilen Fällen zu tun: Soll ein siamesisches Zwillingspaar getrennt werden, was bedeutet, dass eines der beiden Kinder stirbt? Andernfalls, so die Einschätzung der Fachleute, werden beide sterben. Der Fall hat große mediale Aufmerksamkeit, was die Entscheidungsfindung natürlich umso schwerer macht. Fiona lässt die Trennung zu, womit dem Publikum verdeutlicht wird, dass sie sich unter allen Umständen auf der Seite der Vernunft sieht – wobei die Vernunft hier von in Großbritannien häufig geltenden utilitaristischen Überlegungen geleitet wird. So oder so gibt sie sich unbestechlich, wenig emotional, auch wenn sie im Gerichtssaal versichert, alle Seiten und deren Bedenken und Schmerzen zu verstehen.

Der Film nimmt Fahrt auf, als ihr nächster großer Fall eine ähnliche Dimension hat: Der gerade noch nicht volljährige Sohn eines Ehepaars, welches den Zeigen Jehovas angehört, verweigert die notwendigen Bluttransfusionen, die es laut der behandelnden Ärzte braucht, um seine lebensbedrohliche Lage – er hat eine schwere Form von Leukämie, die aber behandelbar sei – zu stabilisieren. Nach reiflicher Überlegung und einem Besuch im Krankenhaus bei dem jungen Mann, Adam Henry, entscheidet sich Fiona, dass das „Leben höher stünde als die Würde“ und lässt die Transfusionen zu. Doch beginnt nun eine Auseinandersetzung mit Adam, die sie nie gewollt hatte: Der nämlich meint, durch ihren Besuch das Eigentliche erkannt zu haben, was das Leben ausmacht und will von ihr Antworten auf Fragen zum Da-Sein und dessen Sinn. Antworten, die Fiona aber gar nicht geben kann, weil sie sich in eben jenen Kokon der Vernunft eingesponnen hat, in dem alles nach vorgefertigten Rastern und Mustern abläuft. Die eiskalte Vernunft der Juristerei, in der eine Richterin sich über den Willen Gottes stellen kann. Der nämlich, so der Vater des Jungen im Zeugenstand – ein kurzer aber sehr eindringlicher Auftritt von Ben Chaplin, der die Schwierigkeiten eines solchen Urteils deutlich macht und dabei vorsichtig auch der Seite der Familie ihr Recht zugesteht, einen anderen Glauben und damit andere Wertvorstellungen zu haben – entscheidet, ob der Junge lebt oder stirbt. Eine Haltung, die ein Mensch wie Fiona nur schwer akzeptieren kann. Und doch gerät ihr so sicheres System der Vernunft, des Rationalen auch durch die heimische Situation, die unberechenbar geworden ist, weil Jack Gefühle zeigt und ausleben will, ins Wanken.

Wie im Roman, kann aber auch der Film keinen zwingenden Bezug der Ehekrise zu der Lebenskrise des jungen Mannes und der Rolle herstellen, die Fiona als Scharnier zwischen beidem spielt – der ehelichen Krise als Ausdruck einer bürgerlichen Krise und so existenziellen Fragen nach Leben und Tod, wie der Prozess sie aufwirft. So bleibt Vieles hier wie zuvor schon im Roman Behauptung. Der Film ist dringend auf Interpretation angewiesen, weil all die auch in diesem Text ausgelegten Zusammenhänge nirgends im Film verdeutlicht werden. Stattdessen bebildert der Film – allerdings in erlesenen Kameraeinstellungen an erlesenen Drehorten – die Geschichte, die der Roman vorgibt. Jack ist ein netter Kerl, dessen Affäre nur zwei Nächte (im Roman gar nur eine) währt, dann ist er wieder da. Fiona hat aber sofort die Schlösser der Wohnung austauschen lassen; ebenso hat sie einen Scheidungsanwalt eingeschaltet. Diese Handlungen sollen wohl ihren in allen Lebenslagen von Vernunft und Rationalität – Affäre? Scheidung! – geprägten Charakter zeigen, wirken im Kontext des Films aber übertrieben, zickig und sogar ein wenig hysterisch. Und sie passen nicht zu dieser ansonsten so genau beobachtenden Frau. Es tun sich Widersprüchlichkeiten in ihrem Charakter auf, die nicht, was sie wohl sein sollen, Interesse hervorrufen, weil sie etwas in Frage stellen, sondern Verwirrung, weil diese Frau im Grunde nie von ihren Entscheidungen und Ansichten abweicht, ihre Haltung nicht in Frage gestellt wird, weder von ihr selbst, noch vom Film, der immer bei ihr bleibt.

Thompson allerdings spielt das bravourös und Eyre verlässt sich in hohem Maße auf seine Hauptdarstellerin. Er und Kameramann Andre Dunn geben ihr jede Menge Großaufnahmen, in denen sie sehr nuanciert ausspielen kann, wie Fiona ihr jeweiliges Gegenüber wahrnimmt, wie in ihr Erkenntnis wächst, aber auch, wie sie Für und Wider abwägt. Schauspielerisch ist das einfach grandios und allein diese Leistung macht den Film sehenswert. Aber diese Darstellung kommt dann eben auch dem Drehbuch in die Quere, dem es nicht gelingt, die Reaktion dieser Frau auf Jacks Anliegen, zu dem sie sich nicht einmal äußert – sie könnte ja bspw. erklären, dass nach 30 Ehejahren einfach der Kitzel weg ist, dass sie ihn zwar liebt, aber nicht mehr anziehend findet, dass ihre Arbeit sie auffresse, was sie dann sehr spät im Film immerhin einmal erwähnt – nachvollziehbar zu machen. Umso seltsamer dann ihre Reaktion auf die späteren Geschehnisse. Denn Adam entwickelt sich zu einem regelrechten Stalker: Er ruft sie etliche Male an, obwohl sie eine geheime Handynummer hat, er folgt ihr auf dem Weg zur Arbeit, lässt sich von ihr schließlich auch zur Rede stellen, fährt ihr sogar entgegen ihrem Wunsch, sich von ihr fern zu halten, nach Newcastle hinterher, wo sie einen Vortrag halten soll. Zwar schickt sie ihn auch hier schließlich fort, doch die Briefe, die er ihr geschrieben, aber nie abgeschickt hat und die er ihr in die Hand drückt, die nimmt sie. Und behält sie. All das Andeutungen, die aber nie zu einer Konsequenz oder zumindest einer inneren Auseinandersetzung führen.

Nur Thompsons Gesicht gibt uns Hinweise auf das, was in dieser Frau vor sich gehen mag, nur Thompsons Spiel gelingt es, das Verhalten dieser Figur glaubwürdig zu gestalten, die ansonsten widersprüchlich bliebe und im Kontext dessen, was der Film zeigt, nicht überzeugen könnte. Doch Emma Thompsno vermag es eben, diese an sich nicht zwingend sympathische Figur derart ausdifferenziert darzustellen, dass wir ein leises Begehren, eine stille Hoffnung zu spüren meinen, eine Hoffnung, an Gefühle zu gelangen, die diese Frau – vielleicht aufgrund ihrer Persönlichkeit, vielleicht aber auch in Folge ihres Berufs als eine Art Déformation professionnelle – bewusst nicht mehr empfindet, oder nicht mehr empfinden kann. Als sie während der internen Weihnachtsfeier die Mitteilung erhält, dass Adam erneut erkrankt ist, jede Behandlung verweigert und in einem Hospiz seinen letzten Stunden entgegensieht, lässt sie alles stehen und liegen und eilt zu ihm. Als Jack sie später fragt, ob sie sich in den Jungen verliebt habe – was nach allem, was der Film uns zeigt, zumindest eine Möglichkeit ist – reagiert sie harsch und weist ihn zurecht: Adam sei noch ein Kind gewesen.

Scheint also in diesem Kind, diesem Jungen am Anfang seines Lebens, das sie ihm – gottgleich – gegeben hatte, indem sie das Urteil gefällt hat, welches die Transfusionen erlaubte, scheint hier eine Möglichkeit auf, es noch einmal anders zu machen, einen anderen Weg einzuschlagen? Auch, wenn ein Weg wie der, den Adam vorschlägt – gemeinsam wegzulaufen, die Welt zu erobern, sich dem Leben waghalsig entgegenzuwerfen – für eine Frau wie Fiona, die deutlich in den mittleren Jahren des Lebens angekommen ist, die sich lange schon entschieden hat, natürlich nicht in Frage kommt. Wenn sie also an seinem Sterbebett eben jene Träume beschwört, die er ihr in seinen Briefen angetragen hatte, beschwört sie dann die Variante eines eigenen Lebens oder will sie letztlich schützen, was sie verfügt hat: Wenn Adam jetzt stirbt, stellt das in ihren Augen auch das Urteil in Frage, welches sie gefällt hat. In solchen Momenten entwickelt der Film dann doch eine gewisse Kraft, weil er hochkomplexe Fragen erwachsen und mit einer gewissen Reife stellt, sie aber nicht mit Plattitüden beantwortet.

Aber es sind eben auch nur Momente. Es entsteht hier das letztlich durch die Leistung von Emma Thompson beglaubigte Portrait einer Frau, die sich ihrer Mittel und Haltungen nicht mehr sicher ist. Eine an sich selbstbewusste und selbstsichere Frau, der durch das Verhalten ihres Mannes ebenso, wie durch die Beharrlichkeit eines Jungen der Boden unter den Füßen verloren zu gehen droht.  Das Drehbuch hingegen bietet uns – wie auch der Roman zuvor und wie eigentlich alle Werke des Autors Ian McEwan – ein dezidiertes und in diesem Fall manchmal sogar ein wenig böses Portrait einer britischen – eher: englischen – Oberschicht, die sich durch eine Welt bewegt und in dieser Welt eine Menge beeinflusst, die sie im Grunde nicht kennt und auch nicht versteht.

Drehbuch und Regie haben eine Reihe kleiner, manchmal versteckter Hinweise in die Handlung eingebaut. Da sind all die Andeutungen einer zutiefst bürgerlichen Existenz. Fiona und Jack leben in einer Wohnung, wie sie in London sich nur leisten kann, wer wirklich gut verdient. Sie spielt Klavier und ihr Flügel nimmt einen exponierten Platz in dieser Wohnung ein. In einer Rückblende sehen wir, wie Jack ihn ihr einst geschenkt hat und wie viel ihr dieses Geschenk bedeutet. Fährt sie Bahn, fährt sie selbstverständlich erster Klasse, geht das Paar aus, trägt sie teure Kleider und exquisiten Schmuck und er einen maßgeschneiderten Anzug. Das London, durch das Fiona sich bewegt, ist ein vergleichsweise sauberes, ein teures und sich seiner Rolle als ehemalige Hauptstadt der Welt sehr bewusstes und dementsprechend in Szene gesetztes London.

Aus diesem privilegierten Leben leitet Fiona auch ihre Haltung zur Welt ab: Es fällt auf, dass sie gegenüber den Anwälten in Adams Fall – der Vertreter des Krankenhauses ist zugleich ein Kollege, mit dem Fiona wöchentlich einen gemeinsamen Auftritt probt; er singt, sie begleitet ihn am Klavier – eher herablassend auftritt, während sie den als Zeugen auftretenden Professor der Klinik mit größtem Respekt behandelt. Die gleiche etwas anmaßende Arroganz legt sie auch im Verhalten gegenüber Jack an den Tag, der zwar Professor, aber eben einer der Philosophie ist; anders als sie also nicht Fragen von Leben und Tod behandelt, sondern – wie wir beim einzigen Ausflug bemerken, den der Film in den Hörsaal unternimmt – mit Fragen von Gott und dessen Verhältnis zum Menschen beschäftigt ist. Ein Verhältnis, das sich für Fiona ja bereits geklärt hat, wenn sie sich im Falle von Adam über die von dessen Vater angemahnte Gottesentscheidung hinwegsetzt. Ihren Sekretär Nigel Pauling – von Jason Watkins mit einer unfassbaren Präsenz, einer brillanten Mischung aus Dienstbeflissenheit, einer gewissen Unterwürfigkeit und doch auch einem distinguierten Selbstbewusstsein gespielt – nimmt sie kaum wahr, erst recht nimmt sie nicht wahr, was dieser alles für sie tut. Letztlich ist er es, der begreift, was die Nachricht von Adams bevorstehenden Tod für Fiona bedeuten könnte. Wodurch wir seine Empathie spüren, ohne dass der Film dies gesondert ausstellen würde. Und wird eine Bürgerlichkeit vorgeführt, die sich bestimmte Privilegien nimmt und einbildet, aus diesen Privilegien eine Haltung und ein Benehmen hinsichtlich ihrer Umwelt ableiten zu können. Privilegien, die der Film allerdings nie wirklich in Frage stellt. Er erzählt sehr selbstbewusst aus dieser bürgerlichen Welt.

Dass Fiona Maye dann so erschüttert wird, dass sie einen Verlust der Sicherheit in Bezug auf ihre Welt erfährt, das weiß der Film hervorragend zu bebildern. Wir bewegen uns durch das weiter oben schon geschilderte London einer Upper Class, es durfte sogar am High Court gedreht werden, ein Privileg (sic!), welches nur wenigen Produktionen gewährt wird, wir sehen die wunderbaren Gärten und Höfe des Temple und des erweiterten Londoner Gerichtsbezirks in Holborn. Fionas Wohnung – zunächst lichtdurchflutet am Tage, abends durch exzellente Lichtgestaltung gemütlich beleuchtet, wird zusehends zu einer Festung, in die sie eingesperrt ist, als Jack zurückkehrt, wird sie zu einer Kampfzone geschlossener Türen und eines dräuend blauen Lichts, reiner Kälte. So versteht es Eyre in seiner Inszenierung, versteht es Dunn mit der Kamera und dem Licht, versteht es das Team der Set Dekorateure und des Art Department, eine Atmosphäre zu schaffen, die als Umfeld dieser Figuren perfekt funktioniert und zugleich perfekt das Bürgerliche dieser Figuren hervorhebt und unterstreicht. Allein der etwas melodramatische Soundtrack von Stpehen Warbeck unterläuft die dezente Inszenierung ein wenig.

KINDESWOHL kann sein Publikum also trotz einiger Schwächen, hauptsächlich Drehbuchschwächen, überzeugen. Vor allem aber kann Emma Thompson hier einmal mehr unter Beweis stellen, was für eine hervorragende Schauspielerin sie ist, wie sehr sie einen Film prägen kann. In diesem Fall einen Film, der ohne ihr Mitwirken nicht um die Hälfte so gut wäre, wie er nun erscheint.

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